schmollfisch liest
Gerade habe ich zum zweiten Mal "Die Poeten der Nacht" von Barry McCrea gelesen. (Das Buch, dem ich mein Romanrätsel entnommen habe.)
Laut Literaturkritik "eine Hommage an James Joyce", weil der Autor sich angeblich große Mühe gegeben hat, reale Orte (Straßen und Kneipen) in Dublin zu schildern; man könnte vermutlich mit dem Buch in der Hand die Schauplätze ablaufen. Man könnte. Ich lasse es lieber bleiben, denn die Kneipenszenen münden meistens in unappetitliche Besäufnisse oder in schwule Erotik. Aber das nur nebenbei.
Niall, der Erzähler, schreibt sich als Literaturstudent mit Stipendium an der Uni in Dublin ein. Bald kommt er in Kontakt mit zwei anderen jungen Leuten, John und Sarah, die nie ohne einen Stapel Bücher das Haus verlassen und überall lesend anzutreffen sind. Dahinter steckt, wie sich bald herausstellt, eine Art Orakel-Kult: John und Sarah verstehen sich als Angehörige eines elitären Zirkels und lesen die Antworten auf alle wichtigen Fragen des täglichen Lebens aus beliebig herausgegriffenen Buchstellen - in der gleichen Art, wie man im Volkstum eine Nadel in die Bibel sticht. Die beiden nehmen Niall, wenn auch widerwillig, in ihren "Kreis" auf.
Sie praktizieren - angeblich als Anhänger einer Sekte namens "Pour Mieux Vivre" - eine völlig neue Art des Lesens, in der Bücher nicht als Sammlung einzelner Geschichten verstanden werden, sondern als Wortdepot, gewissermaßen als intellektuelle Essenz der Menschheitsgeschichte. John zum Beispiel hat den ganzen Ulysses in, wenn ich mich richtig erinnere, sieben Stunden gelesen, Wort für Wort. Wovon das Buch handelt, hat er in der Eile nicht mitbekommen, aber er hat jedenfalls jedes Wort gelesen. Ähnlich absurde Arten des Lesens tauchen immer wieder auf. John, Sarah und Niall zeigen alle Symptome hochgradig infizierter Sektenschüler: Sie verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit, sind nicht mehr in der Lage, normale Gespräche zu führen, weil sie ständig in Büchern blättern müssen (sie gehen nie ohne einen Stapel Bücher aus dem Haus), vernachlässigen sich selbst und ihre häusliche Umgebung. John verliert seinen Arbeitsplatz bei einer Bank, Niall um ein Haar sein Stipendium.
Es versteht sich von Anfang an - schon im Prolog wird es klargestellt -, dass Niall es irgendwie schaffen wird, aus dieser Abwärtsspirale wieder herauszukommen. Doch selbst in der Rückschau, aus der er seine Geschichte erzählt, scheint er den Mechanismus seiner Abhängigkeit nicht zu verstehen. Zumindest in einigen Punkten hat der Leser dabei mehr Durchblick als der Erzähler; zum Beispiel fällt Niall nicht auf, dass die Mailadresse des portugiesischen Sektenführers Luis ein Anagramm seines eigenen Namens ist (an mehreren Stellen des Romans tauchen Anagramme auf, die der Leser selbst klären muss, eine hübsche Aufgabe für langweilige Stunden am Computer). Nie ganz geklärt wird auch die Rolle von Nialls geheimem Führer: eine märchenhafte, vermutlich von Niall imaginierte Figur, ein junger Mann namens Pablo Virgomare, der ihm ganz zu Anfang bei seinem Einzug ins Studentenwohnheim zum ersten Mal begegnet und danach in Abständen immer wieder auftaucht. Virgomare, die Meerjungfrau? Niall sagt über ihn: "Ich musterte ihn immer ganz genau von oben bius unten, voller Zweifel, um mich von seiner Existenz zu überzeugen. Dabei registrierte ich alle Einzelheiten, seine gebräunte Haut, seine grünen Augen, die schicken Klamotten, die kleine Narbe über dem rechten Auge. Das menschliche Zucken seines Fleisches war für mich die Bestätigung seiner Existenz."
Dieser so wirkliche Mensch - mit ausgesprochen erotischer Ausstrahlung, so dürfte es jedenfalls gemeint sein - erscheint bereitwillig überall, wo sich Niall auf die Straße stellt und eine Zeile aus "Oranges and lemons, say the bells of St. Clement's" singt. In einem dem Roman vorangestellten Zitat bezieht sich McCrea ausdrücklich auf George Orwell. In "1984" ist der Kinderreim mit den Londoner Kirchenglocken eine der wenigen bruchstückhaften Erinnerungen, die der Protagonist noch an seine Kindheit hat.
"Poeten der Nacht" steckt voller Anspielungen, Zitate, Kinderlieder, und die Verwirrung eines Menschen, der sich in fast autistischer Weise mit ungeordneten Textbrocken vollstopft, wird meiner Meinung nach sehr anschaulich dargestellt. Ich kann die Amazon-Leserkritiken, die dem Erzähler z.T. Emotionslosigkeit vorwerfen, nicht nachvollziehen.
