Wider den Methodenzwang (mit Ewald)

Neue Dummsätze

Ich darf keine Angst haben. Die Angst tötet den Geist. (Paul Atreides in "Dune")
Ich bin diszipliniert und organisiert. (Leonard in "Memento")
Ich bin ein guter Polizist. (Wallander bei Mankell)
Weitermachen, weitermachen, nicht nach einem Sinn suchen. (Edith bei Patricia Highsmith)

Das sind Mantren. Also nicht im magischen Sinn, sondern Sätze von der Art, die man sich zur Lebensbewältigung vorsagt, am besten mehrmals am Tag.
Irgendwie sind es aber zugleich auch Dummsätze. Sonst würden sie nicht bei uns so gut als interne Familienwitze funktionieren. (Bis auf den letztgenannten, den habe ich als tragisches Beispiel hinzugesetzt.) Nebenbei bemerkt, "Dune" ist besonders reich an Dummsätzen, zum Beispiel finden bei uns auch die folgenden Anwendung:
"Allein durch meinen Willen befreit sich mein Geist."
"Sie beenden Ihr Leben im Schmerzverstärker."
"Ich habe das nicht gesagt, und ich war auch nicht hier."
"Mmmmmmmmm, Shai-hulud."

Aber am schönsten sind die Dummsätze, die man selbst geprägt hat, und von denen sind diejenigen am allerschönsten, die irgendwie wieder geistreich sind. Ein hinreißendes Beispiel: In Hünfeld gibt es einen Matratzenladen, der zur Zeit mit dem Slogan "Zwei Matratzen kaufen, eine bezahlen" wirbt. Groß und breit neben der Tür aufplakatiert. Im Vorbeifahren sagte meine Tochter in der ihr eigenen grüblerischen Art: "Kann man nicht nur eine kaufen und gar keine bezahlen?"


Vor zwei Tagen gelang mir, jawohl MIR!, eine Reihung von Dummsätzen, die unbedingt veröffentlich werden muss. Die schlägt schlechthin alles, ich sollte einen Physikpreis dafür bekommen.
Der Bordcomputer meines Autos zeigte beharrlich an: "Kühlmittel nachfüllen". Ich düste zur Tankstelle, tankte und fragte, ob Ewald vielleicht zu sprechen sei. Da kam er auch schon und besah sich die Meldung auf dem Display. Schlurfte in die Werkstatt zurück und kam alsbald mit einem Messgerät wieder.
Ich musste die Motorhaube öffnen. Darunter ist alles schwarz, nur vier Stellen sind gelb. Ich klärte Ewald auf: "Im Autohaus haben sie mir gesagt, die Stellen, an die ich drangehen darf, sind gelb, von allem anderen soll ich die Finger lassen!"
Gelb waren der Einfüllstutzen des Waschwassertanks, der Ölwanne, die Schutzkappen auf der Batterie und sonst noch was, ich weiß nicht mehr was. Ewald jedenfalls schraubte den Deckel vom Waschwassertank, hielt sein Messgerät hinein und verkündete: "Das ist auf 30 Grad minus ausgelegt, so kalt wird es schon nicht werden!" Mit einem Fingerschnippen hatte er eine blaue Gießkanne zur Hand, auf der in weißer Schrift "Wasser" stand, und füllte ein paar Schlückchen in den Waschwassertank. "So, und gut ist!"
Ich: "Wie jetzt?"
Ewald: "Machen Sie mal die Zündung an!"
Ich mache die Zündung an und das Display zeigt alle mögliche krude Info, schweigt aber vom Kühlmittel.
Ewald: "Sehnse, und gut ist!"
Ich: "Wie jetzt? Ich sollte doch Kühlmittel nachfüllen?"
Ewald: "Ja, und jetzt haben wir nachgefüllt!"
Ich: "Aber das ist doch bloß Wasser!"
Ewald: "Ja, aber wir kriegen doch keine dreißig Grad minus!"
Ich: "Was hat das denn damit zu tun??"
Ewald (verzweifelt)
Ich (schlage mir verstehend vors Vorderhaupt)
Ewald (verschwindet mit seiner Gießkanne)

