Hotel Schneegipfel

(hier gepostet für Neda. Danke fürs Ausgraben!)



Sie kamen bei hereinbrechender Dunkelheit an und suchten in dem fremden Ort nach ihrer Unterkunft.

»Hotel Schneegipfel heißt es«, erklärte Ute den beiden Kindern zum x-ten Mal. »Bitte helft mir beim Suchen. Ich weiß nicht, wo es liegt.«

»Hier ist aber alles voller Hotels, Mama«, bemerkte die achtjährige Ilka.

Der ganze Ort bestand aus Gasthöfen. Die meisten waren große weiße Gebäude im ländlichen Stil, mit holzverschalten Giebeln und breiten, geschnitzten Balkonen.
Vogelfutterhäuschen und Schneemänner schmückten die Vorgärten. Auf allen Dächern lag dicker Schnee. Ute fuhr langsam, und sie und die Kinder versuchten, im trüben Straßenlampenschein die Hausnamen zu entziffern, die entweder auf große Holzschilder oder auf den Putz gemalt waren. »Hotel Jachmann«, las Ilka langsam und stockend, »Haus Reserl, Zum Kahlwirt – nein, zum Karlwirt.« Ihre kleine Schwester Reni stieß sie in die Seite, und beide begannen haltlos zu kichern.

Haltet doch die Klappe! Ute widerstand dem Impuls, die Kinder anzuschnauzen. Das Lachen würde ihnen ohnehin bald vergehen.

»Jetzt ist Schluss. Achtung, ich fahre weiter. Achtung, mitlesen!«

An beiden Straßenseiten war der Schnee zu kniehohen Wällen zusammengeschoben. In manchen Fenstern funkelten noch Lichterbögen, obwohl es schon lange nach Dreikönig war, und an den Türen hingen Tannenkränze mit roten Schleifen.

»Ich will morgen Schlitten fahren!«, verkündete die kleine Reni, in einem kühnen Gedankensprung vom Weihnachtsschmuck zu ihrem Weihnachtsgeschenk. »Mama, können wir morgen Schlitten fahren?«

Ute antwortete nicht, sondern lehnte sich weit nach vorne und schaute an den Hausfassaden hinauf. Sie hatte das Ende der Straße erreicht, wendete und fuhr zurück, um einen Abzweig in die zweite Hauptstraße des Ortes zu nehmen.

Morgen muss ich mit euch Schlitten fahren. Doch wie sagt man zwei kleinen Kindern, dass ihre Familie vor der Auflösung steht? Papa ist nicht mitgekommen. Nicht, weil er arbeiten musste, sondern, weil er keine Lust hatte. Hört ihr? Er hatte keine Lust. Hatte Besseres vor. Versteht ihr das? Ist das bei euch angekommen?? »Schneegipfel, schaut bitte«, wiederholte sie.

»Hotel Kreischanfall«, sagte Ilka und wies auf ein Haus im Rohbau. Reni prustete los, und ihr Kichern steigerte sich zu hilflosem Gackern, als Ilka hinzufügte: »Bei uns liegen Sie richtig!«

Das war ein beliebter Scherz, den sie von ihrem Vater übernommen hatten. Ute trat heftig auf die Bremse; das Auto rutschte ein Stück weiter und prallte gegen einen Schneewall. Sie musste den Rückwärtsgang einlegen und ein paar Mal Gas geben.

»Mama, du sollst nicht so wild bremsen, wenn es glatt ist!«, belehrte Ilka.

Halt die Klappe. Halt doch endlich die Klappe. Sie bog in die Abzweigung. »Haus Geranie«, »Rosenhalde«, »Schönblick«. Die meisten Hotels hatten kleine Abstellplätze für die Autos der Gäste, und rundherum lag der Schnee in hüfthohen Haufen. Schneeschieber und Säcke mit Streusalz lehnten an den Hauswänden. Hier und da stand ein vergessener Schlitten am Straßenrand.

Die Straße führte wieder aus dem Ort hinaus. Am Ende stand ein Gebäude mit Klappläden, das mit einer Unmenge Eiszapfen geschmückt war. Zu Hunderten hingen filigrane Tropfsteine von den Fenstersimsen und klebten in dicken Trauben am Balkon. Es war eine Welt aus Weiß, mit feinem Schnee bestäubt wie mit Puderzucker.

Die kleine Reni hüpfte aufgeregt auf dem Rücksitz. »Mama, Mama! Das muss es sein! Das ist es ganz bestimmt! Ein Märchenschloss!«

»Ich sehe nirgends Licht.« Ute bremste und schaute an dem Haus hinauf. Aber es war das letzte Haus an der Straße. Wenn es nicht das richtige war, musste sie wenden und wieder in den Ort hinein fahren. Und von vorne beginnen mit der Suche. Sie lehnte die Stirn gegen das Lenkrad und seufzte.

»Was ist denn, Mama? Ist das nun unser Hotel, Mama? Mama!«

Ute riss die Tür auf und stieg aus.

»Wartet mal hier«, wies sie die Kinder an und schloss die Tür wieder, um den Wagen nicht auskühlen zu lassen.

Das weiß bepuderte Haus lag dunkel. Neben dem doppelflügeligen Eingangstor hing das übliche Namensschild. Es handelte sich also um ein Hotel oder einen Gasthof. Doch auch das Schild war mit einer Menge nadelscharfer Eiszapfen übersät und unleserlich.

Ute zögerte, den Gehsteig zu verlassen, aber endlich stieg sie doch in den knöchelhohen Schnee und watete an dem niedrigen Zaun entlang um das Haus herum. Auch an der Seite des Gebäudes war alles voller Eiszapfen; sie hingen reihenweise von den Fensterbänken und an der Dachtraufe wie ein erstarrter Wasserfall. »Wenn nur keiner runterfällt«, dachte sich Ute und schauderte zusammen, als sie sich die kalte, scharfe Spitze in ihrem Nacken vorstellte.

Dann sah sie die Rückseite. Das halbe Obergeschoss fehlte. Der Dachstuhl war zertrümmert, und schwarzes Gebälk ragte wirr in den Nachthimmel. Die Fassade des Untergeschosses war rußgeschwärzt.

Das Haus hatte gebrannt. Und die Eiszapfenpracht, dachte Ute, während sie die verkohlten Wände betrachtete, kam zweifellos vom Löschwasser der Feuerwehr.

»Mama!«, rief eine Kinderstimme. »Mama!«

Rasch machte Ute kehrt und lief an der Seite des Hauses zurück. Ilka war ausgestiegen und winkte ihr heftig zu. »Was ist jetzt, Mama? Wohnen wir in dem Märchenschloss, Mama? Das ist doch bestimmt unser Hotel, nicht wahr, Mama?«

Ute stapfte durch den hohen Schnee zur Straße hin. »Nein«, sagte sie, während sie den Schnee von ihren Stiefeln abklopfte und sich wieder auf den Fahrersitz setzte. »Nein, dort dürfen wir nicht wohnen. Es ist ein Haus für Feen. Nur für Feen und Elfen. Nicht für Menschen wie uns.«

Blubbern als Kunst!

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Wort des Monats

"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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