on tour

Wäsche trocknen für Analphabeten



Oh Mann, das wird echt schwer. Schon Bild 1 gibt mir Rätsel auf. Wer längliche Augen hat, darf eckig grinsen, muss sich aber damit abfinden, dass die Dusche auf dem Kopf steht ...?
Bild 2: Im zweiten Stock links kein Hemd, im zweiten Stock rechts dagegen erwünscht.
Jetzt wird es einfacher:
Bild 3: Deckel zumachen.
Bild 4: Knöpfe drücken (die nicht am Gerät dran waren; vielleicht dahinter oder darunter).
Bild 5: Geld einwerfen, Gerät anstellen.
Bild 6: Wasserschüssel zurechtmachen und Seerosen pflanzen.

Nun beginnen wir wieder mit 1: Wasserschüssel schaukeln. 2: Handy einstecken. 3:Deckel auf, aber nicht bei Wirbelsturm (was Sinn macht; wir wollen ja nicht, dass die Wäsche wegfliegt). 4: Trotz Wirbelsturmvermeidung hüpft das oberste Hemd von rechts nach links; vielleicht hüpfen die anderen noch hinterher, aber das kriegen wir nicht mehr mit, weil wir 5. den Deckel wieder zumachen.

Ob die Wäsche danach trocken ist - keine Ahnung. Mich beschäftigt mehr die Frage, warum der Hersteller davon ausgeht, dass wir nur brettige Hemden zu trocknen haben. Trägt der selbst keine Unterhosen und denkt, alle anderen tun es auch nicht? Was ist mit Handtüchern? Socken? Na gut, letztere haben wir auf dem Campingplatz wirklich nicht gebraucht.

Um nicht den Eindruck zu hinterlassen, ich hätte mich beim Campen nur um die Wäsche bekümmert, hier noch ein Bild:



Das ist der Lac d'Arpy, ein Bergsee in der Rutor-Gruppe im westlichen Aostatal. Wir haben eine großartige Aussicht auf den Montblanc gehabt.
Das Tollste, was dieser Kurzurlaub zu bieten hatte, war ein Feuerwerk bei Gewitter - am Genfer See nämlich. Leider war das platterdings nicht zu fotografieren. Aber großartig.

Wäsche waschen für Analphabeten

Es wird Zeit für eine neue Dokumentation meines Scheiterns. Diesmal an einer Waschmaschine auf einem Campingplatz. Ich vermute, dass es am Lac d'Annecy war, aber es hätte überall passieren können. Die Waschmaschine ist extra für Analphabeten oder "native speakers" eingerichtet.

Tadaa:



Ich zerlege das mal in überschaubare Arbeitsschritte:

Bild 1: Tür aufmachen, damit das Hemd reinhüpfen kann. Tür zumachen.
Bild 2: Verschiedene Knöpfe drücken (die sich übrigens so nicht an der Maschine befanden, jedenfalls habe ich sie vergebens gesucht. Vielleicht waren sie drunter oder dahinter?).
Bild 3: Schalter drehen (der war immerhin dran), Geld einwerfen. Eine Viertelstunde warten.
Bild 4: Wenn die Viertelstunde rum ist, Maschine anstellen.
Bild 5: Ein Stück Pizza essen. Dann die Tür aufmachen.
Bild 6: Tür wieder zumachen, Maschine anstellen, Knöpfe drücken (siehe Bild 2).
Bild 7: Aufs Klo gehen, und zwar im Dunkeln. Tür aufmachen. Hemd hüpft raus.
Bild 8: Wenn das Hemd wegfliegt, zurück zu Bild 3 und 4.

Da mein Hemd brav am Boden blieb, war der Vorgang nach Bild 7 abgeschlossen. Die Wäsche war zwar nicht wirklich sauber, aber wir wollen nichts Unmögliches verlangen.

In diesem Sinne: Schön, wieder daheim zu sein.

Heidelberg

auf abschüssigem pflaster
steht die suppe
schief im teller.

auf der brücke eine ziehharmonika
schlimm falsch gespielt ...
wolkenbälle rufen
hawai, hawai.

reiseleiter tragen
schirme voran,
man weiß ja nie.

wer es noch nicht glauben will
streitet am flussufer,
giftige worte fallen
über ameisen, rinks lechts rinks lechts.

noch zu blauer stunde
wirbeln worte in messbecher.
hin und her.
hawai, hawai.

