Vitrine für gewagte Thesen

Der Samariter

Aus gegebenem Anlass - der Forentext eines alten Bekannten, in dem mehrmals auf den "barmherzigen Samariter" angespielt wird - habe ich mir die Zeit genommen, bei Wiki nachzulesen, was genau mit dem Schlagwort "Samariter" eigentlich gemeint ist.

Der Wiki-Artikel ist aus mehreren Gründen hochinteressant. Ein Nebenaspekt wird in diesem Bild deutlich:



Preisfrage: Wo genau befindet sich der barmherzige Samariter auf diesem Bild? Richtig: Es ist der ganz unten. Der mit den langen Ohren.

Wise Haydn aus Entenhausen

"Wenn man nicht aus Erfahrung wüsste, dass es auch nicht das Wahre ist, wenn man alles weiß, würde man’s nicht glauben."

(Tick, Trick oder Track - konnte ich auf dem Bild nicht erkennen.)

Defenstration, Nachtrag

Hier habe ich drei offizielle und zwei inoffizielle Prager Fensterstürze abgezählt. Nein, ich habe keinen sechsten. Wollte nur darauf hinweisen, dass man in einem Fuldaer Lokal (ich habe vergessen, wie es heißt, aber es liegt unterhalb der Friedrichstraße in der Nähe vom Dachsbau) ein Prager Schnitzel bestellen kann.

Das Wiener Schnitzel ist vom Kalb, das Schnitzel Milanese mit Käse und Tomate gekrönt, das Putenschnitzel wurde von einer Pute abgeschnitten und das Jägerschnitzel von einem Jäger. Was aber kennzeichnet das Prager Schnitzel?

Meine Tochter ist der Meinung, es wurde einmal aus dem Fenster geworfen. Entweder vor oder nach dem Braten. Bon appetit.

Goldene Gurken

Jetzt reichts.
Es ist an der Zeit, einen Preis zu vergeben, der schon lange fällig ist: die goldene Gurke für sinnlose Ermittlertode. Mit sinnlos meine ich: Der Ermittler hat nichts Böses getan, war nicht korrupt, hat sich nicht zwischen einen Bankräuber und seine Geisel geschmissen, und sein Tod bringt auch den Roman, in dem er vorkommt, nicht wirklich voran. Er stirbt einfach so – um es mit einem Ausdruck zu benennen, den ich im Blauen Salon gelesen habe: er stirbt einen platten Tod für nichts. Ich vergebe hiermit die erste Gurkenreihe!

Platz drei unserer Gurkentruppe belegt Unni Lindell, die ein Mitglied ihrer Serien-Riege anscheinend plötzlich nicht mehr leiden mochte; oder vielleicht wollte der Herr auch nicht mehr in einem ihrer Romane mitspielen. Der Ermittler Ulriksen war der Attraktivste in Lindells Bullenaufgebot. Laut Lindell sah er aus wie David Beckham, was an sich vielleicht noch nicht viel bedeutet, aber alle anderen, Isaksen, Hoibakk, Tengs und wie sie alle heißen haben nicht mal jemanden, dem sie ähnlich sehen. Will ein guter Romanautor einen Serienermittler los sein, macht er sich die Mühe und schreibt ihn mit Anstand aus dem Buch heraus. Unni Lindell, deren Bücher ich übrigens ganz gerne lese, lässt ihren Ulriksen in ihrem Krimi „Was als Spiel begann“ einfach bei der Flutkatastrophe in Südasien ertrinken. Ex und hopp. Toll. Und warum? Weil wir sonst nicht wüssten, dass der Roman 2004 spielt? Ein anderer Grund fällt mir jedenfalls nicht ein.

