Es geht bergab!

Ich sammle Wasserfälle. Sie müssen weder besonders breit noch hoch sein, aber jedenfalls mindestens doppelt so hoch und breit wie ich. Am liebsten mag ich die Sorte, die man auf Korsika „Piscia di Ghjaddu“, Hahnenpiss, nennt. Es gibt stahlharte Leute, die sich unter einen solchen Wasserfall stellen und sich fotografieren lassen. Habe ich früher auch gemacht. Heute schaue ich lieber in die Höhe und suche mir einen einzelnen Tropfen in der Wasserflut aus. Wenn er Glück hat (oder Pech), sprüht er weit über die Absturzkante hinaus und trudelt in einem atemberaubenden Regenbogen in den Gumpen hinab, um sich dort, wahrscheinlich außer Atem und verblödet vor Stress und Seligkeit, mit seinen Tropfenkumpanen zu vereinigen. Ich stelle mir vor, wie alle durcheinanderschnattern und jeder Tropfen unbedingt erzählen will, was er Tolles erlebt hat.

Aber es gibt auch die anderen, die gleich von Anfang an auf Seitenwege ausweichen. Sich ein behutsam niedergehendes Rinnsal am Rand suchen, durch Moos rieseln, Blätter benässen, vielleicht sogar ganz stehen bleiben, um als Vogeltränke oder Übungsplatz für Wasserläufer zu dienen. Ich schaue mir das gern an und denke nach, ob sich jeder Tropfen seinen Weg wählen darf, oder ob eine barmherzige Hand von oben vorher jedem Tropfen das zuteilt, was er verkraften kann. Vielleicht gibt es auch so etwas wie einen Tropfenmythos. „Hier links, wenn du Mumm hast“, mögen sie einander zuraunen, und „du bist zu sensibel für die Mitte, geh lieber rechtsrum, da ist es besser für dich“. Sicher bin ich jedenfalls, dass jeder Tropfen den Weg nur einmal gehen darf. Nur eine Gelegenheit. Wer ganz feige ist, bleibt in einer Pfütze oberhalb des Wasserfalls stehen und fragt sich, ob er eigentlich etwas verpasst hat oder nicht, bis ihn die Sonne aufgeleckt hat; oder bis ein Wanderer seinen Zigarettenstummel hineinwirft, so dass das Tümpelchen mit einer kleinen Wolke verzischt: Aus. Nie gestürzt.



Powerscourt, Wicklow (Irland)

Lebende Steine

Sie sagt: Wir alle sehen Tiere an, und die Tiere schauen zurück. (Stimmt – ich sehe gern Hundegesichter; sie sind Menschengesichtern so ähnlich, nur wacher und aufmerksamer.) Und wir sehen Pflanzen an. Schauen die auch zurück?
Das kann sein, werfe ich ein. Stiefmütterchen habe ich schon zurückschauen sehen – so! Mit verkniffener Miene, als hätte sich das ganze Gesicht um einen Mittelpunkt herum eingekraust.
Ja, sagt sie. Aber schau mal, mein Farn! Und deutet auf die Ampel, die in der Zimmerecke hängt. So! Sie macht eine große Bewegung mit dem Arm. Schau, dieser Bogen, den er macht. Er verneigt sich. Wenn er einen Hut hätte, würde er ihn abnehmen und schwenken (sie macht es vor, in einer schwungvollen Parodie auf d’Artagnan). Er sieht uns an!
Es fällt mir schwer, darauf eine Antwort zu finden; die unverstellte Begeisterung in ihrem Gesicht lässt mich schrumpfen. Vorhin hat sie mir ihre Kamelie gezeigt, die jetzt, Anfang März, prachtvolle rote Blüten trägt.
Ich schaue in die Teetasse, in deren weitem Bauch ein kleiner, tröstlich grüner See schwappt. Sehe mich selbst plötzlich winzig klein in dem See, um Hilfe zirpend, die Ärmchen verzweifelt ausgestreckt nach dem viel zu hohen Tassenrand. Mir fällt eine Pflanze ein, die wie trockenes Stroh aussieht, sich aber nach einem Wasserguss zu grüner Pracht entfaltet und wie wiederbelebt aussieht. Auferstehungspflanze nennt man sie, obwohl sie tot ist; sie wirkt nur lebendig, weil ihre trockenen Röhren das Wasser ansaugen und sich grün färben.
Einen Augenblick lang habe ich nicht mehr zugehört. Sie redet immer noch. Und lebende Steine!, sagt sie und macht wieder ihre große Musketier-Bewegung mit dem Arm. Kennst du lebende Steine?
Ja, sage ich, die kenne ich.

