schmollfisch liest

Der Hahn lebt noch ...



Hier schon angesprochen ...

Ich wollte, ich hätte dieses Buch in einer Leserunde gelesen. Jetzt ist es leider zu spät, eine anzuregen, sonst hätte ich es bei den Büchereulen versucht.
Vor Jahren hat mir der Autor mal einen Abschnitt zum Lesen gegeben. Den habe ich ihm damals zurückgereicht mit der Bemerkung, der Protagonist sei mir unerträglich. Mehr oder weniger stimmt das auch heute noch, aber im Gegensatz zu früher lief ich diesmal nicht Gefahr, das Buch nach zwanzig Seiten entnervt wegzulegen. Das kann natürlich daran liegen, dass ich die Exposition kannte und daher wusste, wohin der Plot letztlich steuern wird. Aber es kommt noch etwas dazu: Die Unerträglichkeit des Protagonisten beginnt schleichend. Im ersten Kapitel liegt er samstagmorgens im Bett und sinniert vor sich hin, dann (im zweiten) geht er ins Bad und rasiert sich. Es fängt also ganz gemütlich an. Er denkt so vor sich hin und vieles, was er sich denkt, ist vermutlich genau das, was die Leser auch beim Rasieren denken. (Gut, ich als Frau vielleicht nicht, aber ich kann's mir vorstellen.) Ein wenig Tom steckt in uns allen.

Unerträglich wird Herr Trabandt, wenn es um Frauen geht; dann steigert er sich allerdings enorm. Wir distanzieren uns zusehends und beobachten, wie sich Herr T. immer tiefer in seine Hybris aus Selbstbetrug und wahnhafter Siegesgewissheit verstrickt. Man kommt zuweilen auch nicht um widerwillige Bewunderung herum, etwa bei den Szenen, die er seiner Frau macht (oder sie ihm) - ein Wort gibt das andere, jedes zielgenau und treffend. Wenn das bei mir zu Hause auch so funktionierte, dann würde ich viel öfter mit meinem Mann streiten, so macht es einfach Spaß! Übrigens hatte ich, obwohl ich Beischlafszenen i.d.R. verabscheue - sie kommen mir immer vor wie etwas, was gleichsam abgearbeitet werden muss, ebenso wie der Folterkeller in einem mittelalterlichen Roman - auch bei Herrn T.s Treffen mit seiner Geliebten meinen Spaß. Ich sage nur: Leute, esst mal wieder Katzenzungen! (Wer kennt die nicht aus seiner Kindheit? Und wer käme darauf, die als Erwachsener essen zu wollen ... wenn nicht so??)

Wenn ich einen Vergleich ziehen sollte, würde ich bei diesem Buch am ehesten an Ingrid Noll denken: "Der Hahn ist tot". Tom Trabandt ist eben jener Hahn. Geschwätzig, selbstgerecht, halbintellektuell; obendrein ein Schreibender, schlimmer geht's kaum noch, ich als Schreibende weiß das. Doch wenn es um seine Interessen geht, besitzt er plötzlich die gleiche skrupellose Durchschlagskraft wie Ingrid Nolls Rosemarie Hirte. (Natürlich weitaus beredter, da Her T. ein Bildungsbürger ist und folglich mehr quatscht, auch mit sich selbst - "Adieu Irene" ist zum Großteil in erlebter Rede geschrieben; ein amüsanter Blick ins männliche Stammhirn.) Ingrid Noll lässt ihre Antiheldin am Ende im Klinikbett für ihre Untaten büßen. Das kam mir immer wie ein Kunstgriff vor, um den Leser zu versöhnen, der meint, dass die Frau nicht so davonkommen dürfe. Holger Bischoff baut seinen Plot in dieser Hinsicht geschickter: Was Tom Trabandt widerfährt, erinnert an die alte Judoregel, dass man die Energie des Angreifers auf ihn zurücklenken soll. In "Adieu Irene" ist der Hahn am Ende nicht tot. Aber sein Misthaufen, auf dem er krähte, ist ihm genommen. Hinterrücks. Und es bleiben ihm nur ein paar Kötel. (Die allerdings lässt er sich nicht nehmen. Nicht Tom!)

"Adieu Irene" gibt es hier bei Amazon oder im Elf Uhr Verlag Lauterbach. Ich fand's gut und wünsche mir nach wie vor, Herrn T.s Bücher würden gedruckt. Das eine mit der Titanic war wohl nicht so der Knaller, aber das andere, das mit dem Lektor, das würd' ich kaufen.