Platz zwei belegt ein ganz anderes Buch, denn hier wird nicht speziell eines sinnlosen Todes gestorben, sondern die Masse an Todesfällen macht die Sinnlosigkeit. Es geht um Grangés „Imperium der Wölfe“. Meine Tochter hat dieses Buch noch vor mir gelesen, weil sie im Urlaub nach Lesestoff suchte und der Grangé das einzige war, was es gab, außer Hohlbein. Irgendwann im letzten Viertel sagte sie zu mir: „Ich weiß nicht, wer diesen Fall noch aufklären soll und warum, es sind ja alle tot.“ Der Polizist Paul ist tot und sein Chef Schiffer auch (wie gern genommen bei Grangé ein dynamischer Junger und ein abgeklärter Alter, beide um ihren Lebensabend gebracht), die meisten Verdächtigen sind tot und die Hauptperson, um deren Rettung es die ganze Zeit ging, ist auch tot. Diejenige, die am Ende übrig bleibt, ist genau die Person, auf die ich nie im Leben gekommen wäre und die auch irgendwie in der Geschichte gar nichts zu sagen hat bis auf den Umstand, dass sie, Gott weiß warum, am Ende übrig bleibt. So sehr ich Grangés bizarr-bescheuerte Plots schätze: das ist des Guten zuviel. Eine goldene Gurke zweiter Klasse für ihn.

Die Obergurke aber bekommt (Trommelwirbel!) Jan Seghers, übrigens ein ganz ausgezeichneter Krimischreiber, über dessen Bücher ich mich jedes Mal freue. In „Partitur des Todes“ lässt er einen der nettesten und interessantesten Ermittler seit langem einfach hops gehen, und das noch ehe der Mann Gelegenheit hatte, sich richtig zu profilieren. Er wird als Angehöriger des LKA einer örtlichen Bullenkommission zugeteilt und zieht als solcher natürlich sofort den Unwillen der Kollegen auf sich. „Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man von allen als Siegertyp behandelt wird?“, wird er hämisch gefragt und antwortet nach kurzer Pause leise: „Ich hab Hunger.“ Noch nie habe ich erlebt, dass ein Detektiv spritziger und vielversprechender eingeführt wurde. Ich habe mir die Hände gerieben und mich auf eine schöne lange Romanreise mit diesem Superbullen gefreut, einem „empfindsamen Riesen“, der vor dem Essen betet und bei einem auswärtigen Einsatz zuerst daran denkt, seiner Freundin ein Kettchen mitzubringen. Nix da! Lange vor Ende der Untersuchung stirbt der gute Mann, dem eine echte krimileserische Heldenverehrung entgegenzubringen ich bereit und willens war, einen völlig sinnlosen Tod. Wie meine Facebook-Freundin sehr treffend bemerkte: Da fühlt man sich um eine gute Freundschaft betrogen! Vielleicht lag genau hier das Problem des Autors: der Mann war einfach zu gut; er drohte seinem Chefermittler Marthaler in der Lesersympathie den Rang abzulaufen? Oder – was dem Tod immerhin einen Hauch von Sinn geben könnte – Seghers wollte dem Superbullen sein Geheimnis nicht nehmen; vielleicht auch deshalb nicht, weil es ihm nicht gelang, eine Biographie für ihn zu erfinden, die seine Persönlichkeit angemessen aufhellen könnte? So oder so, ich verzeihe Herrn Seghers diese Wendung erst dann, wenn in einem seiner nächsten Bücher die Identifizierung sich als Fake erweist. Falsch eingeordneter Zahnstatus vielleicht? Bis dahin darf Seghers die goldene Gurke erster Klasse behalten.

Ehe sich hier jemand ernsthaft auf den Schlips getreten fühlt, stopfe ich diesen ganzen Absatz in die Vitrine für gewagte Thesen und kündige für demnächst einen weiteren Preis an, diesmal einen musikalischen: den goldenen Riesenspargel für Operngesang in extremen Stellungen. Später mehr.

