Ewald on the road ...

Im Schreibforum wurde die Frage gestellt, wie schlecht es einem Autor gehen muss, damit er zu schreiben aufhört. Schreiben Verschüttete? Abgebrannte? Internierte? (Die schreiben, das ist bekannt.)
Das Thema ist eigentlich zu ernst, um auf Ewald zu kommen, aber er schreit nach Beachtung.
Ewald schreibt nämlich ständig; ich bekomme jede Woche mindestens zwei Postkarten. Er ist zum ersten Mal mit dem Camper unterwegs. Wahrscheinlich schreibt er so viel, damit ich mir keine Sorgen mache.
Einmal war er auch interniert. Da hat er sogar angerufen. Hintergrund war, dass er auf der Fähre von Cres zum Festland (Kroatien) mit dem Camper rückwärts einparken musste. Normal fährt man auf auf so eine Fähre vorwärts rein und danach auf der anderen Seite vorwärts wieder raus. Die Fahrgänge sind teuflisch eng, und wenn unterwegs schwerer Seegang herrschen sollte, können all die Autos auch schon mal zusammenrutschen, so eng stehen sie. Zwischen Cres und Kroatien war die See aber ganz ruhig. Sind ja auch nur ein paar Seemeilen. Die Fähre ging diesmal nur auf einer Seite auf; es war halt eine sehr kleine Fähre. Damit das Rausfahren zügig vonstatten geht, hat das Fährpersonal alle Autos rückwärts reingewinkt. Ewald mit seinem Camper, auf dem überdies hinten zwei Fahrräder klebten, geriet mächtig ins Schwitzen. Als er endlich korrekt stand, bekam er die Fahrertür nicht mehr auf. Die Beifahrertür auch nicht. Und schon gar nicht die Schiebetür an der Seite. Links und rechts waren gerade mal vier bis fünf Zentimeter Spielraum. Das Fenster ist zu eng, um Ewald durchzulassen. Er ist während der ganzen Überfahrt im Camper sitzen geblieben. Ich weiß das zuverlässig, weil er sich derart gelangweilt hat, dass er mich mit dem Handy anrief und erzählte, er säße im Dunkeln, höre Möwengeschrei und atme Dieselqualm ein. Aber im Kühlschrank seines Campers war noch etwas Vrgoracki Rosé (Kvalitetno vino).

Ansonsten hat er mir Postkarten geschrieben.
Zum Beispiel: "Freitag: Bin im Autokamp. Neben mir zelten zwei Motorradfahrer. Die haben nur so eine Art Mini-Wurfzelt dabei und eine Seitentasche voll Klamotten. Ist mir ein Rätsel, wie die zurande kommen. Heute haben sie ein Steak gekauft. Was macht ein Motorradfahrer, wenn er ein Steak hat, aber weder Kocher noch Grill, um es zuzubereiten? Er zündet es an. Die Motorradheinis haben ihr Steak in eine Aluschale getan, die Schale auf einen Kanaldeckel gesetzt, mit Öl übergossen und angezündet. Ich sitze schon wieder im Camper, der Gestank draußen ist nicht auszuhalten. Entschuldige die wacklige Schrift, es liegt am Tisch."
Zwei Tage später: "Sonntag. Es regnet und stürmt. Ich hab ne Falte in der Markise."
"Mittwoch. Hatte Heimweh und fuhr nach Split, im Lidl einkaufen. War schön. Deutsche Kartoffelchips, Äppelbrei und im Angebot verchromte Wandhaken und Akkuschrauber. Ich hab zwei Klappspaten gekauft."
"Freitag: Bin in Skrabin in einer Zeitschleife. Ging eine Gasse rauf, da gab es einen Ethnoladen, einen Weinkeller, Eiscafé, dann kamen mir zwei Typen entgegen, einer mit Glatze und einer mit Pferdeschwanz. Ich hab mich hingesetzt und einen Kaffee getrunken. Ein Kerl mit Dreadlocks kam lang und wollte einen Scherenschnitt von mir machen, ich habe ihn weggeschickt. Als ich aufstand und weiterging, kam erst ein Eiscafé, dann ein Weinkeller, ein Ethnoladen und davor zwei Typen, einer mit Glatze und einer mit Pferdeschwanz, alles auf der gegenüberliegenden Seite. Ich bin aber sicher, dass ich nicht kehrt gemacht habe. Liebe Grüße. PS. Der Scherenschnitt ist echt ähnlich geworden."

Und so weiter.
Von der Ewaldine habe ich auch Postkarten, aber erheblich weniger. Und sie klingen so vollkommen anders, dass ich mich schon frage, ob die beiden überhaupt in demselben Camper sitzen. Ewaldine schreibt mir, sie hätte in Rovinj die schönste Blaue Stunde ihres Lebens erlebt. Der Himmel sei smaragdgrün gewesen, ehrlich, aber sowas von. Am Hafen hätte ein Marionettenspieler gestanden mit einer Paganini-Marionette und den Capriccios vom Band. Wunderschön. Und der Kassierer im Transferboot hätte goldbraune Augen gehabt und ihr zum Einsteigen die Hand gereicht. Goldbraune Augen. Aber sowas von.
Wahrscheinlich haben sich Ewalds und Ewaldines Wege in diesem Moment getrennt. Ewald ist auf die Fähre zurückgekehrt (diesmal hoffentlich auf das Oberdeck), trinkt Rosé und lässt sich von Möwen besingen, während Ewaldine mit dem Transferboot nach Rovinj und zurück fährt, rund um die Uhr, und sich von den goldbraunen Augen an Bord helfen lässt, raus und rein.

Ich glaube, es ist wirklich schön dort.
Ich muss auch mal hin.

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