Rhöner Literaturwerkstatt

R.I.P.

Nach langem, schwerem Leiden wurde letzte Woche die Rhöner Literaturwerkstatt zu Grabe getragen.
Sie wurde im Jahr 2001 gegründet und fand seitdem mit Unterstützung der VHS Fulda ununterbrochen in zwei Semestern pro Jahr statt. Tagungsorte waren die Gebäude der VHS, die Kunststation Kleinsassen, verschiedene Ausflugsziele in der Rhön und das eine oder andere Mal auch ein nettes Lokal im Fuldaer Land.
In ihren besten Zeiten zählte die Literaturwerkstatt 14 aktive Mitglieder.
Nachdem zuletzt noch vier übrig waren, darunter die unermüdlichen Gründungsmitglieder Gabi und ich, haben wir uns entschieden, das Ganze zu schließen, solange es noch mit Würde geht.
Ob es noch ein posthumes Buch geben wird, steht dahin. Es ist so gut wie fertig, aber eben nur so gut wie. Der weitere Fortgang hängt nicht von uns ab.
Eine Nachfolgegemeinschaft ist übrigens informell bereits gegründet.
Aber es ist nicht mehr dasselbe.
(Was natürlich auch seine gute Seite hat.)

Noch 'n Hotel

Hotel Paradies

Vorbei sind die Zeiten, als der Gletscher beinahe täglich näher kam und uns mit seinem weißen Bauch auf die Pelle rückte. Heute hat er vorläufig aufgegeben und gibt uns immer mehr Land zurück, erdbraun und matschig oder grau und ausgelaugt von jahrhundertelangem Druck. Diese breiten Hänge mit zerknickten Bäumen sind eine noch größere Bedrohung als früher der weiße Riese. Wir müssen das Haus räumen, ehe es über uns zusammenstürzt. Wenn die Dachziegel abrutschen und schwarze Löcher öffnen, die Platten der Terrassen und Balkone splittern und sich heben und die Säulen auf der Veranda bröckeln, dann ist es an der Zeit, die zertrümmerten Tische und Stühle in allen Räumen gegen die Wände zu kehren und zu verschwinden, ehe es zu spät ist. Denn hat der Gletscher uns ganz verlassen, dann bleibt nur noch ein Spalt mitten durch die Welt.
[wie ein Riss quer über ein Gesicht mitten durch die Stirn, der Knochensplitter und grau-matschige Hirnmasse preisgibt, noch während das Gesicht die letzten Worte ausspricht]
[es könnte helfen, den Riss durch ein umgekehrtes Fernglas anzusehen; das macht das Übel kleiner, aber wir würden noch weniger verstehen als jetzt]
[es könnte aber auch sein, dass wir das Glas nur drehen müssten, und wie in einem Kaleidoskop würde alles an einen neuen Platz rutschen und den Blick in einen ultramarinen Garten öffnen, in dem alle Zerstörung herabgemünzt ist zu einer endlosen Rezitation kornblumenblauer Parolen]

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Hotel Paradies ist u.a. hier und hier zu sehen.

