Diagnose

Der letzte Brief seines Schwagers hatte brennende Wut in ihm ausgelöst, einen unbändigen Hass. Nach dem Tod seiner Frau war sein eigenes Leben sinnlos, aber er würde nicht abtreten, ohne dafür zu sorgen, dass dieser Dreckskerl am Ende büßen musste. Er suchte in den buckligen Bodendielen nach einer größeren Ritze, klemmte das Schwert „Anduril“, das er gleich nach dem Kauf messerscharf hatte schleifen lassen, schräg mit der Spitze nach oben hinein und beschwerte den Knopf mit einem marmornen Pflanzenständer.
Ein paar Probeläufe waren unumgänglich. Er nahm dazu Ingelieses alten Schießbudenteddybär. Es fiel ihm nicht leicht, aber er baute darauf, dass Ingeliese auf seiner Seite war. Obwohl sie seit acht Jahren nicht mehr war, redete er noch immer mit ihr. „Nimm keine Rücksicht“, hörte er sie sagen. „Wir sind uns doch einig. Mein Bruder war schon immer ein Arschloch.“
Nachdem seine Versuche den Plüschrücken des Teddybären nahezu zerfetzt hatten, zog er ihm ein altes Fan-T-Shirt von St. Pauli über, setzte ihn in die Sofaecke zurück, stellte sich vor dem eingeklemmten Schwert in Positur und ließ sich rückwärts hineinfallen. Im Geist hörte er den Rechtsmediziner sagen: „Klare Diagnose. Bei einem Langschwert im Rücken können wir Selbstmord ausschließen.“ Den Brief des Schwagers hatte er gut sichtbar ausgelegt. Es konnte keinen Zweifel geben.
Das Schwert schnippte von seinem Rücken ab und zerriß mit scharfem Laut seine Lederjacke und das Baumwollhemd darunter. Das Letzte, was er sah, war der vorwärts kippende Pflanzenständer mit der Hängepetunie obendrauf. Das Letzte, was er hörte, war die Stimme des Rechtsmediziners in seinem Kopf: „Klare Diagnose: Drittklassiges Dekorationsschwert, aber solider Blumentopf.“

Sturz des Riesenhasen

Eine Künstlergruppe namens "Gelatin" hat die Geschichte unseres Hasen auf dem Weg durch Zeit und Raum um ein weiteres Kapitel bereichert. Vermutlich wäre ich nie darauf gekommen, wenn ich nicht zufällig in der Strickcommunity Ravelry auf eine Recherche nach einem "möglichst großen Kuscheltier" gestoßen wäre. Es kamen alle möglichen Vorschläge zum Nachstricken, aber außer Konkurrenz dürfte dieser Riesenhase gelaufen sein, der aussieht, als hätte Meister Gulliver in unserem Liliputland eine gigantische Hasengestalt angenommen.



Das ist ein Screenshot von GoogleEarth, und der Bildausschnitt zeigt die Umgebung des kleinen Ortes Artesina in den Piemonteser Bergen. Da liegt der Hase friedlich und stört niemanden; und wenn Gott ihn nicht aufhebt, wird er dort liegen bleiben, bis er mitsamt seinem strohgestopften Bauch verwittert und verweht ist. Bis dahin erhält er regelmäßig Besuch von Pilgern, Wanderern und Hasenanbetern, die sogar ihr Zelt neben ihm aufschlagen und sich auf seinem Bauch schlafen legen. Hier eine Vergrößerung. 65 Meter lang ist der Hase.



Die Künstlergruppe Gelatin stammt übrigens aus Wien. Das wundert mich nicht. Der mild-autoritäre Humor der Wiener, wie er sich z.B. in der in U-Bahnstationen aushängenden sanften Warnung "Rauchen kann Ihr Geldbörsel belasten" niederschlägt, passt sehr gut zu diesem gleichsam von einem Götterkind fallen gelassenen Spielzeug.

