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on tour

Donnerstag, 30. April 2009

Noch was aus dem Grünen

Maigh III

Die Farbmarkierungen an den Schafen sind Gegenstand endloser Spekulationen. Die naheliegendste Vermutung ist, dass der Bauer daran seine Schafe wiedererkennt, denn meistens sind die Herden nicht eingezäunt; das irische Schaf lässt sich mit Zäunen ohnehin nicht bändigen und geht am liebsten mitten auf der Straße spazieren. In Wirklichkeit ist es ohne Bedeutung, ob der Bauer seine Schafe erkennt oder nicht, weil der Hund die Kontrolle über die Herde ausübt, und Hunde sind bekanntlich farbenblind. Der Schäfer steht in Gummistiefeln auf der Straße und ruft "he" oder "hay", in Gaeltacht-Gebieten "hai" oder "haigh", während der Hund, meistens ein schwarzes Exemplar mit Knickohren und intelligentem Gesichtsausdruck, die Schafe zusammenführt und über die Straße verlegt. Ist ein längerer Marsch geplant, kehrt der Hund zu seinem Besitzer zurück und geht neben ihm her, auf der Seite, die der Straße zugekehrt ist (um ihn vor vorbeifahrenden Autos zu schützen), während die Schafe völlig ungehemmt, oft im Zickzack, kreuz und quer über die Fahrbahn wandern.
Zurück zu den Farbmarkierungen. Sie sind meistens in leuchtenden Farben - pink, türkis, lila, manchmal zweifarbig - am Nacken, Rücken oder Hinterteil des Schafs angebracht. Der Bauer geht hin und wieder mit Farbeimer und Pinsel auf die Weide und frischt die Farbe auf. Manche Schäfer setzen ihren Ehrgeiz in idividuelle Pinselführung und malen ihren Schafen Nummern oder an TicTacToe erinnernde Embleme auf. Ich habe schon die Vermutung gehört, dass die Markierung dazu dient, festzuhalten, welche Schafe einer Wurmkur oder Impfung unterzogen wurden und welche nicht. Andere Irlandreisende schlagen die Deutung vor, dass der Autofahrer an der Markierungsrichtung ablesen könne, ob er links oder rechts an dem Schaf vorbeifahren soll. Die abenteuerlichste Vermutung fand ich in einem Forum, in dem es eigentlich um Färö-Schafe ging: Der Bock bekommt ein mit Farbe getränktes Kissen umgeschnallt; an den Abdrücken erkennt der Schäfer, welche Schafdamen er schon beglückt hat. Sollte das richtig sein, wirft es ein äußerst schlechtes Licht auf irische Böcke, denn ich habe schon ganz kleine Lämmer mit Farbpunkten gesehen. Sollte Zampano pädophil sein? (Und nebenbei schwul, da er selbst auch eine Markierung am Hintern hat?) (Und höchst nebenbei, wie schafft Zampano es, den Schafen Nummern oder TicTacToe-Embleme aufzurubbeln?)





Maigh IV
Eine Freundin aus dem Spinnforum hat ein irisches Vlies gekauft und selbst gewaschen und gekämmt, um sich daraus Wolle für einen Aranpullover zu spinnen. Die Farbmarkierung trotzte jeder Waschlauge; selbst nach zweitägigem Einweichen hatte sich die Faser zwar vom gelben Fett, nicht jedoch von der türkisen Farbe getrennt. Schließlich hat meine Freundin die entsprechende Partie separiert und ein paar türkisfarbene Socken gestrickt.
In den Woollen Mills-Filialen von Foxford, Galway und Glendalough hängen massenhaft weiße Aranpullover, aber kein einziger davon hat pinkfarbene oder lila Flecken. Die Socken und Mützen dagegen sind oft bunt. Wahrscheinlich folgt man dort dem gleichen Prinzip wie meine Spinnfreundin. Oder man verwendet die irischen Vliese als Dämmstoff in den Hausdächern; und Shelagh, Brigid und Eileann stricken ihre Aranpullover aus Neuseelandwolle. Warum sollte die Globalisierung vor dem keltischen Tiger haltmachen.
Wie sich die irischen Schafe dazu stellen, weiß ich nicht. In Glennkill waren die Schafe äußerst frustriert, nachdem sich Schäfer George einen Norwegerpullover hatte schicken lassen.

Dienstag, 28. April 2009

Aus dem Grünen

Maigh I

Schafe haben in Irland keine offizielle Amtssprache. Die meisten sprechen zunächst Deutsch und verständigen sich mit hellem "mäh". Mit zunehmendem Alter wechseln sie zum Englischen und singen ein kräftiges "baaaah"; gleichzeitig verändert sich die Stimmlage vom Sopran zum Tenor. Nach dem Stimmbruch in die Baritonlage wird aus dem Fühlungsruf ein vornehm französisches "beu", oder das Schaf retardiert zum Chav und gibt ein prolliges "böööööh" von sich. Ältere Böcke und alleinerziehende Schafdamen verständigen sich mit einem Laut, für den es weder im Englischen, noch im Französischen eine adäquate Buchstabenfolge gibt; das voll ausgewachsene Schaf beherrscht nur noch den deutschen Vokal Ö. In Gaeltacht-Gebieten ist oft "baigh" oder "maigh" zu hören; aber auch das Gälische wird offenbar im Zuge des Erwachsenwerdens verlernt.




