oberwasser

Schrottplatz.

Wer ein Haustier hat.: Übernimmt Verantwortung.: Bitte mach dir klar.: Dass das Haustier womöglich Jahre lang lebt.: Auch wenn du in Urlaub willst.: Auch wenn du krank bist.: Auch wenn es alt ist und eklig aussieht und stinkt … auch wenn … auch wenn DU alt bist und eklig aussiehst und stinkst. Das Haustier ÜBERLEBT dich womöglich. Am besten suchst du gleich einen neuen Pflegeplatz für den Fall deines plötzlichen Todes.

Oder wählst ein Haustier, das sich notfalls selbst versorgen kann. Zum Beispiel diese madegassische Fauchschabenzucht, ja. Kakakerlakaken. Drei Stück. Zwei Frauen und ein Mann. Hat man einen davon auf der Hand, machen sie sich ganz nett. Jedes Tier macht sich nett, wenn man es eine Weile auf der Hand hat. Sie fühlern in der Gegend herum, sie haben riesenlange Fühler, vermutlich weil sie nichts sehen. Sie cruisen in der Hand herum, solange die Fühler Finger und Handballen fühlern können; sobald sie keinen Widerstand mehr fühlern, sitzen sie still und posen. Aber alles schön langsam, weil es eigentlich zu kalt für sie ist. Unter achtundzwanzig Grad sind sie faul und poppen nicht, es gibt also auch keine Eipakete und keine Babyschaben.

Man kann ihnen was Gutes tun und frisches Obst und Eierschalen anbieten, man kann aber auch einfach seinen Abfall ins Glas werfen. Gregor Samsa ging ja auch als erstes an den vergammelten Käse, nachdem er Käfer geworden war.

Und das Gute ist: gehen sie kaputt, ist es auch wumpe. Ist ja bloß Ungeziefer. Andere Leute bestellen sich den Kammerjäger, wenn sie solches Gekrabbel in ihren vier Wänden haben. Alles eine Frage der Einstellung. Hat man das Krabbelzeugs irgendwann satt, kippt man das Glas aus und tritt alles in den Teppich. Bekanntermaßen legen die Krabbeldamen auf Trittreiz im Sterben noch schnell ein Eipaket ab. Aber unter achtundzwanzig Grad hat es damit auch keine Gefahr. Ideales Haustier, das.



Henry, Anna, Amalia. Im Vordergrund Anna oder Amalia, ich kann das noch nicht genau unterscheiden, aber ich arbeite dran.

Zu Haus bei Tudors ...

Im Salon. Lord Suffolk und Lord Secretary Cromwell sitzen zusammen und plaudern. King Henry VIII. sitzt unbeachtet daneben und langweilt sich.