Wirklich durchsichtig wird Nialls Geschichte wohl erst dann, wenn der Leser - wie er selbst - sich zumindest zeitweise vom äußeren Sinn des Textes löst und statt dessen kreuz und quer nach Wortanspielungen sucht. Niall schreibt am Anfang des Romans einen Beitrag für eine Studentenzeitschrift mit dem Titel "Dem Nebel zugewandt" - ein hübsches Bild für diese Art des Lesens.
Ich sollte wahrscheinlich viel mehr darüber schreiben, was ich gelesen habe. Demnächst in diesem Theater werde ich mich über Albert Sánchez Piñol auslassen. Das tollste Leseerlebnis und die größte Enttäuschung 2009. Ich bezweifle, dass dieses Jahr ein noch größerer Höhenflug und Absturz kommt.
schmollfisch - 5. Jul, 23:39
Der Schmollfisch hat die Ehre und das Vergnügen, in der von
la mamma begonnenen und von
Walküre fortgesetzten Rätselserie das dritte Rätsel stellen zu dürfen. Gegeben wird hiermit der Anfang eines Romans. Welches Romans? Das eben ist das Rätsel.
Die ersten vier Romane, nach denen ich spontan gegriffen habe, waren ungeeignet, weil Ort, Zeit und/oder Hauptperson im ersten Satz genau benannt wurden. Der fünfte Roman hatte einen sehr schönen ersten Satz, aber der steht samt dem ganzen Prolog komplett im Internet. Der sechste Roman ist sogar in eine Google-Liste der schönsten Romananfänge eingegangen. (Wusste gar nicht, dass es so was gibt.)
Ehe ich also die halbe Nacht an dieses Rätsel wende, mache ich Folgendes: Ich kehre zum fünften Buch zurück. Das, dessen Prolog komplett im Internet steht. Ich lasse den zwei Seiten langen Prolog weg und präsentiere den Anfang des ersten Kapitels. Und zwar die ersten zwei Sätze. Der zweite Satz endet mit einem Ortsnamen. Den ersetze ich durch ein Sternchen.
Auf geht's:
Aber am Anfang waren da nur Wörter. Lange Zeit hatte ich gelogen und behauptet, dass Worte "immer" schon "mein Ding" gewesen seien, obwohl ich in Wahrheit nur über die raue Sprache meiner Heimat verfügte, der Vororte südlich von *.
Vielleicht kennt's jemand.
Und zu gewinnen gibt's die Ehre und das Vergnügen, das vierte Rätsel der Serie stellen zu dürfen.
schmollfisch - 30. Jun, 22:42
Mein Mann hat ein Haushaltsbuch. Das Buch hat DIN A 4-Format, ist durchgehend liniert und hat einen schmalen Rand links und rechts auf jeder Seite. Das ist alles.
Auf dem Vorsatzblatt des Buchs steht das folgende:
"Die für den internationalen Markt bestimmten Produkte der Serie O.I. wurden alle mit dem Ziel entwickelt, die Hauptfunktionen zu erfüllen: Schreiben, Ordnen, Organisieren. Das C-System ist mehr als ein Stil, es ist das Ergebnis der Synthese einer gründlichen Badarfsanalyse und der Erwartungen der Benutzer, zu denen auch Sie gehören. Die Grenzen öffnen sich, und es besteht ein Bedarf an Organisation und Normierung. O.I. bietet eine logische und innovative Lösung. (...) Die Lineaturen wurden so gestaltet, dass sie höchsten Anforderungen des Schreibens genügen."
Meine Tochter weiß nicht recht, was sie nach dem Abi machen soll. Ich habe jetzt ein neues Berufsbild für sie: Werbepoet.
Es wurmt mich aber doch ein bisschen, dass mein Mann mit dem Kauf dieses Haushaltsbuchs den Globalisierungsgedanken unterstützt.
schmollfisch - 14. Mai, 18:16
Die beiden Männer sind Feinde seit jeher. Der eine lebt unter falschem Namen, so gut es geht; der andere hat Recht und Gesetz auf seiner Seite.
Der erste hat den zweiten zweimal in der Hand und lässt ihn zweimal am Leben, obwohl er sich damit immer wieder aufs Neue der Unsicherheit seiner illegalen Existenz ausliefert.
Man weiß, dass wir einem Menschen, der uns mit Hass verfolgt, nichts Schlimmeres antun können als etwas Gutes.
Am Ende sind die Rollen vertauscht. Der Polizist richtet die Waffe auf den ehemaligen Sträfling. Jetzt endlich kann er sich rächen für die erlittenen Demütigungen, und er kann es sogar unter dem Schutz des Gesetzes tun.
Er tut es nicht. Er nimmt dem Sträfling die Fesseln ab, schubst ihm von sich weg, legt sich selbst die Fesseln an (es sind Handschellen) und stürzt sich rückwärts in den Fluss.
Warum tut er das?
