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fischgrund

Freitag, 10. Juli 2009

Abiball

da gehen nixen in taft
mit gebräunten schultern
edelsteine im haar
auf ihren brauen
strahlt das blau
des blitzes nach

ihr leben balanciert
auf stöckeln

tränen tragen sie
im knopfloch
wo blieb die zeit
wo gehn wir hin

mein herz weint
ins korsett

___________________
3.7.2006 und heute

Mittwoch, 27. Mai 2009

Der siebenunddreißigste April

Ich bin Schriftstellerin. Letztes Jahr ist ein Buch von mir erschienen, das »Der siebenunddreißigste April« heißt. Es ist 551 Seiten lang (die erklärenden Anmerkungen am Schluss nicht mitgerechnet), der Maler Goya spielt eine wichtige Rolle und ein sprechender Hund, zwei Morde und ein Kircheneinsturz kommen auch darin vor. Kurz gesagt, es ist wahnsinnig spannend. Trotzdem wollte kein Verlag es drucken, obwohl ich ein schönes Exposé ausgearbeitet hatte und die Lektoren immer sehr freundlich anschrieb. Meistens wurde die Ablehnung damit begründet, dass das Buch nicht ins Verlagsprogramm passe. Das war nur natürlich, denn ich hatte ja ganz bewusst ein Buch geschrieben, das es so oder vergleichbar noch nicht gibt.

Also habe ich das Buch auf eigene Kosten drucken lassen, und zwar in einer Startauflage von 8000 Stück. Gott sei Dank bin ich finanziell gut gestellt. Nachdem ich die Rechnung für den Druck der Startauflage beglichen hatte, blieb mir genug Geld übrig, einen kleinen Laden in meiner Stadt zu mieten. Der Laden ist unterhalb des Doms zu finden, zwischen einer Galerie und einem Weingeschäft. Diese Lage ist sehr günstig, weil die Kunden, die hier vorbeikommen, im allgemeinen zahlungskräftig sind und offen für Neues.

Meine Buchhandlung ist schön und gemütlich eingerichtet mit allem, was dazugehört: Regale an den Wänden, Büchertische in der Mitte, ein Wühltisch für Sonderangebote und hinten eine Sitzecke für Kunden, die in einem Buch ein wenig blättern möchten, ehe sie sich zum Kauf entschließen. Ich biete auch Kaffee oder Tee an, wenn jemand sich dort hinsetzt. Das kommt oft vor, denn meinen Kunden fällt die Wahl, welches Buch sie kaufen sollen, erstaunlich schwer. Die Bücher in meinem Laden sehen alle gleich aus. Auf dem Titelbild ist ein kleiner Hund. Sie sind professionell gemacht in guter Druckqualität; den Inhalt kenne ich gut und kann daher meine Kunden optimal beraten. Bestimmt bin ich die einzige Buchhändlerin in der Stadt, die jedes Buch in ihrem Laden ganz genau kennt. Ich habe mir auch bunte Aufkleber besorgt mit dem Aufdruck: »Unser Buch des Monats« und »Empfehlung der Geschäftsleitung«. Die meisten Bücher in meinem Laden habe ich schon mit einem solchen Aufkleber versehen. Nicht alle, denn das ist sehr viel Arbeit. Ich klebe immer ein wenig zwischendurch, wenn ich Zeit habe.

Leider habe ich aber fast gar keine Zeit, weil meine Kunden so anspruchsvoll sind. Sie kommen herein, mustern erstaunt die Regale, ziehen sich hier und dort ein Buch heraus, betrachten die Exemplare auf dem Wühltisch und fragen mich, wo der neue Ken Follett stehe. Darauf antworte ich, dass ich den nicht habe, aber demnächst komme er vielleicht herein. Dann empfehle ich stattdessen den Roman »Der siebenunddreißigste April«. Die Kunden setzen sich hinten in die Sitzecke und verlangen Kaffee, schlagen eines der Bücher auf und lesen zwei, drei Seiten. Wenn ihnen das Buch nicht gefällt, nehmen sie ein anderes und schlagen es etwas weiter hinten auf. Dann wollen sie meistens wissen, warum ich »nur dieses eine Buch« habe. Ich antworte darauf, dass ich mehrere tausend Bücher anbiete, und mehr kann ich nicht hereinstellen, da kein Platz mehr ist. Das können die Kunden nicht bestreiten; die vollen Regale sprechen für sich. Besonders Hartnäckige fragen dann, ob ich ihnen den neuen Ken Follett bestellen könne, aber das lehne ich immer ab. Ich habe genug Bücher; wer darunter nichts Passendes findet, dem ist nicht zu helfen.