In einer (sehr gruseligen) Geschichte von einem Autoren namens T.E.D. Klein mit dem Titel "Nadelman's God" gibt es eine Szene, in der der Held Nadelman als Kind am Strand spaziert. Der Himmel ist wolkenbedeckt, er geht und geht, und plötzlich reißt die Wolkendecke für einen Sekundenbruchteil auf, und er sieht ein gigantisches Gesicht über die Welt herabgebeugt: Gott schaut in sein Goldfischglas. Die Szene dauert, wie gesagt, nur einen Augenblick lang, aber sie hat die Qualität eines Schnappschusses, der sich tief ins Gedächtnis gräbt.

Ich weiß nicht, wer solche Hasenideen hat und vor allem nicht, wer dafür sein Geldbörsel aufgemacht hat. (Die Künstlergruppe soll fünf Monate daran gearbeitet haben.) Aber, auch wenn es albern klingt - ich denke mir immer, solange es so zweckfreien, friedlichen und liebevollen Humor gibt, sind wir nicht verloren.

Ein frohes und gesundes 2012 jedem, der hier vorbeikommt.

Das Elternhaus

Seit er von seiner Krankheit wusste, war er überzeugt gewesen, er werde früher sterben als sein Bruder, viel früher; vielleicht sogar früher als seine Eltern. Dass er nun als Letzter übrigblieb, kam ihm wie ein schlechter Streich vor – als hätte man ihm die Rolle, die zu spielen er gewohnt war, weggenommen und ihm eine völlig neue gegeben, die er nicht beherrschte. Nun hatte er das Haus nehmen müssen und mit dem Haus den Hund.

Der Mann setzte sich mit seiner Kaffeetasse auf das schäbige Sofa und schaute durch den Glaseinsatz der Hintertür auf den Garten hinaus. Der Hund war jetzt verstummt, war in die Hocke gegangen und kackte ins Gras, den Blick gemütsruhig in den Himmel gerichtet, als sei nichts.

Totmannwarner

Sæli: hat Schulden, Frau heißt Lara.
Jonas: hat Frau ermordet, Maria.
Gudmundur: Käptn, will abmustern, Frau Hrafnhildur depressiv seit Totgeburt, Sängerin.
Isak: Faschist.
Kalli: Jonas' Schwager, zum erstenmal dabei, wird angefahren, tot, weiß aber keiner.
Jon Karl: versehentlich dabei anstatt Kalli, weiß aber keiner. Alle denken, er sei Kalli; Schwager Jonas sagt nichts wegen Mord an Frau. Jon Karls Frau Lilja mit Kind und Geld abgehauen.
Oli Johnson: Maschinist, hässlich, Cthulhu-Nerd.


Das ist meine Personenliste zu dem Roman "Das Schiff", den ich gerade lese.
Normal brauche ich keine Personenlisten, aber bei diesem Buch schwamm ich schon auf Seite 50, weshalb ich zurückblätterte und mir diese Liste anlegte.
Dass ich schwamm, passte aber gut, denn das Schiff hat jetzt auf Seite 170 keine Verbindung zum Festland mehr und der Autor ist Lovecraft-Fan, was Übles ahnen lässt.
Das Wort "Totmannwarner" kannte ich bisher auch noch nicht. Ein Buch, das den Wortschatz erweitert, ist schon mal was wert.

PS. Weiß jemand, wie man "Hrafnhildur" ausspricht?


Porträt von Cthulhu. Quelle: Wikimedia

Extreme Bedingungen

In dem Klassikforum, in dem der Schmollfisch hin und wieder schwimmen geht, wurde vor kurzem diskutiert, inwieweit es legitim sei (man verzeihe mir diese Häufung von Nebensätzen), einen Sänger wegen seines Äußeren für bestimmte Rollen abzulehnen. Mit "ungeeignetem Äußeren" ist natürlich ein zuviel an Gewicht gemeint, denn (fast) alle anderen Makel kann man ja wegschminken. In jenem Klassikforum hat man sich auf ein dezidiertes Jein geeinigt, denn je nach Inszenierung kann es ja vorkommen, dass dem betreffenden Sänger das vorgesehene Kostüm absolut nicht steht. Ich meine, bis zur Lächerlichkeit nicht steht.

