Geworfen II

Knoten im Brötchen
(Kabale und Liebe, 1. Akt, 7. Szene)

FERDINAND. Der PRÄSIDENT. WURM, welcher gleich abgeht.
Jaaa, gut dass der Wurm abgeht!!
Wir sind beim Frühstück:

PRÄSIDENT: Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht - Du fliehst mich - Du fliehst deine Zirkel ... (sehr begreiflich) ... Wem hab ich durch die Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht - eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das Messer der Welt verberge. (igitt!)
FERDINAND: Es ist besser, gar nicht geboren sein, als dieser Missetat zur Ausrede dienen.
PRÄSIDENT: Auf mich fällt die Last der Verantwortung - auf mich der Fluch, der Donner des Richters - Du empfängst dein Glück von der zweiten Hand - das Verbrechen klebt nicht am Erbe.
FERDINAND (streckt die rechte Hand gen Himmel). Feierlich entsag ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater erinnert. (der Wendepunkt)
PRÄSIDENT: Feierlich? (stockt) Was, feierlich? Weißt du überhaupt, was das ist, feierlich? Also, ich nenne dir mal ein Beispiel: Als wir den Planetenwanderweg Neuhof-Kalbach 1998 eröffnet haben, das war feierlich. Da gab es Bratwurst und Bier, das Blasorchester spielte "Weißt du wieviel Sternlein stehen", der Bürgermeister hielt die Eröffnungsrede, die Zeitung machte Bilder und der Wahlkreisabgeordnete schnitt ein Band mit der Schere durch. Das ist feierlich. Was du hier veranstaltest, ist bestenfalls schlecht improvisiert, da fehlt's noch weit.
FERDINAND: Was? (verwirrt)
PRÄSIDENT: Wenn du wirklich feierlich deines Erbes entsagen willst - nebenbei gesagt, auf entsagen folgt doch eigentlich Genitiv, oder? (verwirrt) Ich sollte bei canoo.de nachsehen (macht sich einen Knoten ins Brötchen). Also wenn du wirklich entsagen willst, sollten wir einen Termin festlegen, irgendwann im August, eher werden wir doch nicht fertig und bis dahin sind die Leute auch wieder aus dem Urlaub zurück. Da haben wir genügend Zeit, Plakate zu drucken und Flyer auszulegen. Das Blasorchester ist inzwischen aufgelöst, die studieren jetzt alle, aber ich könnte nachfragen, ob die Schola singen würde, das passt sowieso viel besser zum Anlass. Bratwurst ist auch nicht so angesagt, wir sollten überlegen, ob wir irgendwas aus dem Wok machen könnten ...
FERDINAND (stottert): Wie jetzt?
PRÄSIDENT: Dann kannst du feierlich entsagen. Ich darf nicht vergessen, den Rundfunk anzuschreiben, bei der Eröffnung des Planetenwanderwegs waren die nicht dabei, zu kurzfristig, hinterher hat mir der Bürgermeister Vorwürfe gemacht --- warum ziehst du so ein Gesicht?
FERDINAND: Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz die Ihrigen sind - Ihre Glückseligkeit macht sich nur selten anders als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt. - Tränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran diese gepriesenen Glücklichen schwelgen ...
PRÄSIDENT: Ich hab doch gesagt, diesmal nehmen wir den Wok, nicht Bratwurst, ich weiß, die bekommt dir nicht. Mir übrigens auch nicht.
FERDINAND. Sie werden mir zum Rätsel, mein Vater.
PRÄSIDENT (schlägt ein Gelächter auf).
FERDINAND (schlägt das Buch zu).

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