Beichte

Gerade habe ich in einem Schreibforum einen Text gelesen, der mich an folgende Szene erinnert hat:

Ich war zum ersten Mal in Toledo. Toledo, das hieß damals für mich: Schwerter und El Greco. Eines von El Grecos berühmtesten Gemälden, das "Begräbnis der Grafen Orgaz" (auf dem angeblich El Grecos kleiner Sohn eine Statistenrolle einnimmt), ist in Toledo zu besichtigen. Beim Wandern durch die Altstadt stieß ich mehrmals auf ein Plakat, das genau jenen Bildausschnitt mit El Grecos Sohn zeigte. Dazu war eine bestimmte Kirche genannt. Wo, so schloss ich, das Bild also hängen musste.




Ich weiß nicht mehr, wie lange ich brauchte, die Kirche zu finden. Eigentlich fand ich sie überhaupt nicht, sie fand mich. Ich hatte die Suche aufgegeben, mit meiner Tochter ein Dekorationsschwert gekauft (sie schwärmte damals für solche Sachen), Pizza gegessen und mich auf den Rückweg Richtung Hotel gemacht, als ich plötzlich auf einem kleinen dunklen Platz wieder auf das bewusste Plakat stieß, das direkt neben der Eingangstür einer Kirche aufgebaut war.


Meine Tochter wollte nicht hinein, da sie ihr Riesen-Schwertpaket im Arm hatte. Ich eigentlich auch nicht, denn drinnen saßen betende Leute. Immerhin war kein Gottesdienst im Gang. Ich schob mich seitwärts unauffällig durch die Tür und machte einen Rundgang um den Kirchenraum, ohne das Bild finden zu können. Es war zappenduster in den Seitengängen. Selbst wenn ich das Bild gefunden hätte, ich hätte wohl nichts darauf erkannt.
Als ich zum zweiten Mal an dem hölzernen Beichtstuhl vorbeikam, sprang das Türchen auf, und ein Priester kam herausgestürzt. Er hastete so schnell davon, dass ich nur einen flüchtigen Eindruck behielt. Er war jung, groß, schwarzhaarig, traditionell gekleidet in Soutane und weißes Chorhemd. Sein Gesicht war verkrampft und blass. Er verschwand im Dunkel der Seitengänge.
Wenn dies ein Roman wäre, würde ich schreiben, ich sei stehengeblieben und hätte gewartet, bis der Beichtstuhl auch den Sünder ausspuckte. Um zu sehen, wie er aussah. Finster. Teuflisch. Ein Serienmörder. Oder so.
Natürlich tat ich nichts dergleichen. Ich machte, dass ich wegkam.
Das Bild - eine ekstatische, gewittrige Malerei - habe ich letztes Jahr anschauen können, als ich wieder in Toledo war. Ich hätte es gern ganz gezeigt, aber die Wikimedia-Darstellungen sprengen mein Blog. Wer will, kann gern hier nachschauen - ausdrücklich empfohlen!

Ja. Daran hat mich der Anfang eines Krimis erinnert, den ich vorhin online gelesen habe.
Ach, Toledo. Du stolze Schöne auf dem Felsenthron ...

Gespräch im Kurhotel

Sie: "Ich nehme einfach nicht ab!"
Er: "...." (kaut)
Sie: "Mein Mann hat schon sechs Kilo abgenommen, und ich esse genau dasselbe und mache auch das ganze Bewegungsprogramm mit, und dabei nehme ich überhaupt nicht ab, kein Gramm nehme ich ab!"
Er: "..." (kaut)
Sie: "Und das Tollste ist, das Allergemeinste ist, dass er auch noch meine Portion mitisst! Ich habe abends nicht so Appetit, seit drei Tagen esse ich immer nur ein Stück Käse und schiebe ihm den Teller dann rüber, er isst das dann auf. Und dabei hat er fast sieben Kilo abgenommen. Und ich nehme einfach überhaupt nicht ab!"
Er: "Sie müssen Trennkost essen, ich esse seit fünf Wochen Trennkost und habe schon elf Kilo abgenommen!"
Sie: "Aber ich esse doch Trennkost!! Ich esse ja morgens nur noch diese Pflaumenpampe und abends keinen Fitzel Brot mehr, nur noch Tomate und ein Stück Käse, den Rest kriegt mein Mann! Und trotzdem nehme ich einfach nicht ab!"
Er: "Dann essen Sie ZUWENIG! Essen Sie mehr, dann nehmen Sie auch ab!"
Sie: "...!!!!" (schiebt angewidert den Teller weg)
Bedienung (zaghaft): "Kann ich hier abräumen?"