Cora, Krieg und Frieden

Cora fuhr aus dem Halbschlaf hoch, als jemand auf der Straße einen verfrühten Kracher zündete. Gerade vor ihrem Schlafzimmerbalkon leuchtete eine Straßenlampe. Der frische Schnee auf den Dächern verstärkte ihren weißlichen Schein. Im Zimmer war es beinahe taghell.
Wenn Weihnachten endlich vorbei wäre! Cora warf sich auf die andere Seite und zog eine Ecke des Kopfkissens über das freiliegende Ohr. Ein weiterer Knallfrosch krachte, und in Gedanken fügte sie hinzu: »... und Silvester gleich mit!«
Es war gerade erst zweiter Advent, und Cora konnte bereits kein Tannengrün mehr sehen. Zimtsterne und Pfeffernüsse waren ihr seit Oktober verleidet, von Marzipan wurde ihr übel und bei jedem Gang durch die Innenstadt drehte ihr der Glühweinduft den Magen um. Beim Einkaufen dudelten ihr »Jingle Bells« und »Rudolph Raindeer« in die Ohren, bis sie der Drang überfiel, mit einer Axt zwischen die flittergeschmückten Regale zu fahren. Und selbst wenn sie zu Hause blieb und nur einen Blick aus dem Fenster warf, funkelten ihr aus allen Häusern Lichterketten und bunt blinkende Bäumchen entgegen.
Silvesterkracher am zweiten Advent waren dagegen erfrischend. Aber musste das mitten in der Nacht sein? Wie spät war es jetzt schon wieder? Cora tastete nach ihrem Wecker, fand ihn nicht und ließ die Hand schlaff herabsinken. Die Augen fielen ihr zu.
Peng! Kawumm! Mit einem Ruck fuhr sie empor und warf die Bettdecke weg. Vor der Balkontür wirbelte Schnee. Und – da hing ein Mensch. Coras Magen machte einen Satz, die Augen traten ihr fast aus dem Kopf: Über ihrem Balkongeländer hob sich deutlich der Kopf eines Mannes ab. Er hatte eine spitze Mütze auf, seine Hände in dicken Handschuhen lagen links und rechts des Kopfes auf der Brüstung.
Dem brate ich eins über! Cora sprang aus dem Bett und riss ihr Buch vom Nachttisch – eine gebundene Ausgabe von »Krieg und Frieden«. Sie stürzte durch die Balkontür. Oh nein! Über das Geländer schaute eine lebensgroße Weihnachtsmannpuppe, mit einer Strickleiter angebunden. Sein Gesicht grinste dümmlich zu ihr empor. Zwischen den gesträubten Brauen und dem Rauschebart leuchtete die rote Knollennase.
Wütend versetzte Cora ihm einen Schmiss gegen die Stirn. Natürlich – alles Vollplastik mit drei Weichmachern!
»Mistweihnachtsmann!«, schimpfte sie. Auch am Haus gegenüber baumelte ein ähnlicher Dummie vor dem Dachfenster. Und an dem Mietshaus daneben setzten zwei weitere zum Sprung über die Balkongitter an.
Cora schlurfte in ihr Schlafzimmer zurück und stolperte über einen Pantoffel. Müde kroch sie wieder ins Bett.
Wer hatte ihr dieses Ding an den Balkon gehängt? Wahrscheinlich ihr Nachbar Ewald. Der Drecksack! Coras Haus war das einzige undekorierte in der ganzen Straße. Das war Ewald ein Dorn im Auge. Er selbst hatte nicht gespart und schon Anfang November ein Arrangement vor sein Haus gebaut, das – wenn es leuchtete – einen sechsspännigen Rentierschlitten mit Weihnachtsmann darstellte. Tagsüber, wenn es nicht leuchtete, glich es einem postmodernen Kunstwerk aus spinnwebartig verknäulten Drähten.
»Geschmacksverirrung!«, schnaubte Cora und rieb ihre eiskalten Füße. Ein heißer Tee täte jetzt gut, doch sie hatte keine Lust, noch einmal aufzustehen. Langsam duselte sie ein.
Aufgehängte Weihnachtsmänner. Mit einem Ruck saß Cora aufrecht und hellwach im Bett. Irgendetwas stimmte nicht. Sie musste noch einmal nachschauen.
Wieder schlich sie zur Balkontür. Die Gestalt an ihrem Balkon hing still, auf der roten Mütze sammelten sich weiße Flocken. Doch an dem Mietshaus gegenüber, wo eben noch zwei Weihnachtsmänner gehangen hatten – da seilte sich ein dritter hoch! Er bewegte sich! Fassungslos beobachtete Cora, wie eine große rote Gestalt über das Balkongitter stieg und an der Tür rüttelte. Sie öffnete sich ohne weiteres.
Kam der fensterln? Aber da wohnte doch nur eine alte Dame mit weißen Löckchen. Jetzt kam er wieder heraus – mit einem vollen Sack. Klar, der stieg als Weihnachtsmann verkleidet in fremde Häuser ein und bediente sich!
Die Polizei anrufen? Ach was. Recht geschah es den Leuten. Wieso hängten sie sich auch alle diese roten Riesenpuppen vor die Häuser. Das war ja eine Einladung an Diebe! Cora überprüfte ihre eigene Balkontür – ja, gut verriegelt – und kehrte zurück ins Bett.
Vielleicht war ihr Nachbar Ewald mit den tausend Lämpchen das nächste Opfer, und wenn sie richtig Glück hatte, dann machte der Dieb die Illumination kaputt. Cora glitt in einen Traum, in dem Ewald als schwarz gekleideter Illuminat die Nachbarschaft unsicher machte.
Etwas bewegte sich dicht neben ihr; halb im Schlaf hörte sie Scharren und Rascheln. Ein eisiger Hauch fuhr durch die halboffene Tür. Flocken wehten herein. »Schöne Grüße vom Weihnachtsmann«, dachte Cora. Zu müde, um noch einmal richtig zu erschrecken, linste sie unter der Bettdecke hervor. Da – jetzt stand er bei ihr im Schlafzimmer. Der Weihnachtsmann! Rotleuchtend und riesig ragte er vor ihr auf. Eine Hand in rotem Fäustling hielt ihren Plüschpantoffel empor. Von der anderen Hand hing der Sack.
Wie war der hereingekommen? Helle Wut packte Cora. Ihre Hand tastete unter der Decke heraus. »Krieg und Frieden«. Sie bekam den Wälzer zu fassen und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen den Besucher. Und traf ihn mitten ins Gesicht. »Umpf!«, machte der Weihnachtsmann und griff sich an die Nase. Der Pantoffel fiel zu Boden und ein Hagelschauer von Nüssen prasselte herunter. Mandarinen kullerten in alle Richtungen. Die rote Gestalt wankte durch die Balkontür hinaus, den Sack hinter sich herschleifend, und hangelte unbeholfen über die Brüstung. Mit einem Plumps fiel die ganze Bescherung unter dem Balkon in den Schnee.
»Verdammt noch mal«, sagte Cora laut, aufrecht im Bett sitzend, »der war ja echt!«
Aus dem Pantoffel ragte eine Tafel Schokolade. Die Walnüsse und Haselnüsse waren bis in die hinterste Zimmerecke gerollt. Lebkuchen lagen auf dem Parkett herum.
»Dem hab ich’s aber gründlich gegeben!«, sagte Cora begeistert.
Jetzt musste sie wieder aufstehen und die Balkontür schließen. Aber das machte ihr gar nichts aus, so zufrieden war sie mit sich. Draußen fielen dicke Flocken. Das Zimmer duftete nach Mandarinen; die nasse Spur auf dem Fußboden trocknete bereits. Cora hob ihr Buch auf und ging in die Küche. Jetzt war ihr nach Lebkuchen und Rotwein zumute. Endlich.