Die geheimnisvollen Men in Red

Opernhineingeher und -glotzer streiten sich gerne, heftig und ausdauernd über das Thema "Regietheater". Was darunter fällt, darüber kann man bei der Gelegenheit auch gern lang, heftig und ausdauernd streiten, aber ein klarer Fall von Regietheater ist jedenfalls jeder Versuch, eine barocke oder klassische Oper in die Jetztzeit zu verlegen. Nun gibt es aber auch unter Regietheatergegnern die eine oder andere heilige Kuh, die eigentlich alle mögen oder jedenfalls nicht mit der sonst üblichen Häme kritisieren. Eine dieser heiligen Kühe ist Mr. Sellars Inszenierung des Oratoriums "Theodora" von Händel. Leitung William Christie, Glyndebourne 1996. Theodora ist, um das klarzustellen, keine Oper, sondern ein Oratorium, also gibt es da normal nichts zu inszenieren, aber Sellars tat's und alle finden es gut. Ich auch.



Wunderbare Musik. Erstklassige Sänger-Darsteller. Die Übertragung in die Gegenwart für heutige Augen optisch etwas altbacken, aber so sahen die Neunziger halt aus. Bei allem Verständnis indessen, dass Sellars die altrömische Christenverfolgung als neuzeitlichen Gesinnungsimperialismus inszeniert und seine Protagonisten sowohl kreuzigen als auch mit Giftspritze hinrichten lässt - eines erschließt sich mir nicht. Ich zeige es gleich.

Hier Soldat 1, Prätorianer oder Liktor nannte man das wohl. Laut Rollenliste mit Namen Septimius.



Soldat 2, mit Namen Didymus (das ist der, der hingerichtet wird).



Ich zeig's auch gern noch mal genauer, für alle, die keine zwei Brillen übereinander tragen:



und



Da die großartigen Sänger Richard Croft (Tenor) und David Daniels (Countertenor) durchaus genug Festplattenkapazität aufbringen können, sich einunddrölfzig hochkomplizierte Da-capo-Arien samt verwickeltster Koloraturen und verbindender Rezitative zu merken, dürfte es ihnen ein leichtes sein, auch zwei einfache Rollennamen zu behalten. Didymus und Septimius. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein. Warum stehen auf den Kostümen also nicht die Rollennamen, sondern die Namen der Sänger? Die einzige Erklärung, die ich derzeit habe: die beiden sind im Nebenberuf Tankwart und tragen auf der Bühne ihre Berufskleidung. Wie schön, dass sie zwischen Scheibenwischen und Ölstandmessen noch Zeit gefunden haben, so phantastisch für uns zu singen. Dass die Zeit nicht reichte, sich aus dem Rotmann zu pellen und die Prätorianerkluft anzuziehen, sei ihnen verziehen.

Wäre ich 1996 in Glyndebourne gewesen, ich hätte nicht versäumt, nach Schluss der Vorstellung noch rasch die umliegenden Tankstellen abzuklappern. Vielleicht sind sie ja danach gleich wieder an ihre normale Arbeit gegangen. Ich wäre auch für alle Fälle gleich mit den Tausend-Liter-Highcubes vorgefahren und hätte für den Rest des Jahrtausends aufgetankt. Vielleicht hätten sie mir, während der Sprit in die Tanks gluckert, noch was vorgesungen. Hach ja.

Ich setze das mal in die Vitrine für gewagte Thesen, bis mir was Besseres einfällt.
Ich empfehle diese DVD wärmstens allen, die Händel mögen!
Ich liebe Regietheater!

Mäh!