Noch lächerlicher macht sich unter Umständen das Fehlen eines Kostüms. Damit wäre ich beim Thema, nämlich dem Sonderpreis für Singen unter extremen Bedingungen. Ich schicke gleich voraus, dass ich natürlich nur von den mir vorliegenden Bildern ausgehen kann. Wer regelmäßig zu den Wagnerfestspielen geht, hat vermutlich noch mit ganz anderen Sachen aufzuwarten. Aber ich lasse Wagner mal außen vor und beginne mit meinem ersten Preisträger Yosemeh Adjei, der hier im "Ezio" von Händel die Titelpartie singt (und dem sein Kostüm recht gut steht):

(Bild gelöscht)

Das sieht auf den ersten Blick nicht nach erschwerten Bedingungen aus; in der Badewanne singen ja viele Leute (obwohl die meisten, die das tun, eine größere Wanne zur Verfügung haben). Aber dass wir uns recht verstehen: Der Sänger sitzt tatsächlich nackt in der Wanne. Ich weiß das, denn ich habe ihn hineinsteigen sehen. Da sang er allerdings nicht, deshalb zeige ich das hier nicht. Ätsch!

Gerade diese, nennen wir sie mal so, "Wannen-Arie" war übrigens derart bewegend und großartig gesungen, dass ich mir heute morgen bei Youtube einen Wolf gesucht habe, weil ich sie gern als Video verlinkt hätte. Aber nein, so viel Glück haben wir nicht. Das heißt, meine Leser nicht. Ich schon, ich hab die DVD. Ätsch.

Kommen wir zu der ersten bekannten Oper überhaupt, die obendrein meine persönliche Lieblingsoper ist, nämlich "L'Orfeo" von Claudio Monteverdi. Hier im Vordergrund Orfeo (liegend) und im Hintergrund Apollo (schwebend):

(Bild gelöscht)

Apollo steht vermutlich auf einem Brettchen und hält sich (das ist in den Detailbildern zu erkennen) mit den Händen an Griffen fest, die in die Wand montiert sind. Für eine längere Koloraturpartie mit Sicherheit nicht die beste Bedingung; aber ein echter Profi kann in jeder Lebenslage singen. Zu Beginn der Szene steht Apollo sogar kopf. Aber da singt er noch nicht.


(Bild gelöscht)

Peter Rose habe ich in einem früheren Eintrag schon mal gezeigt. Allerdings läuft er hier außer Konkurrenz, denn inzwischen glaube ich zu wissen, wie Herr Rose unter diesem Eselskopf mit gleichbleibender Inbrunst weitersingen kann: Wahrscheinlich trägt er ein Kopfmikrofon. Dieser Kopf ist, wie schon früher erwähnt, eine technische Meisterleistung mit beweglichem Unterkiefer und deutlicher Mimik. Er gehört natürlich in Brittens "Midsummer Night's Dream" in der Inszenierung von Robert Carsen.

Deanne Meek singt ihre Hermia in der gleichen Inszenierung mit Kissen werfend, liegend und zwischen zwei Herren mit dem Kopf nach unten hängend. Den richtigen Schnappschuss zu finden, ist gar nicht so einfach. Nehmen wir diesen, bei dem sie den Kopf immerhin noch ein wenig oben hat. Übrigens singen die beiden Herren auch.