Kopf ab

Auf dem Speicher

Ein Karton voller Hefte und alter Briefe. Schulzeugnisse, die ich nicht ansehen mag – damals gab es noch Noten für Aufmerksamkeit, Fleiß, Betragen und Ordnungsliebe. Halb zerrissene Kinderbücher. Ein Märchenbuch mit dreidimensionalen Bildern, die sich wie durch Zauberhand erheben, wenn man eine Seite umschlägt. Rotkäppchen und der Wolf. Dem Wolf fehlt der Schwanz. Dem Jäger die Flinte.
Die Abizeitung, Notenhefte, Zeichenmappen. Sieben Abzüge eines unbeholfenen Linolschnitts, alle gleich miserabel. Stockfleckige Fotos meiner alten Klasse – mindestens dreißig Jahre alt. Und dazwischen ein abgegriffenes, angeschmuddeltes Tierchen, mit klumpiger Watte ausgestopft.
Es soll wohl ein Pferd darstellen – mit Mähne und Schwanz aus schwarzen Wollfäden. Wahrscheinlich war es als Schlüsselanhänger oder Glücksbringer gedacht. Denn um es zum Kuscheln mit ins Bett zu nehmen, ist es viel zu klein.
Wenn ich die Finger darum schließe, ist es perfekt der Form meiner Hand angepasst. Von vielen, vielen heißen schwitzigen Griffen, Hilfe und Trost suchend. Bei der Fahrprüfung. Bei den Abiklausuren. In der mündlichen Prüfung habe ich es in der hinteren Hosentasche bei mir gehabt. Beim Examen auch. Nein, da habe ich einen Rock getragen, das Pferdchen war in der Jackentasche. Beim Vorstellungsgespräch war es dabei und gab der nervös zupressenden Faust angenehmen Widerstand. Bei meiner Hochzeit steckte es in dem weißen Spitzenbeutel. Irgendwann hat es versagt. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Hochzeit. Nach der Scheidung habe ich es auf den Speicher getragen und in den Karton gestopft.
Wer hat es für mich gemacht? Es ist gehäkelt. Ich kann nicht häkeln. Habe es nie gekonnt.
Die Klassenfotos, die Freundinnen – kein Gesicht ruft „Ich“. Keines verspricht mir ein Pferdchen, das mich um alle Ecken und Kanten des Lebens tragen wird.
Es könnte ein wenig Pflege vertragen. Mähne und Schwanz sind verfilzt, das Fell glanzlos, der Bauch unförmig und verbeult, wo ich zu heftig gespornt habe in meinen Ängsten und Hoffnungen.
Ich nehme es mit nach unten und versuche es mit warmer Seifenlauge zu waschen.
Es geht nicht.
Der Kopf fällt ab und die Füllung quillt heraus.
Nass und klumpig.