Nein, ich will nicht wieder von Schafen anfangen. Vielmehr hätte ich "mehehehe!" schreiben sollen. Es geht um Ziegen. In einem Film über die Insel La Palma durfte ich mir den kleinen Betrieb des Ziegenbauern Antonio ansehen. Antonio besitzt etwa hundertdreißig Ziegen; genau weiß er es selbst nicht. Dazu natürlich einen Hund. Ansonsten ist er allein (der Verweis auf "Bauer sucht Frau" blieb aus), und er muss die Arbeit allein machen. Die Ziegen melken (früher von Hand, heute besitzt er eine Melkmaschine), den Käse formen und die Käselaibe räuchern. Das hat er früher im Ofen seines Bruders gemacht, aber heute besitzt er einen Gammastrahlendetektor.
So hieß es wörtlich. Zu sehen war dabei ein Ofen, der mit Reisig beheizt wurde.
Er hätte ihn für billiges Geld gekauft, hieß es. Meine Tochter hat gleich bei Ebay nachgesehen, aber da gibt es zur Zeit leider keinen Gammastrahlendetektor.
Eine Nachsuche bei Google mit den Suchworten "gammastrahlendetektor" und "ziegenkäse" brachte zwei (i.W. zwei) Ergebnisse.
Antonio wurde bei keinem von beiden genannt.
Aber das könnte auch daran liegen, dass er kein WLAN hat.
Hätte er allerdings WLAN, könnte er den Käse vielleicht in seiner Fritzbox räuchern und bräuchte keinen Gammastrahlendetektor mehr.
Vielleicht setzt er den dann bei Ebay rein und meine Tochter kann drauf bieten. Bis es soweit ist, räuchere ich meinen eigenen Käse mit dem Geigerzähler.
Vielleicht kann mich jemand über diese geheimnisvollen Zusammenhänge aufklären. Bis dahin schiebe ich diesen Beitrag in die Vitrine für gewagte Thesen.




Das sind übrigens Skuddenlämmer!

Defenestration

Meine Tochter hat den Eindruck, dass in Prag besonders viele Leute aus dem Fenster fallen oder gefallen werden. Wikipedia verzeichnet immerhin drei Prager Fensterstürze und bemerkt dazu: "Fensterstürze, auch Defenestration genannt, kamen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit mehrmals vor. Sie stellten eine Form der Gewalt dar, die zwischen Feme (oft mit vorangehender formeller „Verurteilung“ durch die Ausführenden), Gottesurteil und gemeinschaftlich begangenem Mord steht."
Einen nichtoffiziellen weiteren Fenstersturz vermerkt Radio Tschechien. Schon 1483 warfen Prager Bürger den Bürgermeister Klobouk aus dem Fenster des Rathauses, "nach böhmischen Brauch", wie es heißt. Es muss also was dran sein an der Prager Gefahr. Dieser Fenstersturz ist zeitlich gesehen der eineinhalbte, da er zwischen dem ersten und dem zweiten offiziellen stattgefunden hat.
An anderer Stelle bemerkt Wikipedia zu Bohumil Hrabal, einem der wichtigsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts, sein Ableben stelle so etwas wie den vierten Prager Fenstersturz dar (nach unserer Rechnung also den fünften). Hrabal soll beim Taubenfüttern aus einem Fenster im fünften Stock gefallen sein. Der Nächste, der rausfällt, wird also nach dem Gesetz der Serie möglicherweise aus dem sechsten Stock fallen. Oder auch nicht.
Meine Recherche hat übrigens das Randergebnis gezeitigt, dass in Prag unverhältnismäßig viele britische Touristen wegen Verlust ihrer Pässe das Konsulat belästigen. Ich würde vorschlagen, guckt doch erst mal unter eurem Fenster nach.
Krönung meiner Nachforschung: Die Häufung von Fensterstürzen hat in Prag zu dem Sprichwort geführt, dass man Politik am besten im Souterrain mache. Aus dem Kellerfenster fallen hat bekanntlich meistens sowenig tödliche Folgen, wie sich hinter den Zug zu schmeißen.
Die weiterführende Überlegung meiner Tochter, dass das berühmte böhmische Gulasch irgendwie Folge der Fensterstürze sein könnte, will ich an dieser Stelle nicht vertiefen, aber sie bekommt einen Platz in der Vitrine für gewagte Thesen.