Suffolk: Mir tut alles weh.
Cromwell: Du darfst halt net so viel zappeln.
Suffolk: Ich zappel für den König.
Cromwell: Ich kann auch für den König arbeiten, wenn ich still sitz.
Suffolk (hohl, mit Rednerstimme): Der König!
Cromwell: Musst du das jetzt üben? Üb lieber Klavier.
Suffolk: Der König!
Cromwell: Ich rede mehr um die Ecke. Das ist Diplomatie.
Suffolk: Wie lernt man so was?
Cromwell: Das muss man können. Diplomatie. Wenn man für den letzten Arsch arbeitet –
Henry: Hallo?!
Cromwell: - dann ist das nützlich. Ich bin bei Facebook in einer Gruppe, die heißt: Nicken … Lächeln … und Arschloch denken!
Henry ist entrüstet.
Suffolk (übt weiter): Der König! Hat euch in seiner unendlichen Gnade!
Cromwell: Die Borgias sind irgendwie net so spannend. Da fehlt so einer wie der Henry.
Henry: Genau!
Suffolk (übt): Der König! Hat euch in seiner unendlichen Gnade! Eine Amnestie gewährt! Ihr werdet net verbrannt!
Cromwell (sinniert): Aber … was bei uns fehlt, das ist so einer wie Lucrezias Ehemann.
Suffolk (übt): Ihr werdet diesmal nur geköpft! Aber wehe wenn!
Cromwell: Auf dem kannst du echt Holz hacken.
Suffolk: Auf mir auch.
Cromwell: Bei dir hat man das Gefühl, wenn du nur könntest … Bei dem hat man das Gefühl, der ist ein Vollpfosten …
Suffolk: Ich bin auch ein Vollpfosten.
Cromwell: … und er war schon immer ein Vollpfosten …
Suffolk: Ich bin –
Cromwell: … und wird auch immer ein Vollpfosten bleiben …
Suffolk: Ich bin –
Cromwell: Das hast du doch auch schon gesagt, Henry: Vollpfosten gehören gar net an den Hof, die sollen daheim bleiben und ihre Bauern … ähm … betreuen.
Henry: Ja, ja.
Cromwell: Bei ihrer Scholle sollen die bleiben.
Henry: Das ist den meisten zu langweilig.
Cromwell: Am Hof ist es wenigstens gefährlich. Da kann ich ein Lied von singen.
Henry: Ja, ja. Sing nur.
Suffolk (singt): Ja so war’n, ja so war’n, ja so war’n die alten Rittersleut.
Uhr schlägt dreizehn Mal.
Suffolk: Meine Frau ist viel zu gut für mich. Findet ihr nicht auch?
Stille.
Suffolk: Findet ihr nicht auch?
Henry: Find ich auch.
Cromwell: Lord Suffolk, du bist einfach unbelehrbar. Du hättest nicht an den Hof zurückgehen sollen.
Suffolk: Ja, aber da gibt’s viele schöne Frauen.
Henry: Genau!
Cromwell: Und viele schöne Männer.
Henry ist entsetzt.
Suffolk: Das interessiert mich nicht mehr. Das interessiert vielleicht dich.
Cromwell (steht auf und fängt an, das Zimmer aufzuräumen): Wes ist dieses Säckchen?
Henry: Das ist mir!
Cromwell: Nein, das ist meins!
Henry: Hallo, das ist mir!
(Cromwell macht sich mit Säckchen davon)
Henry: Mann, jetzt sind alle weggegangen.
Suffolk: Ich bin doch da.
(Suffolk kriegt einen Hustenanfall)
Suffolk: Ich muss aufhören zu rauchen. Saff-fulk. Saff-foook. Wie viel Uhr ist es eigentlich?
Henry: Ähm … (äußerste Konzentration) Fünf nach … ähm … nach dreizehn.
Suffolk: Oh.
(Suffolk setzt sich ans Klavier. Er spielt eine wunderschöne Ballade, Henry tanzt dazu.)
Suffolk: Scheiße! Fehler!
Henry (hüpft und schwingt sein schlimmes Bein) Au-a, au-a, au-a …
Suffolk: Könnte besser sein.
(Cromwell räumt im Hintergrund die Wohnung auf. Suffolk übt ständig die gleichen drei Töne.)
Henry: Da da da di, da da da di! Da da da! Au-a!
Suffolk: Mist! Wieder verspielt.
Henry: So und jetzt das Lied mit dem Muffin!
Suffolk: Och! Auch noch Ansprüche stellen!
Cromwell: Ruhe! Ich muss jetzt drei Akten abschreiben und siegeln.
(Suffolk spielt das Lied mit dem Muffin, Henry tanzt dazu. Cromwell schreibt.)
Henry (singt): Henry, der Muffin! Henry, der Muffin!
Cromwell: Wo ist dat Siegel??
Henry: Was weiß ich? Du bist doch der Lordzw… äh Siegelbewahrer.
Suffolk: Hääääääää?
Henry: Bisschen flüssiger!
Suffolk: RUHE! Ich meine, äh, ja, ich geb mir Mühe.
Cromwell: (Kopfstimme) Zwiebel, Siegel! Siegel, Zwiebel! Da, da! (Er fächelt sich mit einem Fächer elegant Luft zu)
(Henry dreht sich tanzend im Kreis)
Henry: Henry, der Muffin! Muffin!
Ann Boleyn (zur Tür herein): Was’n hier los?