Ich habe die Geschichte meiner Familie erzählt, als Beleg, dass ich nur versehentlich nicht blond bin. Erst Stunden später fiel mir folgendes auf:

Ich (verstehe immer noch nicht, wieso der Bordcomputer "Kühlmittel nachfüllen" anzeigt, wenn es in Wirklichkeit um Frostschutzmittel geht)
Ewald (hat seinen Feierabend verdient)
Ich (trinke einen auf Ewald)

Man hört ja dauernd, die Autoindustrie gehe auf dem Zahnfleisch, oder (passendere Metapher) rolle auf den Felgen. Vielleich hat das auch noch andere Gründe als bloß diese rätselhafte Finanzkrise, von der ich mich langsam frage, ob man uns die nicht bloß vorgaukelt, um irgendwas weit schwerer Wiegendes zu verschleiern.

Bunker

Schon zum zweiten Mal habe ich in verschiedenen Blogs gelesen, daß Wollkäufe vor dem Ehemann verheimlicht werden. Mich würde interessieren: Weiß Euer Mann, welche Menge an Wolle Ihr gehortet habt? Wie schmuggelt Ihr Neuzugänge ins Haus, und wo sind die geheimen Lager?
... fragt das Wollschaf alle strickenden Frauen.

In meinem Fall ist diese Frage gegenstandslos. Meinen Mann interessieren die Wollkäufe relativ wenig, er registriert nur aus dem Augenwinkel, was ich da in mein Strickzimmer schleppe.
Anders bei der Ewaldine. Die Ewaldine hat eine Menge Laster, jedenfalls aus Ewald-Perspektive gesehen. Ich finde nichts Schlimmes daran, Reißer von Grangé, Mo Hayder oder Jeffery Deaver zu lesen und dabei ein, zwei, drei, vier Gläser guten Wein zu trinken. Aber aus irgendeinem Grund ist der Ewaldine das peinlich. Der Grund ist wahrscheinlich ihr Mann.
Im Sommer geht es. Dann fährt die Ewaldine das Auto in die Einfahrt und schleicht mit ihren vollen Einkaufstüten ums Haus herum. Auf der Rückseite steht fast immer ein Fenster offen, durch das die Ewaldine ihre heiße Ware ins Haus schmuggeln könnte. Zur Küche oder zum Klo. Peinlich wird es, wenn just in dem Moment Ewald aufs Klo will. Und im Winter sind die Fenster zu. Aber Ewaldine hat noch einen Ausweg gefunden: durchs Kellerfenster in die Waschküche. Dazu muss sie den Drahtrost aus dem Lichtschacht vor dem Kellerfenster heben und ihre Tüten da hineinstellen. Den Drahtrost wieder drübergeschoben, und kein Mensch sieht mehr, dass da Tüten sind. Irgendwann im Lauf des Tages geht sie dann in die Waschküche runter (außer ihr geht sowieso nie jemand da hinein) und holt die Tüten herein. Dann hat sie nur noch das Problem, ihre Bücher und Flaschen hinter Ewalds Rücken hochzutragen, aber das kann sie ja etappenweise tun. Jeden Abend einen neuen Grangé oder Deaver und eine Pulle Zinfandel oder Merlot dazu aus der Waschküche nach oben.