Vitrine für gewagte Thesen

Ich muss bei Google einen völlig neben der Sache liegenden Suchbegriff eingegeben haben. Denn ich wurde nicht auf die normale Wiki-Seite geschickt, sondern auf eine bayrische Wiki-Seite. Diese.
Da steht zum Beispiel unter Mozarts Porträt: "Da Mozart Wolfgang Amadeus af an Büidl vo da Kraft Barbara, so wia sie in Joar 1819 gmoant hat, dass er ausschaugt."
Ins Hochdeutsch übersetzt würde das etwa lauten: "Wolfgang Mozart, gemalt von Barbara Kraft 1819 aus der Erinnerung" oder "aus der Phantasie". Jedenfalls nicht "wie sie damals dachte, dass er ausgesehen haben müssen täte".
Mich hat der bayrische Mozart fasziniert, ich las mir die ganze Seite durch, so gut ich das halt verstehen zu können meinen tat, und war begeistert von der schlichten Eingängigkeit aller auf der Seite versammelten Info.
Heute mittag habe ich das meiner älteren Tochter erzählt, die wie immer wochenends aus ihrem Studentenkabuff in Mainz gekrochen war. Und die gab mir zur Antwort, dass sie einmal einen äußerst komplizierten Sachverhalt bei Wiki nachlesen wollte und nicht begriff. Durch Zufall fand sie exakt den gleichen Sachverhalt, auch bei Wiki, in irgendeinem obskuren Dialekt erklärt und hatte nach dem ersten Nachlesen alles zwanglos kapiert.

Irgendwas muss dran sein an dem berühmten Mausprinzip. Ich eröffne nunmehr in meinem Blog eine neue Themenreihe mit dem Titel "Vitrine für gewagte Thesen" (zur Erinnerung an den verstorbenen Apollopark) und starte mit der Behauptung, dass eine mit strunzdummer Attitüde vorgetragene Erklärung manchmal bessere Aufnahmechancen hat als eine hochwissenschaftlich klingende. Wohlgemerkt, wir gehen von gleichen Inhalten aus.

Machen wir gleich die Probe aufs Exempel:

Die Industrialisierung und die daraus resultierende, stetig größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich fordern sowohl räumliche als auch strukturelle Maßnahmen. Das Regionalmarketing bietet innerhalb dieser Tatsache innovativen Handlungsspielraum. Planungs- und Entscheidungsprozesse sind bedeutendster Teil der Zielvorstellungen eines intakten Regionalmarketings. Das dabei entstehende Zusammenspiel zwischen Regionalplanung und Regionalpolitik verfolgt das Ziel, Regionen auf einen höheren Standard, bezüglich ihres Arbeits-, Bildungs-, Wohn-, und Freizeitwertes, zu entwickeln.
Zitat aus einer Examenshausarbeit zum Thema Regionalmarketing.

Es wird als mehr gedo unn manche hann allweil denach mehr unn die anndern weniger. Darum muss was do wern. Am besde wär e besser Regionalmarketing. Da dunn mer zusamme überleche unn dann was dunn, unn am End gehts allen besser, bej de Awweit unn denach vorm Fernseh, odder wass mer auch immer dunn, wenn mer mit de Awweit feddich sinn, unn mer hamm en höhern Standadd.
Der gleiche Inhalt in Hessisch.

Ich weiß nicht, ob der zweite Absatz verständlicher ist; auf alle Fälle ist er sympathischer.
Und damit eröffne ich die Vitrine für gewagte Thesen. Wäre schön, wenn auch andere Vorschläge dazu kämen.



ps. These Nummer zwei:
Die wichtigste Eigenschaft, sich im Leben zurechtzufinden, ist Unverschämtheit. Die richtige Art davon.


Die Wolferl-Matrix

Beim Durchblättern des Jokers-Katalogs stieß ich auf einen Krimi, dessen Titel ich wieder vergessen habe. Es ging darin um einen Wissenschaftler, der ein schlimmes Drama durchlebt: Seine Tochter wird ermordet. Der Täter wird nie gefasst. "Durch Zufall" gelangt der Wissenschaftler in den Besitz von DNA-Material des Mörders (Zufall ist in diesem Fall vermutlich ein Euphemismus dafür, dass er die Polizei beklaut). Und was tut der Wissenschaftler? Ganz klar: Er klont den Mörder. Dann muss er nur noch ein paar Jahre abwarten, um zu wissen, wie der Gesuchte aussieht.
Ich suche ja keinen Mörder, aber es wäre sicher interessant herauszufinden, wie der eine oder andere längst verstorbene Prominente ausgesehen haben mag. Von Goethe und Beethoven weiß man es ja so halbwegs, aber was ist zum Beispiel mit Mozart? In dem bekannten Amadeus-Film äußert er beim Aufprobieren von Perücken, er hätte am liebsten drei Köpfe, weil die Wahl so schwer sei. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Mozart tatsächlich drei Köpfe hatte, so verschieden wie die überlieferten Porträts aussehen. (Im ebenfalls längst entschlafenen Apollopark gab es eine "Vitrine für gewagte Thesen", die mir besonders gefiel. Da stand zum Beispiel drin, dass alle Busfahrer einen Schnauzbart haben und der Tod montags einen freien Tag hat. Ich habe die Theorie vom dreiköpfigen Mozart beigesteuert.)




