Geworfen V

Was wissen wir über Willi?

- Warten Sie auch auf Herrn Willi?
- Warum?
- Weil Sie hier stehen.
- Ist schon viertel vor sechs.
- Vielleicht gilt die Zeitangabe halb sechs c.t., also eine Viertelstunde später.
- Dann sollte er jetzt da sein.
- Vielleicht ist er plötzlich krank geworden, haben Sie vielleicht eine Telefonnummer, wo man nachfragen könnte?
- Nee, nur die von der Volkshochschule.
- Da geht keiner mehr ran um kurz vor sechs.
- Würden Sie bitte die Zigarette ausmachen? Der Rauch stört mich.
- Wir sind unter freiem Himmel, es steht Ihnen frei, ein paar Schritte wegzugehen.
- Gehen SIE doch weg, wenn Sie hier rauchen müssen.
Drei Handys werden gezückt und in der üblichen Weise traktiert, ohne dass man dadurch klüger würde. Die vierte Teilnehmerin, eine blasse Blondine mit schwerer und ausgebauchter Schultertasche, nimmt kein Telefon zur Hand. Sie steht abseits und betrachtet blinzelnd die grauen Wolkenschiffe am Himmel.
- Gleich regnet's.
- Im Prospekt stand doch halb sechs, hier vor dem Atelier, richtig?
- Ja, sicher ist was dazwischengekommen.
- Oder er macht es mit Absicht.
- Warum denn das, um Himmels Willen?
- Dies ist doch ein Schreibkurs. Vielleicht sollten wir schon mal mit Schreiben anfangen. Thema: Der Lehrer macht blau ... oder so.
- Ja klar, wäre denkbar. Ich meine, was wissen wir schon über Willi? Nichts als den Namen.
- Was ist das überhaupt für ein Name, Herr Willi?
- Vielleicht überwacht er uns schon. Wir sollten was schreiben.
Drei Augenpaare schweifen umher auf der Suche nach versteckten Kameras. Die vierte Teilnehmerin beobachtet einen Apfelbaum, der aus einer Baumscheibe auf dem Parkplatz wächst und fast zusammenbricht unter dem Gewicht halbreifer Äpfel.
- Ich schreib ein Haiku, das geht schnell. Willi verspätet / Schüler warten und denken / Gedichte entstehen.
- Das ist kein Haiku, in der letzten Zeile ist eine Silbe zuviel.
- Ge-dan-ken-ent-ste-hen, stimmt doch.
- Das sind sechs Silben, eine ist zuviel.
- Verdammt, stimmt. Po-e-sie-ent-steht ...
Er zählt an den Fingern mit.
- Ich bin Prosaschreiber, ich fang lieber einen Krimi an. Vielleicht kommt er nicht, weil er ermordet wurde.
- Wer sollte denn Herrn Willi ermorden??
- Zum Beispiel ein Bewerber, den er nicht angenommen hat.
- Gibt es denn Bewerber, die er nicht angenommen hat?
- Ja, als ich mich beworben habe, war auch ein Türke hier, den hat er nicht genommen, der konnte angeblich nicht gut genug Deutsch.
- Nehmen wir mal an, er konnte durchaus Deutsch, wollte aber nicht in Deutsch dichten.
- Ja, er könnte ein Dadaist gewesen sein, die dichten nicht in Deutsch. Aus Lehrerverspütung / sprühen Gedünken / mir dünkt Wülli überflüsig. Das klingt doch schon beinahe wie Türkisch.
- Bitte keine Witze auf Kosten von Minderheiten mit Migrationshintergrund.
- Ich höre immer Minderheiten.
Drei Notizbücher werden aufgeklappt, aufs Knie gestützt und mit Fragmenten von Dichtung befüllt. Die blasse Blondine mit der schweren Tasche ist ein paar Schritte beiseite gegangen und betrachtet den Apfelbaum, von dem inzwischen vier Äpfel herabgefallen sind. Sie sind alle wurmstichig.