Nach Feierabend, wenn ich meinen Laden aufgeräumt und Kassensturz gemacht habe, ziehe ich meistens ein Buch aus dem Regal; immer ein anderes natürlich. Und dann mache ich es mir gemütlich, lege die müden Beine hoch und lese noch ein wenig.



Francisco Goya, "Der Hund"
Quelle: Wikimedia

Montag, 4. Mai 2009

Das Wir

... oder: Bergvagabunden sind wir ...


Wir hängen so schön locker in den Seilen, wenn wir merken, dass uns keiner maßregelt; wenn uns keiner schlafen schickt um zwei Uhr morgens, wenn die Augen schon brennen und tränen; wenn uns niemand das dritte Glas Wein nachzählt, wenn niemand mosert, dass der frühe Vogel den Wurm fängt und wir auch samstags spätestens um acht aus den Federn sein sollten. Wenn wir wieder mal läppische Computerspiele gespielt haben, statt unser Geschichtlein für die Antho zu feilen, wenn wir genüsslich in unserem Zweihundert-Seiten-Roman stöbern, den außer uns keiner kennt; ja, es ist wahr, außer uns hat ihn nur ein einziger Mensch gelesen und der hat ihn inzwischen vergessen. Wie schön, ein Buch, das nur wir kennen. Wir haben nicht die geringste Lust, es in die Öffentlichkeit zu schmeißen. Wir sind so arrogant, dass wir von uns nur per "wir" reden, obwohl wir nur ein einziger sind. Und das hat sich ergeben, weil plötzlich alles, was uns sagte, was jetzt an der Reihe ist und Vorrang hat, verstummt ist.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Aus dem Zettelkasten

die hände über
die finger
(lose)
gedanke
(leicht)
dafür wie
dagegen
und überhaupt
besser
ganz ungesagt
spinnwebfein

der buchstabe
bleischwer

Mittwoch, 21. Januar 2009

Das kleine Hotel

Das kleine Hotel steht in bester Lage am Rand eines aufgelassenen Friedhofs mitten in der Innenstadt. Ursprünglich war es eine öffentliche Bedürfnisanstalt, und daher rührt die schlichte Bauweise mit zwei Abteilungen links und rechts und einem Durchgangsraum in der Mitte. Ich habe der Stadt das Gebäude abgekauft und renoviert. Früher hatte ich eine rote Leuchtschrift auf dem Dach angebracht, die weithin verkündete, dass hier ein Zimmer frei sei. Inzwischen ist dieses eine Zimmer ständig belegt, so dass ich die Leuchtschrift abgeschaltet und schließlich ganz entfernt habe. Die Gäste folgen einander so dichtauf, dass ich kaum Zeit habe, das eine Bett abzuziehen und neu herzurichten; es ist meistens noch warm von dem letzten Gast, da tritt auch schon der nächste ein, den Rollenkoffer hinter sich herziehend, die gepolsterte Laptop-Tasche über die Schulter gehängt, und verlangt nach dem Zimmer.

Gleich hinter der Eingangstür wartet die mit rotem Samt und dunklen Eichenmöbeln ausgestattete Lobby, wo ich den Gast empfange, ihm die notwendigen Formulare zum Ausfüllen hinreiche und den einzigen Schlüssel von dem Brett hinter mir nehme, um ihn auf der Theke bereitzulegen. Mehr als dieses eine Zimmer, das rechts von der Lobby liegt (ehemals »Damen«) habe ich nicht; in dem anderen links davon (ehemals »Herren«) schlafe ich selbst, und meinen Schlüssel trage ich ständig bei mir. Hinter der Lobby schließlich liegt der Frühstücksraum, wo ich dem Gast morgens zwischen sieben und zehn ein reichliches Frühstück anbiete, mit drei Sorten Müsli, Marmelade, Käse, Wurst und Schinken; mit frischen Brötchen, in Scheiben geschnittenem Vollkornbrot, Croissants und Rührei; es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Das Frühstück hat mir anfangs oft Kopfzerbrechen verursacht, denn ich muss alles bereitstellen, weil niemand vorher wissen kann, was der Gast verlangt. Zum Beispiel äußert ein französischer Gast, der eigentlich mit Croissants und Butter zufrieden sein sollte, plötzlich Appetit auf ein englisches Frühstück, oder ein Besucher aus Schweden, der Knäckebrot und Bückling essen sollte, möchte Toast und Marmelade haben. Inzwischen habe ich mir aber angewöhnt, einfach alles auf den Tisch zu stellen.Was übrig bleibt, esse ich selbst, und meistens reicht es mir für den Rest des Tages, so dass ich nicht mehr kochen muss.