Maigh II

Der Herr von Connemara ist ungefähr einen Meter hoch, hat ein schwarzes Gesicht und Hörner wie ein Höllenfürst. Gehörte er mir, würde ich ihn Zampano oder Beelzebub nennen. Er bewacht die Straße zwischen Anb Teach Dóite und Sraith Salach. Mal steht er an der linken Straßenseite, mal an der rechten, leicht zu erkennen an dem prachtvoll gedrehten Gehörn. Sein Kumpel, ähnlich groß und schwer, hat erheblich kürzere Hörner - sind sind abgesägt. Wahrscheinlich hätten sie sich sonst in den Kopf zurückgedreht.
Keine Staus, keine Polizeikontrollen, keine Blitzkästen, soweit das Auge reicht. Nur Zampano, der stolz das blaumarkierte Hinterteil zeigt, sobald sich eine Kamera auf ihn richtet. Meine erste Annahme, dass er sich nur zum Posieren am Straßenrand aufhält, stimmt jedenfalls nicht.

Dienstag, 5. August 2008

Nizza, im Winter gedacht

Wieder in der russischen Kathedrale. Wir suchen eine Ansichtskarte aus mit drei Popen, die in der Eingangstür stehen. Alles, Popen, Sträucher, Bäume, Zwiebeltürme mit Schnee bedeckt, dicke Schneeflocken in der Luft: Das ist die Kathedrale St. Nicolas in Nizza.
Der Schnee sieht gefaked aus; ich bitte meine frankophile Tochter, den Torwärter zu fragen, ob es hier tatsächlich je geschneit habe. Die Antwort, in beleidigtem Ton: "Hier schneit es jedes Jahr!"
Seit meiner Rückkehr sitze ich hier und google mit den Suchwörtern Nizza und Schnee. Nichts. Es könnte immerhin sein, dass es nur auf diese ganz bestimmte Kathedrale schneit. Die Vorstellung gefällt mir. Jeden Winter bekomme die Kathedrale St. Nicolas einen weißen Schopf auf ihren Zwiebelturm. Auf die Rasenflächen ringsum, die Kapelle linkerhand, wo der Thronfolger Nicolaj Alexandrowitsch begraben liegt. Auf seine Ikone, die in der Kirche zu besichtigen ist, mit roten Tropfen übersät: Alles, alles bedeckt jeden Winter eine sanfte Schicht von watteweißem Schnee, während der Rest der Stadt, die Touristen je nach Portemonnaie vornehm gestylt oder rucksackbepackt, allenfalls eine schwachbrüstige Dezemberkühle genießt. Das Bild einer nachsommerlich ausgelaugten Stadt mit einer einzigen verschneiten Kathedrale bleibt hängen, während ich hineingehe, mir eine Grundrisskarte in Deutsch nehme, einen Überblick verschaffe, die Fluchtlinien suche. Aus den Achselhöhlen, an den Rippen herab rieselt der Schweiß, die Schenkel kleben aneinander unter dem dünnen Rock. Ach, Nizza.

Ein herzliches Hallo an alle, die trotz der abrupten Pause noch hier vorbeischauen.

Montag, 7. April 2008

Madeira

Ich bin dem Hund begegnet. Das geschah gute drei Wegstunden außerhalb des letzten bewohnten Orts, auf der Höhe der Levada. Ich war bereits erschöpft vom schmalfüßigen Laufen auf dem Levadamäuerchen, ungesichert über einem dreißig Meter tiefen Abgrund, durch den Nebelfetzen trieben. Meine Hose war schlammbespritzt bis zu den Knien, mein Nacken brannte von der stechenden Sonne. Der Levadeiro, kenntlich an dem zwei Meter langen eisenbeschlagenen Stock, kommt mir leichtfüßig entgegen, in offenem Hemd, mit lächelnder Miene. Ihm folgt mit fünfzehn Meter Abstand der Hund, quälend langsam, mit hängendem Kopf. Er sieht aus wie ein Schäferhund, aber mit blondem Fell. Der Levadeiro strahlt voll Stolz, als ich fragend auf den Hund blicke, macht eine Bemerkung in Portugiesisch und zeigt erst alle zehn, dann sechs gespreizte Finger - sechzehn Jahre alt ist der Hund. Der Hund bleibt vor mir stehen, ohne den Kopf zu heben; er schnuppert nicht einmal an meiner ausgestreckten Hand. Drei Stunden muss er bereits gelaufen sein. Was macht der Mann, wenn ihm der Hund hier, weit oben in den Bergen, auf dem halbmeterbreiten Levadamäuerchen tot oder entkräftet umsinkt? Trägt er ihn auf den Schultern heimwärts? Oder lässt er ihn in den Abgrund fallen? Der Mann lächelt weiter, als ich mich bücke und dem Hund das dicke blonde Brustfell kraule. "Du schaffst das, du schaffst das", flüstere ich dem Hund zu, ohne zu wissen, was eigentlich.