Ich habe das entsprechende Kapitel in "Les Misérables" eben noch einmal nachgelesen und glaube, er tut es, weil er sich in einem simplen Dilemma befindet: Ausliefern kann er den Sträfling nicht, der ihm nur Gutes erwiesen hat. Laufen lassen kann er ihn aber auch nicht, da er damit seine Existenz als obrigkeitsgehorsamer Polizist vernichtet. (Damit ist nicht Angst vor Degradierung und Strafe gemeint, sondern die Zerstörung eines Weltbildes.)
Der Film, den ich vorhin gesehen habe - darin kommt die Szene mit dem Fluss vor; im Buch läuft der Selbstmord Javerts etwas anders ab -, erlaubt noch eine andere Deutung, eine mehr psychologische, und ich habe selten einen so unglaublich gelungenen Kunstgriff im Film gesehen. Wie im Buch hat sich Valjean eine Weile entfernt; Javert hat Zeit zum Nachdenken. Valjean hat ihn mindestens zweimal tief gedemütigt. Selbst als Javert ihm die Pistole an den Kopf hält, reagiert er kaum; er äußert keinen Hass, keine instinktive Abwehr. "Ich hasse Sie nicht. Ich empfinde nichts."
Javert, der einen großen Teil seines Lebens der Jagd nach Valjean gewidmet hat - man sieht ihn nie etwas anderes tun als Verbrecher jagen und vorneweg den verhassten ehemaligen Sträfling -, steht vor einer psychologischen Zwickmühle, die viel schlimmer ist als bloß der Gewissenskonflikt zwischen Menschlichkeit und Beamtenpflicht. Er kommt Valjean rein menschlich nicht bei. Der Mensch Valjean bleibt ungerührt derselbe, egal, was Javert tut. Er reagiert überhaupt nicht auf Javert. Valjean ist so eingekapselt in seine Menschlichkeit, dass Javert nicht zu ihm durchdringt. Selbst, als Javert am Seineufer die Waffe auf ihn richtet, sind die beiden nicht wirklich beieinander; Valjean könnte am anderen Ende der Welt sein.
Er kann sehr gut ohne Javert auskommen. Aber Javert nicht ohne ihn.
Wahrscheinlich ist der Film ein uralter Hut, aber ich kannte ihn bisher nicht und bin überzeugt, besser kann man eine solche Szene nicht gestalten.
Übrigens gibt es einen sehr interessanten Ausspruch von Valjean, von dem ich nicht sicher bin, ob er auch im Buch vorkommt. Er sagt sinngemäß zu Javert: "Ich soll Sie bestrafen. Dann nehmen Sie meine Verzeihung als Strafe an."
Und nun werde ich mir das Buch noch einmal vornehmen.
Sobald ich mit meinem Krimi fertig bin.
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"Les Misérables", Regie: Bille August, 1997.
schmollfisch - 14. Mrz, 00:09
Aus "Germinal" von Emile Zola, ein DSDS für Finken:
"Fünfzehn Nagelschmiede aus den Werkstätten in Marchiennes hatten der Aufforderung entsprochen und waren, jeder mit einem Dutzend Vogelbauer, eingetroffen. Die kleinen verhangenen Käfige mit ihren unbeweglich dahockenden, geblendeten Finken hingen bereits im Hof der Schenke an einem Bretterzaun. Es handelte sich darum, festzustellen, welcher von den Finken im Verlauf einer Stunde seinen Triller am häufigsten wiederholen würde. (...) Die Finken hatten angefangen, die einen tiefer, die anderen höher, zunächst noch schüchtern und selten einen Triller wagend. Doch dann feuerten sie einander an, sangen schneller und wurden schließlich von einem so wütenden Wetteifer fortgerissen, daß man einige von ihnen tot umfallen sah. Die Nagelschmiede trieben sie heftig an, schrien ihnen auf wallonisch zu, sie sollten weitersingen und immer und immer noch ein Stückchen, während die Zuschauer, etwa hundert an der Zahl, inmitten dieser Höllenmusik von hundertachtzig Finken, die alle durcheinander immer dasselbe wiederholten, in stummer Leidenschaft dastanden. Einer von den höher singenden Finken gewann den ersten Preis, eine Kaffeekanne aus Blech."
Ja.
Die Übersetzung stammt von Johannes Schlaf; die Suhrkamp-Übersetzung von Armin Schwarz, die mir auch vorliegt, berichtet von einer blechernen Kaffeemaschine, was natürlich längst nicht so gut kommt. Das Original kenne ich leider nicht.
Wie eigenartig groß der Spielraum bei Übersetzungen ist, belegt übrigens der zweite Satz dieses Abschnittes: Armin Schwarz verschweigt, dass die Finken geblendet waren; nach seiner Interpretation sitzen sie nur unbeweglich da. Welche Übersetzung korrekt ist, weiß ich leider nicht. Irgendwo im Keller liegt das Original. Irgendwann schaue ich nach. Aber ist dieser Absatz nicht ein Hammer? Blech!