Altes Gedicht gefunden ...

... und das geht so:


im traum heute nacht
der kuss eines delphins
voll ahnung ...
mein atem trägt sie in alle
ecken der welt,
meine abgelegte haut
dümpelt im hafen.



Da ich zur Zeit vieles wegwerfe, habe ich auch einen Stapel alte Gedichte entsorgt. Dieses hier habe ich mal Anfang der Neunziger irgendwo eingeschickt. Mittlerweile ist mir klar, dass es purer Kitsch ist. Aber damals war ich total glücklich, so was schreiben zu können. Ich schrieb damals fast täglich Gedichte, und alle taugten nichts, aber ich war damit glücklich. Heute schreibe ich keine mehr. Hab meine Unschuld verloren.

ps. Hab Jörg von Usedom (siehe letzter Eintrag) beendet. Schönes Buch. Ob ich gleich mit Lemprière weitermache? Jetzt jedenfalls lese ich einen Venedig-Krimi von Donna Leon, der schon auseinanderfällt, was bedeutet, dass das Buch nach Beendigung auch gleich ins Feuer kann. Irgendwie macht das Spaß, Leute!

Eselsohr

Ich, Jörg von Usedom ...
Von? Oder nur aus? Und welches Usedom? Die ersten schartigen Umrisse waren Bastionen, geschützt von natürlichen Gräben: der See- und den Flußmündungen, mit Birken bewachsen und unverwandelt. Ein Ur-Usedom, reiner Begriff, nicht sein Eiland noch das eines anderen. Die Heiden kamen und bezeugten ihre Anwesenheit mit Hainen für ihre barbarischen Götter und den Trümmern einer großen Stadt: Vineta, von den Grundmauern losgerissen und in die Tiefen des Meeres geschleudert. Heinrich der Löwe erbaute eine Kirche, die darüber wachen, dem Sog und Zerren der langmütig rachsüchtigen Gezeiten trotzen oder seinen unblutigen Sieg bezeugen sollte. Die Insel scherte sich nicht ums Gewissen. Dann die dumpfen schlichten Insulaner mit ihren Pflügen und Zäunen. Aber dies war nicht sein Eiland, er war weder von noch aus. Schließlich das Usedom seiner Wiederkehr, mit den unterschiedlichen Grüntönen der Baum- und Sumpfmoose, den flachen Buckeln der Felder und ihren strohfarbenen Früchten, den Bienenkörben und Schweinekoben, Kuhställen und Scheunen. Im Winter hingen Eiszapfen wie Schwerter von den Traufen. Sieh, eine Kirche erhebt sich an der Meeresküste, der Turm sticht ins Blau des Himmels, beim Klang der Glocken kommen Männer und Frauen über die Felder gerannt, um Gott zu preisen, die uneinnehmbaren Mauern und hohen Fenster gründeten auf Granit; die Wunderkirche einer Wunderinsel. Dies Usedom würde er niemals sehen, obwohl es das seine war.