Eine andere Schwierigkeit ist die mangelnde Auswahl an Zimmern, denn da ich nur ein einziges Zimmer habe, kann ich dem Gast nicht anbieten, in ein anderes zu wechseln, falls ihm das Bett zu hart oder zu weich oder nicht exakt gemäß der Erdstrahlung ausgerichtet sein sollte. Auch dafür habe ich eine Lösung gefunden; ich gebe dem Gast in diesen Fällen einfach mein eigenes Zimmer und ziehe in das Gastzimmer um. Damit das leicht vonstatten gehen kann, sind beide Zimmer gleich eingerichtet. Außerdem achte ich sorgfältig darauf, nicht mehr Besitztümer anzuhäufen, als in einen Koffer passen. Wenn der Gast gegen Mitternacht in der Lobby die Glocke schlägt, springe ich sofort hellwach aus dem Bett, und in Minutenschnelle habe ich alles aus den Schränken geräumt und in den Rollenkoffer geworfen; auch das Bad ist sofort geleert, frische Handtücher an den Heizkörper gehängt, und eingepackte Seifenstücke liegen ohnehin immer bereit. Ich besänftige den aufgebrachten Gast, der eben in dem ihm angewiesenen Zimmer einen Klopfgeist gehört hat oder wegen eines lärmenden Betrunkenen unter seinem Fenster nicht einschlafen kann; ich rolle meinen eigenen Koffer hinüber, bin dem Gast beim Einpacken und Umziehen behilflich, und binnen einer Viertelstunde haben wir die Zimmer getauscht; ich muss nur meinen Zimmerschlüssel, mit einer hölzernen Birne versehen wie der Schlüssel des Gastes, an das Regal in der Lobby hängen.

In den schlaflosen Morgenstunden kommt mich manchmal die Lust an, darauf zu bestehen, dass nun ich der Gast sei, da ich das Gästezimmer habe. Ich werde mich in das Frühstückszimmer hinter der Lobby hineingähnen, mich mit Müsli und frischem Obst, Vollkornbrot und Rührei, ausgebratenem Speck, Käse und Schinken bedienen; am besten so reichlich, dass für den anderen, der nunmehr der Gastgeber ist und sich an die Reste halten muss, kaum etwas übrig bleibt. Nach dem Frühstück werde ich meinen Rollenkoffer packen, in die Lobby treten und die Rechnung verlangen, und hinter mir wird das zerwühlte Bett bleiben, die nassen Handtücher auf dem Boden, die leere Klopapierrolle am Halter, die verschmierten Zahnputzgläser, die leeren Weinflaschen im Papierkorb. Vielleicht werde ich einen nett formulierten Eintrag im Gästebuch hinterlassen. Wahrscheinlicher aber ist, dass ich mich beim Auschecken, noch immer gähnend und die Laptoptasche über der Hüfte zurechtrückend, beschweren werde; über den Klopfgeist, das schlechte Wetter, den lückenhaften Internetempfang, den Zimmerservice und die klemmenden Fensterflügel, die einfach nicht aufgehen wollen, um mich wie eine Luftblase endgültig zu entlassen.

Montag, 1. Dezember 2008

...

