oberwasser

Konjunktivitis

Das Wort Köhlenhydrate (gefunden in einer Bio-Klassenarbeit der Jahrgangsstufe 5) hat mich darauf gebracht, wie ich nun endlich wirksam und dauerhaft Diät halte: Ich leite meine Nahrungsaufnahme in einen Zustand des Dauerkonjunktivs über. Das heißt, ich esse keine Kohlenhydrate mehr, die machen ja dick; ich esse nur noch Köhlenhydrate, Fätte und Pröteine; ich esse oder vielmehr ich äße Kartöffelchüps, Gümmibärchen, Brätwürst mit Pömmes und Mäjö und nichts davon schlägt an, weil alles ja nur in der Möglichkeitsform steht. Sozusagen keine Nahrung, sondern das Hölögrämm von Nahrung. Schököläde, Schwärzwälder Törte, Cröissänts, Serränoschünken, die wunderbare Schäfsälämi aus dem Vögelsberg schrecken mich nicht mehr und sogar das Gläs Rötwein däzü ist kein Problem. Irgendwann bin ich selber dermaßen unwürklich möglich, dass ich mich äbends nach dem lätzten Bür auflöse. Dann bin ich endlich so, wie ich schon immer sein wollte: dunn.

Abgewöhnen

fish and chips ...

Wenn sich der Fisch so zusammenzählt, was ihn alles von der Arbeit abhält, dann ist es schon erstaunlich, dass er überhaupt noch zum Arbeiten kommt. Der Alltag besteht nur aus schlechten Angewohnheiten. Und dumpf erinnert sich der Fisch, gelesen zu haben, dass alle neuen, besseren Angewohnheiten mindestens drei Wochen lang kontinuierlich ausgeübt werden müssen, um in den Alltag integriert zu werden. Wer sich zum Beispiel vornimmt, ab sofort jeden Tag wenigstens eine halbe Stunde lang stramm zu marschieren, der wird erst nach drei Wochen konsequenter Ausübung so weit sein, dass jene halbe Stunde fehlt, wenn sie entfällt.
Der Fisch kann das so nicht bestätigen; wenn er heute das erste Mal seit sechs Wochen eine Tüte Chips isst, dann fehlt ihm diese Tüte Chips morgen, obwohl er keineswegs drei Wochen lang jeden Tag konsequent eine Tüte Chips gegessen hat, so gern er es auch täte. (Nicht dass das wirklich vorkäme; was Chips angeht, sind sechs Tage Abstinenz schon ein Gewinn.)
Aber eigentlich darf der Fisch ja gar keine Chips mehr, weil er abnehmen sollte. Diese Fresserei zählt zu den vielen schlechten Angewohnheiten des Fischs, die entsorgt werden müssen. Dazu gibt es auch gute Ratschläge.

"Wer erfolgreich ist, erwartet normalerweise auch eine Belohnung; das ist beim Abnehmen nicht anders. Wer zu bescheiden ist, sich hierfür zu belohnen, verzichtet aus lauter falschverstandener Bescheidenheit noch aufs Abnehmen?
Als Belohnung geeignet sind weniger essbare Dinge, sondern eher etwas zum Anziehen, für die Wohnung usw. Achtung: Zu viel Belohnung kann zur teuren Angewohnheit werden!"

Quelle: fressnet

In früheren Zeiten hat sich der Fisch, wenn er drei Wochen lang konsequent auf Chips und deren Verwandte verzichtet hat, als Belohnung ein Taschenbuch geleistet. Am liebsten eines von Jean-Christophe Grangé, das ist der mit dem vielen Blut, die purpurnen Flüsse, das ist gut für die Stimmung nach all dem Triebverzicht. Aber das geht irgendwie nicht mehr, der Fisch hat mittlerweile schon derart viele Chips drei Wochen lang nicht gegessen, dass der Bücherschrank aus allen Nähten platzt. Außerdem kommen sowieso ständig neue Taschenbücher dazu, weil das Kaufen von Taschenbüchern auch so eine schlechte Angewohnheit des Fischs ist und Grangé ja nicht freiwillig mit Schreiben aufhört. Vielmehr sollte der Fisch drei Wochen lang kein Taschenbuch kaufen (oder eintauschen, das kommt auf das gleiche raus) und sich für diese Abstinenz mit irgendwas belohnen. Aber womit? Chips sind ja schon ausgeschieden. Wie wäre es mit dem Kauf eines schönen bunten Kammzugs für das Spinnrad? Aber auch davon hat der Fisch schon so viele liegen (Spinnerinnen nennen das "mein stash"), dass es vielmehr angebracht wäre, eine mindestens dreiwöchige Kammzug-Abstinenz einzuschalten. Womit können wir uns dafür belohnen? Keine Chips, kein Grangé. Ein schönes Paar Perlmuttohrringe? Bloß nicht! Selbst wenn wir uns noch acht Paar Ohren annähen, würde das zur Präsentation aller unserer Perlmuttklunker nicht reichen. Vielmehr schwimmen wir als Belohnung einmal in flottem Tempo um den Blog. Aber nein, das kann’s auch nicht sein, da sind wir ja sowieso schon viel zu oft und zu lange. Einmal Spider Solitär spielen? Bloß nicht! Lieber den Laptop zuhauen und sich dabei die Flossen abklemmen. Ins Kino gehen? Da schläft der Fisch immer ein. Ein Glas Rioja? Wäre eine gute Idee, wenn wir nicht sowieso schon jeden Abend in der Flasche gründeln täten - ein Glas mehr gibt der Galle vollends den Rest. Ein fetziges Püllchen für den Frühling? So was gibt es nicht für Kugelfische, für die gibt es nur unfetzige Zelte. Eine Kreuzfahrt in der Karibik? Jack Sparrow ist dem Fisch zu ungewaschen und auf Will Turner steht er nicht.
Der Versuch, sich selbst zu erziehen, scheitert zwangsläufig, wenn man überhaupt nur aus schlechten Angewohnheiten besteht. Sich die eine zu verkneifen, bringt mit sich, dass man einer von den vielen anderen nachgeht. Oder anders gesagt: Womit soll man sich bitteschön belohnen, wenn man sich alles, womit man sich belohnen könnte, eh schon gönnt? Und wie soll man sich etwas abgewöhnen, wenn alles, was man statt dessen Schönes tun könnte, ebenfalls auf der Liste abzugewöhnenden Verhaltens steht? Etwelche guten Ideen werden gern entgegengenommen.