- Ich bleibe lieber beim Krimi, der Türke könnte den Herrn Willi erstochen haben. Aus Eifersucht.
- Das ist rassistisch, nehmen Sie einen deutschen Täter.
- Es könnte ja ein türkischstämmiger Deutscher sein mit deutschem Pass.
- Das ändert überhaupt nichts, das ist Rassismus, so was will kein Mensch lesen.
- Ich schreibe ja nicht, damit es einer liest, das ist ein ganz falscher Ansatz. Ich suche keinen Verlag, ich doch nicht. Ich schreibe nur zur Selbstverwirklichung.
- Dann verwirklichen Sie sich bitte ein paar Schritte weiter weg, der Rauch stört mich.
- Wir sind hier unter freiem Himmel, gehen Sie doch weg, ich will jetzt in Ruhe schreiben.
- Leiche des Lehrers / beflügelt Schülerdenken / vor verschlossener Tür ...
- Das ist erstens ohne jede Logik und zweitens immer noch eine Silbe zuviel.
- Meckern Sie doch nicht dauernd rum.
- Es ist schon nach sechs, Willi kommt sicher nicht mehr.
- Was ist denn mit der da, geht die jetzt etwa weg?
Drei Köpfe drehen sich um zu der blassen Blondine, die in Richtung Parkplatz davongeht, vom Gewicht ihrer Schultertasche schief gezogen.
- Was schleppt die denn eigentlich in ihrer Tasche?
- Bestimmt keine verborgenen Talente.
- Vielleicht hat sie eine Kettensäge dabei.
- Vielleicht hat sie Herrn Willi gekillt.
- Schülerin, frustriert / wendet sich Richtung Parkplatz / Säge blutbefleckt ...
- Also das gibt absoluuut gar keinen Sinn und ist totaaal gegen den Geist der japanischen Dichtung.
- Bleiben Sie mir weg mit Ihrem Geist. Ihr Rauch stört mich.
- Wenn Willi jetzt doch noch kommt, findet eh nichts statt, mit drei Schülern wird der Kurs nicht veranstaltet, zu wenig Nasen.
- Warum denn Nasen, was soll das?
Ein weißer Smart rollt auf den Parkplatz. Niemand schaut hin.
- Unter sieben Nasen gibt es keinen Volkshochschulkurs.
- Aber dann reicht das ja allemal nicht, wir sind drei, vorher waren wir vier.
- Der Lehrer zählt vielleicht auch mit, der lernt ja auch was.
- Volkshochschulverwaltungstechnisch zählt Willi nicht. und wir müssen sowieso mindestens sieben Nasen sein.
Aus dem weißen Smart steigt ein Mann aus, ein Meter fünfundachtzig, leptosom, energiegeladen, mit flatterndem Hemd: Sind Sie die Teilnehmer der Literaturwerkstatt??
Drei Köpfe nicken.
- Freut mich, ich bin der Leiter, mein Name ist Willi.
- Sind Sie jetzt zu spät oder wir zu früh?
- Eine ist schon abgehauen.
- Ach, dass Sie doch noch kommen, ich dachte, Sie seien tot.
- Und zerstückelt.
- Ich hab's hier schriftlich. Lehrer in Stücke zerlegt / ...
- Das sind sieben Nasen, äh Silben, da stimmt überhaupt nix mehr, und gegen den Geist der japanischen Dichtung geht es auch.
- Ja wollen wir dann? Sind das etwa alle? Ich fürchte, mit drei Leuten gibt es keinen Kurs ... aber gehen wir erst mal rein, vielleicht kommt ja noch der eine oder die andere ... bitte hier herein und links herum ... nehmen Sie Platz. Entschuldigung, aber hier ist Rauchverbot.

Langsam

Der Maler ist kaum zu sehen zwischen den farbbeklecksten Tischen und Regalen mit hintereinander geschichteten Leinwänden. Er kommt mir schlurfenden Schrittes entgegen. Aus Wikipedia weiß ich, dass er Jahrgang 1930 ist, fast dreißig Jahre älter als ich. Ein bewegtes Leben.
