Bauwilli packt aus (Achtung, Freund von Ewald!)

In dem Dorf, in dem ich wohne, gibt es jeden Monat neue Straßensperren. Man baut ein Autobahnstück, das eine entscheidende Lücke schließen soll, und dadurch sollen nebenbei auch die Durchfahrtstraßen durch unser Dorf entlastet werden. Das Autobahnstück wird unterirdisch gebaut. Wie das funktioniert, habe ich nicht verstanden. Ich stelle mir dabei immer zwei Leute mit Bauhelmen und riesigen Drillbohrern vor, die sich durchs Erdreich arbeiten, der eine von Norden her, der andere von Süden, und wenn sie sich nur minimal verplant haben, bohren sie aneinander vorbei und wir haben hinterher zwei Autobahnen statt einer.

Die Baumaßnahmen und die vorhersehbare Verschandelung der Landschaft im Süden und Westen unseres Dorfes haben jedenfalls dazu geführt, dass der Wert der Baugrundstücke auf der anderen Dorfseite explosionsartig angestiegen ist. Einige ehemalige Bauern, die sich gerade erst den Mist von den Gummistiefeln gekratzt haben, sind über Nacht Millionäre geworden - zum Beispiel der Vater meines Freundes Ewald; deshalb hat Ewald auch so dick Kohle und die Ewaldine kann sich jede Woche drei neue Krimis leisten.

Ich bin ein armer Mann. Doch durch eine Fügung des Schicksals erbte ich (das ist eine lange Geschichte, ich lasse das hier besser weg) ein Fetzchen Land in eben jenem exklusiven Baugebiet. Toll. Das dicke Ende folgte: Eine gemeindliche Bauauflage sah vor, dass das Fetzchen gefälligst zu bebauen sei. Schnell. Am besten vorgestern.

Ein Dreivierteljahr hatte ich noch Zeit; nach Vorsprache bei der Bürgermeisterin, zwei Eingaben beim Wahlkreisabgeordneten und etlichen verzweifelten Posts auf abgeordnetenwatch.de habe ich eine Schonfrist von weiteren drei Monaten herausgeschlagen, bis dahin also sollten die Baupläne eingereicht und die Baugenehmigung beantragt sein. Ich brauche weder ein Haus, noch kenne ich irgendwelche Architekten oder Baudesigner oder überhaupt irgendjemanden, der mir hätte sagen können, was ich auf dem Fleckchen Land bauen soll, darf und kann; abgesehen von dem unbedeutenden Umstand, dass ich mir mit meinen Einkünften nicht mal eine Hundehütte bauen könnte. Ich verbrachte schlaflose Nächte. In einer solchen Nacht hatte ich gegen drei Uhr morgens schon achtundzwanzig Partien Spider-Solitär gespielt und gerade die zweite Flasche Rioja geöffnet, da loggte ich mich kurzerhand bei Facebook ein und legte einen Account an unter dem Namen „Bauwilli“. Nicht sehr originell, ich weiß. Der Name sollte signalisieren, dass ich bauwillig sei.

In den darauf folgenden Wochen habe ich mir oft zu dieser Idee gratuliert. Die Lösungsvorschläge strömten nur so herein. Die meisten scheiterten natürlich daran, dass das fragliche Grundstückchen nicht in einem Gewerbegebiet liegt. Ich konnte weder eine Schönheitsfarm für Schwule (echte Marktlücke!) noch eine Trommelschule eröffnen. Auch die Pension für traumatisierte Kleintiere (Parapluesch!) oder das Versuchanbaugebiet für Hybriden von Bananen und Pastinaken kamen nicht in Betracht. Die Bürgermeisterin zeigte sich jedoch insoweit kompromissbereit, als mir eine Kunstgalerie gestattet wurde; vorausgesetzt dass ich nur nachhaltige Kunstwerke ausstellte (das bedeutete, dass ich keinen Extraparkplatz brauchte, sondern nur ein paar Fahrradständer) und dass ich mich überhaupt auf höchstens zwei kleine Vernissagen jährlich beschränkte. Mir war das ganz recht. Ich wollte ja nichts Großes bauen; dafür hatte ich ohnehin nicht genug Kapital.

Bei der Überlegung, wie man eine kleine Kunstgalerie vorschriftsmäßig gestaltet, halfen mir wieder einmal Bauwillis viele Facebook-Freunde: Ich hatte, erfuhr ich, getrennte Toiletten mit Waschgelegenheit einzurichten; sonst gab es keine Vorgaben bis auf das bereits gelöste Parkplatzproblem. Also errichtete Bauwilli auf dem Sechshunder-Quadratmeter-Grundstückchen vorläufig eine Damen- und eine Herrentoilette; die Damenseite mit zwei Zellen und einem Waschbecken, die Herrenseite mit Waschbecken, einer Zelle und drei Urinalen (die gab es ab drei Stück mit Rabatt). An dem Tag, an dem ich die Baupläne für diese Bedürfnislokalität auf dem Bauamt zur Genehmigung einreichte, köpfte ich eine Flasche Schampus. Endlich war die Bauauflage erfüllt! Die Galerie selbst war noch nicht so genau geplant, das würde sich danach schon noch ergeben.

(Fortsetzung folgt)

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