... besser mit sich selbst ...

Mein Bruder F. mag keine Handys leiden.
Telefonieren ist keine echte Kommunikation. Beweis: Wenn ein Telefonat länger als fünf Minuten dauert, ertappt er sich regelmäßig dabei, dass er Blümchen auf seine Schreibunterlage malt. Redet er mit einem echten Gesprächspartner, passiert ihm das nicht.
"Siehst du, wir sitzen jetzt zum Beispiel hier zusammen, trinken Kaffee und reden. Die Zeit nehmen wir uns, und in dieser Zeit tun wir nichts anderes. Das nenne ich ein echtes Gespräch."
Ich überlege, ob sich dahinter vielleicht eine Spitze gegen mich verbirgt, weil ich, als er das letzte Mal zu Besuch bei mir war, während unserer Unterhaltung gestrickt habe.
Gott sei Dank hat jetzt seine Lebensgefährtin eine Frage: "Was ist denn so schlimm dran, wenn man während eines Gesprächs nebenher Blümchen malt?"
"Weil man dann nicht ganz bei der Sache ist! Ich merke zum Beispiel beim Telefonieren immer sofort, wenn mein Gesprächspartner anfängt, sich mit irgendwas anderem zu beschäftigen!"
Als ich das letzte Mal mit F. telefonierte, habe ich währenddessen Wäsche sortiert und in die Maschine geräumt, die Bratwurst in der Pfanne rumgedreht sowie einen Brief an meine Lektorin frankiert und zugeklebt. Er muss es gemerkt haben. Ob ich jetzt sehr rot geworden bin? Verlegen zupfe ich an einer losen Nagelhaut.
Zum Glück ist die Lebensgefährtin noch nicht fertig. "Willst du damit sagen, wer während des Gesprächs in der Suppe rührt, sündigt gegen den Gesprächspartner? Ich bitte dich!"
"In der Suppe rühren geht noch", präzisiert F., "aber wenn es daran geht, die Suppe zu salzen ..."
Ich darf F. nicht mehr um die Mittagszeit anrufen, sonst kocht er am Ende durch meine Schuld salzlose Suppe.
Und der Brief an meine Lektorin war womöglich auch kein richtiger Brief, weil ich mit F. telefonierte, während ich ihn frankierte und zuklebte. Mein Verlagsvertrag wird scheitern, weil er zur Unzeit anrief. Und ich obendrein nebenher noch Bratwürste drehte.
Ich erröte womöglich noch mehr und zupfe an der Nagelhaut.
"Unfähigkeit zum Multitasking", definiert die Dame seiner Wahl. "Das muss aber eine Spezialität des männlichen Gehirns sein! Überleg doch mal, wenn Mütter keine Gespräche führen könnten, während sie die Suppe salzen, dann käme überhaupt keine Suppe zustande! Man merkt wirklich, dass du keine Kinder hast!"
Ich erinnere mich, wie ich das letzte Mal beim Erlenhofer Bauern Erdbeeren pflückte. Der Erlenhofer Bauer hat ein großes Erdbeerfeld, das Kilo selbstgepflückte Erdbeeren kostet nur zwei Euro. Ich war schon ganz früh da, außer mir war nur eine Frau auf dem Feld. Sie pflückte und redete unaufhörlich. Aber nicht mit mir, dazu war sie viel zu weit entfernt. Ich dachte schon, sie führe Selbstgespräche. Als wir uns bis auf zehn Meter aufeinander zugepflückt hatten, sah ich, dass sie ein Headset aufhatte und telefonierte. Oder vielmehr handy-ierte. Vielleicht mit ihren Kindern zu Hause. Sicher werden die Kinder verwahrlosen. In zehn Jahren werden sie, verdreckt und mit Gesichtspiercings und Tattoos übersät, im Rinnstein liegen. Und uns Steuerzahlern auf der Tasche. In den Reality-Shows der Privatsender werden sie auf der Couchkante kleben und in mangelhaftem Deutsch berichten, dass in ihrer sensiblen Phase Mudder Erdbeeren pflücken ging und ihre Erziehungspflichten per Handy wahrnahm, statt gebührende Geborgenheit zu geben.
"... schmeckt nach Alkohol", höre ich. "Merkst du's?"
Ich schrecke hoch. "Wie bitte?"
"Siehste!" F. sieht mich anklagend an. "Lass doch endlich deine Nägel in Ruh, dann kriegst du auch mit, dass der Apfelkuchen nach Cidre schmeckt!"

