Ich habe zwei neue Dummsätze, gefunden diesmal bei Stieg Larsson. Ja, ich habe mich endlich durchgerungen und die komplette Trilogie gelesen. (Die zweite Hälfte des dritten Bandes nur noch quer, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.)
Dummsatz 1 (zitiert aus dem Gedächtnis):
"Er nahm einen leeren Block aus seiner Mappe und schlug eine unbeschriebene Seite auf."
Woraus wir entnehmen können, dass Herr Larsson Wert auf Gründlichkeit legt. (Wahrscheinlich war er Deutscher, ohne es zu wissen.)
Dummsatz 2:
"Er fegte eine Stunde lang den Boden, wischte Staub, scheuerte das Bad, nahm den Kühlschrank in Betrieb, kontrollierte die Wasserhähne und bezog sein Bett (...)"
Tja, gründlich wie immer. Wenn ich eine Stunde lang den Boden gefegt hätte, dann wäre ich so fertig, dass ich weder Wasserhähne kontrollieren könnte noch das Bett beziehen. Geschweige denn das Buch auslesen.
Aber ich will nicht patzig werden. Schlecht ist das Buch wirklich nicht. Nur nicht so gut wie Mankell. Und sogar der hat Dummsätze geschrieben. Wie jeder. Ich auch.
schmollfisch - 22. Apr, 00:59
Mein früherer Schreibgruppenleiter hat mir mal (bei einer Sprechprobe für eine Lesung) gesagt, in Südeuropa aufgewachsene Leute hätten beim Singen und Sprechen einen automatischen Vorteil. Weil die Menschen dort viel mehr Zeit im Freien zubringen, könnten sie lauter. Italien ist ja nicht umsonst das Heimatland der guten Tenöre. Auch Südfranzosen unterhalten sich gern temperamentvoll und schreiend. Spanier hingegen überhaupt nicht. Es wird zwar viel geredet in Spanien. An Bushaltestellen und Straßenecken fangen die Leute sofort ein Gespräch an. Aber, das ist der Punkt, Spanier reden weder laut noch gleichzeitig. Typisches Bild ist, dass mehrere zusammenstehen, also mindestens zwei, und einer redet. Die anderen hören zu. Der Redende spricht so leise und gleichmäßig, als halte er eine Vorlesung. Die klassische Geste dazu ist ein leichtes Wippen einer geöffneten Hand mit aneinandergelegtem Zeigefinger und Daumen. Der Tonfall ist fortfließend ohne Pausen und ohne auffallende Betonung. Dem Zuhörenden sind Einwürfe wie "ah", "ahem", "hmpf" und "si" erlaubt, solange sie den Redefluß nicht stören. Kurz gesagt, Spanier sind große Monologisierer.
Da ich selbst kein Spanisch verstehe, habe ich mich oft gefragt, worüber man so lange und unaufgeregt reden kann. Ich könnte zum Beispiel zehn Minuten lang von meinem Schwager erzählen, meine Haustür beschreiben oder erklären, wie eine Strickmaschine funktioniert. Aber das will doch keiner wissen. Worüber reden Spanier? Eine Zeitlang nahm ich an, sie erzählen einander Geschichten. Spanier schätzen Geschichten sehr, sonst würden nicht so viele mit aufgeschlagenem Buch in der Metro stehen. Wenn sie nicht gerade reden, lesen sie. Sogar beim Aussteigen, Erklimmen der Rolltreppen und bei den letzten Metern Gehweg zum Arbeitsplatz lesen sie weiter. Wenn so ein Spanier mit einem anderen zusammensteht und monologisiert, erzählt er vielleicht, was er zuletzt gelesen hat, dachte ich.
Bis ich unseren Hotelrezeptionisten in Madrid gefragt habe, wie lange ich mit meiner Metro-Dauerkarte noch fahren kann. Genauer gesagt, meine Tochter fragte und ich stand dabei. Es war eine Wochenkarte, Samstag gegen vier Uhr nachmittags gelöst, und unsere Frage (die wir Freitagabend stellten) war die, ob diese Karte am Folgetag, also Samstag, noch benutzt werden könne.
