Autodafé

Ich habe heute zum allerersten Mal ein Buch ins Feuer geschoben. Es war "Kinder der Finsternis" von Wolf von Niebelschütz.

Dieses Buch habe ich vor vielen Jahren gekauft; an die genauen Umstände erinnere ich mich nicht mehr, habe aber damals im entsprechenden Themenordner im Klassiker-Forum niedergelegt, dass mein Buchhändler es mir wärmstens empfohlen hätte - dann wird das ja wohl stimmen. (Übrigens empfiehlt auch Hans Wollschläger, der erste Übersetzer des Ulysses, das Buch ungehemmt im Klappentext, was aus irgendeinem Grund für mich den Ausschlag gab.)

Seitdem habe ich x-mal versucht, es zu lesen. Es geht darin, kurz gesagt, um familiäre und weltanschauliche Verwicklungen in einem fiktiven Land namens Kelgurien, das der Provence entspricht. Der Roman beginnt um 1100 herum. Der Plot ist an sich spannend, aber aus meiner Sicht ist das Buch unleserlich: Es ist extrem verdichtet; fast alle Handlung ist in die Dialoge verlegt, die schnellfeuergewehrartig abgespult werden. Einerseits wimmelt es von Sprachmanierismen; so ist ein Mann prinzipiell nicht bärtig, sondern gebartet, und wer sich des Grafentitels schmeicheln darf, wurde gegraft (was geradezu kafkaesk anmutet). Andererseits klingen die Dialoge bisweilen wie direkt aus dem Computerreich, wenn zum Beispiel aus einem "Wie geht es Marisa?" ein "Erkundung Marisa" wird. Es wäre ja auch spannend zu lesen, wie man im zwölften Jahrhundert jemandem, der an chronischem Kopfschmerz leidet, ein Stück Hirnschale herausmeißelt, damit Luft ans Hirn kann. Wenn der Vorgang ein wenig mehr Raum hätte als zwei Sätze in aller Hast. Vergleichsweise breite Schilderung erfahren die Verstrickungen zwischen dem im Mittelpunkt stehenden Grundherren und den ihn umgebenden Frauen, die allesamt leidern und diese und jene Nacht nicht vergessen können. "Du weißt. Der Weinberg." - "Vorbei. Lange." Oder so ähnlich.

Ich hatte es schon mal zu drei Vierteln durch und dann für drei Jahre weggelegt. Jetzt habe ich es wieder hervorgeholt und etwa die Hälfte gelesen. Ich lag schräg auf dem Sofa, meine rechte Hand war eingeschlafen, ich ließ sie herunterfallen und schüttelte sie, während ich las: "Erkundung Marisa". Ich entschied, es sei an der Zeit aufzustehen. Ich riss das Fensterchen des Kachelofens auf und schob das Buch ins Feuer. Wie weiland Frodo den Ring.

Da man mir beigebracht hat, dass man Bücher nicht wegschmeißen darf (es sei denn, sie sind pornographisch), machte ich das Fensterchen sofort wieder zu und schämte mich. Aber eigentlich, gestand ich mir nach einer Weile ein, schämte ich mich gar nicht. Im Gegenteil. Es war ein phantastisches Gefühl.

Und so verfügte ich mich stehenden Fußes in meine Küche, wo es ein gewisses kleines Regal gibt, auf dem Bücher mit ungesichertem Status liegen, und griff mir sofort zwei weitere. Das eine war ein Krimi, dessen Titel ich schon wieder vergessen habe; das andere war "Interview mit einem Vampir".

Beinahe wäre auch Akif Pirinccis "Die Tür" den gleichen Weg gegangen. Ich hatte es schon in der Hand, das Feuer brannte lustig. Dann entschied ich aber, das Buch sehe doch noch recht ordentlich aus. Ich schloss das Fensterchen und setzte das Buch ins Tauschforum. Fünf Minuten später wurde es abgerufen. Damit hatte meine Mordserie an ungeliebten Büchern ein abruptes Ende.

Vielleicht mache ich am Montag weiter.


ps. Dass man nur pornographische Bücher wegschmeißen darf, hat mir mein Vater beigebracht. Er hat "Der Alptraum" von Norman Mailer und "Ehepaare" von John Updike in meiner Gegenwart in den Mülleimer gestopft. Ich weiß nicht, ob er das nur zu Demonstrationszwecken tat oder deshalb, weil er die Bücher wirklich nicht mochte - ich habe beide, als Vierzehnjährige, gelesen, wieder vergessen und keine Ahnung mehr, was drin stand. Mein punktuell-fotografisches Gedächtnis hat aus beiden Büchern hier und da halbe Seiten gespeichert, aber nicht den Plot.

Blubbern als Kunst!

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