Diagnose

Der letzte Brief seines Schwagers hatte brennende Wut in ihm ausgelöst, einen unbändigen Hass. Nach dem Tod seiner Frau war sein eigenes Leben sinnlos, aber er würde nicht abtreten, ohne dafür zu sorgen, dass dieser Dreckskerl am Ende büßen musste. Er suchte in den buckligen Bodendielen nach einer größeren Ritze, klemmte das Schwert „Anduril“, das er gleich nach dem Kauf messerscharf hatte schleifen lassen, schräg mit der Spitze nach oben hinein und beschwerte den Knopf mit einem marmornen Pflanzenständer.
Ein paar Probeläufe waren unumgänglich. Er nahm dazu Ingelieses alten Schießbudenteddybär. Es fiel ihm nicht leicht, aber er baute darauf, dass Ingeliese auf seiner Seite war. Obwohl sie seit acht Jahren nicht mehr war, redete er noch immer mit ihr. „Nimm keine Rücksicht“, hörte er sie sagen. „Wir sind uns doch einig. Mein Bruder war schon immer ein Arschloch.“
Nachdem seine Versuche den Plüschrücken des Teddybären nahezu zerfetzt hatten, zog er ihm ein altes Fan-T-Shirt von St. Pauli über, setzte ihn in die Sofaecke zurück, stellte sich vor dem eingeklemmten Schwert in Positur und ließ sich rückwärts hineinfallen. Im Geist hörte er den Rechtsmediziner sagen: „Klare Diagnose. Bei einem Langschwert im Rücken können wir Selbstmord ausschließen.“ Den Brief des Schwagers hatte er gut sichtbar ausgelegt. Es konnte keinen Zweifel geben.
Das Schwert schnippte von seinem Rücken ab und zerriß mit scharfem Laut seine Lederjacke und das Baumwollhemd darunter. Das Letzte, was er sah, war der vorwärts kippende Pflanzenständer mit der Hängepetunie obendrauf. Das Letzte, was er hörte, war die Stimme des Rechtsmediziners in seinem Kopf: „Klare Diagnose: Drittklassiges Dekorationsschwert, aber solider Blumentopf.“

Mittäter-Drabble

„Was hältst du davon, wenn wir meine Entführung inszenieren?“, hat er gefragt. Er war mein Studienkollege, reich vom Hause aus, seine Eltern hielten ihn kurz. Ich war sowieso immer pleite. Wir machten einen Plan. Er entwarf Erpresserbriefe und schnitt die Buchstaben aus der Bildzeitung. Fünfhunderttausend Euro in einer neutralen Aktentasche im Papierkorb einer Autobahnraststätte. Um ungesehen zu bleiben, zog er sich in eine Hütte im Wald zurück. Ganz nach Plan riegelte ich ihn ein und schickte die Briefe ab.

Die Aktentasche benutze ich heute noch für meinen Laptop, wenn ich zur Börse gehe. Aber die Hütte habe ich nicht wiedergefunden.

Bauwilli packt aus (Achtung, Freund von Ewald!)

In dem Dorf, in dem ich wohne, gibt es jeden Monat neue Straßensperren. Man baut ein Autobahnstück, das eine entscheidende Lücke schließen soll, und dadurch sollen nebenbei auch die Durchfahrtstraßen durch unser Dorf entlastet werden. Das Autobahnstück wird unterirdisch gebaut. Wie das funktioniert, habe ich nicht verstanden. Ich stelle mir dabei immer zwei Leute mit Bauhelmen und riesigen Drillbohrern vor, die sich durchs Erdreich arbeiten, der eine von Norden her, der andere von Süden, und wenn sie sich nur minimal verplant haben, bohren sie aneinander vorbei und wir haben hinterher zwei Autobahnen statt einer.

Die Baumaßnahmen und die vorhersehbare Verschandelung der Landschaft im Süden und Westen unseres Dorfes haben jedenfalls dazu geführt, dass der Wert der Baugrundstücke auf der anderen Dorfseite explosionsartig angestiegen ist. Einige ehemalige Bauern, die sich gerade erst den Mist von den Gummistiefeln gekratzt haben, sind über Nacht Millionäre geworden - zum Beispiel der Vater meines Freundes Ewald; deshalb hat Ewald auch so dick Kohle und die Ewaldine kann sich jede Woche drei neue Krimis leisten.