Der Rezeptionist, ein freundlicher junger Mann, nahm die Karte in die Hand, betrachtete sie von allen Seiten und fing an zu reden. Er redete sehr lange. Sehr, sehr lange, in verbindlichem Ton und mit einer Miene, die zu besagen schien, dass er sich intensiv mit unserer Frage auseinandersetzte. Ich verstand kein Wort. Aber ich konnte sehen, dass er mehrmals etwas an seinen Fingern abzählte.
Hinterher fragte ich meine Tochter: "Was hat er gesagt, gilt die Karte noch?"
"Er weiß es nicht", sagte sie.
Darüber musste ich erst mal nachdenken. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben.
"Wenn er es nicht weiß, was hat er dann die ganze Zeit geredet?"
"Er hat die Karte in die Hand genommen. Ja, das sei eine Wochenkarte. Und die sei gelöst am Samstag, sechzehn Uhr dreizehn. Da in der Ecke steht es, Samstag sechzehn Uhr dreizehn. Die Karte gilt eine Woche. Also bis zum Samstag drauf sechzehn Uhr dreizehn. Heute ist Freitag, jetzt ist es gerade neunzehn Uhr dreißig. Also gilt die Karte heute noch, weil sie Samstag, sechzehn Uhr dreizehn abläuft. Die Karte ist eine Wochenkarte, das heißt, sie gilt sieben Tage. Gelöst am letzten Samstag. Heute haben wir Freitag. Das sind seit letzten Samstag (zählt an den Fingern ab) Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag, also sechs Tage, und morgen gilt die Karte bis sechzehn Uhr dreizehn, das sind dann genau sieben Tage. Nach sechzehn Uhr dreizehn dann wohl nicht mehr, weil das mehr als sieben Tage wären. Samstag sechzehn Uhr dreizehn, dann (zählt an den Fingern ab) Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und der halbe Samstag bis sechzehn Uhr dreizehn, das sind genau sieben Tage. Er ist nicht sicher. Aber er meint, normal dürfe die Karte nur noch bis morgen sechzehn Uhr dreizehn gelten. Du kannst also noch bis sechzehn Uhr zwölf damit Metro fahren. Das sind dann genau sieben Tage (zählt zum dritten Mal an den Fingern ab). Also morgen nach sechzehn Uhr dreizehn kannst du mit der Karte nicht mehr fahren. Aber sicher ist er nicht. Du kannst es ja einfach ausprobieren. Da sind doch die Durchgänge in den Metrostationen, die automatisch geöffnet werden, wenn man die Karte in den Schlitz steckt, da steckst du die Karte rein und wenn der Durchgang dann aufgeht, dann gilt die Karte noch. Wenn nicht, musst du eine neue kaufen oder zu Fuß gehen. Das hat er mir erklärt. Dann hat er mir Gott sei Dank die Karte endlich wiedergegeben."
Ich glaube, ich habe meiner Tochter daraufhin gesagt: "Ich will den als Schwiegersohn." Aber sicher bin ich nicht.
Am Tag darauf waren wir in Segovia und sahen uns eine Osterprozession an. Diese Prozessionen sind unheimlich, wegen der Vermummung, die viele der Teilnehmer tragen, dem merkwürdigen Wiegeschritt und der schrägen Musik, die manchmal dazu gespielt wird. Wenn keine Musik gespielt wird, schweigt die Prozession. Das ist wirklich unheimlich, diese Stille mittem in Spanien. Ich wurde von der Menschenmenge am Straßenrand verkeilt und konnte mich keinen Zentimeter mehr wegbewegen. Die Büßertruppe, in mitternachtslila Samt gekleidet und mit riesigen Spitzhüten auf den Köpfen, wankte an mir vorbei und kam zum Stehen, wohl wegen eines Hindernisses weiter vorne. Gerade vor mir zog sich einer der Vermummten die Kappe vom Kopf. Er sah ganz ähnlich aus wie unser Hotelrezeptionist, vielleicht Mitte zwanzig, nett und lustig mit spitz aus der Stirn gezogenem Haar und einem Silberring in der Augenbraue. Ein kleiner Teufel. "Qué calor", bemerkte er und lachte.