Ertappt

Linda Wallander, Tochter des Mankell-Kommissars und selbst Polizistin, hat die unangenehme Gewohnheit, mit einem Blick andere Frauen auf Mängel und Fehler abzusuchen: die Kollegin ihres Vaters hat ein Loch im Strumpf und ist zu stark geschminkt, eine Zeugin hat sich offenbar wochenlang die Haare nicht gewaschen, eine andere sieht viel schlaffer und hinfälliger aus, als sie dem Alter nach sein dürfte. Und natürlich sind alle, alle dicker als Linda. Was dächte die wohl über mich? Ich gehe ihr besser aus dem Wege.
Immerhin hat Linda die Entschuldigung, die Erfindung eines männlichen Autors zu sein. Woher soll der auch wissen, was Frauen im Kopf haben, vielleicht stellt er es sich einfach so vor.




Keine Entschuldigung hat Tom Trabandt, fast 50 Jahre alt, Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch in einer hessischen Kleinstadt - er ist die Erfindung eines Mannes und bestätigt irgendwie alles, was Frauen schon immer über Männer gewusst haben. Mein Autorenfreund Holger Bischoff hat ihn zwar gut erfunden, aber kein gutes Haar auf ihm gelassen - abgesehen vielleicht von einem bissigen, aber leider nur allzu oft auch bloß kalauernden Humor. Herr Trabandt (ich mag ihn nicht Tom nennen, denn Frauen, die mit Tom Brüderschaft trinken, haben schlechte Karten) ist das Musterbeispiel eines Kleinstadt-Machos, der gegenüber der schicken neuen Kollegin den schlichten Satz "Ich liege unter Ihnen" (das bezieht sich auf die Anordnung der Fächer im Lehrerzimmer) so ausspricht, dass man das Quietschen des Lattenrosts mitzuhören meint. An seiner eigenen Frau Irene ist ihm so gut wie gar nichts recht; vor allem vermerkt er im stillen unermüdlich ihre Grammatikfehler: "Ich wollte dich eben noch einmal gerufen haben" verkündet sie, als er endlich zum Frühstück erscheint, was er (im Geiste) mit "Göttlich!" kommentiert - und das passiert immer wieder.
Ich habe erst bis Seite 125 gelesen und Herr Trabandt (dieser Drecksack) hat noch nicht merklich Federn lassen müssen, obwohl mir Holger Bischoff das versprochen hat. Aber das Buch ist ja mit über 400 Seiten noch lang genug. Und einstweilen mache ich mir das Vergnügen, dem Trabandt die kleinen Fehler aufzulisten - in einer Art geistiger Excel-Liste, ganz wie er selbst es gegenüber seiner Frau tut. Nachdem er Irene eingehend erklärt hat, dass die klassische Mordmethode "Fön ins Badewasser" in modernen Häusern nicht funktioniert, fragt er (ganz Lehrer) rhetorisch: "Und was lernt uns das?" Autsch! Immerhin findet der Gymnasiallehrer für Deutsch in seinem nächsten Satz zu seinem besseren Selbst zurück: "Das lehrt uns, dass ein Mord geplant sein will!"
Könnte das ein Redaktionsfehler sein oder hat der arglistige Autor hier seinem Tom absichtlich Schmierseife unter die lehrerhafte Rede gepinselt? Ausgeglitscht! Hinreißend sind auch Herrn Trabandts Versuche, Irene seinen dramatischen Roman zu erklären, an dem er gerade schreibt. Zwischen Herd und Anrichte liest er ihr vor: "Die See lag ruhig, die Maschine stampfte gleichmäßig und dicke Rauchwolken dampften aus den vier mächtigen Schornsteinen." Die Rede ist von der Titanic. Wollen wir doch mal sehen, ob Herr Trabandt sich da nicht wieder vergaloppiert, denkt sich der Schmollfisch und schaut ins Wiki. Ja, die Titanic hatte vier Schornsteine. Aber - der vierte war eine Attrappe und hatte gar keine Verbindung zur Maschine! Ha! Da hamse nicht orntlich rescherschiert, Herr Tom Trabandt! Schmollfisch kann nicht umhin, sich im Geiste schadenfroh die Flossen zu reiben. Vielleicht ist das genau die Ecke, in welcher der Autor seinen Leser haben will.

"Adieu Irene", Untertitel: "Umsonst ist der Tod" (im Bild oben steht als Untertitel noch "Eine mörderische Männerfreundschaft"; vermutlich eine ältere Auflage), erschienen im Elf Uhr Verlag Lauterbach - übrigens ein kleiner, feiner Verlag, der sehr engagiert arbeitet, und ein Buch, dem man die Kleinverlagsproduktion absolut nicht ansieht. Ich bin neugierig, wie es weitergeht. Schließlich gibt es noch eine deftige Krimiverwicklung, so viel weiß ich schon - und Herrn Trabandts Handling mit dem Fön, während seine Frau in der Wanne liegt, lässt nichts Gutes ahnen. Ich berichte weiter.