Projekt Besenkammer ...

wär's gewesen

was doch ein besen
alles kann
fremde katzen scheucht er
gerillte halbkreise zieht er
perfekt wie regenbogen im sand
nehm ich ihn quer
kann ich mit ihm hanteln
flotter partner ist er mir
beim quidditch
und will ich baden
trägt er mir wasser

doch seit gestern klemmt er
in der besenkammer
und brütet unheil
mit dem teppichkehrer

ich mach mich besser
aus dem staub


_________________________

... mehr hier:
Themenseite Besenkammer

Wegger

Ich habe irgendwo, wahrscheinlich im Internet, kürzlich die Formulierung gelesen "ein lang genuges Stück Schnur".
Das gab die Inspiration für diesen Titel:


Cora und ihr wegger Hase

Auf dem Bürgersteig gegenüber stand eine Pendeluhr, daneben ein dreibeiniger Hocker. Cora bemerkte das, als sie morgens beim Kaffeekochen aus dem Fenster schaute. Eine Viertelstunde später war ein Polstersessel dazugekommen, von einer Farbe wie kalter Haferbrei.
Bestimmt zog da jemand aus.
Der Tag versprach sonnig zu werden – ein seltenes Glück im späten Oktober. Cora nahm sich nach dem Frühstück die paar Minuten Zeit, den Hasenkasten in den Vorgarten zu tragen. Ihrem schwarzen Zwerghasen Vitali gefiel der neue Platz in der Sonne. Als Cora das Haus verließ, sah sie ihn in seiner ganzen Pracht oben auf seinem Schlafhäuschen sitzen. »Pass mir gut aufs Haus auf, Vitali!«, sagte sie neckisch. Manchmal stellte sie sich mit Genuss vor, wie Vitali den Briefträger biss. Coras Briefträger war zufällig ein breitschultriger junger Mann mit Goldringen in beiden Ohren, der aufregend mit dem Briefkastentürchen zu klappern verstand, wenn er Coras Post brachte. Schade, dass er meistens am späten Vormittag kam, wenn sie selbst noch im Geschäft war ... Heute würde sie sich besonders bemühen, spätestens um halb zwölf zu Hause zu sein, nahm sich Cora vor. Sie würde sich im Vorgarten aufhalten, wenn die Post kam; Vitali war ein guter Vorwand. Sie würde ganz zufällig draußen stehen und Vitali streicheln. Die Sonne schien, die Ohrringe blitzten ...
Als Cora um viertel vor zwölf mit ihrem Kleinwagen an den Straßenrand fuhr, waren die Standuhr, der Hocker und der haferbreifarbene Polstersessel verschwunden. Ebenso auch ihr Hasenkasten mitsamt Vitali.
Vergessen war der Briefträger. Cora stürzte auf die Straße hinaus und blickte wild um sich. War Vitali ausgerissen? Aber dann stünde der Hasenkasten doch noch da. Gab es das, dass Hasen abhauten und den Stall mitnahmen?
Eben wanderte ihre Nachbarin von gegenüber – ein gebeugtes Frauchen mit weißem Pudelhaar – aus dem Haus und an den Straßenrand. Sie trug ein krummbeiniges Bobbycar.
»Die sind schon weg«, verkündete sie mit tiefer Stimme, erstaunlich tief für eine so kleine Person. Es klang wie Rabengekrächz. »Haben Sie was rauszustellen vergessen?«
»Sperrmüllabfuhr?«, hauchte Cora.
»Bis jetzt haben sie nur Holz und Metall abgeholt.« Das Bobbycar plumpste neben den Kantstein. »Wenn Sie was aus Plastik haben, stellen Sie es halt hin.«
Oh verdammt. Cora schlug sich vor die Stirn. Vitali! Der arme Kerl hatte sich sicher, als der Sperrmüllwagen mit Dröhnen und Rasseln herankam, im Schlafhäuschen verkrochen. Die Müllmänner hatten gedacht, der Hasenkasten sei leer. Und dann ...
»Sie sehen aus, als sei Ihnen was weggekommen?«, krächzte der weißhaarige Rabe. »Dann beeilen Sie sich mal, vielleicht holen Sie den Wagen noch ein. Die drücken alles platt, damit mehr reinpasst.«
Vitali platt gedrückt! Cora warf sich in ihr Auto und raste los. Erst drei Straßen weiter fiel ihr ein, dass sie nicht wusste, in welche Richtung der Sperrmüllwagen seine Tour absolvierte. Von oben nach unten in die Straße oder umgekehrt? Der Bürgersteig war hier jedenfalls frei von Sperrmüll. Um die nächste Ecke – da stand ein Teleskop aufrecht am Kantstein. Beinahe hätte sie es umgefahren.
Überholt hatte sie den Sperrmüllwagen nicht. Folglich musste er ihr hier entgegenkommen. Und das Teleskop abholen. Erheblich langsamer trudelte Cora zur nächsten Ecke. Da standen zwei kaputte Plastikwäschekörbe.
Plastik! Verdammt! Das war ja sowieso noch nicht abgeholt. Sie machte kehrt. Neben dem Teleskop stand jetzt ein Kerl im Blaumann und lud das Ding auf seine Handkarre, auf der schon eine ölverschmierte Nähmaschine und das Bobbycar der Rabendame standen. »Ich war zuerst da! Ich hab’s zuerst gesehen!«, rief er Cora entgegen, als sie ihr Fenster herunterkurbelte.
»Ich will das Mistding nicht«, schnauzte sie zurück. »Wo ist denn der Holzmüllwagen? Ist der schon hier durchgekommen?«
»Klaro. Alles schon weg. Alles Pressspan«, fügte er boshaft hinzu, als er Coras entsetztes Gesicht sah.
Vitali Pressspan. Cora kreuzte noch eine Viertelstunde hin und her durch die Straßen, jagte um die Ecken und plättete durchlöcherte Nachttöpfe und Zinkbadewannen. Dann gab sie es auf. Es war nichts Hölzernes mehr am Straßenrand, weit nicht und breit nicht.
Sie jagte zur Gemeindeverwaltung und parkte im Halteverbot direkt vor der Tür. Eben kam eine junge Frau im Trench heraus und schickte sich an abzuschließen. Und das am Freitag um zwölf, so viel zum öffentlichen Dienst! Cora fuhr auf sie nieder wie ein Adler auf die Maus. »Bitte«, stieß sie hervor, »wo wird der Sperrmüll hingebracht? Schnell!«
»Emm«, sagte die Frau. »Holz oder Plastik?«
»Holz! Holz!!«, schrie Cora.
»Emm. In den Gemeindebauhof. Da drüben hinter dem Sportplatz. Aber geben Sie sich keine Mühe, wenn Ihnen was weggekommen ist«, fügte die Trenchfrau hinzu, »das ist bestimmt alles, emm, schon durch die Presse gelaufen.«
Vitali durch die Presse gelaufen. Cora stürzte sich in ihr Auto. Links herum am Sportplatz vorbei, über eine rote Ampel und in die falsche Richtung durch eine Einbahnstraße ... egal. Der Gemeindebauhof präsentierte ihr eine große geöffnete Toreinfahrt, in der ein LKW stand. Die Ladefläche war leer.
Alles abgeladen. Und Vitali war platt.
Diese Dreckskerle, die keinen Blick darauf warfen, was ihnen überhaupt unterkam! Die alles unterschiedslos durch die Presse jagten! Cora schoss aus ihrem Kleinwagen und riss die Beifahrertür des LKW auf. Da saß ein kleiner Junge, der aussah wie kaum sechzehn, blond und sommersprossig, und kaute an einem Salamibrot.
Cora stockte. Nein, an dem durfte sie sich nicht vergreifen. »Wo ist dein Chef?«, raunzte sie.
»Hm-hm«, muffelte der Junge mit vollen Backen und zeigte mit dem Daumen nach hinten. Da war aber niemand, nicht mal eine Rückbank für Mitfahrer. Cora knallte die Tür zu und ging mit langen Schritten um den LKW herum.
Am hinteren Ende, an die Ladefläche gelehnt, stand ein Riesenkerl, ein Schrank von einem Mann, mit Glatzkopf und blau tätowierten Armen, und hielt in seinen bügelbrettgroßen Pranken einen kleinen schwarzen Hasen. Er drückte ihn zärtlich an sein Gesicht. Vitalis Nase ging auf und nieder. Er sah aus, als ginge es ihm ausgezeichnet.
»SIE!«, sprach Cora drohend.
»Ist das Ihrer? Hier bitte«, erwiderte der tätowierte Riese aufgeschreckt und drückte ihr das Tierchen in den Arm. »Sagen Sie, wo kann man denn so ein Häschen kaufen? Und was frisst es? Braucht es viel Auslauf? Gibt es das auch in Weiß?« Er fragte unablässig weiter, als Cora schon längst den Rückzug angetreten hatte.
Sie setzte Vitali auf die Rückbank in ihrem Kleinwagen und hoffte innig, dass er still hielte, solange sie fuhr. Unterwegs überholte sie den Briefträger mit seinem postgelben Fahrrad und den goldenen Ohrringen. Er winkte ihr zu und zeigte eine blitzblanke Reihe Prachtzähne. Wenn der mal nicht Vitali biss statt umgekehrt.