Ich habe noch gewartet (konnte sowieso nicht weg), aber mehr sagte er nicht. Ob ich doch lieber den als Schwiegersohn ...?
schmollfisch - 11. Apr, 00:37
Der Brief rutscht durch den Spalt unter der Wohnungstür, als sie gerade daran vorbeigeht. Ohne einen Laut schiebt sich das weiße Viereck ins Zimmer. Kein Klingeln an der Tür, keine Schritte im Flur, nur das weißt Kuvert auf dem Linoleum. Ohne Adresse darauf.
Die Klappe ist nicht zugeklebt und öffnet sich von selbst, als sie den Brief in die Hand nimmt. Der Umschlag ist leer bis auf ein Foto.
Sie setzt sich auf die Kante des durchgesessenen Sofas. In der Wohnung stehen kaum noch Möbel. Fast alles ist ausgeräumt. Das Bücherregal leer, die Türen des Kleiderschranks stehen offen. Ein einzelner Stuhl wendet dem dreibeinigen Tisch den Rücken zu, als wolle er nichts damit zu tun haben.
Als Kind hat sie Klavier gespielt, manchmal sogar in Schülerkonzerten mitgewirkt. Sie erinnert sich: Einmal ist mitten in ihren konzentrierten Spiel ein Journalist hinter sie getreten und hat sie fotografiert. Der plötzliche Lichtblitz aus der Kamera brachte sie aus dem Takt. Ihre Finger verhedderten sich, stolperten über ihren flinken Lauf auf den Tasten, sie hob die Hände und versuchte die Panik niederzukämpfen, und als sie die Finger wieder auf die Klaviatur legte, hatten sie keine Gelenke mehr und hingen kalt und steif an ihren Armen wie ein totes Gewicht. Mühsam und stolpernd brachte sie ihr Vorspiel zu Ende, es gelang nichts mehr. Seitdem hat sie es immer gehasst, fotografiert zu werden.
Seitdem hat sie kein Foto von sich ansehen können, ohne sich an diese Niederlage zu erinnern.
Sie betrachtet das Foto in ihren Händen. In der Türöffnung steht ein schwarzer Mann mit weißem Hemd.
Das ist aber nett, dass Sie schon fertig sind, sagt er. Die wenigsten sind so entgegenkommend.
schmollfisch - 26. Mär, 20:57
Das kleine Schwein hat einen singenden Zahn, der tief im Mund steckt, ganz hinten. Den ganzen Tag gibt er irgendwelche störenden Geräusche von sich. Das heißt, die Geräusche kommen gar nicht aus dem Zahn selbst heraus, sondern werden durch die Zahnwurzeln in den Kopf geleitet. Ohne erst den Umweg über die großen Knickohren zu machen.
Wenn das kleine Schwein ein Mensch wäre, wüsste es, dass es irgendwann auf etwas Metallisches gebissen hat und der Zahn damals das Singen gelernt hat; erst nur zögerlich, mit hin und wieder einem Streichquartett, den neuesten Hochrechnungen und ganz vielen Pauken. Dann hat sich der Zahn gesteigert und vom Reisewetter erzählt. Wie gut die Sangria just eben in Palma de Mallorca munde, wo es dort gewittre wie nicht gescheit, und wie an der Nordküste Sardiniens ein Wal gestrandet sei und vor sich hinstinke. Ja. Eine freundliche Stimme, mit nur schwach hysterischem Unterton, erzählt das. Eben eine Menschenstimme, die Nachrichten spricht. Nichts Besonderes.