Mülltrennung auf Italienisch

Eine besondere Art der Mülltrennung betreiben die EInwohner von Menaggio am Comer See: Bei ihnen bekommen gewisse Getränke wie die Pennerbombe, lauwarme Cervisia und dito Sangria einen extra Ausguss an der Straße. Hier der Beweis.



Und hier wie immer der Sonderservice für die Träger zweier Brillen übereinander:



In den "Promessi Sposi" hat davon noch nichts gestanden. Aber ich werde es sicherheitshalber noch einmal lesen. *macht sich einen Knoten in den Stiel des Weinglases*
Schön wars! Wir haben übrigens in Bellagio gewohnt.

...

Wir sammeln noch immer komische Schilder. Dieses hier ist zwar eigentlich gar nicht komisch und dürfte jedem bekannt sein, aber was es bedeutet, habe ich erst jetzt herausgefunden.



Es ist verboten, sein Bügeleisen schwimmen zu lassen, zumal bei Sonnenunter- oder -aufgang.

(Es könnte ja ersaufen.)

Das erste, das zweite und das dritte Mal

Das erste Mal passierte es in der Metro, wahrscheinlich beim Umsteigen. Ich kann mich erinnern, dass ich in einer Station in der Innenstadt rennen musste und ziemlich viel Gedränge herrschte. Fünf Minuten später, als ich im Wagen stand, merkte ich, dass meine Handtasche offen war. Mein Geldbeutel war verschwunden.

Ich konnte es nicht glauben. Drei Stationen weiter stieg ich aus, zog mich in eine ruhige Ecke zurück und leerte meine Handtasche aus. Mein MP3-Player steckte noch drin, Gott sei Dank, und die Brieftasche mit meinem Führerschein auch. (Den Führerschein bewahre ich gesondert auf, weil es noch einer dieser grauen Lappen ist, die in keinen Geldbeutel passen.) Der Geldbeutel war jedoch weg und mit ihm mein Personalausweis, ungefähr achtzig Euro Bargeld, mein Linsenpass, ein Foto von meinen verstorbenen Zwerghäschen, die Bibliothekskarte und drei Rabattmarken vom Bäcker. Das Geld konnte ich verschmerzen, aber den Personalausweis brauchte ich nächste Woche für den Flug nach Hause.

Gleich am nächsten Tag fuhr ich zur deutschen Botschaft. Natürlich wieder mit der Metro, ging ja nicht anders. Die Botschaft war in einem großen grauen Gebäude mit einem Geländer zur Straße hin, das mit nadelscharfen Spitzen bestückt war. Es sah gefährlicher aus als Stacheldraht. Ich wurde mit einem Metalldetektor gefilzt und durfte in die Amtsstube eintreten. Es gab zwei Schalter, der eine unbesetzt, hinter dem anderen saß eine glubschäugige junge Frau. Eine dicke Glaswand trennte sie von mir. Als sie mich kommen sah, winkte sie und beugte sich zu einem Mikrofon herunter, das vor ihr auf dem Schreibtisch stand. „Nehmen Sie Platz“ krächzte es aus einem Lautsprecher über dem Schalter. Wenigstens sprach sie Deutsch. Ich setzte mich und erklärte mein Anliegen.

„Können Sie sich ausweisen?“

Ja, ich hatte noch meinen Führerschein. Ich griff nach der Handtasche. Sie war offen. Diesmal waren die Brieftasche mit dem Führerschein und der MP3-Player weg.

„Tja, dann muss ich rückfragen“, quäkte der Lautsprecher. „Haben Sie Anzeige bei der Polizei erstattet?“
Polizei? Da würde ich doch nur ausgelacht. Die musste sich um Raubmorde, Schlägereien und Falschparker kümmern.