Flaschen

Nach der Verlagskonferenz und Gegenlesen eines Dreißig-Seiten-Artikels hat sich der junge Künstler an den Schreibtisch gesetzt, um die nächste Unterrichtsstunde im Kreativen Schreiben vorzubereiten. Der junge Künstler ist nicht im Hauptberuf Künstler, eigentlich noch nicht einmal im Nebenberuf; er ist Lehrer an einer Waldorfschule, Verleger und Lektor in einem Kleinverlag, der hauptsächlich Regionalia und Mundartlyrik druckt, und an zwei Abenden monatlich ist der junge Künstler auch noch Leiter eines Volkshochschulkurses zum Kreativen Schreiben. Heute abend beginnt ein neues Semester mit (wahrscheinlich) einigen neuen Autoren, und der junge Künstler lutscht am Ende des Kugelschreibers (abgeknabbert, abgestanden-metallisch schmeckend) und denkt nach, wie er diese Leute, die ihre Schnellhefter voller Gedichte vor sich hertragen wie den heiligen Gral, am besten auf die von ihm bevorzugte Linie bringt: das Thema anfassen; sinnlich, vielleicht lustvoll erfahren; darüber schreiben, diskutieren.

Ihm fällt nichts ein. Der Metallgeschmack des Kugelschreiberendes breitet sich in seiner Mundhöhle aus wie eine Krankheit; Bitternis pflanzt sich fort bis in den hinteren Rachenraum. Um auf einen anderen Geschmack zu kommen, geht der junge Künstler an den Kühlschrank, prüft den Inhalt (dreieinhalb Flaschen Diät-Cola, eine Flasche Mutivitaminsaft, schon abgelaufen, eine beinahe leere Tüte Milch, eine noch zugekorkte Flasche Sangiovese) und schließt die Tür wieder. Der Anblick der vielen Plastikflaschen bringt ihn auf ein Thema, das jeden betrifft und das niemanden kalt lässt: die leeren PET-Flaschen, die der Laden nicht zurücknimmt. Klar und deutlich sieht der junge Künstler den Automaten vor sich, in die man die Flaschen hineinzustecken hat, und das Display: »Gehört nicht zum Sortiment«. Er nimmt die Flasche, die der Automat ihm wieder entgegenschiebt, dreht sie herum und drückt sie ungeachtet des Hinweises »Flasche mit dem Boden zuerst einstellen« diesmal nicht ärschlings, sondern Hals voran in das Loch; der Automat drückt sie mit dem Hinweis »Gehört nicht zum Sortiment« beharrlich wieder zurück. Vermutlich ist die Flasche zu zerbeult, als dass sie der Automat wiedererkennt. Der junge Künstler steckt sich die Flaschenöffnung zwischen die Lippen und bläst mit aller Kraft die Dellen aus der Flasche, als gälte es, einen Ballon aufzupumpen. Wenn die Flasche sich wie ein Ballon aufbläht, denkt sich der junge Künstler und öffnet erneut die Kühlschranktür, wird sie nicht mehr in die Eingaberöhre des Automaten passen. Er wird nach Personal klingeln müssen. Der junge Künstler nimmt sich die Flasche Sangiovese, den soll man eigentlich nicht so kalt trinken, aber weinwissenschaftswidrig hat der junge Künstler den Wein eiskalt am liebsten. Auf sein Klingeln wird ein Lehrling kommen, mit blondierten, in der Kopfmitte zu einem Hahnenkamm zusammengegelten Haaren. Er wird sich die aufgeblasene PET-Flasche von allen Seiten betrachten, dann ein Blöckchen aus seiner Kitteltasche ziehen, desgleichen einen Kugelschreiber (ein Anflug des widerlichen Metallgeschmacks meldet sich auf der Zunge des Künstlers) und den Betrag von 15 Cent auf dem Blöckchen notieren, um den Zettel dann abzureißen und dem jungen Künstler wie einen Ablassbrief auszuhändigen.

