Die männliche Aufblaspuppe ...

Über den Sprachgebrauch der Krimischreiberin Frau Th. habe ich hier schon einmal gelacht. Da meine Regale von eher durchschnittlichen Krimis inzwischen überquellen, habe ich mir inzwischen ein energisches Krimi-Kaufverbot verordnet, das ich höchstens für ganz außergewöhnliche Krimis zu durchbrechen gewillt bin. Für die durchschnittliche Mord-und-Totschlag-Ware habe ich den Trekstor in Betrieb genommen, der schon seit fast einem Jahr hier herumliegt, ohne bislang etwas anderes speichern zu dürfen als Strickmuster. (Auf Strickmuster komme ich gleich wieder zurück.)

Wider Erwarten habe ich mich inzwischen gut an den Reader gewöhnt. Meine Frühstückskrimis leihe ich per Onleihe aus. Darunter nun auch den dritten Krimi von Frau Th., an der ich ihre Fähigkeit schätze, Häuser und Gärten stimmungsvoll zu schildern. Frau Th. ist Germanistin laut Klappentext. Dann sollte ihr allerdings dieses Haus hier eher nicht unkorrigiert durchrutschen:

Katharina war fünfundsechzig, lebte seit dem Tod ihres Mannes vor zwanzig Jahren völlig allein in einem riesigen Haus mit einer ebenso riesigen Dogge ...

Nun, Riesen sind ohnehin ein Thema. Hier nämlich, um auf Strickmuster zurückzukommen, kreiert Frau Th. ganz nebenher einen solchen.

Magda suchte sich graue Wolle aus, die von dünnen blauen Fäden durchzogen war. Außerdem hatte sie einen Pullover von Johannes dabei und fragte die Verkäuferin, wie viel Wolle dieser Sorte man für eine Jacke dieser Größe brauche.
Die Verkäuferin maß und rechnete und schob dabei immer wieder ihre rutschende Brille zurück bis zur Nasenwurzel.
"Es soll ein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann sein", erklärte Magda, (...)
"Brava" sagte die Verkäuferin und schrieb Zahlenkolonnen auf einen Zettel. (...) "Ich habe nicht genug Wolle da. Ungefähr die Hälfte müsste ich nachbestellen. (...) Nächste Woche Freitag müsste der Rest hier sein."
(...)
Magda schenkte der Verkäuferin ihr strahlendstes Lächeln und verließ mit einem Teil der Wolle in einer riesigen, sackähnlichen Plastikhülle den Laden.


Ich beleuchte diese Episode mal vom Standpunkt einer Strickerin, wobei ich betonen möchte, dass man keine gelernte Handarbeitsfachverkäuferin sein muss, um zu dieser Beurteilung zu kommen, sondern eine zwei- bis dreimalige Erfahrung im Stricken von Oberteilen genügt:

Um den ungefähren Wollbedarf für eine Jacke zu berechnen (Magda legt einen Pullover vor und bittet um Umrechnung in eine Jacke, aber das macht keinen Unterschied) braucht man ein Lineal, um die Größe auszumessen, und einen Blick auf die Banderole der Wolle, auf der Lauflänge, vorgeschlagene Nadelstärke und durchschnittliche Maschenprobe angegeben sind. Der Rest ist Kalkulation über den Daumen gepeilt. Um zu einer genauen Berechnung zu kommen, braucht man eine ausreichend große Maschenprobe in dem Muster, das die Kundin stricken möchte, und zwar von der Kundin gestrickt. Da die Verkäuferin diese nicht zur Verfügung hat, gibt es keine Parameter, auf deren Grundlage sie Zahlenkolonnen schreiben könnte. Der ganze Absatz ist stricktechnisch Unsinn.
Unsinn ist es auch, "die Hälfte der Wolle" mitzunehmen und die andere Hälfte zu bestellen. Keine Verkäuferin, die halbwegs bei Verstand ist, macht so etwas. Wolle für einen Pullover verkauft jedes Geschäft grundsätzlich auf einmal, weil das die einzige Garantie ist, dass die Wolle wirklich durchgehend die gleiche Farbe hat. Ist nicht genug Wolle da, wird nachbestellt, aber dann die komplette Wolle auf einmal, nicht die zweite Hälfte. Wer mir nicht glaubt, kann ruhig mal in einem Handarbeitsladen die Probe aufs Exempel machen. Vielleicht hätte Frau Th. gut daran getan, es auszuprobieren.
Dann wäre ihr nämlich auch der dritte und letzte Schnitzer nicht passiert: Magda verlässt "mit einem Teil der Wolle in einer riesigen, sackähnlichen Plastikhülle den Laden". Eine riesige, sackähnliche Plastikhülle hatte ich zuletzt, als ich auf Inishmore zweieinhalb Kilo Aranwolle in Strängen gekauft habe. Was Magda in der Hand hat, kann nicht mehr sein als 500 bis höchstens 600 Gramm Wolle. Das nimmt ungefähr soviel Raum ein wie vier Tüten Milch. Es sei denn, Johannes sei ein Riese. Es soll ja Männer geben, die veritable Strickzelte benötigen, um sich ausreichend zu bekleiden. Aber nein, Magda hat Johannes kurz zuvor über den Hof geschleift, um ihn im Garten zu begraben, und dabei erschöpft konstatiert, dass er neunzig Kilo wiegt.
Wenn mir jetzt jemand erklärt, wie ein neunzig Kilo schwerer Mann eine derartige Ausdehnung haben kann, dass die Hälfte der Wolle, die er für eine Jacke braucht, eine riesige, sackähnliche Plastikhülle ausfüllt, dann verzeihe ich Frau Th. Eher nicht. Oder sollte am Ende Johannes selbst auch nur eine riesige, sackähnliche Plastikhülle sein? Eine männliche Aufblaspuppe? Die braucht man aber nicht im Garten zu vergraben. Die braucht man nur abzustechen und anschließend klein zusammenzufalten. Vielleicht der ideale Ehemann. Nach Gebrauch leicht in einem kleinen Paket zu entsorgen. Was Gott sei Dank auch für geliehene ebooks gilt. Das Datenpaket braucht nicht mal eine Plastikhülle. Aber wirklich wichtige Bücher bestelle ich nach wie vor beim Buchhändler meines Vertrauens.

ps. Nachtrag vom 14.11.: Frau Th.'s Mangel an Sachkenntnis beschränkt sich übrigens nicht auf handarbeitstechnische Fragen. Auch im Gemüsegarten geht nicht alles mit rechten Dingen zu: der aufblasbare Neunzig-Kilo-Johannes setzt in seinen Garten "Tomaten, Salat, Gurken, Melonen und Kartoffelpflanzen".

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