(Lawrence Norfolk: Ein Nashorn für den Papst, 1996)

Man muss dazu wissen: Jörg von Usedom ist Mönch und hat gefühlte zwanzig Mal versucht, auf Usedom eine Kirche zu bauen. Jedes Mal ist sie, bevor sie auch nur halbwegs fertig gestellt war, beim Sturm im Meer versackt.
Kraftlos und zermürbt schafft Jörg es dennoch mit einigen ebenso frustrierten Mitbrüdern bis nach Rom. Um den Papst zu fragen, was denn nun weiter geschehen soll.
Zu dem Zeitpunkt, als Jörg diese Überlegungen anstellt, nächtigt er in vergeblichem Warten auf eine Audienz in einem armseligen Wirtshaus in Rom. Er versucht seine Gedanken niederzuschreiben, was nicht klappt, denn er ist inzwischen blind. Dass er "sein Usedom" niemals sehen wird, liegt indessen nicht an seiner Blindheit, sondern daran, dass es das in der Welt der engstirnigen Dörfler mit ihrem Hexenglauben, dem Wetter mit ewiger Nässe und Kälte, Dunkelheit und Sturm niemals geben wird. Und während er auf die Audienz beim Papst wartet, vertieft er sich in die Vision seines Usedom. Das könnte glatt von Kafka sein, wenn es nicht so berauschend wortreich wäre.

Es ist verdammt schwer, in diesem Buch, das vor süffigen und worttrunkenen Schilderungen nur so wimmelt, einen bestimmten Absatz als wirklich bedeutend auszumachen. Diesen habe ich mir mit einem Eselsohr markiert.

Ich habe mir das Buch kurz nach Erscheinen gekauft. Wie bei dem im letzten Eintrag genannten Roman von Niebelschütz habe ich mindestens vier Anläufe hinter mir. Beim letzten Anlauf schaffte ich es bis ins letzte Drittel. Das Buch ist weit über 800 eng bedruckte Seiten lang. Sehr eng bedruckte Seiten.

Fest entschlossen, es ggf. den Weg des Niebelschütz gehen zu lassen, habe ich es vor einer Woche neu begonnen. Es ist einfach wunderbar. Ich fresse es nur so in mich hinein. Kurioserweise habe ich die Qualitäten dieses Romans durchaus auch früher schon erkannt, nur waren sie mir irgendwie des Lesens zu viele. Diesmal klappt es. Ich bin sicher.

Zur Zeit lese ich alte, seit zwanzig Jahren ungelesene Bücher, was vermutlich ein Zeichen meines näher rückenden Ablebens ist. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Autodafé

Ich habe heute zum allerersten Mal ein Buch ins Feuer geschoben. Es war "Kinder der Finsternis" von Wolf von Niebelschütz.

Dieses Buch habe ich vor vielen Jahren gekauft; an die genauen Umstände erinnere ich mich nicht mehr, habe aber damals im entsprechenden Themenordner im Klassiker-Forum niedergelegt, dass mein Buchhändler es mir wärmstens empfohlen hätte - dann wird das ja wohl stimmen. (Übrigens empfiehlt auch Hans Wollschläger, der erste Übersetzer des Ulysses, das Buch ungehemmt im Klappentext, was aus irgendeinem Grund für mich den Ausschlag gab.)

Seitdem habe ich x-mal versucht, es zu lesen. Es geht darin, kurz gesagt, um familiäre und weltanschauliche Verwicklungen in einem fiktiven Land namens Kelgurien, das der Provence entspricht. Der Roman beginnt um 1100 herum. Der Plot ist an sich spannend, aber aus meiner Sicht ist das Buch unleserlich: Es ist extrem verdichtet; fast alle Handlung ist in die Dialoge verlegt, die schnellfeuergewehrartig abgespult werden. Einerseits wimmelt es von Sprachmanierismen; so ist ein Mann prinzipiell nicht bärtig, sondern gebartet, und wer sich des Grafentitels schmeicheln darf, wurde gegraft (was geradezu kafkaesk anmutet). Andererseits klingen die Dialoge bisweilen wie direkt aus dem Computerreich, wenn zum Beispiel aus einem "Wie geht es Marisa?" ein "Erkundung Marisa" wird. Es wäre ja auch spannend zu lesen, wie man im zwölften Jahrhundert jemandem, der an chronischem Kopfschmerz leidet, ein Stück Hirnschale herausmeißelt, damit Luft ans Hirn kann. Wenn der Vorgang ein wenig mehr Raum hätte als zwei Sätze in aller Hast. Vergleichsweise breite Schilderung erfahren die Verstrickungen zwischen dem im Mittelpunkt stehenden Grundherren und den ihn umgebenden Frauen, die allesamt leidern und diese und jene Nacht nicht vergessen können. "Du weißt. Der Weinberg." - "Vorbei. Lange." Oder so ähnlich.