Nach dem Konsum dieser Köstlichkeiten taucht ein neues Problem auf: Wo entsorgen wir die Beweismittel? Die leeren Flaschen schafft Ewaldine im Zusammenhang mit den täglichen Einkäufen wieder hinaus. Die Bücher dagegen landen im Regal, und irgendwann fällt es selbst Ewald auf, dass schon drei Reihen Bücher hintereinander stehen und das Regal sich in der Mitte bedenklich durchbiegt. Ewald, muss man wissen, liest überhaupt nie, aber ein volles Bücherregal sieht er ganz gern. Am liebsten mit der Art Bücher, wie sie in Möbelhäusern in den Wohnzimmerschränken stehen, damit die Schränke nicht so leer aussehen. Wenn man genau hinschaut, steht da oft fünfmal nebeneinander "Wer die Nachtigall stört", die Buchseiten kleben aneinander und die wenigen, die aufgeschnitten sind, sind weiß. Für Ewald reicht das. Die Sammlung rundgelesener Hannibal-Lecter-Reißer und die sieben fetten Taschenbuchkrimis um Kommissar Wallander beleidigen hingegen sein kritisches Ewald-Auge. Die Bücher müssen weg. Ewaldine hat sich nun überlegt, dass sie die Schmöker nach und nach bei Buchticket eintauscht, aber das ist auch keine Lösung, denn Ewald beäugt die Büchersendungskuverts im Postausgangskörbchen seines Haushalts mit zunehmendem Misstrauen. Die sind genauso verräterisch wie Ewaldines leere Weinflaschen. Man kann nicht leugnen, Ewaldine hat Bücher, und zwar viele, und nicht die, die Ewald für die richtigen hält.
Nun ja, ehe das Problem eskalierte, ergab sich eine ganz zwanglose Lösung. Ewaldine hat mir das letzten Freitag erzählt, zwischen Haustür und Angel, mit dem Wäschekorb am Arm. Sie hat auf der Suche nach einer Rohrzange (ihr war eine Kontaktlinse in den Ausguss gefallen) den Kellerraum neben der Waschküche betreten, einen Raum, den sie normalerweise meidet, weil er Ewald gehört. Um es kurz zu machen, sie bekam die Tür gar nicht richtig auf, weil die Rasenmähergriffe im Weg waren. Ewald hatte nicht weniger als fünf Rasenmäher nebeneinander dort geparkt. (Ungerechnet der Aufsitzmäher, der im Gartenschuppen steht.) Links und rechts der Rasenmäherkohorte stapelten sich originalverpackte Heckenscheren und Kettensägen, Schwingschleifer und körbeweise Schleifpapier.
Natürlich hat die Ewaldine zum Ewald kein Wort gesagt von ihrem Fund. Aber seitdem beobachtet sie bei ihren täglichen Putzaktionen ein bisschen genauer. Und findet zum Beispiel die eine oder andere versteinerte Bananenschale oben auf Schränken und pappige Familien-Eisbecher unter dem Sofa. Seitdem ist ihr das durchsackende Reißer-Regalbrett weit weniger peinlich. Ach ja, und Ewalds Geheimschublade hat sie auch gefunden. Die befindet sich in einer Ecke des Wohnzimmers ganz unten in der Kommode und enthält gefühlte 20 Kilo Zeitschriften zum Thema Kapitalanlagen. Welche Aktien man kaufen soll und welche Immobilien im Ausland. Irgendwelches Geld zum Anlegen gibt es bei Ewalds weit und breit nicht. Aber es kann ja nichts schaden, sich schon mal zu informieren, was man mit all der gesparten Kohle macht, wenn Ewaldine keinen Wein und keine Schmöker mehr kauft und Ewald keine Rasenmäher mehr und keine Anlagezeitschriften mehr. Dann rollt der Rubel bei Ewalds, aber voll fett ey. Nur leider sehe ich keine Chance, dass dieser Fall je eintritt.