Die Verfilmung von Germinal war übrigens kürzlich im Fernsehen, ich habe es mir kopiert: Gérard Depardieu als hungernder Bergmann kommt etwas komisch, wenn er mit zehn Kilo Übergewicht nach Brot schreit; aber Depardieu kann irgendwie alles; man kauft es ihm ab. Ich habe den Film vor zehn Jahren im Kino gesehen und mich wahnsinnig aufgeregt, weil in der Sitzreihe vor mir ein Idiot von der ersten bis zur letzten Minute dieses sehr tragischen Films wie blöd lachte. Vielleicht war es damals, dass ich beschloss, dass Kino nichts für mich ist. Seitdem gehe ich höchstens einmal im Jahr ins Kino. Drei Jahre waren belegt mit dem Herrn der Ringe, vorletztes Jahr war ich in "Le Veuve de St.Pierre" und, ach ja, in der Neuverfilmung der "Stepford Wives" im Originalton (Englischkursempfehlung für meine Tochter - trotzdem doofer Film), letztes Jahr war ich möglicherweise in garnix und dieses Jahr muss es auch nicht unbedingt sein.
schmollfisch - 16. Jan, 00:00
Beim Durchblättern des Jokers-Katalogs stieß ich auf einen Krimi, dessen Titel ich wieder vergessen habe. Es ging darin um einen Wissenschaftler, der ein schlimmes Drama durchlebt: Seine Tochter wird ermordet. Der Täter wird nie gefasst. "Durch Zufall" gelangt der Wissenschaftler in den Besitz von DNA-Material des Mörders (Zufall ist in diesem Fall vermutlich ein Euphemismus dafür, dass er die Polizei beklaut). Und was tut der Wissenschaftler? Ganz klar: Er klont den Mörder. Dann muss er nur noch ein paar Jahre abwarten, um zu wissen, wie der Gesuchte aussieht.
Ich suche ja keinen Mörder, aber es wäre sicher interessant herauszufinden, wie der eine oder andere längst verstorbene Prominente ausgesehen haben mag. Von Goethe und Beethoven weiß man es ja so halbwegs, aber was ist zum Beispiel mit Mozart? In dem bekannten Amadeus-Film äußert er beim Aufprobieren von Perücken, er hätte am liebsten drei Köpfe, weil die Wahl so schwer sei. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Mozart tatsächlich drei Köpfe hatte, so verschieden wie die überlieferten Porträts aussehen. (Im ebenfalls längst entschlafenen Apollopark gab es eine "Vitrine für gewagte Thesen", die mir besonders gefiel. Da stand zum Beispiel drin, dass alle Busfahrer einen Schnauzbart haben und der Tod montags einen freien Tag hat. Ich habe die Theorie vom dreiköpfigen Mozart beigesteuert.)
Dass es von Mozart kein gesichertes DNA-Material gibt, könnte das kleinste Problem sein. (Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem Wissenschaftler anhand von Reliquien Heilige klonten. Darunter war auch einer, der auf dem Laborhof umherwankte und Aramäisch sprach. Der Richtige entlarvt sich selbst.)
Aber es geht ja auch nicht nur ums Aussehen, nicht wahr, sondern vor allem um das Genie. Gelänge tatsächlich ein Klon von Mozart, kämen wir endlich in den Genuss all der ungeschriebenen Werke, die Mozart nebenher komponiert, aber aus Zeitmangel oder Unlust nicht notiert hat. Vielleicht fallen ihm sogar noch ein paar zusätzliche ein. Das war aber eine Idee meiner Tochter. Ich wendete dagegen ein, dass ein in unserer Zeit lebendes Mozart-Klon bestimmt nicht in frühester Jugend zu komponieren anfinge. Wolferl der Zweite würde Gameboy spielen, die Teenagerjahre zwischen Disco, Sonnenbank und Fitness-Studio aufteilen und keine Note schreiben.
"Mozart wurde von seinem Vater zum Musizieren gezwungen!", resümierte ich. "Das geht heute gar nicht mehr!" (Das Gleiche gilt übrigens auch für Paganini, von dem es so viele unterschiedliche Porträts gibt, dass er mindestens acht Köpfe gehabt haben muss. Und der ist noch NACH seinem Tod so oft umgezogen**, dass es völlig aussichtslos wäre, an gesicherte DNA kommen zu wollen!)
"Wir müssten für ein Mozart-Klon ähnliche Bedingungen schaffen, wie sie damals herrschten!", meinte meine Tochter. "Wie in der Truman-Show!" Das heißt, wir schaffen unserem Wolferl dem Zweiten eine virtuelle Realität, in der er Kniehosen und gepuderte Haarbeutel trägt und schon in zartester Kindheit über sämtliche Fürstenhöfe zum Vorspielen geschleift wird. Der Wissenschaft zuliebe schaffen wir noch eine Vergleichsidentität, die völlig normal aufwächst, nämlich mit Gameboy, Disco, LAN-Partys und "Deutschland sucht den Superstar". Wird einer von ihnen Genie zeigen, und wenn ja, welches und warum keiner von beiden? Und nebenher, was ist mit der von namhaften Mozartforschern ins Reich der Fabel verwiesenen Behauptung, Mozart habe Beethoven vorspielen gehört und den Kleinen auf die Stirn geküsst? Könnte das vielleicht doch stimmen? Ein Beethoven-Klon zum Nachprüfen wäre ja schnell gemacht.