Der junge Künstler nimmt einen Korkzieher aus der Schublade neben dem Kühlschrank und dreht ihn in den Korken der Flasche Sangiovese, während er an all die Volkshochschüler, die Kreativen Schreiber, die Besucher seiner Kurse denkt, die gerade jetzt in einem Supermarkt PET-Flaschen in den Rückgabeautomaten einfüttern. Meistens sind es Frauen zwischen 40 und 65, die seine Kurse besuchen. Alle diese Frauen, die in ihrer Freizeit Gedichte über den Klimawandel schreiben, über Arbeitslosigkeit, die Abholzung des Regenwalds, Babyklappen, ausgesetzte Haustiere und Globalisierung, alle diese Frauen stehen täglich in Supermärkten vor Rückgabeautomaten und stecken PET-Flaschen in die Röhre, die sogleich wieder zurückkommen mit dem Hinweis »Gehört nicht zum Sortiment«. Damit hat er sein Thema gefunden, das ist ein Thema, das wirklich jeden bewegt und keinen kalt lässt, denkt sich der junge Künstler und merkt nicht, dass der Korkenzieher wegrutscht und die Spitze sich in die Haut seines Handrückens bohrt; sogar das tropfende Blut sieht nicht viel anders aus als Sangiovese, und erst als er die Tropfen mit der Zunge auffängt, merkt er den Unterschied am Geschmack: abgestanden-metallisch, Bitternis bis in den hinteren Rachenraum.

Minnedienst II

- minnedienst -

während harfentöne tropfen
das tamburin klingelt
feuer knistert im kamin

dreht sich
unaufhörlich
die spindel
unaufhörlich
fließt der faden
aus dem rocken
auf die spule
auf das schiffchen
in den webstuhl
in die leinwand:

schussfaden ist
tamburingeklingel
harfengeklimper
männergesang.

frauenfleiß
ist kette.


Foto: Danke an Masch aus dem Spinnforum



- Éire -

Grüne Weihnacht
Guiness und Geigengefiedel
Sambaklänge Klingeltamburin
Blechbläser und Trommelgepauke
der Tanzboden dröhnt
im Straßengraben später
Schnarchen

und Kristalle
millionenfach
*
*
*

Minnedienst

- triuwe -

Die Treue,
die keine Gegenleistung erwartet,
gibt es bei Eltern,
bei Gläubigen,
bei Liebenden
(behaupten sie, in Wirklichkeit stimmt es nicht),
und bei
Tierfreunden.
Und selbst diese antworten,
fragt man nach dem Warum:
"Es kommt doch so viel zurück!"


- cheminâta -

Traurig blickt er,
der junge Mann.
Bleich das Gesicht,
schwarz und fein die Brauen.
Bis an den Gürtel
(breit und schwer dieser,
mit Messing verriegelt)
ein Hermelinkragen,
ein Wams aus Samt,
die Ärmel dick gepufft,
an die Schulter genäht
mit Seidenkordeln.
Darüber der Umhang,
mit Pelz gefüttert.
Steif sitzt er da,
der Degen hindert
die zwanglose Haltung.
Barett trifft auf Spitzen
am rosigen Ohr.

Wie lang mag es dauern,
das alles auszuziehn?