Das kleine Schwein begibt sich manchmal aus dem nächtlichen Wald hinaus auf einen Abhang, nicht viel mehr als eine sanfte Fallung, man könnte bei Schweinewetter gut auf dem Bauch hinunterrutschen die ganzen zweihundert Meter weit; und dort gräbt es Kartoffeln aus. Viel gibt der Acker nicht her, aber doch weit mehr, als das kleine Schwein auf einmal hinunterschlingen mag. Es gruffelt und muffelt zwischen den Saatkartoffeln herum, gräbt die gelöcherte Schnauze zwischen das Kartoffelkraut und bedient sich satt. Unterhalb des Gehänges funkelt ein Lichtermeer. Ja. Da sind alle diese Leute zu Hause, die sich Hochrechnungen und gestrandete Wale in den Kopf winden lassen. Eine Schwatzgirlande, die an den Hirnwindungen hochrankt. Das schwache Echo im Kopf des kleinen Schweins ist nur ein Abglanz davon, aus großer Entfernung gehört gewissermaßen; all das geht ja auch kein Schwein was an.
Ja.
Was das kleine Schwein aber angeht, ist, dass plötzlich so viele dieser Menschen sich in den Kopf gesetzt haben, die Fallung hinauf zu wandern und dort, tief zwischen den schwarzen Bäumen, die Nacht zuzubringen. Das Schwein hat sich längst an die widerstreitenden Gerüche gewöhnt, die aus dem Tal heraufquellen, von Autos und Radfahrern hinaufgeschleppt und abgeladen, und jeden Wanderer umgibt dieses gleiche Aroma. Nun plötzlich schwindet das Aroma nicht mit dem Sinken der Nacht; in der kompakten Schwärze des Waldes, der dicht vor dem Kartoffelacker endet, breitet sich etwas aus und wuchert die Straße entlang längs der rotumrandeten Schilder, die einmal vierzig, einmal sechzig verlangen oder endlich die achtzig freigeben. Die fremden Aromen kommen, man glaubt es ja nicht, aus den Splitkästen. Das kleine Schwein braucht Wochen, um diese Annahme zu verifizieren, während in seinem Kopf Herr Wowereit dieses verspricht und Herr Westerwelle eh weiß, dass das nichts wird. Das ist nicht mehr als Hintergrundgeschwalle, das Schwein hat sich längst daran gewöhnt. Was ihm aber gar nicht passt, ist dieses Aroma aus den Splitkästen. Gute zwanzig gibt es davon über den Wald verteilt. Sie sind grün, länglich und Steinchen quellen heraus. Und sie stinken nach Käse. Es liegen Menschen drin. Zusammengeknäuelt und scharf riechendes Lumpenzeugs über den Kopf gezogen. Als ob sie weg wollten aus dem Lichtermeer.
Als ob sie die Schnauze voll hätten.
Ja. Und das kleine Schwein leert ihnen die Taschen; was immer sie bei sich tragen, Käsestücke, Brotkrusten oder Äpfel, das Schwein macht keine Unterschiede und bedient sich satt. Manchmal sogar an einer Salamiwurst. Obwohl der singende Zahn ihm sagt, dass das der Untergang des Abendlandes sei, dass Schweine Würste fräßen.
schmollfisch - 15. Mär, 00:55
- - können sie die augen öffnen? --
Er will nicht. Hinter den Augenlidern wird es strahlend hell. Das Letzte, woran er sich erinnern kann, ist das Chromgerippe, das auf ihn zuschnellte. Darunter das Nummernschild. Fremde Buchstaben. Das Muster der Dreckspritzer. Jeder Rostfleck, jeder Kratzer ist in die Netzhaut eingeätzt: Ein LKW, der ihn wie einen Tischtennisball von der Straße geschnippt hat.