Ich bin ein armer Mann. Doch durch eine Fügung des Schicksals erbte ich (das ist eine lange Geschichte, ich lasse das hier besser weg) ein Fetzchen Land in eben jenem exklusiven Baugebiet. Toll. Das dicke Ende folgte: Eine gemeindliche Bauauflage sah vor, dass das Fetzchen gefälligst zu bebauen sei. Schnell. Am besten vorgestern.

Ein Dreivierteljahr hatte ich noch Zeit; nach Vorsprache bei der Bürgermeisterin, zwei Eingaben beim Wahlkreisabgeordneten und etlichen verzweifelten Posts auf abgeordnetenwatch.de habe ich eine Schonfrist von weiteren drei Monaten herausgeschlagen, bis dahin also sollten die Baupläne eingereicht und die Baugenehmigung beantragt sein. Ich brauche weder ein Haus, noch kenne ich irgendwelche Architekten oder Baudesigner oder überhaupt irgendjemanden, der mir hätte sagen können, was ich auf dem Fleckchen Land bauen soll, darf und kann; abgesehen von dem unbedeutenden Umstand, dass ich mir mit meinen Einkünften nicht mal eine Hundehütte bauen könnte. Ich verbrachte schlaflose Nächte. In einer solchen Nacht hatte ich gegen drei Uhr morgens schon achtundzwanzig Partien Spider-Solitär gespielt und gerade die zweite Flasche Rioja geöffnet, da loggte ich mich kurzerhand bei Facebook ein und legte einen Account an unter dem Namen „Bauwilli“. Nicht sehr originell, ich weiß. Der Name sollte signalisieren, dass ich bauwillig sei.

In den darauf folgenden Wochen habe ich mir oft zu dieser Idee gratuliert. Die Lösungsvorschläge strömten nur so herein. Die meisten scheiterten natürlich daran, dass das fragliche Grundstückchen nicht in einem Gewerbegebiet liegt. Ich konnte weder eine Schönheitsfarm für Schwule (echte Marktlücke!) noch eine Trommelschule eröffnen. Auch die Pension für traumatisierte Kleintiere (Parapluesch!) oder das Versuchanbaugebiet für Hybriden von Bananen und Pastinaken kamen nicht in Betracht. Die Bürgermeisterin zeigte sich jedoch insoweit kompromissbereit, als mir eine Kunstgalerie gestattet wurde; vorausgesetzt dass ich nur nachhaltige Kunstwerke ausstellte (das bedeutete, dass ich keinen Extraparkplatz brauchte, sondern nur ein paar Fahrradständer) und dass ich mich überhaupt auf höchstens zwei kleine Vernissagen jährlich beschränkte. Mir war das ganz recht. Ich wollte ja nichts Großes bauen; dafür hatte ich ohnehin nicht genug Kapital.

Bei der Überlegung, wie man eine kleine Kunstgalerie vorschriftsmäßig gestaltet, halfen mir wieder einmal Bauwillis viele Facebook-Freunde: Ich hatte, erfuhr ich, getrennte Toiletten mit Waschgelegenheit einzurichten; sonst gab es keine Vorgaben bis auf das bereits gelöste Parkplatzproblem. Also errichtete Bauwilli auf dem Sechshunder-Quadratmeter-Grundstückchen vorläufig eine Damen- und eine Herrentoilette; die Damenseite mit zwei Zellen und einem Waschbecken, die Herrenseite mit Waschbecken, einer Zelle und drei Urinalen (die gab es ab drei Stück mit Rabatt). An dem Tag, an dem ich die Baupläne für diese Bedürfnislokalität auf dem Bauamt zur Genehmigung einreichte, köpfte ich eine Flasche Schampus. Endlich war die Bauauflage erfüllt! Die Galerie selbst war noch nicht so genau geplant, das würde sich danach schon noch ergeben.