Fisherman's

Teil II (mit Dank an SuMuze für den Input!)


Ich habe festgestellt, dass man ganz gut ohne Stimme auskommt. Vorläufig jedenfalls.
Zur Zeit verdiene ich mein Brot als Apothekengehilfin. Das ist eine Tätigkeit, bei der man stundenlang, sogar tagelang stumm bleiben kann. Ich habe mir eine dicke Schaumstoffmanschette um den Hals gewickelt. Wenn mich jemand etwas fragt, zucke ich die Achseln und gestikuliere zu der Manschette hin. Man hat mich ins Hinterzimmer geschickt, wo ich Salben zusammenrühre und Kapseln mit Spezialpräparaten fülle. Den ganzen Tag lang.
Wenn ich nach Feierabend heimkomme, begrüße ich als erstes die Stimme. Ich klopfe ein wenig gegen das Marmeladenglas. Manchmal gibt die Stimme dann einen zarten Gickser von sich. Sonst verhält sie sich ruhig. Nur spät abends, wenn ich den Fernseher abschalte und es plötzlich ganz still in meiner Wohnung wird, höre ich sie manchmal leise singen. Natürlich artikuliert sie keine Worte, dazu braucht man bekanntlich Lippen und Zunge. Es klingt mehr wie ein Summen. Schön eigentlich, aber ein unzureichender Ersatz für meine verlorene Fähigkeit zu sprechen!
Natürlich habe ich die Flüssigkeit schon ein paarmal ausgewechselt. Für den Fall, dass Grappa meiner Stimme nicht schmeckt, habe ich am zweiten Tag einen guten Gin eingefüllt. Erste Qualität, damit die Stimme keine Kopfschmerzen bekommt. Am dritten Tag habe ich ihr einen Friesengeist gegönnt und heute morgen einen frischen Sambuca.
Und sonst habe ich weiter nichts unternommen. Um ehrlich zu sein, ich habe mir wohl vorgestellt, dass mir einfach irgendwann eine neue Stimme nachwächst. Jeden Morgen, noch im Bett, versuche ich als erstes ein stimmhaftes Räuspern. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Es klingt wie das Rascheln von Mäusen in Seidenpapier. Gestern gelang mir beim Gähnen ein kurzes "Huach". Vielleicht ein Anfang?
Jedenfalls habe ich die Wahlprospekte, die mittags mit der Post kamen, gleich weggeschmissen. "Ihre Zweitstimme für ..." Das könnte denen so passen, ich gebe denen überhaupt keine Stimme mehr, weder die erste noch die zweite, diesen unverschämten Säcken!!