Fragen über Fragen. Wer schreibt den Mozart-Wissenschaftskrimi?
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** Nachträgelchen: Dem sehr gläubigen Paganini wurde nach seinem Tod die Beisetzung auf einem geweihten Friedhof verweigert, weil er mit dem Teufel im Bund gewesen sei. Sein Sarg wurde jahrelang immer wieder umgesetzt, bis er endlich ordentlich bestattet werden konnte. Wie ein moderner Biograph schreibt, musste sein Sohn erst alles Geld, das sein Vater mithilfe des Teufels verdient hatte, der Kirche auszahlen - ein immenser Betrag. Das war nicht irgendwann im Jahre Krötenschleim und Besensalbe, sondern in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts.
schmollfisch - 27. Nov, 23:59
... über etwas, was ich selbst geschrieben habe.
Zum Beispiel gerade eben dies:
"Monsieur Aubrière war am Ende seines Lateins. Das war nicht mehr die Frau, der er Treue angelobt hatte, in guten wie in schlechten Tagen, sogar wenn die Auffassungen, was gut oder schlecht sei, entschieden divergierten und am Ende jedenfalls ein dezidiertes Suboptimum herauskam."
Hach, die alten Lateiner. Monsieur Aubriére soll leben. (Ich weiß noch genau, wie er mich vor zwei Jahren aus einem auktorialen Tief zurrte.)
Schallend gelacht habe ich auch über die HP von
Johannes Kreidler. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin; es ging wohl um die Etymologie des Ausdrucks "wie ein Schlosshund heulen". Ja, wie heult eigentlich ein Schlosshund? Heult der schlimmer als ein Reihenhaushund? Johannes Kreidler, ein erfolgreicher Komponist und Tonkünstler, fragt nach und weiß Bescheid. Zum Beispiel, wie sich eigentlich Karnickel vermehren (wie dingens! - man kann ja schlecht pauschal behaupten "wie Karnickel"), wie Schlosshunde heulen und wie der gestern gefallene Schnee tatsächlich aussieht (jetzt bitte nicht antworten: "Wie Schnee von gestern!"). Überhaupt geht Herr Kreidler den Dingen auf den Grund. Und findet beiläufig mancherlei Variationen des bekannten Satzes: "Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen ..." - "Wenn hinter Griechen Griechen kriechen" kommt schon ulkig, bei "Wenn hinter Rochen Rochen Rochen rochen rochen Rochen Rochen" lag ich vollends unterm Tisch. Ich hab auch noch was beizusteuern: "Wenn hinter Iren Iren irren, irren Iren Iren hinterher." Irrtümer pflanzen sich bekanntlich fort. Wie eine ew'ge Krankheit. Und wer ertrug der Zeiten Spott und Geißel, des Rechtes Aufschub, den Übermut der Ämter, und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist, wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte ...
Da muss ich an meine Steuererklärung denken. Auch so ein poetisches Werk, das noch geschrieben sein will. Mein Seel, ich weiß nicht zu räsonieren. Aber schallend drüber lachen tut gut.
Edwin Booth als Hamlet, Quelle: Wikipedia
schmollfisch - 15. Sep, 00:06
Bei uns im Hausflur hängt eine Landkarte. (Sie zeigt nur Europa, aber möglicherweise müssen wir demnächst auf Globusformat vergrößern). In der Landkarte stecken unzählige kleine gelbe Fähnchen. Nicht so wie bei der Polizei, wo man markiert, wo der Serienmörder seine sieben Leichen verteilt hat - die Rede ist von mindestens
siebenhundert Fähnchen.
Jedes Jahr kommen mindestens dreißig dazu.
Manchmal fragen mich Besucher, was diese Fähnchen bedeuten.
Dann antworte ich: "Das sind die Plätze, an denen wir uns unmöglich gemacht haben."
Bisher haben wir immerhin darauf geachtet, das Umfeld unseres Heimatortes einigermaßen frei von gelben Fähnchen zu halten. In San Gimignano, Ajaccio, Perpignan und Girona kennt uns ja eh keiner, da heißt es höchstens: "Wieder mal Deutsche."
Bis letzte Woche! Da habe ich mitten durch meinen Wohnort ein Fähnchen bohren müssen!
Es fing damit an, dass der Klorollenhalter in unserem Badezimmer kaputt ging. Ich richtete meine Schritte also flugs in Richtung der Firma Blupp & Schwall, Badezimmerausstattungen, da eben jene den bewussten Klorollenhalter eingebaut hatte.