(Fortsetzung folgt)

Konzert ohne letzten Satz *)

Der Konzertsaal war nur in der vorderen Hälfte erleuchtet.
Die ersten vier Reihen waren leer. In der fünften saßen mittig der Bürgermeister mit grün gestreiftem Schlips, seine Gattin im Chanel-Kostüm, die Wahlkreisabgeordnete mit Ehemann und der Präsident der Musikakademie mit Gattin und drei Dozenten.
Mit schläfrigen Mienen warteten sie auf den Beginn des Konzerts.
Die Instrumente waren noch mit Stimmen beschäftigt. Der Gastdirigent auf seinem Podium ließ sie gewähren und blätterte in seiner Partitur, dass die Papiere nur so flogen.
»Warum ist der denn so hektisch?«, wunderte sich das Fagott und nahm das erste Notenblatt in Augenschein. Stimmte etwas damit nicht? Der Verhau aus Punkten und Strichen im Gewirr der Notenlinien sah aus wie immer. Auf dem zweiten Notenblatt hing an der mittleren Linie eine schöne lange Pause; so lang, dass sie in der Mitte durchhing wie ein Stück Spaghetti.
Das Fagott warf einen Blick auf die Noten seiner Nachbarin, der Oboe. Doch die Oboe hatte bereits den zweiten Satz des Konzerts aufgeschlagen und übte mit verzweifeltem Quietschen ein letztes Mal ihre Läufe.
Das Fagott wandte sich an sein Nachbarfagott, das seine Noten ordnete, verrutschte Pausenzeichen geraderückte und versetzte Versetzungszeichen zum Sitzenbleiben mahnte. »Wie lang sollen wir denn noch dicke Backen machen hier? Ich will anfangen!« Der Bürgermeister und die Wahlkreisabgeordnete und der Präsident der Musikakademie samt Gatten und Gattinnen lehnten bereits mit geschlossenen Augen in ihren Sitzen. Endlich klopfte der Gastdirigent an sein Pult, hob sein Stöckchen und gab den Einsatz. Alles trötete, fiedelte und trommelte drauflos. Das Fagott untermalte mit lustvollem Blöken.
Als die erste Seite zu Ende war, durfte das Fagott in die wohlverdiente Pause gehen oder vielmehr sitzen. Es ließ faul das Mundstück hängen und die Blicke schweifen.
Das Konzert war sehr modern. Der Bürgermeister und die Wahlkreisabgeordnete saßen mit zusammengepressten Lippen. Der Präsident der Musikakademie hatte die Augen zur Decke gerichtet. Der Dirigent gab sich große Mühe. Es spielten auch alle korrekt, was in den Noten stand; sogar das Fagott machte während seiner Pause keinen einzigen Fehler. Aber das wusste keiner der Zuhörer zu würdigen, da etwelche Misstöne ohnehin nicht aufgefallen wären.
Nach dem ersten Satz hatte das Publikum Gelegenheit zum Räuspern und Stühlerücken. Die zweite Geige flüsterte der ersten zu: »Du bist ganz verstimmt.« Doch die erste Geige wehrte verstimmt ab: »Ich bin nicht verstimmt, das steht so hier. Halt jetzt mal den Rand!« Denn eben gab der Dirigent den Einsatz zum zweiten Satz.
Die zweite Geige ärgerte sich und klang nun auch verstimmt. Der Bürgermeister und die Wahlkreisabgeordnete und der Präsident der Musikakademie sahen auch schon etwas verstimmt aus. Das Horn wand sich. Die Posaune wurde immer länger. Das Fagott hatte Pause.
Nach dem Ende des zweiten Satzes waren auch die Notenblätter zu Ende.
Der letzte Satz fehlte.
Alle Augen richteten sich auf den Dirigenten. Der Dirigent nahm die Notenblätter auf seinem Pult in beide Hände, stieß sie zusammen und drehte sie um, so dass sie auf dem Kopf standen. Mit heftigem Winken zum Orchester forderte er die Musiker auf, es ihm nachzumachen.
»Pfffff!«, machte das Fagott. Aber sogar die alte Bassgeige ein Stück weiter links gehorchte, legte die Noten verkehrt vor sich hin und machte Miene, sich in ein erbarmungswürdiges Flageolet zu stürzen. So wendete auch das Fagott seine Blätter, und der dritte und letzte Satz begann. Die Oboe nebenan verzweifelte fast an ihren Läufen. Alle b’s waren plötzlich q’s. Nur die Doppelkreuze sahen aus wie gewohnt. Das Fagott brummelte nur ein wenig herum und hörte dann auf, denn es hatte wieder esuaP.
Endlich gab der Dirigent das Schlusszeichen.
Erschöpft zog er ein großes weißes Taschentuch aus der Fracktasche. Ein Knoten war hineingeknüpft. Er betrachtete ihn erstaunt, löste ihn auf und wischte sich die Stirn ab.
Die wenigen Zuhörer richteten sich in ihren Sesseln auf, drückten das Kreuz und das Auflösungszeichen durch und überdachten, was sie gehört hatten. Der Bürgermeister hatte eine undurchdringliche Miene aufgesetzt. Die Wahlkreisabgeordnete zog ein Pokerface. Die Gatten und Gattinnen sowie die drei Dozenten sahen nach gar nichts aus.
Endlich erhob sich der Präsident der Musikakademie von seinem Sessel, ging mit gemessenem Schritt auf den Gastdirigenten zu und sprach:
»tethcuelre etfläH neredrov red ni run raw laastreznoK reD.«