Heute mittag kam dann die entscheidende Wende.
Ich saß wie üblich im Hinterzimmer der Apotheke und tütete Medikamente ein für den Kurierdienst. Am Rande bekam ich mit, dass vorne im Verkaufsraum viel Betrieb war, meine Kolleginnen hektisierten immer aufgeregter herum. Ich hätte gern geholfen, aber ich konnte ja nicht.
Bei den Aufträgen war eine Anforderung über ein gerinnungshemmendes Mittel für Frau Kaspari, Klempererstraße. Die Frau Kaspari war früher Tierärztin. Seit sie zwei Schlaganfälle gehabt hat, arbeitet sie nicht mehr. Aber früher hat sie immer meine beiden Zwerghäschen betreut - als ich noch welche hatte. Inzwischen sind sie leider beide tot, aber sie sind zwölf und dreizehn Jahre alt geworden, ein biblisches Alter für Zwerghäschen, und das verdanke ich bestimmt der Frau Kaspari. Sie ist eine wirkliche Tierfreundin. Sie ging mit ihren vierbeinigen Patienten um, als ob es Menschen wären. Da fällt mir übrigens ein, ich weiß immer noch nicht, ob Kaninchen eigentlich eine Stimme haben. Meine beiden haben nie was gesagt. Ich habe bei Google "Kaninchen" und "Stimmbänder" eingegeben, bekam aber nur Links zu Seiten über Tierversuche mit Tieren, denen man vorher die Stimmbänder durchschnitten hat, damit sie nicht schreien können ... ich weiß, ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber ich bin etwas aus dem Tritt heute, weil ich zum ersten, wirklich zum ersten Mal so richtig SCHLAGFERTIG war!
Aber der Reihe nach! Ich machte also das Medikament für Frau Kaspari fertig und dabei fiel mir ein, dass ich ihr bei der Gelegenheit eine Freude machen könnte. Frau Kaspari liebt über alles diese fürchterlichen Halspastillen, diese Fisherman's Friends. Ich habe das Zeug nur einmal probiert - und nie wieder. Aber Frau Kaspari hat früher, als sie noch selbst in die Apotheke kam, immer eine Menge davon gekauft. Übrigens hat sie selbst eine sehr tiefe, rauhe Stimme, wie ein Nebelhorn. Eine richtige Bootsmannstimme. Ich überlegte mir, dass ich ihr in die Tüte mit dem Medikament ein Päckchen Fisherman's dazustecken könnte. Das musste ich allerdings von vorne aus dem Regal holen. Ich stand auf und ging in den Verkaufsraum hinaus.
Wir haben vier Theken, und an allen standen Leute. Und mitten im Verkaufsraum stand ein großer Kerl mit angegrauten Schläfen, der einen dunkelblauen Pullover anhatte. Ich erkannte ihn sofort. Es war mein Gesetzeshüter vom Parkplatz.
Ich tat mein Bestes, nicht bemerkt zu werden, zog den Kopf ein und langte ganz vorsichtig in den Ständer mit den Fisherman's. Doch er hatte mich schon gesehen. "Sie!", brüllte er los. "SIE! Sind Sie eigentlich übergeschnappt? Was fällt ihnen ein, in Ihrem Weblog über mich zu schreiben? Ich werde Sie wegen übler Nachrede verklagen, Sie!"
Ich hatte die Fisherman's schon in der Hand. Da ritt mich der Teufel. Ich riss das Päckchen auf und schüttete mir den ganzen Inhalt in den Hals. Es brannte wie Feuer. Und ich dröhnte zurück: "Ach, Sie sind es! Treten Sie ruhig nach vorne an die Theke. Da kann ich Sie viel besser ignorieren!"
Einen Augenblick war ich selbst fassungslos über meine neue Stimme. Gott sei Dank fiel ihm auch keine Antwort ein. Er machte den Mund auf und zu, aber es kam nichts heraus. Ob ihm auch gleich die Stimme aus dem Hals springen würde? Mein Blick fiel auf seinen Pullover - auf das gestickte Emblem auf seiner Brust. Da stand gar nicht "Polizei". Ich hatte falsch gelesen. Es hieß "Pozilei".
"Kommen Sie morgen wieder!", röhrte ich. "Die Kondome mit Himbeergeschmack sind gerade aus! Aber ich lege Ihnen gern welche zurück!"
Dann rauschte ich hinaus. Ob er noch was gesagt hat, weiß ich nicht.
In die Tüte für die Tierärztin legte ich das leere Päckchen Fisherman's und schrieb einen Gruß dazu von meinen verstorbenen Zwerghäschen.
Am Abend schickte man mich bis auf weiteres in Urlaub. Ich weiß auch noch nicht, ob meine Zukunft im Hinterzimmer einer Apotheke liegt, vielleicht sollte ich lieber zur Bühne. Zur Zeit übe ich "I Heard It In The Grapevine" in meiner Küche. Die Erststimme hüpft dazu in ihrem Glas auf und ab. Ich habe ihr diesmal reinen Wodka gegeben, das soll auch gut für die Stimme sein und macht Haare auf der Brust.

Schlagfertig

Lissy: Er sieht deprimiert aus, der Arme.
Charlotte: Deprimiert mag er wohl sein, aber arm ist er ganz gewiss nicht.
Lissy: Ich höre.
Charlotte: 10000 pro Jahr und ihm gehört halb Derbyshire.
Lissy: Die deprimierende Hälfte?
("Pride And Prejudice", der Film)