Ewald, der Klimawandel und der Küchenherd samt Dunstabzug

Ewald hat ein wenig über den Klimawandel gelesen (ja! Ewald kann lesen!) und ist nun entschlossen, mit dem Umweltschutz Ernst zu machen. Er will zum Beispiel nur noch Produkte aus der Region kaufen und hat auch der Ewaldine entsprechend Anweisung gegeben. Das Bier aus Motten trinkt er noch, das Kreuzbergbier hingegen ist schon von zu weit weg. Die Zeiten, als er gar Flens trank, sind Geschichte. Außerdem trägt er nur noch Pullover aus Rhönschafwolle. Er raucht auch keinen Tabak mehr, sondern nur noch Gras. Das wächst nämlich im Garten. Sagt er. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben soll.
Auch auf anderen Gebieten kann man etwas für die Umwelt tun. Ewald hat gelesen, dass das Rechtsabbiegen gegenüber dem Linksabbiegen viel Energie einspart, weil man beim Linksabbiegen immer anhalten und mit laufendem Motor warten muss, um den Gegenverkehr durchzulassen. Und das Lossprinten, wenn man eine Lücke entdeckt hat, kostet auch wieder Sprit. Also biegt Ewald nur noch rechts ab** . Er hat sich extra ein Navi-System angeschafft, das ein Rechtsabbiege-Feature bietet. Meinen Einwand, das bedeute möglicherweise lange Umwege, tut Ewald mit einem Achelzucken ab. Umwege muss er sowieso machen wegen der Autobahnbaustelle mitten durch den Ort, außerdem ist hinter seinem Haus eine Umleitung, weil dort Kabel gelegt wird, und vor seinem Haus ist eine, weil dort Gas gelegt wird. Da macht das bisschen Linksabbiege-Vermeidung nicht mehr viel aus.
Aber Ewald ist nicht nur Umweltschützer, er ist auch Endzeitgläubiger. Na ja, ein wenig jedenfalls. Die wahren Endzeitgläubigen haben ja einen Stromgenerator, halten Schafe und horten Wasseraufbereiter. So weit geht Ewald nicht. Er hat nur dafür gesorgt, dass in seinem Haus außer Ölheizung und (für alle Fälle) Gasanschluss auch noch eine richtige Kaminanlage zur Verfügung steht, an die ja nach Bedarf ein Kachelofen, ein Kanonenofen oder ein Holzherd für die Küche angeschlossen werden können.
Und diesen Holzherd hat er nun. Einen echten alten Holzherd für die Küche, ein wahres Schmuckstück, prunkend vor Emaille. Die Ewaldine putzt und poliert auch immer fleißig und schwärzt die Herdplatte mit allen möglichen Mittelchen. Natürlich nur solchen aus der Region.
Leider ist Ewald so furchtbar dumm! Ich sollte es nicht sagen, aber anders kann man es nicht ausdrücken, Ewald ist einfach unbelehrbar! Nur ein Beispiel: Letztes Jahr wollte er ein Gartenhäuschen mit Fundament an seine rückwärtige Grenze bauen und ging zur Gemeindeverwaltung, um nachzufragen, ob er das dürfe. Die Antwort war natürlich Nein. An die Grenze bauen darf Ewald nicht, wo kämen wir da hin! Er hat dann eingewendet, dass die ganze Nachbarschaft Gartenhäuschen an die Grenze gebaut habe. Darauf war die Antwort: "Ja, wissen wir, das sind alles Schwarzbauten!"
Und daraus hat Ewald rein gar nichts gelernt! Als der Schornsteinfeger dieser Tage kam, um am Heizkessel die Emmission zu messen, hat Ewald ihm allen Ernstes den Holzherd gezeigt! Und gefragt, ob er den anschließen dürfe.
Die Antwort war natürlich Nein! Der Holzherd verbraucht Sauerstoff, erklärte der Schornsteinfeger, und Ewald wird ersticken, wenn er den in seiner Küche so einfach betreibt. Die Küche ist zu klein! Da ist nicht genug Luft drin!
"Ich lasse doch die Tür zum Wohnzimmer immer offen!", hat Ewald geantwortet. "Damit noch Wärme rüberkommt, das ist ja der Sinn der Sache! Und das Wohnzimmer ist fast vierzig Quadratmeter groß!"
Ja, aber es ist nun mal eine Tür da, und die kann zugemacht werden! (Schon wieder wurde Ewald eine Tür zum Verhängnis!) Die einzige Lösung ist, den Herd so mit der Tür zu verkabeln, dass er nur bei geöffneter Tür betrieben werden kann. Wie verkabelt man einen Holzherd? Ja, dann soll er sich mal Gedanken machen! Noch besser wäre es ja, den Herd nur bei angekipptem Fenster brennen zu lassen!
Ewald war wie vor den Kopf geschlagen und fragte, was ihm der Holzherd denn bringt, wenn die Wärme zum Fenster rausfliegen soll. Aber da fing sein Unglück erst an, denn der Schornsteinfeger war schon am Dunstabzug. Der Dunstabzug über Ewaldines Elektroherd zieht die Luft ab und bläst sie seitwärts an der Hauswand raus. Auch das kostet Sauerstoff! Gleich morgen muss er den Elektriker bestellen und den Dunstabzug so mit dem Fenster verkabeln lassen, dass er nur läuft, wenn das Fenster angekippt ist.
"Aber", wagte die Ewaldine aus der zweiten Reihe schüchtern einzuwerfen, "wenn ich koche, läuft der Dunstabzug manchmal eine halbe bis ganze Stunde lang!"
Ja, dann muss das Fenster halt eine Stunde lang offen stehen! "Gute Frau", sagte der Schornsteinfegermeister, "bedenken Sie doch, diese Vorschrift existiert nicht ohne Grund! Sie könnten ersticken!"
"Ersticken ist ein schönerer Tod als Erfrieren!", konterte die Ewaldine. Leider bekam der Schornsteinfegermeister das nicht mehr mit, weil er bereits zu Boden gegangen war. Ich glaube, Ewald hat ihn mit einem Geschirrhandtuch niedergeschlagen.
Er ist lange nicht mehr so grob wie früher. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er jetzt Gras aus dem eigenen Garten raucht.