Bei Blupps musste ich ein paar Minuten warten und nahm mir zum Zeitvertreib einen Flugzettel vom Verkaufstresen. Ein ganzer Stapel solcher Zettel lag bereit. Es ging um die Qualität unseres Trinkwassers. Der Flugzettel bestand aus drei aneinander gehefteten Blättern, bedruckt in Times New Roman 18 Punkt, zweifarbig.
Nach dem Lesen einer halben Seite legte ich das Blatt zurück und sagte zu der Empfangsdame am Tresen: "Wer das geschrieben hat, steht wohl mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß!"
Sie lächelte ein wenig schief, sagte aber nichts. Hinterher machte ich mir Gedanken, ob sie dieses Memorandum vielleicht selbst geschrieben hatte - man weiß ja nie. Dann war ich taktlos gewesen. Aber warum eigentlich? Soll sie doch zum Duden greifen und den Zettel noch mal durchgehen, es kann nur besser werden!
Zwei Tage später war ich wieder bei Blupp & Schwall. Diesmal in einer anderen Angelegenheit, aber egal. Jedenfalls habe ich diesmal ein Exemplar des Memos mit nach Hause genommen.
Von Anfang bis Ende durchgelesen.
Und darunter stand: "Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe, rufen Sie uns an 1234/56789 Mit besten Grüßen Günther Blupp."
O weia!
Der Rechtschreibhirni war keineswegs die Dame am Tresen. Es war der Chef persönlich!
Seitdem habe ich mich nicht mehr zu Blupp & Schwall getraut. Statt dessen habe ich ein Fähnchen gesteckt. Dorthin, wo das Firmengelände liegt. Praktisch bei mir um die Ecke.
Ein wenig habe ich aber dann über die Sache nachgedacht. Nur ein klein wenig. Ungefähr pausenlos bis heute. So etwa: Muss ich mich jetzt etwa schämen, weil ich darauf hingewiesen habe, dass das Memo voller Fehler steckt? Will Herr Günther Blupp denn nun Kunden oder will er keine? Den Lesern wird ja angst und bange, wenn sie solches Zeug lesen müssen. Wie komm ich denn dazu, mich zu schämen, weil ich die Fehler sehe? Es ist keine Schande, die Rechtschreibung nicht zu beherrschen. Aber wenn man keine Ahnung davon hat, dann schreibt man so ein Memo nicht selbst, sondern nimmt sich jemanden, der wenigstens ungefähr weiß, wie es geht. Schließlich klebe ich meine Klopapierrolle auch nicht mit Spucke an die Wand, sondern lasse mir vom Fachmann einen Halter anbringen, zum Beispiel von Blupp & Schwall. Und so weiter und so weiter. (Ich verwandelte mich schrittweise in eine Figur bei Paul Watzlawick.)
Bis heute.
Da kam ich nämlich auf die Idee, mit dem charakteristischen Satz "Mir viel folgende Aussage auf" auf Googlereise zu gehen. Weit ging die Reise nicht. Es gab nur einen Treffer.
Günther Blupp ist entlastet. Oder sagen wir mal: Er ist bloß Nachfolgetäter und hat das fragliche Memo Wort für Wort von der Website des Haupttäters abkopiert.
Warum allerdings jemand, der ein echtes Anliegen hat, und sei es auch bloß das, dass er Wasserreinigungssysteme verkaufen will - warum so jemand sich nicht die Mühe macht, eine der deutschen Rechtschreibung halbwegs mächtige Person für eine Stunde Arbeit zu bezahlen (länger würde es nicht dauern, dieses mühsame Neusprech in eine lesbare Sprache zu übersetzen), das mag Paul Watzlawick wissen.

schmollfisch - 4. Sep, 15:32
Paul liebt seine Mutter über alles. Keiner seiner Schulfreunde kann sich rühmen, eine Mutter zu haben, die ein heruntergekommenes Holzhaus gekauft und ganz allein frisch gestrichen, renoviert und möbliert hat, dazu rundherum einen Garten angelegt, der seinesgleichen sucht ... (und dabei verdient sie auch noch ihren Lebensunterhalt selbst, hat sogar ein eigenes Geschäft). Voll Stolz zeigt sie ihm eines Abends, kurz vor den Schulferien, eine Gartenecke, wo sie eine seltene Orchideenart angesät hat, die Gymnadenia. Über die Ferien geht Paul allein auf Wanderschaft, gemeinsam mit einem Freund ist er drei Wochen unterwegs. Die Gymnadenia wird unterdessen in seiner Phantasie zu einer Wunderblume; er erwartet, die Gartenecke zu exotischer Pracht verwandelt zu sehen. Bei seiner Rückkehr findet er die Blütenzweige der Gymnadenia in seinem Zimmer, von der Mutter in eine Vase gestellt. Es sind winzige weiße Blümchen, die kaum mehr hermachen als Maßliebchen ...
Nichts ist so groß, wie es scheint. Auch seine Mutter nicht, wird ihm später klar.