Grappa

Über alles wünsche ich mir, schlagfertig zu sein, so sehr, dass ich die größten Gemeinheiten von mir geben kann und doch immer die Lacher auf meiner Seite habe.
Leider weiß ich nie das Richtige zu erwidern, wenn es darauf ankommt. Nicht bei dem Vorwerk-Mann, der mir zweimal im Jahr einen Staubsauger andrehen will; auch nicht bei dem Verleger, der mein Buch von dreihundert auf hundertfünfzig Seiten runterschrumpft, weil die Hälfte meiner Texte abgekupfert sei (woher weiß er das?). Auch nicht beim Finanzamt.
Hinterher fällt mir natürlich immer ein, was ich hätte sagen müssen. Aber dann bringt es nichts mehr.
Das letzte Mal passierte es vergangenen Samstag beim Einkauf. Vor unserem Supermarkt ist ein großer Parkplatz mit Parklücken auf beiden Seiten. Man fährt einspurig hinein und parkt links oder rechts. Nach dem Einkauf fährt man auf der anderen Seite wieder hinaus, ein U beschreibend. Bisher bin ich so gut wie immer auf der falschen Seite in das U hineingefahren. Auf der richtigen Seite sind nämlich immer alle Parkplätze besetzt und man muss ganz herum, um eine Lücke zu finden. Da nehme ich lieber die Ausfahrt als Einfahrt und kann gleich einparken.
Gerade als ich ausstieg, hielt hinter mir ein dunkelblauer Corsa. Ein ganz ordinärer PKW, ohne irgendein auffälliges Merkmal. Am Steuer ein Mann im dunkelblauen Pullover. "Sie!", rief er. Ich nahm ihn erst mal nicht zur Kenntnis. Zog meinen Einkaufskorb vom Rücksitz und klappte die Tür zu. "SIE!", brüllte der Mann. Es hätte albern ausgesehen, wenn ich ihn weiter ignoriert hätte. Ich ging auf den Corsa zu. Der Mann hatte das Fenster runtergelassen.
"Wissen Sie nicht, dass hier Einbahnstraße ist? Sie fahren in die falsche Richtung!"
Mir lag schon eine Erwiderung auf der Zunge wie: Danke, Herr Lehrer! - oder so was Ähnliches. Nicht wirklich witzig. Es ist mir, wie gesagt, nicht gegeben, in solchen Situationen spontan was Witziges zu sagen. Jedenfalls machte ich den Mund auf und klappte ihn sofort wieder zu, denn in diesem Augenblick sah ich das runde gestickte Emblem "Polizei" auf seinem Pullover.
Er ist im Zivil, kann der mir was? - schoss es mir durch den Kopf, und dann: Lieber nichts riskieren! Aber es musste doch irgendwas geben, was ich sagen konnte! Etwas, was nicht frech klang, aber mir half, mein Gesicht zu wahren! Ich machte den Mund auf und musste plötzlich schrecklich husten. Ich hielt die Hand vor den Mund. Und aus meiner krampfenden Kehle schoss etwas in meine hohle Hand, etwas Kleines, Feuchtheißes. Erschreckt ballte ich die Hand zusammen.
"Das nächste Mal denken Sie dran!", sprach die Stimme der Exekutive.
Ich wollte "Ja" und "Entschuldigung" sagen, brachte aber nichts heraus. Meine Kehle schien völlig verschlossen zu sein. Das kleine feuchtheiße Ding wand sich in meiner Hand. Es fühlte sich glitschig und quabbelig an wie ein gut durchgekauter Kaugummi.
Der blaue Corsa fuhr an und rollte vom Parkplatz herunter, in die richtige Richtung natürlich.
Ich öffnete vorsichtig die Hand und schaute hinein. Das Ding war rosa und annähernd wurstförmig mit ein par Einschnürungen. Es war so klein wie ein aus dem Nest gefallener nackter Vogel und sah auch so ähnlich aus, bis auf den Umstand, dass es knochenlos war. Während ich es anstarrte, machte es plötzlich einen zuckenden Hüpfer und quietschte. Es gab einen hohen, hohlen Ton.
Es war meine Stimme. Meine Stimme war mir aus dem Hals gesprungen.
Da gab es keinen Zweifel. Denn in meinem Hals war nichts mehr; ich versuchte, mich stimmhaft zu räuspern, aber es kam nur ein Rascheln wie von welkem Laub heraus. Ich hatte keine Stimme mehr. Sie lag in meiner Hand.

Ohne einzukaufen, hastete ich nach Hause, die Hand um die Stimme gekrampft. Was sollte ich damit machen? Feucht halten, bestimmt. In Formalin einlegen. Aber so was hatte ich natürlich nicht im Haus. Vielleicht tat es auch hochprozentiger Alkohol? Ich bin keine Schnapstrinkerin. Bier genügte sicher nicht. Ich fand eine kleine Flasche Grappa im Küchenschrank, die mir mein Nachbar mal geschenkt hatte. Das Zeug war uralt, aber Alkohol verfällt ja nicht. Oder? Ich füllte ein ausgewaschenes Marmeladenglas mit Grappa voll und tat die Stimme hinein. Sie quietschte und hickste, dann versank sie blubbernd in der Flüssigkeit.
Ich versuchte, in Ruhe zu überlegen. Wie implantiert man eine Stimme wieder in den Hals? Bei Problemen aus unbekannten Fachgebieten setze ich mich normalerweise an den Rechner und bemühe Google. Das war in diesem Fall bestimmt aussichtslos - ich hätte nicht einmal gewusst, welche Suchworte ich eingeben sollte. Den Arzt anrufen? Ich hatte schon den Hörer in der Hand, da fiel mir ein, dass ich nicht mehr reden konnte. Meine Stimme lag in Grappa.

Die Hand Teil II

(Teil I hier)