Ich hatte es schon mal zu drei Vierteln durch und dann für drei Jahre weggelegt. Jetzt habe ich es wieder hervorgeholt und etwa die Hälfte gelesen. Ich lag schräg auf dem Sofa, meine rechte Hand war eingeschlafen, ich ließ sie herunterfallen und schüttelte sie, während ich las: "Erkundung Marisa". Ich entschied, es sei an der Zeit aufzustehen. Ich riss das Fensterchen des Kachelofens auf und schob das Buch ins Feuer. Wie weiland Frodo den Ring.

Da man mir beigebracht hat, dass man Bücher nicht wegschmeißen darf (es sei denn, sie sind pornographisch), machte ich das Fensterchen sofort wieder zu und schämte mich. Aber eigentlich, gestand ich mir nach einer Weile ein, schämte ich mich gar nicht. Im Gegenteil. Es war ein phantastisches Gefühl.

Und so verfügte ich mich stehenden Fußes in meine Küche, wo es ein gewisses kleines Regal gibt, auf dem Bücher mit ungesichertem Status liegen, und griff mir sofort zwei weitere. Das eine war ein Krimi, dessen Titel ich schon wieder vergessen habe; das andere war "Interview mit einem Vampir".

Beinahe wäre auch Akif Pirinccis "Die Tür" den gleichen Weg gegangen. Ich hatte es schon in der Hand, das Feuer brannte lustig. Dann entschied ich aber, das Buch sehe doch noch recht ordentlich aus. Ich schloss das Fensterchen und setzte das Buch ins Tauschforum. Fünf Minuten später wurde es abgerufen. Damit hatte meine Mordserie an ungeliebten Büchern ein abruptes Ende.

Vielleicht mache ich am Montag weiter.


ps. Dass man nur pornographische Bücher wegschmeißen darf, hat mir mein Vater beigebracht. Er hat "Der Alptraum" von Norman Mailer und "Ehepaare" von John Updike in meiner Gegenwart in den Mülleimer gestopft. Ich weiß nicht, ob er das nur zu Demonstrationszwecken tat oder deshalb, weil er die Bücher wirklich nicht mochte - ich habe beide, als Vierzehnjährige, gelesen, wieder vergessen und keine Ahnung mehr, was drin stand. Mein punktuell-fotografisches Gedächtnis hat aus beiden Büchern hier und da halbe Seiten gespeichert, aber nicht den Plot.

Kurz vor der Müllabfuhr

Dem Ewald ist ganz fürchterlich mitgespielt worden. Gestern abend beim Rausfahren der Mülltonne (heute ist Müllabfuhr) habe ich ihn getroffen, und wie das so geht, er hat noch auf der Straße angefangen zu erzählen und zwei Stunden später habe ich ihn ins Haus gebeten, weil es zu regnen anfing. Da ging es dann noch mal zweieinhalb Stunden weiter. Aber die Geschichte selbst ist ganz schnell erzählt.

Die Ewaldine hat vor ein paar Monaten abends ein Häschen aus Baumwolle gehäkelt, ganz klein nur, als Schlüsselanhänger für Ewald. Der fand das Häschen so lieb, dass er gleich gefragt hat, ob Ewaldine noch mehr davon machen könne, so etwas wollten doch sicher viele Leute für ihre Schlüssel haben. Ewaldine hat sich ein wenig zögernd bereit erklärt; sie hat ja das Haus und den Garten, aber ab und zu ein Häschen machen wäre wohl schon drin. Nach Konsultation seines Steuerberaters hat Ewald einen Förderkredit für Kleinstunternehmer beantragt und einen Amazon-Shop für die Häschen eröffnet. Als Einstiegspreis hat er 79,90 Euro kalkuliert. Das ist schon recht günstig, wenn man all die Nebenkosten bedenkt.