- - hören sie mich? können sie die augen öffnen? --
Dann fällt ihm wieder ein: Er hob sich empor, so leicht wie eine Luftblase, die Welt geriet ins Trudeln, das Airbag platzte ihm entgegen und erschlaffte wieder, als zu liegen kam, sanft wie ein Schmetterling. Die Explosion von zerschmettertem Blech, die Erschütterung kamen erst einen Moment später: als habe ihn jemand mit einem gigantischen Hieb in den Rücken bis hinunter in die Kniekehlen zu Boden geschickt. Kein Schmerz. Nur ein Schlag, der ihm allen Atem genommen hat. Die Luft ist so vollständig aus seinem Körper herausgepresst, dass er nicht einmal genug Kraft zusammenbekommt, neu einzuatmen. Es scheint im Moment auch unnötig zu sein.
"Jetzt mache ich die Augen auf", denkt er und lässt sie geschlossen. Das geht drei-, viermal so im Kreis, bis er tatsächlich einen kleinen Sehschlitz öffnen kann und vor sich eine schwarze, konvex gebogene Fläche sieht: die Kunststoffverkleidung des Armaturenbretts, die sich vor sein Gesicht geschoben hat, nur wenige Fingerbreit entfernt. Das Lenkrad, das darunter sein sollte, ist außerhalb seines Sichtfelds gerutscht. Vermutlich ist es dort, wo eigentlich er selbst sein sollte oder noch ist. Etwas angenehm Warmes rinnt seine Nase entlang und tropft, nicht abwärts, sondern nach oben über die Stirn. Die Naturgesetze scheinen auf den Kopf gestellt. Er schließt die Augen, um darüber nachzudenken.
Etwas Weiches und Leichtes streift seine Wange, und als er seinen Sehschlitz wieder aufmacht, um die Welt hereinzulassen, hat er ein Notenblatt vor sich. So nahe, als wollte es fragen, wie es ihm denn ginge? Die Punkte und Striche auf dem Papier verschwimmen, dann löst sich eine dicke Träne aus jedem Auge und tropft aufwärts. Er selbst muss es sein, der kopfsteht, die Knie über sich (sofern er noch welche hat). Die Notenblätter haben den Rücksitz verlassen, auf dem er sie abgelegt hatte, und sich nach vorne begeben, um sich auf der Windschutzscheibe zu verteilen.
Er wollte singen, erinnert er sich plötzlich; irgendwo hinfahren und singen. Was es war, weiß er nicht mehr, wahrscheinlich irgendein Chorwerk, ein Oratorium – es muss etwas Langes und Gewichtiges gewesen sein, sonst wären der Notenblätter nicht so viele. Sie bedecken alles: die Frontscheibe, die mit verklebten Scherben im Wind flattert, die Scheibe zu seiner Linken wie mit schwarzer Teerfarbe bestrichen, die zur Rechten vernebelt; das Armaturenbrett, das sich nach oben beult wie schwere See.
Er ist des Todes, das weiß er, auch ohne seinen Körper zu sehen, durch den wahrscheinlich das Lenkrad hindurchgewandert ist. Aber er war unterwegs, um zu singen, und das ist es, was er zu Ende bringen will. Jetzt gelingt es ihm einzuatmen (er muss die ganze Zeit, während er nachdachte, ohne Luft ausgekommen sein), er atmet ganz ohne Schmerz nach hinten in die Flanken, wie man es ihm beigebracht hat, er spannt den Bauch an und stützt seine Stimme aufs Zwerchfell, ohne daran zu denken, dass er wahrscheinlich weder eine Stimme mehr hat noch Bauch oder Zwerchfell, auf das er stützen könnte; und er bringt ein Summen hervor, einen tiefen Ton, so tief, wie er es noch nie vorher geschafft hat. Er lässt den Ton ganz langsam los, am weichen Gaumen vorbeigleiten und von den dünnen Knochen in Nase und Wangen abprallen, bis die beifälligen Notenblätter, die Glasscheiben und alles, was von seinem Auto noch übrig ist, mitschwingen in einem langen Bogen. Für einen Augenblick sieht er ihn hinter dem Seitenfenster stehen und sich herabbeugen, den Fährmann mit seinem Ruder. Dann erstirbt ihm der Atem.