__________________________
*) für Marec Bela Steffens, den Kater

Konjunktivitis

Das Wort Köhlenhydrate (gefunden in einer Bio-Klassenarbeit der Jahrgangsstufe 5) hat mich darauf gebracht, wie ich nun endlich wirksam und dauerhaft Diät halte: Ich leite meine Nahrungsaufnahme in einen Zustand des Dauerkonjunktivs über. Das heißt, ich esse keine Kohlenhydrate mehr, die machen ja dick; ich esse nur noch Köhlenhydrate, Fätte und Pröteine; ich esse oder vielmehr ich äße Kartöffelchüps, Gümmibärchen, Brätwürst mit Pömmes und Mäjö und nichts davon schlägt an, weil alles ja nur in der Möglichkeitsform steht. Sozusagen keine Nahrung, sondern das Hölögrämm von Nahrung. Schököläde, Schwärzwälder Törte, Cröissänts, Serränoschünken, die wunderbare Schäfsälämi aus dem Vögelsberg schrecken mich nicht mehr und sogar das Gläs Rötwein däzü ist kein Problem. Irgendwann bin ich selber dermaßen unwürklich möglich, dass ich mich äbends nach dem lätzten Bür auflöse. Dann bin ich endlich so, wie ich schon immer sein wollte: dunn.

Abgewöhnen

fish and chips ...

Wenn sich der Fisch so zusammenzählt, was ihn alles von der Arbeit abhält, dann ist es schon erstaunlich, dass er überhaupt noch zum Arbeiten kommt. Der Alltag besteht nur aus schlechten Angewohnheiten. Und dumpf erinnert sich der Fisch, gelesen zu haben, dass alle neuen, besseren Angewohnheiten mindestens drei Wochen lang kontinuierlich ausgeübt werden müssen, um in den Alltag integriert zu werden. Wer sich zum Beispiel vornimmt, ab sofort jeden Tag wenigstens eine halbe Stunde lang stramm zu marschieren, der wird erst nach drei Wochen konsequenter Ausübung so weit sein, dass jene halbe Stunde fehlt, wenn sie entfällt.
Der Fisch kann das so nicht bestätigen; wenn er heute das erste Mal seit sechs Wochen eine Tüte Chips isst, dann fehlt ihm diese Tüte Chips morgen, obwohl er keineswegs drei Wochen lang jeden Tag konsequent eine Tüte Chips gegessen hat, so gern er es auch täte. (Nicht dass das wirklich vorkäme; was Chips angeht, sind sechs Tage Abstinenz schon ein Gewinn.)
Aber eigentlich darf der Fisch ja gar keine Chips mehr, weil er abnehmen sollte. Diese Fresserei zählt zu den vielen schlechten Angewohnheiten des Fischs, die entsorgt werden müssen. Dazu gibt es auch gute Ratschläge.

"Wer erfolgreich ist, erwartet normalerweise auch eine Belohnung; das ist beim Abnehmen nicht anders. Wer zu bescheiden ist, sich hierfür zu belohnen, verzichtet aus lauter falschverstandener Bescheidenheit noch aufs Abnehmen?
Als Belohnung geeignet sind weniger essbare Dinge, sondern eher etwas zum Anziehen, für die Wohnung usw. Achtung: Zu viel Belohnung kann zur teuren Angewohnheit werden!"