(Bild gelöscht)

Ein weit größeres Päckchen zu tragen hat indessen der arme Mensch, der in der Figaro-Inszenierung von Claus Guth den Grafen zu singen hat: Er trägt bei der Rache-Arie den Weltmeister im Einradfahren, Uli Kirsch, auf den Schultern. Uli Kirsch stammt übrigens aus Fulda (jawohl!) und ist, vermute ich mal, auch nicht gerade ein Leichtgewicht, da er als Amor-Engelchen einen gut gewachsenen und austrainierten Eindruck macht. Davon kann ich leider hier kein Bild zeigen, aber dafür per Link auf zwei Herren verweisen, die sich in dieser Rolle als Kraftpakete profilieren durften:

Erstens: Bo Skovhus (bitte klicken)

Zweitens: der von mir überaus geschätzte Simon Keenlyside (bitte klicken), den wir oben als im Liegen singenden Orfeo schon mal hatten - da gleicht sich's dann Gott sei Dank wieder aus. Man muss halt nehmen, was man kriegt.

Ich finde diese Leistungen allesamt beachtlich und möchte noch ausdrücklich hervorheben, dass alle ausnahmslos sängerisch Bestleistungen abgeliefert haben. Die moderne Tendenz zum Regietheater wird uns sicher noch weitere liebenswerte Verrücktheiten bescheren.

PS. Als Außenseiter möchte ich diese Szene hier nicht unerwähnt lassen, sonst erwähnt sie womöglich jemand anders. Ich habe sie in meine persönliche Liste oben vorläufig nicht aufgenommen, weil mir die Inszenierung nicht gefällt - ich kenne sie allerdings nicht vollständig, vielleicht hat sich mir dieses Konzept einfach nicht erschlossen. Wie dem auch sei, Zachary Stains steht als Ercole in "Ercole sul Termodonte" von Anfang bis Ende nackt auf der Bühne.

Horrortrip in Düsseldorf

Ein alter Schreibfreund noch aus Lupenzeiten hat mir einen Krimi der ganz anderen Art zukommen lassen:



Das Buch sieht sehr nach Science Fiction aus, und aus diesem Grund hätte ich es mir im Laden vermutlich nie gekauft – ich lese keine SciFi, außer Stanislaw Lem in Ausnahmefällen. Aber es ist tatsächlich ein Krimi, ein Regionalkrimi sogar – ich könnte mir vorstellen, dass Düsseldorfer mit dem Buch in der Hand einen Stationsspaziergang machen könnten. Baldo Richter ist Ende dreißig und vollkommen unauffällig; in der kryptischen Vorrede zu dem eigentlichen Roman heißt es, er verberge „seine Klugheit hinter der Maske der Mittelmäßigkeit“, was ihn zumindest in meinen Augen zur idealen Romanfigur macht – weit mehr jedenfalls, als wenn es andersherum wäre. Leider nützt ihm dieses Versteckspiel nichts, denn gleich nach dieser kurzen, ziemlich unverständlichen Vorrede (ihr Sinn erschließt sich erst am Ende des Buches) geht es mit einem Paukenschlag los. Überfall, Einbruch, Kidnapping und natürlich eine geheimnisvolle Schönheit. Und ein sehr beklagenswerter Todesfall. Die Geschichte spielt sich im Wesentlichen innerhalb von sechs Tagen ab, mit einem Zukunftsausblick am Ende, der auf die Vorrede zurückgreift und diese erklärt. Ob Baldo überlebt? Jein.

Obwohl ein dramatisches Ereignis das andere jagt, hält sich der Roman kurz – wenig mehr als 150 Seiten. Der Autor verliert keine Zeit mit Überlegungen und Beschreibungen; die Sprache ist schlicht und sachlich. Hier hätte ich mir ein wenig mehr „Futter“ gewünscht – andere Leser werden diese Geradlinigkeit umso mehr mögen. Ein Ruhepunkt war immerhin der Todesfall am vierten Tag, der zwar nicht unerwartet kommt – er wird sorgfältig vorbereitet –, aber nach zwei Dritteln der rasanten Geschichte für ein wenig Erdung und Tiefe sorgt. Und am Schluss wird das übliche Krimigenre endgültig verlassen. Kennt jemand "Öffne die Augen" bzw. "Vanilla Sky"? Auch hier gibt es am Ende einen Dreh ins Phantastische, der diejenigen Zuschauer, die einen „echten" Krimi erwarten, vielleicht frustriert. Aber die werden „Die Schattenwelt des Baldo Richter“ ja schon wegen des Titelbilds nicht lesen ...