Macken-Outing - noch'n Stöckchen

EndlosFaden warf mir dieses Stöckchen zu, das ich gern aufnehme; die einzige Schwierigkeit ist die Entscheidung, welche meiner vielen Macken ich oute und welche ich für mich behalte ...

1. Setze einen Link zu der Person, welche dir das Stöckchen zugeworfen hat.
... siehe oben

2. Erwähne die dazugehörigen Regeln in deinem Blog.
Regeln? Na ja, Stöckchenspender, 6 Macken und Stöckchennehmer nennen.

3. Erzähle von dir 6 unwichtige Dinge/Gewohnheiten/Macken.
Nur sechs?? Da fällt die Wahl schwer ...

1st: Wenn ich mich weiter als 5 km von meinem Zuhause entferne, nehme ich ein Buch, eine Flasche Wasser und oft auch eine Handarbeit mit.
Ich lese auch auf dem Klo, beim Baden und beim Zähneputzen.

2nd: Wenn ich durch eine Tür gehe, schlage ich mit den Fingerknöcheln gegen den Türrahmen. Nicht jedesmal, aber bei drei Türen mindestens einmal.

3rd: Ich kaue ständig auf meiner Unterlippe. Meistens sieht man es ihr an, ich habe sie schon oft kaputtgekaut.

4th: Ich kann Bücher immer wieder lesen; es gibt ein paar Bücher, die ich jahrelang jedes Jahr einmal gelesen habe. Allen voran "Madame Bovary", aber durchaus auch schundige.

5th: Wenn ich ein bestimmtes Interessengebiet im Fokus habe, trage ich wie ein traumatisierter Hamster alles zusammen, was ich darüber finde. Ich habe ein ganzes Regalbrett mit Literatur über den Don Juan, eines mit Literatur über die Familie Borgia und eines über van Gogh ... diese Macke habe ich inzwischen einigermaßen im Griff, da sie viel Geld kostet.

6th: Eine sehr schlimme Eigenschaft: Ich kann mich oft nicht aufraffen, Dinge zu tun, von denen ich genau weiß, dass sie entweder wirklich dringend sind und überdies nur drei Minuten dauern oder mir eigentlich Spaß machen würden, könnte ich mich nur aufraffen.



4. Gib das Stöckchen am Ende deiner Antworten an 6 Leute durch Verlinkung weiter.

Azahar
rosmarin
Traveller
... Svashtaras Macken kenne ich schon, jedenfalls kann ich mich an eine Geschichte mit sechzehn benutzten Wassergläsern erinnern ...
Vielleicht möchte SuMuze aufnehmen?
Und natürlich bröselbäumchen!

Mein erstes Stöckchen

... nach über einem Jahr Bloggen! Übernommen von Wallys Schreiblust.

1. Greife das Buch, das dir am nächsten ist, schlage Seite 18 auf und zitiere Zeile 4.
Zeile 4: 3 Do not break wool throughout. 4 The center of the shawl is patterned with con-
Der ganze Satz lautet:
The center of the shawl is patterned with concentric squares of eyelet. (Aus "Shawls And Scarves, The Best Of Knitter's Magazine".

2. Strecke deinen linken Arm so weit wie möglich aus. Was hältst du in der Hand?
Ein USB-Kabel, habe heute Fotos hochgeladen.

3. Was hast du als letztes im Fernsehen gesehen?
Eben gerade "Krieg der Welten" mit Tom Cruise, den ich normal nicht leiden kann, aber der Film ist saugut. Nur die Außerirdischen finde ich nicht geglückt.

4. Mit Ausnahme des Computers, was kannst du gerade hören?
Capriccios von Bellerofonte Castaldi, um 1600.

5. Wann hast du den letzten Schritt nach Draussen getan?
Heute nachmittag, ein flotter Gang durch den Wald mit meiner Tochter.

6. Was hast du gerade getan, bevor du diesen Fragebogen begonnen hast?
Bei Uta-Traveller ein schönes Fischgedicht gelesen.

7. Was trägst du gerade?
Hah! Meinen Scuba-Pullover!

8. Hast du letzte Nacht geträumt?
Kann mich nicht erinnern. Aber meine Tochter erzählte mir heute, sie hätte geträumt, dass sie den Hasenfutternapf für irgendwas im Garten zweckentfremdet hätte und ich dazu gesagt hätte: "Also das könnte ich nicht, den Hasenfutternapf für irgendwas im Garten zweckentfremden!"