Als Erwachsener beurteilt Paul seine Familienverhältnisse (die Eltern wurden geschieden, als er noch ganz klein war) gelassener, sieht auch die neue Stiefmutter etwas weniger streng an, wie er sich überhaupt selten herbeilässt, über Mitmenschen Urteile zu fällen. Gesellschaftliche Dummheiten quittiert er mit Ironie, irgendwelche guten Ratschläge nimmt er sowieso nicht an, es sei denn von seiner Mutter, und auch die sieht er mit der Zeit mit etwas mehr Distanz an. Dann nämlich, als er beginnt, sich zum Entsetzen seiner Familie dem katholischen Glauben zuzuwenden: Niemand, dessen ist er sicher, weiß irgendetwas über ihn; niemand kann ihm sagen, was er tun soll, was er anfangen soll mit seinem Leben. Schon gar nicht jemand, der ihm nicht mehr voraushat als ein paar Semester Theologiestudium. Von einem evangelischen Priester nimmt er folglich keine Ratschläge an. Auf wen soll er hören? Nur auf Weisheit, die von direkt von Gott kommt. Sein Weg führt unaufhaltsam und logisch in die katholische Kirche zu den geweihten Priestern.
Doch der Weg bis dahin ist lang. Pauls erste Freundin lässt ihn sitzen, als er dienstreisehalber ein paar Monate weg muss. Bei seiner Rückkehr ist auch sie weg - nicht mal eine verständliche Erklärung findet er. Ein paar Jahre später findet er sich verlobt mit einer Achtzehnjährigen mit Spatzenhirn. Vermutlich ist einer ein geborener Fisch; er wehrt sich nicht, kommt sich vor wie in einem Theaterstück, spielt seine Rolle in dem festen Glauben, es werde sich schon irgendwie einrenken. Nichts renkt sich ein und im Nu ist Paul mit einer Frau verheiratet, die das geistige Niveau einer Nachmittagstalkshow mitbringt. Er arrangiert sich, macht Dienstreisen (inzwischen ist er selbständiger Unternehmer), fühlt sich am wohlsten, wenn er von zu Hause weg ist, lässt im übrigen seiner Frau ihren Willen. Bezeichnend, wie sie beide Paris besuchen: Sie mag nirgends hingehen, wo keine Läden sind; die beiden kommen nicht mal in Notre-Dame. Bezeichnend aber auch, wie Paul alles um sich herum - die platterdings unerträgliche Ehefrau, mit der er immerhin zwei wohlgeratene Kinder hat, die nicht weniger unerträgliche Schwester, die angepinselte Stiefmutter, die entsetzlich bornierte Frau seines Geschäftspartners, den jüngeren Bruder, der Pianist werden will, und überhaupt all das erträgt. Keiner ist darunter, der ihm irgendetwas sagen kann, was sein Leben verbessern könnte; mit keinem kann er auch nur reden. Es gibt überhaupt keine Autorität, kein Besserwissen. Das gibt es nur bei Gott, damit muss er sich abfinden. Und so wird Paul Katholik. Nach und nach, und irgendwann konvertiert er.
Was Pauls Geschichte außergewöhnlich macht, so außergewöhnlich, dass ich eine Woche lang nur Paul war, Paul lebte und Paul atmete - das ist die Distanz, in die mich jene unsichtbare Person zwingt, die mir seine Geschichte erzählt. Letztlich scheint ihn nichts, was um ihn herum oder ihm selbst passiert, etwas anzugehen. Selbst als seine Frau, von er er sich wegen seines Glaubens nicht scheiden lassen kann, ihm tränenreich das Kind eines anderen Mannes unterschiebt - zu allem Übel ein geistesschwaches und körperbehindertes Kind -, nimmt er alles entgegen, wie es kommt. Er duldet keine Einmischung und verurteilt niemanden. Ein wahrer Christ. (Seine entsetzlichsten Momente sind die, als ihm seine reuemütige Frau auf den Knien versichert, er sei ein wahrer Christ!)
Doch!! - da ist ein Leitmotiv, das immer wieder auftaucht - die Randbemerkung "Die Ärmste". Seine erste Braut, die es nie verstanden hat, sich richtig anzuziehen - Jahre später begegnet er ihr wieder und vermerkt als erstes, dass sie noch immer weiße Schuhe trägt, die die Größe ihrer Füße unvorteilhaft betonen. Die Ärmste, noch immer kann sie sich nicht anziehen. Seine Schwägerin, die einst eine gefeierte Sängerin war (oder sich einbildete, eine solche zu sein) und immerfort erzählt, welche Karriere sie ihrer Ehe opferte - die Ärmste. Die Schwester, die den falschen Mann geheiratet hat, die Stiefmutter, die immer die gleichen weißen Perlstecker in ihren dicken Ohrläppchen trägt (sogar das bemerkt er!) - die Ärmste!
Paul ist durch und durch durchsetzt mit der schlimmsten aller Todsünden, dem Hochmut. Kniend unterwirft er sich der göttlichen Allmacht; er schluckt alles, wie es kommt - aber das Stichwort "die Ärmste" durchzieht seine sämtlichen Kontakte zur Außenwelt. Die Erzählerin, die ihn schildert, war ihr das bewusst? Hat sie die Litanei seiner Ärmsten absichtlich so eingesetzt? Oder ist dieses Stichwort ein Bug, mit dem sie nicht nur ihren Helden, sondern auch sich selbst bloßstellt ...?