„Sie müssen zur Polizei. Der Verlust muss der Interpol gemeldet werden.“ Ach ja, natürlich, die Rabattmarken und die Bibliothekskarte. Da drohten internationale Verwicklungen.Ein Formular wurde mir zugeschoben. Ich sollte Namen, Geburtsort und Wohnort ausfüllen. Erschrocken merkte ich, dass ich schon Probleme hatte, mich an meinen Geburtsort zu erinnern. Womöglich gab es mich bald gar nicht mehr, wo ich ohne Ausweise dastand?

„Machen Sie erst einmal gute Fotos. Da drüben steht ein Automat. Ich telefoniere inzwischen nach Deutschland.“

Wen wollte die anrufen? Meine Eltern leben nicht mehr. Mein Bruder war auf der Arbeit, da geht er nicht ans Telefon. Mein Geschiedener würde mich sowieso verleugnen. Meine Häschen sind tot.

Sie hatte schon den Telefonhörer in der Hand und winkte ungeduldig seitwärts. „Gehen Sie da rüber. Machen Sie gute Fotos.“

Der Automat war Gott sei Dank mehrsprachig. In der Kabine hing ein Plakat, dem man entnehmen konnte, wie das Foto auszusehen hatte. Ich durfte keine Haare im Gesicht hängen haben, keine Sonnenbrille tragen und nicht verschleiert sein. Ich sollte den Kopf gerade halten und neutral dreinschauen. Letzteres fiel mir schwer. Der Hocker war zu niedrig, und ich wusste nicht, wie ich ihn höher stellen konnte, also reckte ich das Kinn hoch, was wohl nicht sehr neutral aussah, eher kämpferisch. Der Automat machte „Puff“. Auf einem Display erschien ein Vorschaubild. Es war nichts darauf.

„Wenn Sie ein neues Bild möchten, drücken Sie innerhalb von fünf Sekunden den roten Knopf“, stand darunter. „Sie können bis zu drei Bilder machen.“

Ich drückte den roten Knopf. Was soll ich mit einem Foto, auf dem nichts ist, weder kämpferisch noch neutral? Erneut machte es „Puff“ und ein neues Vorschaubild erschien. Wieder war nichts darauf.

Ich zog den Vorhang zurück und rief nach der Schalterdame. „Hallo … ich glaube, der Automat funktioniert nicht. Können Sie bitte …“ Der Automat rasselte. Da ich diesmal nicht den roten Knopf gedrückt hatte, nahm er wohl an, ich sei mit dem zweiten Foto zufrieden. Aus dem Schacht an der Seite rutschten drei Fotos, auf denen nichts war. Wahrscheinlich war ich einfach nicht mehr vorhanden.

Hilfesuchend sah ich mich nach dem Schalter um. Die junge Frau schien auch nicht weitergekommen zu sein. Sie hatte den Telefonhörer am Ohr und runzelte die Stirn. „Ich komme nirgends durch. Kann es sein, dass die Gemeindeverwaltung bei Ihnen zu Hause nicht besetzt ist?“

Klar, das war die Sekretärin in der Gemeindeverwaltung, diese Zimtzicke. Die konnte mich nicht mehr leiden, seit ich einmal eine Satire über die Sperrmüllentsorgung geschrieben hatte. Jetzt stellte sie sich einfach tot.

„Ich kann es an Ihrem Geburtsort versuchen. Wie hieß der noch mal?“

Ich wusste es nicht mehr. Den hatte man vor dreißig Jahren eingemeindet.

„Wenn Sie es bei meinem Zahnarzt versuchen?“, schlug ich vor. „Der kann mit Sicherheit für mich bürgen. Mein Zahnstatus ist einzigartig.“

Sie starrte mich wortlos an.

„Oder der Linsenpass. Meine Optikerin …“ Nein, das kam auch nicht in Frage. Mit meiner Optikerin war ich seit einem Monat zerstritten, weil ich ihre Reklamewurfsendungen sexistisch und präpotent genannt hatte. Die würde mich auch verleugnen.

Ich machte einen letzten Versuch: „Der Bäcker müsste sich doch an mich erinnern können. Weil, ich hatte doch drei Rabattmarken …“ Dann fiel mir nichts mehr ein. Die drei Fotos zeigten immer noch Leere.