- - hören sie mich? können sie mich hören? bitte versuchen sie, die augen zu öffnen. Er fliegt zurück und prallt gegen das Armaturenbrett. Über ihm eine OP-Lampe, grüne Haube, Mundschutz, aufmerksame Augen, Hände. Er atmet ein. Zwischen ihm und dem Fährmann steht nur ein Lied.
schmollfisch - 12. Mär, 11:22
13.8.2009 kompletter Datenverlust und Schließung.
Der Schmollfisch grüßt von Herzen alle, die ihn hier besucht haben und die er besuchen durfte.
Ich stelle vor: die erste Anthologie der Schreibspechte, die aus dem harten Kern der verstorbenen Rhöner Literaturwerkstatt hervorgingen.
Das Buch heißt "Zu viel Bein" und enthält 28 Geschichten von sechs Autoren, darunter sechs von mir.
Wer Interesse hat: Das Buch gibt es für 9,90 Euro bei
Amazon hier und bei mir. annarinnschad at gmx punkt de oder annarinnschad at web punkt de.
"In dieser finsteren und verwundeten Gesellschaft kann Schreiben der Arbeit eines Spechtes gleichen, der einen Baum aushöhlt, um sich darin ein Nest zu bauen."
(Anne Lamott in
Bird by Bird)

schmollfisch - 22. Aug, 01:25
da gehen nixen in taft
mit gebräunten schultern
edelsteine im haar
auf ihren brauen
strahlt das blau
des blitzes nach
ihr leben balanciert
auf stöckeln
tränen tragen sie
im knopfloch
wo blieb die zeit
wo gehn wir hin
mein herz weint
ins korsett
___________________
3.7.2006 und heute
schmollfisch - 10. Jul, 23:50
Gerade habe ich zum zweiten Mal "Die Poeten der Nacht" von Barry McCrea gelesen. (Das Buch, dem ich mein Romanrätsel entnommen habe.)
Laut Literaturkritik "eine Hommage an James Joyce", weil der Autor sich angeblich große Mühe gegeben hat, reale Orte (Straßen und Kneipen) in Dublin zu schildern; man könnte vermutlich mit dem Buch in der Hand die Schauplätze ablaufen. Man könnte. Ich lasse es lieber bleiben, denn die Kneipenszenen münden meistens in unappetitliche Besäufnisse oder in schwule Erotik. Aber das nur nebenbei.
Niall, der Erzähler, schreibt sich als Literaturstudent mit Stipendium an der Uni in Dublin ein. Bald kommt er in Kontakt mit zwei anderen jungen Leuten, John und Sarah, die nie ohne einen Stapel Bücher das Haus verlassen und überall lesend anzutreffen sind. Dahinter steckt, wie sich bald herausstellt, eine Art Orakel-Kult: John und Sarah verstehen sich als Angehörige eines elitären Zirkels und lesen die Antworten auf alle wichtigen Fragen des täglichen Lebens aus beliebig herausgegriffenen Buchstellen - in der gleichen Art, wie man im Volkstum eine Nadel in die Bibel sticht. Die beiden nehmen Niall, wenn auch widerwillig, in ihren "Kreis" auf.
Sie praktizieren - angeblich als Anhänger einer Sekte namens "Pour Mieux Vivre" - eine völlig neue Art des Lesens, in der Bücher nicht als Sammlung einzelner Geschichten verstanden werden, sondern als Wortdepot, gewissermaßen als intellektuelle Essenz der Menschheitsgeschichte. John zum Beispiel hat den ganzen Ulysses in, wenn ich mich richtig erinnere, sieben Stunden gelesen, Wort für Wort. Wovon das Buch handelt, hat er in der Eile nicht mitbekommen, aber er hat jedenfalls jedes Wort gelesen. Ähnlich absurde Arten des Lesens tauchen immer wieder auf. John, Sarah und Niall zeigen alle Symptome hochgradig infizierter Sektenschüler: Sie verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit, sind nicht mehr in der Lage, normale Gespräche zu führen, weil sie ständig in Büchern blättern müssen (sie gehen nie ohne einen Stapel Bücher aus dem Haus), vernachlässigen sich selbst und ihre häusliche Umgebung. John verliert seinen Arbeitsplatz bei einer Bank, Niall um ein Haar sein Stipendium.