** gelesen im Time-Magazin April 2007 unter dem Titel: "The Global Warning Survival Guide: 51 Things You Can Do To Make A Difference".

Ewald am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die Leute, die etwa von Hanau nach Bad Hersfeld wollen, die waren schon immer angeschmiert. Gut, vielleicht nicht schon immer, aber jedenfalls schon seit langem. Das gleiche gilt auch für Leute, die von Steinau an der Straße nach Hünfeld wollen, oder von Kassel ins Kinzigtal. Dem einen scheint die Kinzig weit, dem andern ist's 'ne Winzigkeit. Die Winzigkeit einer kleinen Lücke in der Autobahn zwischen Schlüchtern und Fulda. Aber die will man nun endlich schließen. Voraussichtliches Bauende im Jahr 3019. Wir danken für Ihr Verständnis.

Ewald, mein Nachbar, schickt seine Söhne nach Fulda aufs Gymnasium. Um dort hinzukommen, laufen die zwei Jungs jeden Morgen zu Fuß runter zum Bahnhof. Am frühen Nachmittag fährt die Ewaldine zum Bahnhof runter und holt sie dort ab, damit es schneller geht. Erst seit die Autobahnlücke zwischen Schlüchtern und Fulda geschlossen wird, müssen die Jungs auch den Rückweg vom Bahnhof nach Hause zu Fuß machen. Ewald meint, das hat keinen Verstand. Die Bengels haben doch Hunger nach dem langen Schultag. Die Ewaldine soll das Essen ins Backrohr stellen und Ewalds Söhne abholen wie immer, so gehört sich das.
Und da Ewald heute frei hatte, hat sie zu ihm gesagt, er solle seine Jungs doch selbst holen.

Der Ewald hat sich also in den Benz gesetzt und ist losgefahren. Wie immer Richtung Friedhof, an der Martinskirche dann rechts vorbei zum Gasthof zum Eck und über die Kreuzung, am Pfarrheim vorbei und die Kinzigstraße runter. Leider war die Kreuzung am Pfarrheim aber gesperrt. Da hat man die ganze Straße aufgerissen, um eine Behelfsdurchfahrt für die LKW zu bauen, weil nachher die Autobahn direkt hinter dem Bahnhof vorbeiführen soll. Mitten auf der aufgerissenen Kreuzung stand ein Männchen in einer gelben Warnweste und winkte verneinend mit beiden Armen.
Also macht Ewald kehrt und fährt am Gasthof zum Eck und der Martinskirche vorbei, dann rechtsherum den Schafhof runter, über die Heeresstraße und von unten in die Kreuzung am Pfarrheim rein. Da war aber auch gesperrt und da stand auch ein Männchen in einer gelben Warnweste und winkte verneinend mit beiden Armen.
Ewald macht also kehrt und fährt den Schafhof wieder hoch, dann ganz rauf in die Rhönstraße, links herum in die Weinstraße (wobei er leise schluchzt) und dann wieder linksrum von oben in die Kreuzung am Pfarrheim rein. Da ist normal rechts ein Parkplatz, und er meinte, wenn er über diesen Parkplatz fährt, kann er die Kreuzung elegant umrunden. Aber mitten auf dem Parkplatz standen ein Bagger und ein Männchen in einer gelben Warnweste, und letzteres winkte verneinend mit beiden Armen.
Da hat Ewald wieder kehrtgemacht, das Auto heimgebracht und einen Hubschrauber gechartert, um die Kreuzung am Pfarrheim von oben zu nehmen. Aber als der Hubschrauber die Kreuzung überfliegen wollte, kam ihm ein weißes Wölkchen entgegen, und darauf saß ein Männchen in einer gelben Warnweste und winkte verneinend mit beiden Armen.
Das letzte, was ich von Ewald hörte, war, dass er ein Wurmobil sucht. So ein Ding mit einem spiralförmigen Bohrschrauber vorn, wie man es für Tunnelbau benutzt. Er wollte wohl die Kreuzung von unten nehmen. Jedenfalls habe ich heute schon mehrere Maulwürfe in gelben Warnwesten gesichtet.