9. Wann hast du zum letzten Mal gelacht?
Sehr viel gelacht habe ich gestern in der Spinnstube, aber ich weiß nicht mehr worüber genau. Es war einfach nur schön. Ich kann mich meist nicht erinnern, worüber ich zuletzt gelacht habe, dazu lache ich zu viel.

10. Hast du kürzlich etwas Sonderbares gesehen?
In meinem Kühlschrank ist irgendwas ausgelaufen. Der Boden des Gemüsefachs klebte von Öl oder so was Ähnlichem, sieht aus wie Pesto, aber ich finde kein kaputtes Glas. Wahrscheinlich ölt da ein Außerirdischer herum. Macht nichts, solange er nicht aussieht wie Tom Cruise.

11. Was war der letzte Film den du gesehen hast?
Fernsehen ist wohl nicht gefragt, das hatten wir schon oben ... ins Kino gehe ich höchstens einmal im Jahr, ich fühle mich dort nicht wohl. Das Letzte, was ich im Kino gesehen habe, war (glaube ich, es ist mindestens ein Jahr her) ein Film mit dem wunderbaren Daniel Auteuil, "La Veuve de Saint-Pierre", im Original zwar, aber ich habe im wesentlichen verstanden, worum es ging. Der letzte DVD-Film dürfte "Bugs" gewesen sein. Wenn ich den im Kino gesehen hätte, hätte ich danach das Eintrittsgeld zurückverlangt.

12. Was würdest du kaufen, wenn du plötzlich Multimillionär wärst?
Keine Ahnung, was ich mir persönlich wünsche, kann ich mir auch so leisten. Es wäre schön, wenn mein Mann in Vorruhestand gehen könnte. Wahrscheinlich würde ich ernsthaft übers Auswandern nachdenken, in die Schweiz zum Beispiel.

13. Sag mir etwas über dich, was ich noch nicht wusste.
Hm, hier habe ich editiert und sage jetzt: Ich trage eine Prothese, aber ich verrate nicht, wo. *ggg*

14. Tanzt du gerne?
Nein, die Musik, die ich mag, ist dazu ungeeignet.

15. George Bush:
Hm, was? Ist das eine Frage?

16. Stell dir vor, dein erstes Kind wäre ein Mädchen. Wie würdest du es nennen?
Mein erstes Kind ist ein Mädchen. Mein zweites auch.

17. Und einen Jungen?
Keine Ahnung. Eine Freundin erzählte mir vor dreißig Jahren, sie wolle, falls sie einen Sohn bekäme, ihn unbedingt "Jan Gerson" nennen. Als zehn Jahre später bei uns beiden das Thema Namensgebung anstand, sagte sie zu mir: "Ich kann ja absolut nicht verstehen, dass Du einen Sohn Jan Gerson nennen würdest, so ein blöder Name!" Ich konnte dementieren wie ich wollte, sie dachte, der Name sei meiner.
Ich mag französische Vornamen: Patrice, César, Thierry. David mag ich, aber er passt nicht zum Nachnamen. Jetzt komm ich ins Grübeln ... aber was solls, die nächsten Namen vergeben meine Töchter. Wenn sie wollen.

18. Würdest du es in Erwägung ziehen, auszuwandern?
Ja, ja, ja. Ich finde Deutschland von Jahr zu Jahr unerträglicher. Aber ob es im Ausland anders ist ...
Ich würde gern irgendwo wohnen, wo die Administration sich nicht derart ins Privatleben einmischt wie hier. In Deutschland laufen Dinge, die in meiner Jugend NIE hätten durchgesetzt werden können, da hätten alle "Überwachungsstaat" geschrien. Aber mehr sag ich nicht dazu, ich diskutiere im Internet nicht über Politik, Nachfragen zwecklos.

19. Was würdest du Gott sagen, wenn du das Himmelstor erreichst?
Danke, dass ich nicht unten gelandet bin, ist mit Sicherheit unverdient, und kenn ich hier überhaupt jemanden?

20. Jemand, der das hier auch beantworten soll?
Ich wüsste mehrere zu nennen, aber ich will keinen auffordern.

Wie wär's mit einem kleinen Ausritt?