Es versteht sich von Anfang an - schon im Prolog wird es klargestellt -, dass Niall es irgendwie schaffen wird, aus dieser Abwärtsspirale wieder herauszukommen. Doch selbst in der Rückschau, aus der er seine Geschichte erzählt, scheint er den Mechanismus seiner Abhängigkeit nicht zu verstehen. Zumindest in einigen Punkten hat der Leser dabei mehr Durchblick als der Erzähler; zum Beispiel fällt Niall nicht auf, dass die Mailadresse des portugiesischen Sektenführers Luis ein Anagramm seines eigenen Namens ist (an mehreren Stellen des Romans tauchen Anagramme auf, die der Leser selbst klären muss, eine hübsche Aufgabe für langweilige Stunden am Computer). Nie ganz geklärt wird auch die Rolle von Nialls geheimem Führer: eine märchenhafte, vermutlich von Niall imaginierte Figur, ein junger Mann namens Pablo Virgomare, der ihm ganz zu Anfang bei seinem Einzug ins Studentenwohnheim zum ersten Mal begegnet und danach in Abständen immer wieder auftaucht. Virgomare, die Meerjungfrau? Niall sagt über ihn: "Ich musterte ihn immer ganz genau von oben bius unten, voller Zweifel, um mich von seiner Existenz zu überzeugen. Dabei registrierte ich alle Einzelheiten, seine gebräunte Haut, seine grünen Augen, die schicken Klamotten, die kleine Narbe über dem rechten Auge. Das menschliche Zucken seines Fleisches war für mich die Bestätigung seiner Existenz."
Dieser so wirkliche Mensch - mit ausgesprochen erotischer Ausstrahlung, so dürfte es jedenfalls gemeint sein - erscheint bereitwillig überall, wo sich Niall auf die Straße stellt und eine Zeile aus "Oranges and lemons, say the bells of St. Clement's" singt. In einem dem Roman vorangestellten Zitat bezieht sich McCrea ausdrücklich auf George Orwell. In "1984" ist der Kinderreim mit den Londoner Kirchenglocken eine der wenigen bruchstückhaften Erinnerungen, die der Protagonist noch an seine Kindheit hat.
"Poeten der Nacht" steckt voller Anspielungen, Zitate, Kinderlieder, und die Verwirrung eines Menschen, der sich in fast autistischer Weise mit ungeordneten Textbrocken vollstopft, wird meiner Meinung nach sehr anschaulich dargestellt. Ich kann die Amazon-Leserkritiken, die dem Erzähler z.T. Emotionslosigkeit vorwerfen, nicht nachvollziehen.
Wirklich durchsichtig wird Nialls Geschichte wohl erst dann, wenn der Leser - wie er selbst - sich zumindest zeitweise vom äußeren Sinn des Textes löst und statt dessen kreuz und quer nach Wortanspielungen sucht. Niall schreibt am Anfang des Romans einen Beitrag für eine Studentenzeitschrift mit dem Titel "Dem Nebel zugewandt" - ein hübsches Bild für diese Art des Lesens.
Ich sollte wahrscheinlich viel mehr darüber schreiben, was ich gelesen habe. Demnächst in diesem Theater werde ich mich über Albert Sánchez Piñol auslassen. Das tollste Leseerlebnis und die größte Enttäuschung 2009. Ich bezweifle, dass dieses Jahr ein noch größerer Höhenflug und Absturz kommt.
schmollfisch - 5. Jul, 23:39