Neben der Kappe

Ein Mann findet einen Gegenstand. (Später denkt er manchmal, dass wahrscheinlich eher der Gegenstand ihn gefunden hat.) Der Gegenstand hat die Kraft, seinen Träger unsichtbar zu machen. Er zeigt außerdem ein gewisses Eigenleben und verändert seinen Besitzer psychisch: Es fällt dem Mann immer schwerer, das Ding wegzulegen, andererseits wird er irgendwie immer weniger, wenn er es trägt. Manchmal möchte er das Ding loswerden, aber wenn er es verlegt hat, findet er keine Ruhe mehr, bis er es wiedergefunden hat, und am Ende wird ihm klar, dass es vernichten muss.

Klingelt es? Und jetzt kommt das große Ätsch: Nein, es geht nicht um einen Ring, sondern um einen Hut; der Mann heißt nicht Frodo, sondern Simon, und der Hut gehorcht auch nicht irgendeiner strunzbösen Entität irgendwo im Osten, wo die Schatten drohn, sondern es bleibt ganz ungeklärt, woher er stammt (wenn es auch ein paar interessante Theorien dazu gibt). Und es geht auch nicht um ein ausuferndes Epos von mehreren tausend Seiten Länge, sondern um ein kleines Buch, das man an zwei Abenden auslesen kann. Das Buch heißt „Die Tarnkappe“ von Markus Orths und ist meine erste große Lesefreude dieses Jahres. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich den Autor irgendwoher kenne, vielleicht aus einem Schreibforum – egal, er beherrscht sein Handwerk und sprudelt nur so über vor Schreibfreude, wie man jedem Absatz seines Buchs anmerkt. Es ist keine amüsante Lektüre; das Buch hat sehr viel mehr mit unserer Wirklichkeit zu tun, als der erste Absatz vielleicht vermuten lässt, und der Leser bleibt mit einer Menge Denkanstöße zurück. Aber vor allem hat hier jemand geschrieben, weil er schreiben muss, nicht weil der Verlag meint, es sei mal wieder Zeit für einen neuen Dingsda und die Leser drauf warten. Auch das merkt man dem Buch an. Hier waltet echte Schreibwut.

Die Verneigung vor Tolkien gefällt mir – einmal ist sogar von der „Kappe der Macht“ die Rede (gemeint ist die titelgebende Tarnkappe), und so sehr ich Tolkien schätze, noch mehr mag ich Phantastika im wahren Leben. Simon ist kein mittelalterlicher König, Truchsess, Zwerg oder Ork. Er ist so gewöhnlich, dass es beinahe schon weh tut.

(Eben sehe ich, dass im ersten Absatz vielleicht der Eindruck entsteht, ich hätte alles verraten. Nein. Das Buch endet nicht damit, dass dem Mann klar wird, dass er das Ding vernichten muss. Es endet ganz anders. Aber mehr sag ich nicht.)

Blubbern als Kunst!

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"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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