Montag, 17. September 2007

Schilder

In Deutschland haben wir viele, viele Schilder. Bei uns ganz in der Nähe, im Nachbardorf, hat man einen Kreisel gebaut, in den man nur im Tempo 40 hineinfahren darf. Fährt man aus dem Kreisel raus, steht da gleich noch mal ein Schild "40" als Erinnerung. Zehn Meter weiter darf man dann schon 50, belehrt ein weiteres Schild. Weitere zwanzig Meter weiter, wenn man gerade in den nächsten Gang geschaltet hat, mutiert die 50 zur 30. Renitente Autofahrer werden mit Hilfe eines Blitzkastens, der gleich danach folgt, zur Räson gebracht.

In Frankreich hat man weit weniger Schilder, jedenfalls weniger Verkehrsschilder (dafür mehr Reklameschilder, aber das ist ein anderes Thema). Fährt man in einen Kreisel rein, steht an der ersten Ausfahrt etwa ein Schild "Rennes" und an der nächsten ein weiteres mit der Aufschrift "Autres Directions". Manchmal steht überhaupt nur ein einziges Schild da: "Toutes Directions". Irgendwo in der Bretagne, es dürfte um Fougères herum gewesen sein, sah ich auch mal in einem Kreisel zwei Schilder mit den Aufschriften "Toutes Directions" und "Autres Directions".

Na ja. Alles Vorstehende soll ja nur der Einleitung dienen; jetzt kommt die Hauptsache, nämlich dieses Schild, gesehen in Saint-Malo an der Hafenmauer. Gott sei Dank war gerade Ebbe. Aber auch bei Flut dürfte die Gefahr, vor der hier gewarnt wird, eher selten eintreten.



Beachtet mal die locker-unbesorgte Haltung des Surfers. Das ist der wahre Sportsmann.
Rette sich, wer kann.

Montag, 4. Juni 2007

Baumgedanken, die zweite

Die Frage, ob man in diesen Zeiten über Bäume reden darf, wurde mir schon mal gestellt, und gedacht war sie damals als Schreibaufgabe. Im Literaturforum Rhein-Main war das, das leider nur kurze Zeit online war, aber soweit ich mich erinnere, habe ich - ganz gegen meine sonstige Gewohnheit - alle Schreibaufgaben des Webmasters Ulrich D. brav bearbeitet und viel Spaß dabei gehabt, denn es waren wirklich feine Schreibaufgaben.

Diese hier ging leider einen unglücklichen Gang, denn kurz nachdem sie gestellt wurde, hörten wir von den unseligen Madrider Zuganschlägen.





fast ein verbrechen ... 11.3.2004

letztes jahr im märz
sang die nachtigall
an den flussufern
der alhambra
und die mandelbäume
blühten

wir erinnern uns
und schweigen
darüber

die bäume blühen
trotzdem

Montag, 9. April 2007

eigentlich

ich wollte dir erzählen
von granada
den nachtigallen am flussufer

dem wind an tarifas küste
der uns weißen schaum vom atlantik
um die ohren blies
ich wollte erzählen
von den grünen brunnen im wald von bucaco
und den goldenen kacheln
in der kleinen kirche
in almancil

damit du weißt
wo ich
geblieben war

doch dann waren
deine wände so weiß
und dein blick
so stumm

Freitag, 16. Februar 2007

salamanca (farbumschlag IV)

„running over the same old ground ...”
Pink Floyd



der uniplatz von salamanca
ist ein goldfischglas

in den abendstunden
drängen sich schwärme darin

man hat die nase im sektschwenker
und schwätzt
aufsteigende blasen
die nacht hält sich heraus
und schweigt smaragdgrün
ich möchte glauben
an gottes
strahlendes auge

in grün zu
schwarz

Sonntag, 4. Februar 2007

weit gereist

wie viele kilometer
arbeiten wir ab
so weit gereist
der wind
der durch die wipfel atmet
ist der gleiche
der vor tagen
durch mich ging
und kälte trug

mit einem oh
erstirbt er mir
im mund



(für Katrin, 21.7.2006)

Montag, 22. Januar 2007

farbumschlag II

vor zeiten hingen wir
an einem himmelsanker
schwalben waren unsere nachbarn
ihre schreie schnitten
durch unser zeltdach
wir rahmten das blau
mit flinken händen
... so muss es
gewesen sein

gefallen sind wir nicht
nur gesunken
türkis zu
tintenblau





(Dachlandschaft Barcelona, Sommer 2006 - oder wie ich diese Stadt, die ich seit drei Jahren kannte, zu lieben begann ...)

Blubbern als Kunst!

brille

Wort des Monats

Man darf gar nicht darüber nachdenken, was für ein Idiot man ist.
Anand Visvanathan

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