„Wie bitte?“, fragte ich entgeistert. Zu spät, er war bereits an der Tür, rief seiner Empfangsdame etwas zu und hastete ins Nebenzimmer.
Was hatte er da gesagt? Ich trat Hilfe suchend vor den Tresen, hinter dem die Empfangsdame saß. Doch die hatte einen Telefonhörer am Ohr und die Hände mit langen spitzen Fingernägeln auf der Tastatur eines Computers. Vielleicht würde ich auf den Informationszetteln zu den Medikamenten Näheres erfahren. Hoffnungsvoll ging ich zum Apotheker. Der Apotheker besah stirnrunzelnd mein Rezept, murmelte „ts, ts, ts“ und verschwand in den hinteren Gefilden seines Geschäfts. Minuten später kam er zurück mit zwei braunen Fläschchen, auf denen handgeschriebene Etiketten klebten. „Zweimal täglich, morgens und abends“, verkündete er und zückte ein Zellophantütchen.
Zu Hause fand ich in dem Tütchen außer den Flaschen noch zwei Apothekerzeitschriften mit Wissenswertem über Thalassotherapie und Mütter-Kind-Kuren, außerdem ein Probepäckchen Nasenspray und ein Röllchen Traubenzuckerbonbons. Ich hatte auf Waschzettel zu den Nicotinamiden und Fulminaten gehofft, aber so viel Glück hatte ich nicht. Und noch immer war mir nicht klar, was ich von meiner Hand zu erwarten hatte. Wie hatte der Arzt es noch genannt? Epidemisch? Chromatisch? Charismatisch?
Vielleicht würde die Erinnerung wiederkommen, wenn ich ein paar Medizinratgeber durchblätterte? Ich verbrachte einen Abend mit meinen populärmedizinischen Büchern und bildete mir nacheinander vierzehn verschiedene Krankheiten ein. Was mit meiner Hand los war, stand nicht drin, oder ich fand das richtige Stichwort nicht.
Normalerweise brauche ich die linke Hand nicht oft. Eigentlich nur, um morgens das Deo unter die rechte Achsel zu platzieren, zu schälende Kartoffeln festzuhalten und an den Nägeln zu kauen, wenn ich mit der Rechten in einem spannenden Krimi blättere. All das ist ja keine Kunst. Beim Klavierspielen passte ich jetzt aber genau auf. Es stimmte, die Linke wollte überhaupt nicht mehr, die Fehler häuften sich. In der Rechten auch, nebenbei bemerkt, aber das war wohl mehr psychologisch.
Meine Freundin Ulrike rief an und wollte wissen, wie der Arztbesuch verlaufen sei. Ich erzählte ihr von den Untersuchungen, von den Tropfen, die ich natürlich immer peinlich korrekt einnahm, und dass ich nichts Schweres tragen durfte. „Ich komme dich besuchen und bringe Kuchen mit“, versprach sie. Vielleicht traute sie mir nicht zu, eine Platte Kuchen zu tragen.
Zwei Tage später stand sie vor der Tür mit vier Stücken Bienenstich und einer großen braunen Mappe. Ich bat sie herein und kochte Kaffee. Das Klavier hatte ich wohlweislich zugeklappt und überdies alle Notenhefte beiseite geräumt. Ich merkte, dass sie ein paar Mal zu dem Instrument hin schielte, das mit geschlossenem Deckel steril und freudlos dreinschaute.
Als die Kuchenplatte geleert war, packte sie die braune Mappe auf den Tisch und kündigte an: “Ich habe dir was mitgebracht.“ Vor meine staunenden Augen stapelte sie vier dicke Notenhefte. „Hier, damit du mal eine Abwechslung hast von all dieser modernen Musik, nicht wahr.“
Ich griff nach dem obersten Heft und war sprachlos. Es trug den Titel: „Leichte Klavierstücke nach Guido von Arezzo“. Die Noten sahen recht übersichtlich aus; jede Notenzeile enthielt sechs bis acht Noten, viele lange Pausen und Spielhinweise wie „mit dem Ellbogen anschlagen.“

Inzwischen ist meine linke Hand völlig guidonisch geworden. Aber meine kleine Nichte hat mir neulich gezeigt, wie man den Flohwalzer mit geschlossenen Fäusten spielen kann. Es gibt übrigens neuerdings auch Klavierstücke, für die man die Hände gar nicht mehr braucht. Man legt einfach die Unterarme auf die Klaviatur.

Die Hand

Es begann damit, dass ich nicht mehr richtig sah. Genau gesagt, ich fand beim Klavierspielen das tiefe A nicht mehr. Das hohe A, die letzte Taste rechts, konnte ich gerade noch verschwommen erkennen, wenn ich auf dem Klavierstuhl saß; die letzte Taste links dagegen verschwand in einem flatternden Nebel. Da ich gerade ein Zwölftonstück übte, fiel es zunächst nicht sehr auf, wenn ich daneben haute. Meine Freundin Ulrike kennt sich jedoch leider gut mit Schönberg aus und wollte mich zum Arzt schicken.
„Das wird schon von selbst wieder“, suchte ich sie zu beruhigen, denn ich hasse volle Wartezimmer und zerfledderte Frauenzeitschriften. „Ich kann dir ja auch etwas anderes vorspielen. Etwas, das mehr in der Mitte der Klaviatur abläuft.“ Aber sie ließ sich nicht erweichen und suchte mir selbst einen Arzt aus den Gelben Seiten heraus. Einen Neurologen.
„Was soll ich beim Neurologen?“, begehrte ich auf. „Wahrscheinlich brauche ich eine Brille.“
„Glaub mir, es sind nicht die Augen, sondern die Nerven“, behauptete meine Freundin düster. „Ich weiß, wovon ich rede.“
Drei Tage später in der Praxis des Neurologen war die Sehstörung vorbei. Jedenfalls ganz beinahe. Trotzdem beschrieb ich einem kleinen drahtigen Herrn mit angestaubtem Haarkranz den Nebel vor dem tiefen A. Der Neurologe untersuchte dies und das, ließ mich die Zeigefinger zusammen führen, klopfte mit dem Hämmerchen auf meine Kniescheibe, klebte mir Elektroden an den Kopf und wedelte mit einem Laserpointer vor meiner Nase. Schließlich stach er eine Nadel in meinen linken Handballen und stierte in einen winzigen Bildschirm, während ich die Hand nach seinen Anweisungen bewegte. Es tat höllisch weh. „Herr Doktor“, sagte ich, „es sind die Augen, nicht die Hand.“
„Irrtum“, widersprach er und zog die Nadel heraus. Hinter mir kam ein Drucker in Gang und spie unter Seufzen ein langes Kurvenblatt aus. „Es ist die Hand, und zwar die linke. Die Sehstörungen kommen aus der Hand.“
„Was ist mit meiner Hand?“, fragte ich.
Er schob seine stahlgeränderte Brille auf die Glatze hinauf und vertiefte sich in das Kurvenblatt. „Hm … hm … hm … das sieht aber gar nicht gut aus. Hier, und hier, und hier, das sind melismatische Interferenzen, fast schon an der Grenze zur Solmisation. O je. Ich wette, Ihre linke Hand funktioniert schon längere Zeit nicht mehr richtig?“
Ich zögerte. „Eigentlich mache ich ja alles mit der rechten Hand ... nun ja, beim Klavierspielen, das tiefe A, Sie verstehen ...“
„Sie kommen zu spät, wir hätten früher einsetzen müssen“, seufzte der Arzt und raschelte mit dem Kurvenblatt. „Die Leute kommen immer zu spät. Nun ja, wir werden sehen, was sich tun lässt. Ich versuche erst einmal eine Therapie mit Nicotinamiden und Fulminaten. Viel trinken und nichts Schweres tragen.“ Was meinte er damit? Volle Bierkästen oder den Kummer über mein schweres Schicksal? „Unser Herrgott lädt keinem mehr auf, als er tragen kann“, sagte ich diplomatisch.
Er sah mich an, als sei ich nicht bei Trost. Dann kritzelte er auf seinen Rezeptblock. „Hier, je zehn Tropfen morgens und abends. In vier Wochen sehen wir uns wieder. Und wenn die Hand guidonisch werden sollte, kommen Sie sofort.“