Quelle: fressnet

In früheren Zeiten hat sich der Fisch, wenn er drei Wochen lang konsequent auf Chips und deren Verwandte verzichtet hat, als Belohnung ein Taschenbuch geleistet. Am liebsten eines von Jean-Christophe Grangé, das ist der mit dem vielen Blut, die purpurnen Flüsse, das ist gut für die Stimmung nach all dem Triebverzicht. Aber das geht irgendwie nicht mehr, der Fisch hat mittlerweile schon derart viele Chips drei Wochen lang nicht gegessen, dass der Bücherschrank aus allen Nähten platzt. Außerdem kommen sowieso ständig neue Taschenbücher dazu, weil das Kaufen von Taschenbüchern auch so eine schlechte Angewohnheit des Fischs ist und Grangé ja nicht freiwillig mit Schreiben aufhört. Vielmehr sollte der Fisch drei Wochen lang kein Taschenbuch kaufen (oder eintauschen, das kommt auf das gleiche raus) und sich für diese Abstinenz mit irgendwas belohnen. Aber womit? Chips sind ja schon ausgeschieden. Wie wäre es mit dem Kauf eines schönen bunten Kammzugs für das Spinnrad? Aber auch davon hat der Fisch schon so viele liegen (Spinnerinnen nennen das "mein stash"), dass es vielmehr angebracht wäre, eine mindestens dreiwöchige Kammzug-Abstinenz einzuschalten. Womit können wir uns dafür belohnen? Keine Chips, kein Grangé. Ein schönes Paar Perlmuttohrringe? Bloß nicht! Selbst wenn wir uns noch acht Paar Ohren annähen, würde das zur Präsentation aller unserer Perlmuttklunker nicht reichen. Vielmehr schwimmen wir als Belohnung einmal in flottem Tempo um den Blog. Aber nein, das kann’s auch nicht sein, da sind wir ja sowieso schon viel zu oft und zu lange. Einmal Spider Solitär spielen? Bloß nicht! Lieber den Laptop zuhauen und sich dabei die Flossen abklemmen. Ins Kino gehen? Da schläft der Fisch immer ein. Ein Glas Rioja? Wäre eine gute Idee, wenn wir nicht sowieso schon jeden Abend in der Flasche gründeln täten - ein Glas mehr gibt der Galle vollends den Rest. Ein fetziges Püllchen für den Frühling? So was gibt es nicht für Kugelfische, für die gibt es nur unfetzige Zelte. Eine Kreuzfahrt in der Karibik? Jack Sparrow ist dem Fisch zu ungewaschen und auf Will Turner steht er nicht.
Der Versuch, sich selbst zu erziehen, scheitert zwangsläufig, wenn man überhaupt nur aus schlechten Angewohnheiten besteht. Sich die eine zu verkneifen, bringt mit sich, dass man einer von den vielen anderen nachgeht. Oder anders gesagt: Womit soll man sich bitteschön belohnen, wenn man sich alles, womit man sich belohnen könnte, eh schon gönnt? Und wie soll man sich etwas abgewöhnen, wenn alles, was man statt dessen Schönes tun könnte, ebenfalls auf der Liste abzugewöhnenden Verhaltens steht? Etwelche guten Ideen werden gern entgegengenommen.

... besser mit sich selbst ...