Wie bitte? Wo ich die gesichtet habe? Ich habe ja auch Töchter, die aufs Gymnasium nach Fulda gehen. Ich bin hintenrum nach Schlüchtern gefahren und habe die Behelfsstraße für LKW genommen. Das sind zwar zwanzig Kilometer Umweg, aber dafür waren meine Töchter ruckzuck zu Hause. Unterwegs bin ich an fünf Maulwürfen mit gelben Warnwesten vorbeigekommen. Ach ja, und kleine grüne Männchen mit Sonnenbrillen hab ich auch gesehen. Bis 3019 denn.

Neues von Ewald (Achtung, Plärrtext!)

Ewald - das ist mein Nachbar, der mit dem Aufsitzmäher und dem Turbo-Hochdruckreiniger - also der Ewald bekam neulich ein Schreiben vom Finanzamt. Es ging darin um eine Änderung der Grundsteuer für sein Haus. Der Ewald hat in seinem Haus nämlich eine Einliegerwohnung im Untergeschoss eingebaut, eine richtige Wohnung mit 50 Quadratmetern Grundfläche, mit Küche, Bad und separatem Eingang. Er hat diese Wohnung sogar eine Weile vermietet gehabt. In den letzten drei Jahren allerdings nicht mehr, seit er mal einen Mietnomaden drin hatte. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
Solange Ewald einen Mieter hatte, hat er übrigens jeden Furz Investition in sein Grundstück und Haus anteilsmäßig von der Steuer abgesetzt. Das Rasenmäherbenzin, Düngemittel für seine Rosenbeete, Waschwasser zum Kärchern seines Eingangspodests und ein Hochleistungs-Ultraschall-Pfeifgerät, um fremde Katzen aus dem Hof zu scheuchen. Aber jetzt hat Ewald schon drei Jahre keine Mieter mehr. Seine Frau, die Ewaldine, benutzt die leerstehende Einliegerwohnung, um die Apfelernte zu lagern, und Ewald bunkert in der Einliegerküche seine Schallplattensammlung, John Fogerty und Eric Burdon und wie die alle heißen. Na ja, dazu könnte ich viel erzählen. Ein andermal.
Kommen wir zurück zur Grundsteuer! Ewald hat einen Brief vom Finanzamt gekriegt, dass seine Grundsteuer all die Jahre, seit das Haus steht, zu niedrig angesetzt wurde. Ewald hat nämlich ein Zweifamilienhaus angegeben und zweihundertachtzig Euro Grundsteuer bezahlt. Aber die separate Einliegerwohnung ist grundsteuerrechtlich gar keine richtig separate Wohnung, weil nämlich von der Wohnung aus ein Durchgang in Ewalds Kellerräume möglich ist. Da ist eine Tür, und die kann man abschließen. Es liegt bei Ewald, ob er seinem Mieter, wenn er denn einen hat, den Schlüssel zu dieser Durchgangstür gibt. Jedenfalls könnte dieser rein fiktive Mieter mit diesem Schlüssel hinten aus seiner Wohnung raus in Ewalds Waschküche und Fahrradraum gehen.
Der nette Mann auf dem Finanzamt (er heißt übrigens Nagel, Herr Nagel) hat das Ewald genau erklärt. Grundsteuerrechtlich hat eine separate Wohnung ein Viereck mit EINEM Loch zu sein. Hat das Viereck zwei Löcher, also eine separate Eingangstür und eine Durchgangstür zu Ewalds Keller, ist es keine separate Wohnung und kostet folglich dreihundert Euro mehr im Jahr. Ewald soll das zweite Loch zumachen, dann kann das Haus weiter als Zweifamilienhaus gelten.
Ewald hat also vor die Durchgangstür zu seinem Kellerraum eine Stellwand gemacht, aus Spanplatten, und sicherheitshalber einen alten Schrank davorgeschoben. In den Schrank hat die Ewaldine auch gleich zwanzig Gläser eingemachte Kirschen gestellt, damit es authentisch aussieht.