Irgendwann hat es in meiner Familie ein richtiges Fury-Buch zum Lesen gegeben. Vermutlich gehörte es meinem Bruder. Als ich die alten Kinderbücher aus dem Speicher räumte, habe ich danach gesucht; es blieb ebenso unauffindbar wie mein Kater Mikesch-Buch. Aber manches prägt sich unauslöschlich ins kindliche Gehirn, auch wenn man das ganze Drumrum längst vergessen hat. Im Haushalt von Jim, Pete und Joey gab es einen Gast namens Red Baker, der auf der Farm aushalf oder es vielmehr versuchte. Er spielte recht schön Hillbillie-Balladen auf der Gitarre, war aber zu dumm, aufrecht auf einem Pferd zu sitzen. Red Baker verfolgte eine Geldfälscherbande, die ihr Unwesen in der Gegend trieb. Natürlich sprach er nicht offen darüber. Als Jim ihm den ersten Lohn auszahlte, besah er sich sogar misstrauisch die Dollarscheine und fragte, ob er denn sicher sein könnte, dass die nicht aus der Werkstatt der Geldfälscher stammten. Jims Antwort: "Da kannst du sicher sein. Ich habe das Geld selbst letzte Nacht auf meiner privaten Druckerpresse gedruckt."
Ich erinnere mich so gut daran, dass ich sogar noch weiß, wo der Zeilenumbruch war: "ge-druckt" war getrennt.
Wann habe ich das gelesen? Ich kann nicht älter als acht Jahre gewesen sein, eher sogar jünger. Denn ich weiß noch genau, dass ich den Witz nicht verstand. Ich dachte, es gehöre irgendwie zum System, dass gesetzestreue american citizen eine Druckerpresse im Keller haben, auf der sie Geld drucken, wenn sie welches brauchen. Mir kamen nie irgendwelche Zweifel, dass dieses System funktionierte. Natürlich hatten wir selbst zu Hause keine Möglichkeit, Geld zu drucken, obwohl mein Papa Bänker war. In dieser Hinsicht war das deutsche System dem amerikanischen unterlegen.
Die Geschichte liegt in meinem Hinterkopf als etwas, was so stimmt. Gestern abend (übrigens während einer Fernsehdiskussion über die deutsche Steuermoral und die Vorbildfunktion von Großverdienern) fiel sie mir wieder ein, und heute abend, über vierzig Jahre später, rückte mein Bewusstsein sie endlich gerade: Jim hat einen Witz gemacht.
Höhö.

Mies

Ein richtig schöner Film, ein Film für die ganze Familie: "Zimmer 1408". Der Fisch hat ihn gleich zweimal kurz hintereinander gesehen. Einmal zur Absicherung, ob da auch kein Blut spritzt oder so, dann nach Entwarnung gemeinsam mit den Fischtöchtern.
John Cusack (hah! Auf den steht seitdem der Fisch!) ist Spukzimmerforscher. Im Rahmen einer Recherche verbringt er eine Nacht im Dolphin Hotel, Zimmer 1408 (es liegt natürlich im dreizehnten Stock). Bisher hat es noch niemand länger als eine Stunde in diesem Zimmer ausgehalten. Schon 56 Gäste hat es zur Strecke gebracht. Cusack versucht den Hotelmanager auszuholen, was das Zimmer denn mache - die Antwort lautet: "Es ist einfach ein verdammt mieses Zimmer."
Im amerikanischen Original kommt das übrigens bei weitem nicht so schön, da heißt es "a fucking evil room". Nun ist evil ja was anderes als mies; evil hat was Erhabenes, Stichwort gefallener Engel und so; mies ist einfach nur klein und dreckig. Zimmer 1408 tut sein Bestes, Cusack zu bewegen, dass er endlich Land gewinnt. Es nützt nichts. Selbst als das Zimmer so tut, als sei es das einzige Zimmer überhaupt in diesem Riesenhotel und ansonsten gäbe es nur dicke Wände, leistet Cusack Widerstand. Wie auch immer. Jedenfalls legt er gegen Ende des Films einen Brand in dem Zimmer. Die Feuerwehr kommt und muss den halb Bewusstlosen unter dem Couchtisch hervorzerren. Er röchelt mit letzter Kraft: "Gehen Sie nicht in dieses Zimmer! Es ist MIES!"
Der Film hat seine Höhen und Tiefen, aber dieser Satz bringt's einfach, schon allein deshalb lohnt sich das Anschauen. Tags darauf sucht der Fisch sein Frühstücksbuch ("Beethoven und der schwarze Geiger" von Dieter Kühn; Himmel, das zieht sich) und findet es mit einem darangehefteten Klebezettel: "Lesen Sie nicht dieses Buch! Es ist MIES!" Na gut, der Klügere gibt nach, der Fisch fährt den Rechner hoch und schaut ins Forum. Prompt poppt es auf: "Treten Sie nicht in dieses Forum! Es ist MIES!" Seines Tagewerks gewahr begibt sich der Fisch in den Keller, um dem Tankraum einen neuen Anstrich zu verpassen, und findet an der Stahltür einen Zettel: "Streichen Sie nicht dieses Zimmer! Es ist MIES!" Irritiert latscht der Fisch in die Waschküche nebenan und sieht als erstes einen Zettel am Wäschekorb - richtig geraten. An der Strickmaschine, am Kühlschrank, am Fernseher sowieso (da zuerst!), alles "MIES!"