Zwei Zitate kann ich mir nicht verkneifen:

In einem längeren Gespräch im letzten Drittel äußert sich Herr Hallinger, einer der Drahtzieher des Romans, wie folgt: „Wir sollten uns fragen, ob die Welt nicht eher von einem Limonadenhersteller, von einer Restaurantkette oder von einem Softwaregiganten regiert wird. Die Zukunft wird nicht von überforderten Regierungschefs und hilflosen Finanzministern gemacht, sondern von Unternehmern mit Visionen. Die Regierenden sind in Kürze nur noch Marionetten der zukünftigen Marktführer.“

An dieser Stelle musste ich zurückblättern und mich vergewissern, wann das Buch spielt. 2010! Da wird es aber allerhöchste Zeit, dass jemand das ausspricht, was ich mir seit mindestens der letzten Wahl (vielleicht auch der vorletzten oder vorvorletzten) denke! Aber besser spät als nie ...

Und hier noch etwas ganz nach meinem Herzen. Baldo Richters neuer Freund, ein Blinder, der ebenfalls Richter heißt, führt ihm eine Aufnahme aus „La Traviata“ vor. „Wir sollten gemeinsam eine Opernaufführung besuchen, nachdem wir dieses Drama ausgestanden haben“, schlägt er vor. „Aber das lange Sterben ist nichts für einen jungen Mann. Nein, Parsifal ist die passende Oper für Männer Ihres Alters. Lassen Sie uns zu den Wagnerfestspielen fahren …“

Mal abgesehen davon, dass „La Traviata“ zu den Lieblingsopern meiner 21-jährigen Tochter zählt und ich nicht wirklich weiß, was im musikalischen Hirn eines jungen Mannes vorgeht – ich würde nie im Leben einem Neuling im Opernhören ausgerechnet zu den Wagnerfestspielen schleppen. Aber ich kann Wagner sowieso nicht leiden, obwohl ich es immerhin versuche. Mein letzter Versuch, Wagner zu goutieren – das war bei einer Übertragung einer Szene, die Siegfried beim Schwertschmieden zeigte – endete damit, dass meine Tochter hereinkam und fragte, ob ich schon wieder „Wüstenplanet“ gucke.

Graustufen II

Im Weltbild-Laden vor dem CD-Regal.
Alter Herr (normaler Gesprächston): "Wo ist die denn, bitte??"
Seine Frau (flüsternd): "Was suchst du?"
Alter Herr (erhobene Stimme): "Die CD!!"
Seine Frau (flüsternd): "Welche denn?"
Alter Herr (lauthals): "Na die von dem Sänger da! Dem Deutschen!!"
Frau (haucht): "Welcher Sänger?"
Alter Herr (röhrt): "Der Deutsche da! Der vor kurzem gestorben ist! Der Deutsche halt!"
Frau (lautlos): "Wie hieß der denn?"
Alter Herr (brüllt): "Weiß ich doch net! Der Deutsche halt! Neulich gestorben! Der Deutsche!!!"
Verkäuferin (vorschlagend): "Rex Gildo?"
Alter Herr (fanfarenartig): "Roy Black! Roy Black! ROY BLACK!!!"
Frau (zaghaft): "Der ist vor zwanzig Jahren gestorben!"
Alter Herr (Bassbariton beim Finale): "Aber der war GUT!!!!"