Dann ist der Bausachverständige gekommen, hat sich den Schrank und die Stellwand angeguckt und gesagt, dass der Durchgang nach wie vor existiert, nur hat Ewald halt einen Schrank davorgeschoben, und das gildet nicht. Das Zweitloch im Viereck muss ZU sein, richtig ZU.
Also bautechnisch ZU.
Ewald hat folgsam die Durchgangstür vermauert und nimmt seitdem in Kauf, dass er immer, wenn er mal John Fogerty hören will, außen rum ums Haus muss.
Aber leider hat das gar nichts gebracht. Denn Ewalds Einliegerwohnung hat eine Luke zur Doppelgarage. Keine Tür, wohlgemerkt, nur eine Luke, eigentlich nur eine Entlüftung aus der Küche raus in die Doppelgarage. Und von der Garage aus gibt es einen ganz schmalen geplätteten Aufgang in den Garten, und vom Garten aus gibt es eine Terrassentür in Ewalds Erdgeschoss. Der Bausachverständige hat diese Luke zur Garage übrigens ganz schnell gefunden. Er hat in der Einliegerwohnung ein Fenster aufgemacht und ist anschließend mit einer brennenden Kerze durch Ewalds Wohnzimmer gelaufen. Und als die Kerzenflamme flackerte, schloss er messerscharf, dass da irgendwo noch ein Durchgang in die Einliegerwohung sein müsse. Die Luke zur Garage. Die hat er dann gefunden, indem er einfach dem Luftzug nachging.
Ewald hat also auch die Luke vermauert, Mörtel war ja noch übrig. Aber das hat leider auch nichts gebracht. Denn gleich vorne neben dem separaten Eingang der Einliegerwohnung hat Ewald einen schönen kerzengeraden zwölf Meter hohen Baum, eine Säulenkirsche. Man muss diesen Baum gesehen haben. Im Frühling ist er wunderschön und blüht wie eine sanfte weißrosa Fontäne, aber im Herbst, wenn er die Blätter gefallen sind, sieht er aus wie eine Spitzbubenleiter. Und wenn der Mieter der Einliegerwohnung, der fiktive Mieter also, den es gar nicht gibt, wenn also dieser Mieter aus seiner Tür träte und in den Baum stiege, könnte über Ewalds Balkon in Ewalds Schlafzimmer. Großes Katastroph! Da geht es nicht mehr nur um John Fogerty, da sind ganz andere Dinge im Spiel in Ewalds Schlafzimmer, Hochleistungsgeräte, ich sage nur: Schwingschleifer! Elektrotacker! Motorkettensägen! Rohrpömpel! Aber das sind andere Geschichten, und sie werden alle, alle, alle ein anderes Mal erzählt werden!
Wie auch immer, Ewald hat aufgegeben. Ab sofort zahlt er nicht mehr zweihundertachtzig, sondern fünfhundertfünfundsiebzig Euro Grundsteuer im Jahr. Sogar rückwirkend ab Anfang dieses Jahres. Ob er noch vermietet, weiß ich nicht. Ich kenne ja einige Leute, die eine Wohnung suchen, aber bei Ewald halte ich mich lieber raus. Gestern abend haben wir zusammen ein Bier auf der Terrasse getrunken, da hat er mir anvertraut, dass er die Einliegerwohnung sicherheitshalber komplett zumachen wird. Er wird die separate Eingangstür auch noch zumauern. Von außen natürlich, nicht von innen. Von innen kann er ja nicht mehr rein, weil die Durchgangstür in den Keller schon zugemauert ist.
Ich werde John Fogerty vermissen!

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Man darf gar nicht darüber nachdenken, was für ein Idiot man ist.
Anand Visvanathan

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