Damit könnte die Geschichte enden. Dann legt der Fisch halt die Flossen in den Schoß und tut mal gar nichts. (Auf der Chipstüte pappt bisher kein Zettel.) Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn heute morgen, kurz nach dem Aufwachen, beschlich den Fisch das dumpfe Gefühl, dass irgendwas nicht so ist wie sonst im Fischkontinuum. Er griff sich an die Stirn und ertastete einen Zettel, der dort klebte.
Je nun.
Dann eben nicht.

Ein Loch im Stein

Judith ist ausgezogen
(eine Szene aus meiner Geschichte "Der schwarze Falter")


Neben dem Schlüsselkörbchen lag noch etwas, was sie vergessen hatte – ein ovaler, glatter Stein, weiß und grau gesprenkelt. Ein »Handschmeichler«, so nannte Judith das. Sie hatte eine Schwäche für ausgefallene Steine, die sie auf Schritt und Tritt aufsammelte; die meisten warf sie wieder fort, doch einige begleiteten sie über Jahre hinweg. Einmal, als sie zusammen in Südfrankreich Urlaub machten, hatte sie am Strand einen Stein aufgehoben, der ein Loch in der Mitte hatte.
»Ein Hühnergott«, hatte sie zu ihm gesagt. »Das ist eine Seltenheit.« Und auf seinen fragenden Blick erklärte sie ihm, dass eine stetige und gleichmäßige Strömung einen kleinen Stein durch die Mitte des größeren getrieben hatte.
»Ja, ich verstehe schon, das ist ja nichts Ungewöhnliches«, hatte er ungeduldig geantwortet, »aber warum um Himmelswillen nennt man so ein Ding Hühnergott?«
»Das kann ich dir nicht sagen«, hatte sie erwidert. »Ich glaube, die Bezeichnung stammt von den Indianern. Vielleicht, weil sie meinen, dass so etwas nur ein kleines Wunder ist – gerade mal groß genug für die Hühner mit ihren kleinen Gehirnen?«

___________________________________

Das neue Schlüsselwort zur Gelassenheit ist, laut Uta, die Einfachheit. Das Symbol dafür der Kieselstein.
Das ist ein Symbol, das mir unmittelbar einleuchtet. Nichts ist so kompliziert wie die Einfachheit. Ich beschäftige mich zum Beispiel im Hinterzimmer gerade mit dem Möbiusband - das ist so einfach, dass es schon beinahe peinlich ist, und trotzdem unbegreiflich. (Ich zeige morgen Bilder dazu.)
Von Schimanski alias Götz George habe ich gelesen, dass er eigentlich immer der Meinung war, die Drehbücher der Tatort-Krimis seien zu kompliziert, und auf Vereinfachung drängte. Shakespeare hat sich für seine Plots beim Sagengut bedient - und vereinfacht, vereinfacht, vereinfacht. Um desto deutlicher herauszuarbeiten, wie kompliziert der Kern war.
Toni Morrison schreibt über eine ihrer Hauptfiguren in "Menschenkind", ihr flatterten Kolibris unter der Kopfhaut. Man könnte auch einfach hinschreiben: es war Angst, Verzweiflung, Ohnmacht, Lähmung. Aber das wäre zu kompliziert. Sie mag es einfacher.
Ich glaube, es gibt gar keine Einfachheit. Es gibt nur Reduzierung. Den Blick auf das Wesentliche. Den Mikrokosmos. (Der so unendlich kompliziert ist.)

Im Auge ...