Einst und jetzt

Zum x-ten Mal habe ich soeben Patricia Highsmith' Roman "Der süße Wahn" gelesen. Das Buch ist seit Jahren eines meiner liebsten, und zwar deshalb, weil Frau Highsmith hier eine meiner Lieblingskonstellationen exemplarisch vorführt: Der Protagonist, der dem Leser zunächst völlig normal erscheint. Bis der Leser merkt, dass das Roman-Ego und damit der Leser selbst einem völlig falschen Weltbild aufgesessen ist, sind schon so viele Seiten zurückgelegt, dass man es kaum schafft, sich aus der unheiligen Allianz mit der Hauptfigur wieder zu lösen.

Aber das nur am Rand, mir ist nämlich noch etwas anderes aufgefallen. In den Amazon-Kritiken zu diesem Buch findet sich folgender Satz:

Ich fand das mit den noch nicht vorhandenen Handys und der ständigen Suche nach einer Telefonzelle in dem Roman irgendwie befremdlich (obwohl es für die damalige Zeit ja logisch ist, dass es zu jener Zeit noch keine Mobiltelefone gab), weil man es heute eben anders gewohnt ist. Ebenso interessant und im ersten Moment gewöhnungsbedürftig fand ich Sätze wie "Er setzte sich an seinen Schreibtisch und tippte einen Brief (...) auf der Schreibmaschine" (anstatt am PC).

Das erinnert mich an einen Absatz in einem Roman von Sigrid Undset, in dem von "der Romantik des Automobils" die Rede ist und die Frage gestellt wird, ob sich spätere Generationen noch daran erinnern werden. Die Romantik des Automobils ist uns in den Zeiten des Klimawandels in der Tat abhanden gekommen. Beim Lesen solcher Zeilen kann man nur staunen darüber, wie schnell eine fundamentale Veränderung sich manchmal vollzieht. Undsets Roman spielt, wenn ich mich recht erinnere, hauptsächlich zwischen den Kriegen und ist in vielen Punkten durchaus aktuell.

Aber zurück zu Patricia Highsmith. Der Grund, warum ich sie hier erwähne, ist nämlich folgender:
Ihr Held David Kelsey ist seit Jahren verliebt in eine Frau, die einen anderen geheiratet hat. David hält das für einen fatalen Irrtum ihrerseits und ist überzeugt, dass sie sich irgendwann für ihn entscheiden wird. Bis dahin wartet er halt und schreibt ihr verliebte Briefe. Als gut verdienender Ingenieur hat er sich ein Haus auf dem Land gekauft, in dem er nur an den Wochenenden wohnt und das er für seine Angebetete eingerichtet hat. Und nun kommt der springende Punkt: Das Haus hat er unter einem anderen Namen, nämlich dem Namen William Neumeister, gekauft.
Es ist amüsant zu sehen, wie im weiteren Verlauf Bekannte von David ihm nachspionieren und irgendwann verwundert feststellen, dass er jedes Wochenende in einem Haus verschwindet, das William Neumeister gehört. Was mag sich dort wohl abspielen? Warum verschweigt David Kelsey beharrlich, wo er freitags nach Dienstschluss hinfährt? "Ein Freund von mir. Guter alter Bill!", schmunzelt er, als ein Kollege ihn darauf anspricht. Jedes Wochenende?
Einem heutigen Leser würde da sofort die einzig naheliegende Schlussfolgerung einfallen: David Kelsey muss schwul sein und gibt es nicht zu. Klasse. Patricia Highsmith' Personal denkt nicht im entferntesten an so etwas. Die Leute finden alle möglichen Deutungen, nur nicht die eine, die dem heutigen Leser sofort ins Auge springen würde.

So ändern sich die Zeiten. Und ich denke darüber nach, wie dieser Roman wohl heute geschrieben würde.

Habe ich schon erwähnt, dass es einfach ein geniales Buch ist?

Vielleicht dauert es nur noch wenige Jahre und es wird unter Historica geführt.

Blubbern als Kunst!

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