Mein Bruder F. mag keine Handys leiden.
Telefonieren ist keine echte Kommunikation. Beweis: Wenn ein Telefonat länger als fünf Minuten dauert, ertappt er sich regelmäßig dabei, dass er Blümchen auf seine Schreibunterlage malt. Redet er mit einem echten Gesprächspartner, passiert ihm das nicht.
"Siehst du, wir sitzen jetzt zum Beispiel hier zusammen, trinken Kaffee und reden. Die Zeit nehmen wir uns, und in dieser Zeit tun wir nichts anderes. Das nenne ich ein echtes Gespräch."
Ich überlege, ob sich dahinter vielleicht eine Spitze gegen mich verbirgt, weil ich, als er das letzte Mal zu Besuch bei mir war, während unserer Unterhaltung gestrickt habe.
Gott sei Dank hat jetzt seine Lebensgefährtin eine Frage: "Was ist denn so schlimm dran, wenn man während eines Gesprächs nebenher Blümchen malt?"
"Weil man dann nicht ganz bei der Sache ist! Ich merke zum Beispiel beim Telefonieren immer sofort, wenn mein Gesprächspartner anfängt, sich mit irgendwas anderem zu beschäftigen!"
Als ich das letzte Mal mit F. telefonierte, habe ich währenddessen Wäsche sortiert und in die Maschine geräumt, die Bratwurst in der Pfanne rumgedreht sowie einen Brief an meine Lektorin frankiert und zugeklebt. Er muss es gemerkt haben. Ob ich jetzt sehr rot geworden bin? Verlegen zupfe ich an einer losen Nagelhaut.
Zum Glück ist die Lebensgefährtin noch nicht fertig. "Willst du damit sagen, wer während des Gesprächs in der Suppe rührt, sündigt gegen den Gesprächspartner? Ich bitte dich!"
"In der Suppe rühren geht noch", präzisiert F., "aber wenn es daran geht, die Suppe zu salzen ..."
Ich darf F. nicht mehr um die Mittagszeit anrufen, sonst kocht er am Ende durch meine Schuld salzlose Suppe.
Und der Brief an meine Lektorin war womöglich auch kein richtiger Brief, weil ich mit F. telefonierte, während ich ihn frankierte und zuklebte. Mein Verlagsvertrag wird scheitern, weil er zur Unzeit anrief. Und ich obendrein nebenher noch Bratwürste drehte.
Ich erröte womöglich noch mehr und zupfe an der Nagelhaut.
"Unfähigkeit zum Multitasking", definiert die Dame seiner Wahl. "Das muss aber eine Spezialität des männlichen Gehirns sein! Überleg doch mal, wenn Mütter keine Gespräche führen könnten, während sie die Suppe salzen, dann käme überhaupt keine Suppe zustande! Man merkt wirklich, dass du keine Kinder hast!"
Ich erinnere mich, wie ich das letzte Mal beim Erlenhofer Bauern Erdbeeren pflückte. Der Erlenhofer Bauer hat ein großes Erdbeerfeld, das Kilo selbstgepflückte Erdbeeren kostet nur zwei Euro. Ich war schon ganz früh da, außer mir war nur eine Frau auf dem Feld. Sie pflückte und redete unaufhörlich. Aber nicht mit mir, dazu war sie viel zu weit entfernt. Ich dachte schon, sie führe Selbstgespräche. Als wir uns bis auf zehn Meter aufeinander zugepflückt hatten, sah ich, dass sie ein Headset aufhatte und telefonierte. Oder vielmehr handy-ierte. Vielleicht mit ihren Kindern zu Hause. Sicher werden die Kinder verwahrlosen. In zehn Jahren werden sie, verdreckt und mit Gesichtspiercings und Tattoos übersät, im Rinnstein liegen. Und uns Steuerzahlern auf der Tasche. In den Reality-Shows der Privatsender werden sie auf der Couchkante kleben und in mangelhaftem Deutsch berichten, dass in ihrer sensiblen Phase Mudder Erdbeeren pflücken ging und ihre Erziehungspflichten per Handy wahrnahm, statt gebührende Geborgenheit zu geben.
"... schmeckt nach Alkohol", höre ich. "Merkst du's?"
Ich schrecke hoch. "Wie bitte?"
"Siehste!" F. sieht mich anklagend an. "Lass doch endlich deine Nägel in Ruh, dann kriegst du auch mit, dass der Apfelkuchen nach Cidre schmeckt!"

Projekt Besenkammer ...

wär's gewesen

was doch ein besen
alles kann
fremde katzen scheucht er
gerillte halbkreise zieht er
perfekt wie regenbogen im sand
nehm ich ihn quer
kann ich mit ihm hanteln
flotter partner ist er mir
beim quidditch
und will ich baden
trägt er mir wasser

doch seit gestern klemmt er
in der besenkammer
und brütet unheil
mit dem teppichkehrer

ich mach mich besser
aus dem staub


_________________________

... mehr hier:
Themenseite Besenkammer

Blubbern als Kunst!

brille

Wort des Monats

"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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