Moretto da Brescia
Porträt Graf Sciarra Martinengo Cesaresco, um 1550

Ein Ende mit Kafka

Der Dichter und ich

Ich war auf Lesereise mit meinem Buch. Es enthielt zwanzig Gedichte, geschrieben in den letzten zwanzig Jahren, für jedes Jahr eines. Wohl hatte ich mir irgendwann vor langer Zeit vorgestellt, ein dickes Buch zu veröffentlichen mit vielen hundert Seiten, Gedichten und Erzählungen, langen und kurzen. Doch mit den Jahren wurden meine Ansprüche geringer. Meine Lebenszeit reichte nicht aus, mehrere hundert Seiten vollzuschreiben, dafür schrieb ich zu langsam. So hatte ich zwanzig Gedichte ausgesucht und zu einem Verlag getragen, der ein dünnes Buch auf meine Kosten druckte.
Auch die Lesereise finanzierte ich selbst. Die erste Stadt, in der ich mein Buch vorstellte, war klein, grau und freundlich, die Gassen abends erfüllt von feuchtem Nebel, der im Licht der Laternen funkelte. Menschen gingen hin und her. Zu meinem Leseabend kamen zwölf Zuhörer. Meine Gedichte gefielen. Es gelang mir, drei Bücher zu verkaufen.
Am nächsten Tag musste ich schon sehr früh den Zug erreichen, um meine Lesereise fortzusetzen. In guter Stimmung packte ich im Hotelzimmer meinen Koffer und betrachtete die mitgenommenen Bücher, die noch in Folie eingeschweißt waren. Die Reise hatte gut begonnen, ich würde alle Bücher verkaufen können und nach meiner Heimkehr gleich das nächste Buch zu schreiben beginnen.

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann." "Gibs auf, gibs auf", sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

____________________
Letzter Absatz: Franz Kafka, "Gib's auf!"

Das Tutbuch stellt sich vor.

Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ich mir Gedanken über das Tut mache. Das Thema unserer Rhöner Literaturwerkstatt lautet in diesem Semester "Operation Buch". Wir haben schon Bücher verarztet. Nach Möglichkeit wird aber auch jedes Mitglied ein Buch selbst fertigen.
Was für eine schöne Gelegenheit, meine verworfenen Handarbeitsproben aus der Schublade zu holen. (Im Strickforum nennt man das übrigens "die UFOs", vermutlich irgendwie von "unfollendete Objekte" abgeleitet.) Texte, die vom weitgehend zweckfreien Tun handeln, habe ich ja genug.

Und so habe ich es gestern angefangen, mein Tutbuch.
Es ist 31 cm breit und 20 cm hoch, ein schönes Albumformat also. Als Grundlage habe ich einen alten unbenutzten Aquarellblock meines Vaters zerlegt. Bis zu 40 Bögen stehen zur Verfügung, aber wenn ich die alle verbrauche, wird das Tutbuch sehr unhandlich. Mal schauen, wie dick es wird.

Als Beispiel ein Kapitel aus dem Tutbuch. (Der volle Text ist im Apollopark nachzulesen: Die Fliege).

Die Vorderseite:



Die Rückseite:



Und noch was vom Mai letzten Jahres:



Schwierig wird es mit den Buchdeckeln. Da muss ich mir was einfallen lassen. Unser Werkstattleiter hat ein ganzes Büchlein aus Wellpappe gebaut. Vielleicht nehme ich so was ähnliches. Oder Textiltapete. Oder ich ziehe ein Stück Quilt auf Karton.

Schönen Gruß vom Schrottplatz.

Hurra, es ist da!

Unser zweites Werkstattbuch "Bach gebettet" mit Texten aus unserer Rhöner Litwerkstatt.
Zwar im Augenblick nur ein Vorabexemplar, das mir der Verleger gerade als "reitender Bote" vorbeibrachte, zur letzten Durchsicht. Aber wenn nichts dazwischenkommt, werden wir bei unserer offiziellen Lesung am 10. März einen Karton verkäufliche Bücher dabei haben.
Und es ist wieder ein wunderschönes Buch geworden, 262 Seiten randvoll mit Gedichten und Prosatexten (darunter nicht weniger als sieben Kurzgeschichten von mir!) und Abbildungen, viele farbig, von Ausstellungsstücken aus der Kunststation Kleinsassen - Bilder und Skulpturen, die uns zum Schreiben inspiriert haben.

Hoffentlich läuft es ebenso gut wie unser Erstling "Noch und immer". Verdient wäre es!



Redaktion: Jürgen Herwig, Anna Rinn-Schad
Turmhut-Verlag, ISBN 978-3-936084-62-7

Blubbern als Kunst!

brille

Wort des Monats

"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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