Alte Männer in Bademänteln
"Ich muss heim, meine Enkelin braucht mich"
"Die Ypsilanti war doch selber schuld"
"Ich muss die Beine bewegen"
"Mann, kann der Obama reden"
"Bei mir im Zimmer geht der Fernseher nicht"
"Die Regionalligen sind finanziell fast untragbar"
"Ich war doch immer 'n Bergwanderer"

Alte Frauen in Bademänteln
"Ich kann das nicht alles einnehmen"
"Ich muss heim, meine Enkelin braucht mich"
"Schauen Sie, ich zeig Ihnen meine Narbe,
wenn Sie sich nicht ekeln"

Dienstag, 25. November 2008

wachraum

eine aura an der zimmerdecke, prismatisch geteilt
eine kinderstimme hinter dem paravent
vorbeischlurrende gummifüße
ein weiches bett im genick
zehenwackeln, bis acht zählen
nach dem bauch suchen und ihn finden
ansetzen zum räuspern
den atem rinnen lassen
wundern



Donnerstag, 6. November 2008

Konzert, spätabends

parallelen treffen sich nie
doch in wirklichkeit
sind sie bögen

und treffen sich
dreißig äonen später

du bist alt geworden
faltig und fett
er nicht

er ein porträt auf einer lp
du ein kreisel dazu

als du jung warst

er zeichnet:
"well is better than unwell"

??

da sind ein karpfen
und eine libelle
zusammengestoßen

das merkt man sich

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Im Licht der Idiotenlaterne ... *)

Jede Woche sehe ich mir im Fernsehen den Maler an. Er hat eine halbe Stunde Sendezeit und malt in dieser Zeit ein komplettes Bild. Zu Beginn der Sendung präsentiert er seine Palette mit den dick aufgespachtelten Farbvorräten. Die vorgrundierte Leinwand. Er erklärt alles ganz genau, aber da er Englisch spricht und obendrein sehr gedämpft, verstehe ich nicht viel.
Allerdings geht es von Mal zu Mal besser.
Er sieht aus wie 45, schlank, mit borstigem Haar. Auf der Handfläche hat er zwei winzige graue Eichhörnchen. Er zeigt sie zu Beginn der Sendung, versenkt sie in der Brusttasche seines Hemds und nimmt die Palette zur Hand, erklärt die Farben und die Leinwand. Die Brusttasche beult sich aus. Er bürstet Himmel und Wasser auf die Leinwand und fragt zwischendurch in Richtung der Tasche: "You're allright, little guys?" Innerhalb einer halben Stunde entsteht ein Berggipfel mit Gletscher, ein bewaldetes Seeufer, ein Riesenbaum links, ein kleinerer Baum daneben. Ein See mit klar spiegelndem Wasser, im Vordergrund ein Hohlweg, Gebüsch, auf die Zweigspitzen getupfte Glanzlichter, "that easy. You decide. That easy."
Ich denke dabei an Henning Mankells Kommissar, dessen Vater zeit seines Lebens zwei Sorten Waldlandschaften malte, eine mit und eine ohne Auerhahn: Seit ich die Sendereihe verfolge, ist auf allen Bildern fast das gleiche zu sehen; eine Bergkette, Wald, Fluss oder See, ein großer Baum im Vordergrund, ein kleinerer daneben. "This big tree needs a friend. You're allright, little guys?" Er spricht beinahe im Flüsterton. Fröhliche kleine Hütten, heitere kleine Berge bevölkern die Leinwand; alles ist ganz einfach und freut sich des Lebens.
Ich muss immer wieder daran denken, dass er selbst längst nicht mehr lebt, ganz jung gestorben ist, nur wenig nach Fertigstellung der Sendereihe. Ich würde gern etwas anderes von ihm lernen als Malerei, das kann ich sowieso nicht, schon gar nicht fröhliche kleine Hütten und heitere kleine Berge. Bestimmt weiß er mehr, aber das verrät er nicht. In seinem gemurmelten Tonfall, den in Rekordzeit entstehenden Traumlandschaften, Polarlicht, spiegelndem Eis, dem geflüsterten "Happy painting, and God bless you" am Ende versuche ich eine Ahnung zu finden. Die beiden Eichhörnchen in seiner Hemdtasche halten ganz still; die Beule ist sichtbar, bewegt sich jedoch nie. Vermutlich sind sie, von seinem Körper gewärmt, gleich eingeschlafen.

_________________
*) = Fernsehen

Donnerstag, 25. September 2008

speicher

die schranktür sperrt
kleider motten
bücher muffeln im unteren fach
zwischen rostigen kofferbeschlägen
blätter dauerverklebt
mit getrocknetem kakao
und längst
verstorbenen gummibärchen

staubflusen tanzen
stopplig der strohstuhl
das kissen lässt federn

draußen leuchtet der herbst

(für Lisa :-)

Blubbern als Kunst!

blaue-flecken

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Man darf gar nicht darüber nachdenken, was für ein Idiot man ist.
Anand Visvanathan

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