„Vielleicht gehen Sie erst mal zur Polizei und erstatten Anzeige“, sagte die Frau energisch. „Das müssen Sie sowieso tun. Bis das erledigt ist, bin ich vielleicht durchgekommen. Haben Sie Fotos gemacht?“

Ich reichte ihr die drei Bilder, auf denen nichts war. Ohne eine Miene zu verziehen, schnitt sie eines davon ab und klebte es auf das Formular, das ich ausgefüllt hatte.

Auf dem Weg zur Polizei kam dann meine Handtasche weg. Ich habe gar nichts davon mitbekommen. Aber sie war ohnehin leer bis auf ein Sudoku-Heftchen, in dem fast alles gelöst war, und die Wochenkarte für die Metro.

Der Rückweg zum Hotel dauerte sehr lange, weil ich zu Fuß ging.

Aber das ist wahrscheinlich eine gute Übung, denn wie es aussieht, werde ich auch zurück nach Deutschland zu Fuß gehen müssen.

Gesprächskultur

Mein früherer Schreibgruppenleiter hat mir mal (bei einer Sprechprobe für eine Lesung) gesagt, in Südeuropa aufgewachsene Leute hätten beim Singen und Sprechen einen automatischen Vorteil. Weil die Menschen dort viel mehr Zeit im Freien zubringen, könnten sie lauter. Italien ist ja nicht umsonst das Heimatland der guten Tenöre. Auch Südfranzosen unterhalten sich gern temperamentvoll und schreiend. Spanier hingegen überhaupt nicht. Es wird zwar viel geredet in Spanien. An Bushaltestellen und Straßenecken fangen die Leute sofort ein Gespräch an. Man sieht kaum jemanden alleine irgendwo herumstehen. Aber, das ist der Punkt, Spanier reden nicht so wie Italiener oder Südfranzosen. Sie reden weder laut noch gleichzeitig. Typisches Bild ist, dass mehrere zusammenstehen, also mindestens zwei, und einer redet. Die anderen hören zu. Der Redende spricht so leise und gleichmäßig, als halte er eine Vorlesung. Die klassische Geste dazu ist ein leichtes Wippen einer geöffneten Hand mit aneinandergelegtem Zeigefinger und Daumen. Der Tonfall ist fortfließend ohne Pausen und ohne auffallende Betonung. Dem Zuhörenden sind Einwürfe wie "ah", "ahem", "hmpf" und "si" erlaubt, solange sie den Redefluß nicht stören. Kurz gesagt, Spanier sind große Monologisierer.
Da ich selbst kein Spanisch verstehe, habe ich mich oft gefragt, worüber man so lange und unaufgeregt reden kann. Ich könnte zum Beispiel zehn Minuten lang von meinem Schwager erzählen, aber da wäre der Tonfall ganz anders. Ich könnte auch meine Haustür beschreiben oder erklären, wie eine Strickmaschine funktioniert. Aber das will doch keiner wissen. Worüber reden Spanier? Eine Zeitlang nahm ich an, sie erzählen einander Geschichten. Spanier schätzen Geschichten sehr, sonst würden nicht so viele mit aufgeschlagenem Buch in der Metro stehen. Sogar beim Aussteigen, Erklimmen der Rolltreppen und bei den letzten Metern Gehweg zum Arbeitsplatz lesen sie weiter. Und sie haben richtig schöne Bücher dabei, keine zerfledderten broschierten Schwarten, sondern dickleibige Romane mit Schutzumschlag. (Einmal stand mir in der Metro eine Frau gegenüber, die einen Roman las, auf dessen Umschlag eine halb verweste Leiche abgebildet war.) Wenn so ein Spanier mit einem anderen zusammensteht und monologisiert, erzählt er vielleicht, was er zuletzt gelesen hat, dachte ich.