Die beiden sind ein altes Ehepaar. Wenn sie zusammen einkaufen gehen, geben sie ein Paar Witzfiguren ab, denn beide haben ein Essproblem. Der Mann kann absolut nichts essen, was irgendwie weich ist oder sich fettig anfühlt oder gar schmeckt. Vor Brötchen, Kartoffeln, Käse, Butter empfindet er Ekel. Er bringt kaum etwas hinunter und ist dünn wie ein Blatt Papier. An guten Tagen kann er ein wenig am Schreibtisch arbeiten, an schlechten schafft er es vor Schwäche nicht mal aus dem Bett.
Seine Frau ist sein genaues Gegenteil. Überlegend klaubt sie alles mögliche aus dem Supermarktregal und fragt ihn, ob er meint, das könne er essen. Meistens wendet er sich ab, weil ihm sich bei dem Gedanken der Magen umdreht. Dabei wandern nebenher Croissants, Schokoladeplätzchen, Feinkostsalate, Becher mit Pudding und Käseecken in den Einkaufswagen. All das ist für sie. Je mehr, je besser. Die ununterbrochene Sorge um den Mann, den sie liebt, ist von ununterbrochener Fresserei begleitet. Sie ist so fett, dass sie keine sechs Stufen steigen kann, ohne außer Atem zu geraten.
Irgendwann löst sich bei beiden etwas; ich weiß nicht mehr wodurch. Die Frau beginnt abzunehmen, der Mann beginnt wieder zu essen. Sie wird nicht schlank, er wird nicht dick, aber beide werden so normal, dass sie nicht mehr aussehen wie Figuren einer drittklassigen Boulevardkomödie.
Ihre Ehe ist sehr glücklich und war es immer. Seine Nahrungsverweigerung war ein oft besprochenes Thema, weil er dadurch seine Stelle verloren hat und mehrfach zusammengebrochen ist. Über ihre Fressattacken wurde nie geredet. Eines Tages fragt sie ihn: "Hast du eigentlich bemerkt, dass ich abgenommen habe?"
Er mustert sie, nickt zögernd. (Sie hat beinahe zwanzig Kilo abgenommen zu diesem Zeitpunkt.)
Sie fragt verwirrt weiter: "Aber du musst doch gemerkt haben, wie fett ich war!"
Er antwortet: "Warst du fett? Ich weiß nicht. Für mich bist du immer die gleiche, die ich damals geheiratet habe."
Ich hielt das für unmöglich, bis ich ein ganz ähnliches Erlebnis hatte - mit meiner Freundin, die ich nach 25 Jahren wiedertraf und die sich kein bisschen verändert hatte. (Habe ich irgendwann in diesem Blog schon erzählt.)
Soviel zur Ehrlichkeit und zu dem Symbol für die Ehrlichkeit, das Auge. Und zum unbestechlichen Blick auf Dinge und Menschen - und in sie hinein.



Wer über das bewusste Ehepaar mehr wissen möchte: Es gehört zu den dramatis personae in Ruth Rendells Roman "Der Liebesbetrug".

Die Schale

"Philipp Perlmann war es gewohnt, dass die Dinge keine Gegenwart für ihn hatten" beginnt Merciers Roman "Perlmanns Schweigen", für mich immer noch sein bester, nach wie vor. Das Thema des Buches, oder vielmehr eines der zentralen Themen, ist die Erinnerung. Wie zuverlässig ist sie, wie kommt sie überhaupt zustande; was erinnern wir (um es in gepflegtem Denglisch auszudrücken), was verdrängen wir, und was von dem, was wir erinnern, haben wir wirklich erlebt. Und auf die letztere Frage bezieht sich wohl auch der Eingangssatz, denn Perlmanns verstorbene Frau, Fotografin von Beruf, hat ihm mehrmals vorgeworfen, dass er die schönsten, eindrucksvollsten Augenblicke auf ihren gemeinsamen Reisen nicht erlebt, sondern nur abspeichert - um sie im nachhinein, vom gesicherten Korbsessel aus, als wunderschöne Erinnerung wieder hervorzuziehen. Ähnlich wie jemand, der eine Landschaft nicht anschaut, sondern fotografiert. Anschauen kann er sie ja immer noch. Zu Hause, wenn das Foto entwickelt ist. Man könnte boshaft hinzufügen: Wir sind es ja gewohnt, dass alles, was wir sehen, viereckig zu sein hat.

Die Vorstellung ist grässlich. Und es ist so viel Wahres daran, und das ist das Grässlichste daran. Nehmen wir Urlaubsreisen, die klassische Erinnerungsquelle. Wie viele Situationen empfinde ich als unmittelbar gegenwärtig erlebt? Als ich mich auf Korsika, bei der Besteigung eines Gipfels der Nordinsel, unter dem Gipfelkreuz auf den Boden legen musste, weil der Wind so heftig an mir riss. Auf drei Seiten war Meer, ungeheuer tief. Ich hatte Todesangst und war restlos glücklich. In Barcelona hatte ich so einen Moment, als ich vom Montjuic aus auf die Dachlandschaft hinuntersah. Es war nicht mein erster Besuch in Barcelona, aber es war der Beginn einer Liebe. Ich muss nachdenken, um mehr solcher Momente zu finden. Demgegenüber stehen die Momente des Abspeicherns, und das sind unzählige. Als ich im Augenblick des Erlebens den Gedanken hatte: Das muss ich mir merken. Das darf ich nie vergessen. In dem Augenblick, in dem er geboren wurde, war der Augenblick bereits Konserve. Und sich dessen bewusst zu sein, gibt dem unverstellten Blick den Todesstoß. So erlebte ich es in den bezaubernden Wäldern in Portugal, den schönsten Wäldern, die ich je gesehen habe: DAS schaue ich mir HIER UND JETZT an. Mit einem langen, langen Blick. Einem sehr bewussten. Wenn ich mich daran erinnere, erinnere ich mich an den Vorsatz, die Anstrengung. Und erst als zweites an den Blick selbst.