Und ich mustere besorgt meine eigenen schriftstellerischen Ergüsse. Was verraten sie über mich?
Wikipedia behauptet, die norwegische Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset würde heute in Deutschland kaum noch gelesen. Ich halte dagegen und empfehle nicht nur ihren Mittelalter-Roman "Kristin Lavranstochter" (kenne ich seit meiner Studentenzeit, einer der ganz wenigen historischen Romane die mir wirklich gefallen haben), sondern auch und vor allem "Gymnadenia" und "Der brennende Busch", die Romane um Paul. Gymnadenia beginnt kurz vor der Jahrhundertwende - der vorletzten, nicht der letzten -; der zweite Band endet zwischen den beiden Kriegen. Vermutlich bekommt man die Bücher nur noch antiquarisch. Ich habe sie, in schöner Lederbindung, vom Speicher meiner Eltern gerettet, ehe das Haus verkauft wurde, und war eine Woche lang nur Paul.
schmollfisch - 27. Aug, 23:43
"Jeder weiß, was in Zimmer 101 ist. Was einen dort erwartet, ist das Schlimmste auf der Welt." (George Orwell, "1984")
Inspector Jefe (Chefinspektor) Falcon hat einen Toten vor sich, der sich gleichsam selbst ermordet hat, ohne es zu wollen. Die Leiche ist an einen Stuhl gefesselt, den Kopf in Richtung auf den Fernseher am Stuhl festgezurrt. Man hat den Mann offensichtlich gezwungen, sich etwas anzusehen, was er nicht wollte: er hat sich mit aller Kraft gegen die Fesseln gestemmt. Vergeblich. Sogar die Augenlider sind weggeschnitten. Gestorben ist er an Anstrengung und Angst.
"Der Blinde von Sevilla" von Robert Wilson ist mein zweiter Krimi, der Sevilla während der Karwoche (mit den Marienprozessionen und anschließender Feria) zum Schauplatz hat; der erste war "Semana Santa" von David Hewson. Beide Autoren sind keine Spanier, sondern Spanien-Journalisten. Für Hewson sind die Sevillaner während der Semana Santa entweder betrunken oder fanatisch oder beides. Für Wilson ist Sevilla, auch und gerade in der Karwoche, die fröhlichste Stadt Spaniens; und Inspector Jefe Javier Falcon, der zuvor in Madrid und Barcelona ermittelt hat, ist irgendwie viel zu ernst für Sevilla.
Es gibt mehr und mehr Tote, ein guter Freund Falcons, ein aufstrebender Torero, wird in der Arena vom Stier aufgespießt; Falcons eigene Familiengeschichte, die irgendwie in die Ermittlung involviert ist, eröffnet immer neue grausige Ausblicke. Falcon strampelt seinen Stress auf dem Heimtrainer weg oder geht nachts joggen. Ich will nicht auf den Krimiplot selbst eingehen; am Ende jedenfalls befindet sich Falcon selbst, wie das erste Opfer, in der Situation, dem - für ihn - Schlimmsten auf der Welt ins Auge sehen zu müssen.
Was ich erzählen will, ist das Ende, denn es ist einfach wunderschön:
Falcon lebt allein - sein Vater, ein Modemaler, hat ihm ein Riesenhaus in Sevilla hinterlassen. Für seine, also Falcons tägliche Bedürfnisse sorgt eine Haushälterin namens Encarnacion (zu deutsch die Inkarnation oder Fleischwerdung, klingt komisch, ist aber ein gängiger spanischer Frauenname). Falcon weiß von Encarnacion nur, dass sie jenseits der Fünfzig ist, sein Haus in Ordnung hält und ihm eine warmgestellte Mahlzeit hinterlässt; er bekommt sie nie zu Gesicht. Gegen Ende des Romans aber, als er völlig niedergeschmettert vom Ergebnis seiner Ermittlung und der Begegnung mit dem Mörder, durch die die Innenstadt wankt, tritt im aus aus einer Bodega plötzlich eben diese Encarnacion gegenüber. Ach, Senor Falcon, wie schön, dass wir uns hier begegnen, tanzen Sie eine Sevillana mit mir! Er folgt ihr, nicht zur Gegenwehr fähig. Und mit den ersten Takten der Sevillana (meine Tochter tanzt Sevillanas, von daher weiß ich, dass die ersten Takte nicht getanzt werden, sondern stehend voll Vorfreude mitgeklatscht) verwandelt sich diese kleine dicke Frau von weit über fünfzig in eine verführerische, stolze spanische Schönheit, und Falcon tanzt mit ihr die Sevillana. Plötzlich ist alles Hier und Jetzt: Endlich ist Falcon nicht mehr zu ernst für Sevilla.
Allein um dieses Ende lohnt sich das ganze Buch.
(Aber Vorsicht: Es ist grausig.)
schmollfisch - 6. Aug, 00:40