Es lief zunächst ganz gut. Ewald bekam sogar zwei Fünf-Sterne-Rezensionen auf Amazon für das Häschen (es heißt übrigens „Johnny“), die sehr positiv klangen: „Ein Häschen, das viel mehr Beachtung finden sollte“ hieß es da, und „es ist natürlich anspruchsvoller als das durchschnittliche Häschen und lässt den Kunden zutiefst verstört und nachdenklich zurück, herausgerissen aus seiner Gutgläubigkeit …“ Ich habe Ewald vorsichtig gefragt, ob diese Rezensionen vielleicht von seiner Schwiegermutter und seinem Steuerberater stammen könnten. Da wurde er ganz furchtbar sauer und ließ sich nur dadurch besänftigen, dass ich eine Flasche Rotwein aus dem Keller holte.

Ewald hat einige Bestellungen für Häschen bekommen. Die Ewaldine hat ungefähr alle zwei Wochen eines gehäkelt, und das passte gut, weil sie immer sonntags beim „Tatort“ häkelt und gerade drei Stunden, also zwei Tatorte, für ein Häschen braucht. Sie macht die Häschen dann auch gleich versandfertig, versieht sie mit einem Schlüsselring, packt sie in Seidenpapier und flüstert ihnen zum Abschied zu, dass sie nun in die weite Welt hinaus müssen und sich in acht nehmen sollten, weil die Welt ganz furchtbar schlecht ist. (An diesem Punkt seiner Erzählung brach Ewald in Tränen aus und konnte erst weiter berichten, nachdem ich noch eine Flasche Rotwein aus dem Keller geholt hatte.)

Nachdem also das Geschäft mit dem Häschen ein gutes halbes Jahr einigermaßen gelaufen war, hat plötzlich eine Kundin in ihrem Weblog das Häschen übel heruntergemacht. Dabei (rief Ewald verzweifelt aus) hat sie nicht mal ein Häschen gekauft! Sie hat es bloß bei einer Bekannten gesehen, ein wenig untersucht und untersteht sich, aufgrund dessen mitten ins Internet zu schreiben, das Häschen sei dilettantisch gemacht! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Ewald ist gleich zum Steuerberater gerannt und hat gefragt, was er nun machen soll. Nach einigem Nachdenken hat der Steuerberater gemeint, dass im Prinzip jeder Kunde über jedes Produkt schreiben könne, was er wolle, aber wenn bewusste Geschäftsschädigung im Spiel sei, könne es sich auch um einen Straftatbestand handeln. Ewald hat also ein wenig nachgeforscht und festgestellt, dass diese Frau vor fünf Jahren in einem Häkelforum einige von ihr gefertigte Topflappen vorgestellt hat, die aber von den anderen Forenmitgliedern gar nicht positiv bewertet wurden. Klarer Fall: Die Frau war bloß neidisch, ihre Rezension entbehrt jeglicher Grundlage! Außerdem ist sie, wie Ewald herausgefunden hat, genau 29 Jahre alt, ein ganz gefährliches Alter für Frauen! Bestimmt ist sie frustriert oder frigide oder beides, hat keinen Freund, keinen Hasen und keine Ahnung vom Häkeln, wahrscheinlich ist sie sogar (hier machte Ewald eine dramatische Pause, die ich nur durch das Öffnen der dritten Flasche beenden konnte) eine Quotenfrau!! Ewald hat die Frau also angeschrieben und ihr mit Klage gedroht. Damit sie ihre Rezension nicht nachträglich ändert, hat Ewald vorher einen Screenshot von ihrem Blog gemacht und auch Screenshots von allen anderen Blogs, in denen ebenfalls ungünstige Rezensionen über das Häschen aufgetaucht sind (natürlich alle von der ersten abgeschrieben und von Leuten, die das Häschen nicht mal gekauft haben, denn so viele Häschen hat er ja gar nicht verkauft - was hinreichend beweist, dass all diese Leute ihn bewusst schädigen wollen). Weil es so viele sind, hat er sich eine externe Festplatte kaufen müssen, aber die setzt er ja von der Steuer ab.