Als hätte ich eine Schutzschicht, wie ein persönliches Virenschutzprogramm, das nichts ungeprüft und unmittelbar hereinlässt, sondern erst auf Viren prüft, Verträglichkeit absichert, Kompatibilität, Erinnerungstauglichkeit. Das abwiegt, portioniert, eintütet und zuklebt. Der Moment hat keine Gegenwart. Er existiert nur als Erinnerung im Schaukasten.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, durchlässiger zu werden. Dass diese harte Schale porös wird, von mir aus zu einer dünnen Haut, von mir aus zu nichts. Was müsste ich dafür bezahlen?

_______________________________

Dankbarkeit ist der dritte Schlüssel zur Gelassenheit, und das Symbol dafür ist die Schale. Ich lese das bei Uta nach, selbst kenne ich das Buch leider nicht. Vielleicht verstehe ich den Begriff Schale ein wenig anders als gemeint.
Außerdem hänge ich um einen Begriff nach, aber das sei mir (hoffentlich) verziehen, immerhin hatte ich heute Lesung und es war schön!

Die Küchenwaage

Die Küchenwaage funktioniert seit drei Jahren klaglos mit derselben Batterie. Angeblich wiegt sie grammgenau.
Beim Kuchenbacken brauche ich eigentlich keine grammgenaue Waage. Obwohl mein Backbuch versichert, Backen sei Maßarbeit, toleriere ich von jeher Abweichungen von bis zu 10 Gramm mehr oder weniger und bisher ist mir noch kein Kuchen misslungen. Doch, einmal, als ich bei meiner Schwiegermutter Hefeteig machen wollte und Salz statt Zucker hineinschüttete. Aber das lag nicht an der Waage, sondern daran, dass Schwiegermutter das Salz überaus großzügig in die Zuckerschütte gegeben hatte.
Wo ich wirklich grammgenaue Angaben haben müsste, um vernünftig zu arbeiten, das ist nicht in der Küche, sondern auf der Couch, wo ich sitze und stricke. Ich habe einen Seidenrest, handgesponnen, aus dem ich einen Lochmusterschal stricken will. Wenn ich einen Mustersatz gestrickt habe, hole ich die Waage, lege eine Stricknadel hinein und stelle auf Null. Dann nehme ich die Stricknadel heraus und lege das hinein, was ich bis dahin gestrickt habe. Das ergibt das Gewicht des Gestrickten abzüglich der Nadel.
Zum Vergleich wiege ich das Restknäuel, rechne per Division die Mustersätze hoch, messe die bisher erreichte Höhe nach und stelle fest, dass der Schal 80 bis 90 Zentimeter lang werden wird. 80 in Ruhestellung, 90 dann, wenn ich ihn langziehe. Da Seide sich immer enorm längt, bringe ich den Schal vielleicht auch auf einen Meter. Das ist immer noch zu kurz, da es sich um einen Multifunktionsschal* handelt, den man auch als Mini-Cape oder als Kapuze tragen kann. 120 Zentimeter muss er aber haben.
Das bisher Gestrickte aufziehen und schmäler stricken, damit es länger wird? Auf keinen Fall. Doch nicht ich! In aller Ruhe wühle ich mich durch die Faserkisten und finde in einer Plastiktüte drei Pröbchen reiner Maulbeerseide, unversponnen, farblich bestens harmonierend. Die lassen sich zwanglos in meinen Spitzenschal einfügen - ein Streifen Rostrot, ein Streifen Sonnengelb, ein Streifen Altgold. Schön wird das aussehen. Viel schöner, als wenn die Hauptfarbe für den ganzen Schal ausgereicht hätte.
Eigentlich brauche ich gar keine Waage.
Die im Badezimmer geht schon lange nicht mehr. Was solls.
______________
*Wisp von Cheryl Niamath

_______________________________

Utas Schlüsselwort Nummer zwei ist Gleichgewicht, symbolisiert durch die Waage.
Gerade heute abend nahm ich den Zuwiegemodus dieser Waage, die genialste Erfindung seit Erfindung der Waage überhaupt, mal wieder in Gebrauch. Hinterher fragte ich mich, ob die Erfindung der Waage überhaupt wirklich so ein Geniestreich war. Brauchen wir Waagen? Wenn die Hose platzt, merken wir das sowieso.
Gelassenen Gruß!

Blubbern als Kunst!

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Wort des Monats

Immer wenn man ein Tier genau betrachtet, hat man das Gefühl, ein Mensch, der drin sitzt, macht sich über einen lustig.
(Elias Canetti)

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