Gespräch mit dem Wind

Sie hatte gerade begonnen, sich mit dem Wind zu unterhalten. Der Wind war ein kleiner Mann in einem dunklen Anzug mit schwarzer Krawatte. Er reichte Angela bis zur Schulter.
Sie stand barfuß auf einer besonnten Waldwiese, und der Wind atmete sie leise und warm an. Sie beugte sich zu ihm herunter. Dann kam etwas Störendes dazwischen. Es klang wie das Klappern einer Kinderrassel.
„Bist du das?“, fragte sie den Wind. „Würdest du bitte damit aufhören?“ Langsam wich er zurück und löste sich mitsamt der Waldwiese auf. Angela rollte sich mühsam herum. Der Wecker leuchtete ihr die Uhrzeit entgegen: kurz nach eins. Das Telefon klingelte.
Sie rappelte sich auf, schob die nackten Füße in die Pantoffeln und schlurfte zur Tür. Um diese Zeit konnte es nur ein Notfall sein. Vielleicht Wiebke – Angela hatte sie ermuntert, jederzeit anzurufen, wenn sie Zuspruch brauchte, egal um welche Zeit. Heute war Donnerstag oder vielmehr Freitag früh, und Wiebke hatte frei und war bestimmt den halben Tag bei ihrem Mann in der Klinik gewesen. Und jetzt wahrscheinlich überwach und verzweifelt.
Im Bad tropfte ein Wasserhahn. Wie der Tropf an Wiebkes Mann, dachte Angela stumpfsinnig und griff nach dem Telefon. „An – ge – la“, sagte sie gähnend.
Aus dem Hörer klang das leise Lachen einer Männerstimme. „Was ist denn los? Wie sieht der Plan heute aus, kann ich noch vorbeikommen? Hast du Zeit?“
„Wo ist denn Wiebke?“, fragte Angela. Dann kam sie zu sich. „Wer sind Sie? Wen wollen Sie denn sprechen?“
Die Männerstimme wurde geschäftsmäßig. „Habe ich mich vielleicht verwählt? Bin ich nicht richtig bei Nummer ...“ Er legte los und zählte eine lange Nummer auf. Angela kratzte sich am Kopf. Es war fast ihre eigene Nummer. Sie klang ähnlich. Aber nicht gleich.
So ein Idiot! „Sie haben die Falsche“, sagte sie kühl. „Passen Sie nächstes Mal gefälligst besser auf. Gute Nacht.“
„Wieso gehen Sie den überhaupt mitten in der Nacht ans Telefon, wenn Sie nicht gestört sein wollen?“
So frech konnte auch nur ein Mann sein. „Ich bin Pfarrerin. Ich bin jederzeit für Notfälle erreichbar, auch mitten in der Nacht. Aber Ihnen scheint ja nichts zu fehlen. Also dann – -.“
„Gnädigste, ich bin ein Notfall.“ Er lachte wieder. „Aber dafür sind Sie nicht zuständig, das sehe ich ein. Also gute Nacht, und grüßen Sie Ihren Boss von mir.“
Klick.
Wütend knallte sie den Hörer auf. Arschloch, sagte sie sich genüsslich im stillen. Es hörte ja keiner. Im Flur zog es, ihre Beine waren scheußlich kalt geworden. Sicher war eines der Fenster nicht richtig zu.
Sie kroch wieder ins Bett und zog sich entmutigt die Decke über den Kopf. Jetzt war sie hellwach. Und vielleicht rief Wiebke an, wenn sie gerade wieder eingeduselt war.
Ihre Gedanken drifteten nach allen Richtungen auseinander. „Wie sieht dein Plan heute aus?“, hatte er gefragt. Was sollte das denn heißen, mitten in der Nacht?
Morgen musste sie wieder einmal in die Klinik. Vormittags sollte sie ein wenig Klavier üben; nächste Woche würde sie bei einem musikalischen Abend im Gemeindesaal mitwirken. In Gedanken machte sie sich eine Notiz: den Flügel stimmen lassen. Das würde sie zwar aus eigener Tasche bezahlen müssen, aber das Stück, das sie spielen wollte, war es wert. Eine Folge aufsteigender Arpeggien, leicht und luftig wie ein Windhauch. Der Wind ...

Blubbern als Kunst!

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"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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