Bis ich unseren Hotelrezeptionisten gefragt habe, wie lange ich mit meiner Metro-Dauerkarte noch fahren kann. Genauer gesagt, meine Tochter fragte und ich stand dabei. Es war eine Wochenkarte, Samstag gegen vier Uhr nachmittags gelöst, und unsere Frage (die wir Freitagabend stellten) war die, ob diese Karte am Folgetag, also Samstag, noch benutzt werden könne.
Der Rezeptionist, ein sehr netter junger Mann übrigens, nahm die Karte in die Hand, betrachtete sie von allen Seiten und fing an zu reden. Er redete sehr lange. Sehr, sehr lange, in freundlichem Ton und mit einer Miene, die zu besagen schien, dass er sich intensiv mit unserer Frage auseinandersetzte. Ich verstand kein Wort. Aber ich konnte sehen, dass er mehrmals etwas an seinen Fingern abzählte.
Hinterher fragte ich meine Tochter: "Was hat er gesagt, geht die Karte noch?"
"Er weiß es nicht", sagte sie.
Darüber musste ich erst mal nachdenken. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben.
"Wenn er es nicht weiß, was hat er dann die ganze Zeit geredet?"
"Er hat die Karte in die Hand genommen. Ja, das sei eine Wochenkarte. Und die sei gelöst am Samstag, sechzehn Uhr dreizehn. Da in der Ecke steht es, Samstag sechzehn Uhr dreizehn. Die Karte gilt eine Woche. Also bis zum Samstag drauf sechzehn Uhr dreizehn. Heute ist Freitag, jetzt ist es gerade neunzehn Uhr dreißig. Also gilt die Karte heute noch, weil sie Samstag, sechzehn Uhr dreizehn abläuft. Die Karte ist eine Wochenkarte, das heißt, sie gilt sieben Tage. Gelöst am letzten Samstag. Heute haben wir Freitag. Das sind seit letzten Samstag (zählt an den Fingern ab) Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag, also sechs Tage, und morgen gilt die Karte bis sechzehn Uhr dreizehn, das sind dann genau sieben Tage. Nach sechzehn Uhr dreizehn dann wohl nicht mehr, weil das mehr als sieben Tage wären. Samstag sechzehn Uhr dreizehn, dann (zählt an den Fingern ab) Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und der halbe Samstag bis sechzehn Uhr dreizehn, das sind genau sieben Tage. Er ist nicht sicher. Aber er meint, normal dürfe die Karte nur noch bis morgen sechzehn Uhr dreizehn gelten. Du kannst also noch bis sechzehn Uhr zwölf damit Metro fahren. Das sind dann genau sieben Tage (zählt zum dritten Mal an den Fingern ab). Also morgen nach sechzehn Uhr dreizehn kannst du mit der Karte nicht mehr fahren. Aber sicher ist er nicht. Du kannst es ja einfach ausprobieren. Da sind doch die Durchgänge in den Metrostationen, die automatisch geöffnet werden, wenn man die Karte in den Schlitz steckt, da steckst du die Karte rein und wenn der Durchgang dann aufgeht, dann gilt die Karte noch. Wenn nicht, musst du eine neue kaufen oder zu Fuß gehen. Das hat er mir erklärt. Dann hat er mir Gott sei Dank die Karte endlich wiedergegeben."

Ich glaube, ich habe meiner Tochter daraufhin gesagt: "Ich will den als Schwiegersohn." Aber sicher bin ich nicht.

Am Tag darauf waren wir in Segovia und sahen eine Osterprozession. Diese Prozessionen haben etwas entschieden Unheimliches wegen der Vermummung, die viele der Teilnehmer tragen, und dem merkwürdigen langsamen Wiegeschritt, in dem sie sich fortbewegen. Und sicher auch wegen der schrägen Musik, die manchmal dazu gespielt wird. Ich wurde von der Menschenmenge am Straßenrand verkeilt und konnte mich keinen Zentimeter mehr wegbewegen. Die Büßertruppe, in mitternachtslila Samt gekleidet und mit riesigen Spitzhüten auf den Köpfen, wankte auf mich zu; dazu erschollen einzelne schrille Trompetenstimmen und das Gedröhne einer Pauke. (Im Hintergrund meinte ich bereits den Großinquisitor zu erkennen.) Direkt vor mir zog sich einer der Vermummten die Kappe vom Kopf. Er sah ganz ähnlich aus wie unser Hotelrezeptionist, vielleicht 25, nett und lustig mit spitz aus der Stirn gezogenem Haar und einem Silberring in der Augenbraue. "Qué calor", bemerkte er und lachte.

Ich habe noch gewartet (konnte sowieso nicht weg), aber mehr sagte er nicht. Ob ich doch lieber den als Schwiegersohn ...?