Dass es von Mozart kein gesichertes DNA-Material gibt, könnte das kleinste Problem sein. (Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem Wissenschaftler anhand von Reliquien Heilige klonten. Darunter war auch einer, der auf dem Laborhof umherwankte und Aramäisch sprach. Der Richtige entlarvt sich selbst.)
Aber es geht ja auch nicht nur ums Aussehen, nicht wahr, sondern vor allem um das Genie. Gelänge tatsächlich ein Klon von Mozart, kämen wir endlich in den Genuss all der ungeschriebenen Werke, die Mozart nebenher komponiert, aber aus Zeitmangel oder Unlust nicht notiert hat. Vielleicht fallen ihm sogar noch ein paar zusätzliche ein. Das war aber eine Idee meiner Tochter. Ich wendete dagegen ein, dass ein in unserer Zeit lebendes Mozart-Klon bestimmt nicht in frühester Jugend zu komponieren anfinge. Wolferl der Zweite würde Gameboy spielen, die Teenagerjahre zwischen Disco, Sonnenbank und Fitness-Studio aufteilen und keine Note schreiben.
"Mozart wurde von seinem Vater zum Musizieren gezwungen!", resümierte ich. "Das geht heute gar nicht mehr!" (Das Gleiche gilt übrigens auch für Paganini, von dem es so viele unterschiedliche Porträts gibt, dass er mindestens acht Köpfe gehabt haben muss. Und der ist noch NACH seinem Tod so oft umgezogen**, dass es völlig aussichtslos wäre, an gesicherte DNA kommen zu wollen!)
"Wir müssten für ein Mozart-Klon ähnliche Bedingungen schaffen, wie sie damals herrschten!", meinte meine Tochter. "Wie in der Truman-Show!" Das heißt, wir schaffen unserem Wolferl dem Zweiten eine virtuelle Realität, in der er Kniehosen und gepuderte Haarbeutel trägt und schon in zartester Kindheit über sämtliche Fürstenhöfe zum Vorspielen geschleift wird. Der Wissenschaft zuliebe schaffen wir noch eine Vergleichsidentität, die völlig normal aufwächst, nämlich mit Gameboy, Disco, LAN-Partys und "Deutschland sucht den Superstar". Wird einer von ihnen Genie zeigen, und wenn ja, welches und warum keiner von beiden? Und nebenher, was ist mit der von namhaften Mozartforschern ins Reich der Fabel verwiesenen Behauptung, Mozart habe Beethoven vorspielen gehört und den Kleinen auf die Stirn geküsst? Könnte das vielleicht doch stimmen? Ein Beethoven-Klon zum Nachprüfen wäre ja schnell gemacht.
Fragen über Fragen. Wer schreibt den Mozart-Wissenschaftskrimi?

____________________

** Nachträgelchen: Dem sehr gläubigen Paganini wurde nach seinem Tod die Beisetzung auf einem geweihten Friedhof verweigert, weil er mit dem Teufel im Bund gewesen sei. Sein Sarg wurde jahrelang immer wieder umgesetzt, bis er endlich ordentlich bestattet werden konnte. Wie ein moderner Biograph schreibt, musste sein Sohn erst alles Geld, das sein Vater mithilfe des Teufels verdient hatte, der Kirche auszahlen - ein immenser Betrag. Das war nicht irgendwann im Jahre Krötenschleim und Besensalbe, sondern in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts.

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