Ewald ist fest entschlossen, all die bösen Leute, die in ihren Blogs das Häschen verrissen haben, vor Gericht zu zerren. Er hat schon einen Brief an seine Rechtsschutzversicherung geschrieben. Nun ist aber das Allerschlimmste passiert: Die Ewaldine hat sich gestern zufällig an den Rechner gesetzt; nicht wegen des Häschens, sondern weil sie sich den Tourneeplan von David Garrett runterladen wollte. Da ist sie zufällig über Ewalds Verlaufsordner auf über siebenhundert (!!!) Links gestoßen, in denen dieses Bild zu sehen ist:



Und nun weigert sie sich, weitere Häschen zu häkeln! Ganz egal, wie der Rechtsstreit ausgeht, sie will einfach nicht mehr! Sie hat ihre Wolle und die Häkelnadel weggeschmissen und Ewald angeschrieen, dass sie nicht mehr bereit ist, weitere Exemplare ihres „Johnny“ in diesem Sündenpfuhl da draußen hinauszuschicken. Ewald ist am Ende. Ich habe ihm versprochen, die Geschichte hier zu erzählen und meine Leser zu fragen, ob vielleicht da draußen irgend jemand sitzt, der solche Häschen häkeln kann, damit „Johnny“ weiterlebt. Das darf doch einfach nicht das Ende sein! Helft alle mit! Schickt positive Energien! Murmelt Mantren! Bildet eine Lichterkette rund um den Globus! Unser Häschen darf nicht sterben!

Heute ist Müllabfuhr!

Der Zauberstab

(Aus urheberrechtlichen Gründen alle Bilder sicherheitshalber gelöscht)

Zu Händels Oper Rinaldo in der Inszenierung von David Alden, Premiere war im Jahr 2000 bei den Münchner Opernfestspielen, habe ich mal in einer Kritik den Satz gelesen: »Alden verglich in seiner Inszenierung das überschäumende barocke Lebensgefühl mit der heutigen Spaßgesellschaft und versetzte die Handlung teilweise auf einen Rummelplatz.«

Ich kann das bestätigen, ich habe die Übertragung damals gesehen, sogar auf Tape mitgeschnitten, und es ist mir sogar gelungen, dieses Tape zu digitalisieren und auf DVD zu brennen. Ich sehe und höre es immer wieder gerne, obwohl nicht weniger als vier Countertenöre um die Wette säuseln. Einer besser als der andere.

Barockoper = Spaßgesellschaft. Eine ähnliche Vision haben wohl auch die Macher von Enchanted Island gehabt, jedenfalls wäre für die optischen Effekte in der Inszenierung aus der Met kein Superlativ zu hoch gegriffen. Voll fett, krass, überbordend, immer und immer noch einen drauf. In einem Pauseninterview sagte der Regisseur sinngemäß: »Wir haben uns gedacht, wenn wir schon Barockoper machen, dann auch gleich richtig.«

Ich glaube, die großartige Joyce DiDonato hatte in jeder einzelnen Szene, in der sie auftrat (und das waren nicht wenige), ein neues Kostüm und ein neues Haarstyling. Selbst der Luftgeist Ariel, gesungen von Danielle de Niese (agil-irrwischartig), bekam extra für die letzte Arie ein neues Kostüm verpasst, das direkt aus Farinelli stammen könnte.

(Bild gelöscht)

David Daniels (zum Niederknien wie immer) hatte, abgesehen von seinen Arbeitsklamotten (Lederschürze und Ärmelschoner) mindestens zwei aufwendige Brokatfummel. Lediglich Neptun (Placido Domingo, tragikomisch), Miranda (toll) und Caliban (Pisaroni, wuchtig) mussten mit nur einem Styling auskommen. Dafür hatte Caliban aber eine äußerst aufwendige Maske, einen künstlichen Bauch und Orkfüße. Mit ein paar kleinen Änderungen hätte er als Uruk-hai im Herrn der Ringe durchgehen können.