Bäckerwagenfahrerberufsrisiko

„Du musst dir selbst ein Ablenkungsmanöver ausdenken“, sagte er sich mit mörderischer Ruhe. (Joseph Hayes)


Martin zieht seine Hose an. Diese einfache Handlung fällt ihm nicht mehr so leicht wie ehedem und wird mit jedem Tag schwieriger. Vorgestern ist ihm der Hosenknopf abgesprungen und kreuz und quer durch das Zimmer geschossen wie ein Querschläger. Den Knopf wieder anzunähen, hat Martin sich geschenkt. Er schließt die Hose stattdessen mit dem Gürtel, den er ein Loch weiter stellt. Der Reißverschluss geht zwar immer wieder auf, aber das verdeckt Martin mit langen Pullovern.

Da Martin keine Waage besitzt, hat er lange Zeit für das Hosenproblem einleuchtende, entlastende Erklärungen gesucht. Er ist in eine Erdgeschosswohnung gezogen und muss keine Treppen mehr steigen, zum Beispiel. Noch besser: die Hose ist eingelaufen. Irgendwann muss Martin der Wahrheit ins nackte Auge sehen. Die Wahrheit ist: der Bauch kommt von der sitzenden Lebensweise. In seinem neuen Job sitzt er den ganzen Tag. Genau gesagt, er sitzt am Steuer des Verkaufswagens einer Bäckerei. Während er stundenlang über schlaglochdurchsetzte Landstraßen schaukelt, um auch ins entlegenste Kuhkaff frische Brötchen zu bringen, hüpfen hinter ihm duftende Hefeteilchen, knusprige Croissants und sahnige Erdbeerschnitten auf ihren Blechen herum. Martin darf essen, soviel er will. Das hat ihm sein Chef gleich am ersten Arbeitstag versichert. Damals fand er das toll. Heute wäre es ihm lieber, er müsste über jedes Sesamkorn und jeden Puderzuckerkrümel Rechenschaft ablegen.

„Du könntest dich ja zur Abwechslung mal beherrschen“, sagt er sich, beherrscht sich und lässt das Reststück Schwarzwälder Kirsch stehen. Die drei Kirschplunder, die er stattdessen nimmt, haben bestimmt weniger Kalorien. Hoffentlich.

„Du musst dir ein Ablenkungsmanöver ausdenken“ sagt er sich mit mörderischer Ruhe. Er besorgt sich morgens als erstes ein Heringsbrötchen mit Zwiebeln. Das legt er im Wagen auf die Ablage vor sich hin, so dass er es den ganzen Tag buchstäblich vor der Nase hat. Die ersten zwei Tage hilft es. Am dritten Tag ist er so hungrig, dass er das Heringsbrötchen nach einer Viertelstunde Fahrt aufisst und zum Nachtisch zwei Stück Schwarzwälder Kirsch hinterherschiebt.

Keine Frage, er ist dem Job nicht gewachsen. Seine Vorstellungen vom Essen werden zwanghaft. Ununterbrochen kreisen seine Gedanken um die Kuchenbleche hinter ihm. Der Straße widmet er nur noch mäßige Aufmerksamkeit. Rotleuchtende Ampeln erinnern ihn nur an Himbeertorte. Das gelbe Ortsschild an Puddingplunder. Ist Split auf die Straße gestreut, denkt er sofort an Mohnkuchen. An Käsekuchen zu denken, ist immer Gelegenheit, denn seit April fährt er in Sandalen.

- - - - Hoppla! Was war das? In Gedanken noch bei der dreistöckigen Quarktorte hinten im Wagen, findet er sich im Straßengraben wieder. Ein entgegenkommmender LKW hat ihn mit seinem Rückspiegel gestreift. In seinem eigenen Rückspiegel sieht Martin eben noch den davonrollenden LKW. Ein aus dem Fenster ragender muskulöser und behaarter Arm zeigt ihm den Stinkfinger.

Die Quarktorte hat sich auf seine Schultern und seinen Pullover verteilt. Als er mühsam den Kopf dreht, knackt es im Nacken, und aus seinen Haaren fallen Himbeeren. Er richtet sich auf und betastet seine Nase. Ist das Blut? Nein, nur ein mit Marmelade gefüllter Kräppel. Ihm ist nichts passiert.

Nur die Hose ist geplatzt. Aber die passte ja ohnehin nicht mehr.

Blubbern als Kunst!

brille

Wort des Monats

Immer wenn man ein Tier genau betrachtet, hat man das Gefühl, ein Mensch, der drin sitzt, macht sich über einen lustig.
(Elias Canetti)

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