Noch was aus dem Grünen

Maigh III

Die Farbmarkierungen an den Schafen sind Gegenstand endloser Spekulationen. Die naheliegendste Vermutung ist, dass der Bauer daran seine Schafe wiedererkennt, denn meistens sind die Herden nicht eingezäunt; das irische Schaf lässt sich mit Zäunen ohnehin nicht bändigen und geht am liebsten mitten auf der Straße spazieren. In Wirklichkeit ist es ohne Bedeutung, ob der Bauer seine Schafe erkennt oder nicht, weil der Hund die Kontrolle über die Herde ausübt, und Hunde sind bekanntlich farbenblind. Der Schäfer steht in Gummistiefeln auf der Straße und ruft "he" oder "hay", in Gaeltacht-Gebieten "hai" oder "haigh", während der Hund, meistens ein schwarzes Exemplar mit Knickohren und intelligentem Gesichtsausdruck, die Schafe zusammenführt und über die Straße verlegt. Ist ein längerer Marsch geplant, kehrt der Hund zu seinem Besitzer zurück und geht neben ihm her, auf der Seite, die der Straße zugekehrt ist (um ihn vor vorbeifahrenden Autos zu schützen), während die Schafe völlig ungehemmt, oft im Zickzack, kreuz und quer über die Fahrbahn wandern.
Zurück zu den Farbmarkierungen. Sie sind meistens in leuchtenden Farben - pink, türkis, lila, manchmal zweifarbig - am Nacken, Rücken oder Hinterteil des Schafs angebracht. Der Bauer geht hin und wieder mit Farbeimer und Pinsel auf die Weide und frischt die Farbe auf. Manche Schäfer setzen ihren Ehrgeiz in idividuelle Pinselführung und malen ihren Schafen Nummern oder an TicTacToe erinnernde Embleme auf. Ich habe schon die Vermutung gehört, dass die Markierung dazu dient, festzuhalten, welche Schafe einer Wurmkur oder Impfung unterzogen wurden und welche nicht. Andere Irlandreisende schlagen die Deutung vor, dass der Autofahrer an der Markierungsrichtung ablesen könne, ob er links oder rechts an dem Schaf vorbeifahren soll. Die abenteuerlichste Vermutung fand ich in einem Forum, in dem es eigentlich um Färö-Schafe ging: Der Bock bekommt ein mit Farbe getränktes Kissen umgeschnallt; an den Abdrücken erkennt der Schäfer, welche Schafdamen er schon beglückt hat. Sollte das richtig sein, wirft es ein äußerst schlechtes Licht auf irische Böcke, denn ich habe schon ganz kleine Lämmer mit Farbpunkten gesehen. Sollte Zampano pädophil sein? (Und nebenbei schwul, da er selbst auch eine Markierung am Hintern hat?) (Und höchst nebenbei, wie schafft Zampano es, den Schafen Nummern oder TicTacToe-Embleme aufzurubbeln?)





Maigh IV
Eine Freundin aus dem Spinnforum hat ein irisches Vlies gekauft und selbst gewaschen und gekämmt, um sich daraus Wolle für einen Aranpullover zu spinnen. Die Farbmarkierung trotzte jeder Waschlauge; selbst nach zweitägigem Einweichen hatte sich die Faser zwar vom gelben Fett, nicht jedoch von der türkisen Farbe getrennt. Schließlich hat meine Freundin die entsprechende Partie separiert und ein paar türkisfarbene Socken gestrickt.
In den Woollen Mills-Filialen von Foxford, Galway und Glendalough hängen massenhaft weiße Aranpullover, aber kein einziger davon hat pinkfarbene oder lila Flecken. Die Socken und Mützen dagegen sind oft bunt. Wahrscheinlich folgt man dort dem gleichen Prinzip wie meine Spinnfreundin. Oder man verwendet die irischen Vliese als Dämmstoff in den Hausdächern; und Shelagh, Brigid und Eileann stricken ihre Aranpullover aus Neuseelandwolle. Warum sollte die Globalisierung vor dem keltischen Tiger haltmachen.
Wie sich die irischen Schafe dazu stellen, weiß ich nicht. In Glennkill waren die Schafe äußerst frustriert, nachdem sich Schäfer George einen Norwegerpullover hatte schicken lassen.

Blubbern als Kunst!

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Wort des Monats

"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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