(Bild gelöscht)


Überhaupt gab es die eine oder andere Anleihe bei Tolkien; Prospero hatte gleich zu Beginn eine Art Palantir in der Hand, und sein Zauberstab sah sehr nach Gandalf aus.

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Womit ich endlich beim Thema bin: Der Zauberstab.
Eine der effektvollsten Theaterszenen, die ich kenne, ist diejenige aus Shakespeares Sturm, als Prospero seinen Zauberstab zerbricht. Ich habe sie leider nur zweimal im Fernsehen gesehen – einmal gespielt von Helen Mirren in der Neuverfilmung des Sturm und einmal vor vielen Jahren gespielt von John Gielgud in Greenaways Prosperos Bücher. Speziell Gielguds Darstellung werde ich nie vergessen. Nach all dem ungeheuren Aufwand, den er getrieben hatte, um sich seinen unfreiwilligen Inselaufenthalt zu verschönern, erschien er in dieser Szene nackt und bloß in ärmellosem Unterhemd. Ein schon reichlich schlaffer und krummer alter Mann, der entschlossen war, für immer auf seine Zauberkräfte zu verzichten. Sein Gesicht strahlte vor Erleichterung und innerer Befreiung.

Enchanted Island ist eine Kompilation aus dem Sturm und dem Sommernachtstraum, mit der Einschränkung, dass eine Oper natürlich mit sehr viel weniger Text auskommen muss als ein Theaterstück. Aber ich habe mich unendlich gefreut, dass man auf diese wunderbare Szene nicht verzichtet hat. In Enchanted Island findet sie ganz zum Schluss statt. Prospero, bis dahin gesungen von David Daniels, entsagt seiner Zauberkraft und zerbricht den Stab übers Knie. Der Text dazu dürfte sinngemäß dieser Stelle aus dem Sturm entsprechen (Übersetzung von Schlegel):


Das Fest ist jetzt zu Ende; unsre Spieler,
Wie ich Euch sagte, waren Geister und
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie dieses Scheines lockrer Bau, so werden
Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
Ja, was daran nur teil hat, untergehn.
(…) Unser kleines Leben
Umfaßt ein Schlaf.


Das Publikum wird mit diesen Worten quasi aus der Oper entlassen; was danach folgt, ist nur noch so eine Art musikalischer Schlusstriumph. Der besondere Effekt an dieser Stelle war, dass diese Schlussworte gesprochen wurden. Nicht gesungen. Und zwar von einem Sänger, bei dem die Sprechstimme sich von der Singstimme so stark unterscheidet wie nur möglich (Daniels ist Countertenor und singt im Höhenbereich des Damen-Mezzo, seine Sprechstimme würde ich irgendwo im Bariton unterbringen). Die Fallhöhe an diesem Punkt war gigantisch. Hier ist der Zauber aus. Wir dürfen nach Hause gehen.

Ein riesiges Dankeschön an alle, die dieses einmalige Ereignis möglich gemacht haben. Ich hab's zwar nur im Kino gesehen, aber trotzdem hat es mich in den Sessel gebügelt wie selten. Barockoper ist Glückspille.

Eine sehr schöne Rezension, der ich vollkommen zustimme, gibt es übrigens noch hier im Opernnetz.


(...) Ihr alle schier
habet nur geschlummert hier
und geschaut in Nachtgesichten
eures eignes Hirnes Dichten.


(Epilog aus dem Sommernachtstraum, gesprochen von Puck)

Samstag ...

ist ein großer Tag! Hier mein derzeitiger Desktop:



The Enchanted Island kommt direkt aus der Met ins Kino.
Darauf freue ich mich seit sechs Monaten oder so. (Seit ich halt weiß, dass es kommt.)

Drei Stunden in einer anderen Welt. Kommenden Samstag.

Blubbern als Kunst!

brille

Wort des Monats

"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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