Er ist klein, ungefähr auf Augenhöhe mit mir. Langes, in den Nacken hängendes weißes Haar, ein weißer Backenbart. Pantoffeln an den Füßen, farbverschmiertes Hemd. Sein Gang ist mühsam.
Von einem Telefongespräch vor sechs Wochen - und aus den Berichten gemeinsamer Bekannter - weiß ich, dass er ein Raunzer ist; ohne Erbarmen mit Leuten, die ihm die Zeit stehlen. Verständlich in seinem Alter. Aber er ist der Beste, nach ihm kommt nur noch Zweitklassiges. Ich spreche ihn vorsichtig an, überlasse dann das Reden meiner Tochter, die bei ihm Malunterricht nehmen will. Kommentarlos sieht er ihre Mappe durch, macht ihr ein Zeichenbrett zurecht und setzt sie vor ein Stillleben. Seine Bewegungen sind so langsam, als wanke er mit jedem Schritt auf einem Grat.
Ich habe einen Unfall gehabt, sagt er, haben Sie das Auto draußen gesehen?
Ich habe das Auto gesehen, aber da es im Skulpturengarten steht, hielt ich es für moderne Kunst. Ein roter Transporter mit eingedrückter Front, verdetscht sagen wir hier in Hessen. Die Windschutzscheibe zersplittert, die Türen verbeult, das Heck ist noch heil.
Das ist in der Nähe von Wien passiert, sagt er, da hat mir einer die Vorfahrt genommen. Vier Wochen ist das her.
Ich: Da haben Sie sich aber doch recht schnell erholt. (Ich kann nicht fassen, wie ein Herr von annähernd achtzig Jahren weitgehend unversehrt aus diesem verknitterten Auto gekrochen ist.)
Er: Ich bin gar nicht erst in die Klinik gegangen. Das war doch nicht möglich, mit den ganzen Bildern im Auto, die konnte ich nicht allein lassen. Jetzt muss ich zusehen, wie ich die restauriere. Er zeigt auf eine Leinwand, die ich gar nicht als Kunstwerk erkannt habe; sie ist einheitlich mitternachtsblau mit einem asymmetrischen weißen Kreuz mittendurch. Der Rahmen ist total verzogen Alles kaputt. Ich muss das alles in Ordnung bringen, da zählen die vier gebrochenen Rippen nicht.
Ich fühle mich sehr jung mit meinen 51 und gehe einkaufen, während meine 18jährige Tochter das Stillleben zeichnet, das er ihr vorgegeben hat.
Eine Stunde später komme ich zurück, nervös und angespannt. Vor sechs Wochen hat er mich am Telefon angeblafft, er könne nichts mit Leuten anfangen, die nicht wissen, was sie wollen, dafür sei seine Zeit zu kostbar. Was ist gelaufen in der Stunde?
Er steht neben meiner Tochter, über das Bild gebeugt. Sie soll es weglegen, lieber gar nicht weiter ausführen. Datum und Name drauf und ins Regal damit. Das ist schon sehr gut, sie ist unbedingt geeignet für seine Malklasse. Nächsten Freitag dann zur Einführungsveranstaltung und dann immer dienstags und mittwochs, von morgens zehn bis abends zehn ist er im Atelier, sie kann kommen und gehen, wie es passt. Er wird dann schon drauf sehen.
Er streichelt ihre Wange. Die ist wirklich gut, Sie können stolz sein, sagt er zu mir.
Seitdem freue ich mich. Ganz langsam und mit Genuss. Ich will mich lange freuen, deshalb freue ich mich langsam, immer wieder, in kleinen Portionen; so langsam wie sein Schritt, wenn er an die Restauration seiner Bilder geht. Vor wenigen Tagen habe ich mich noch geschämt zwischen den Schönen und Jungen an den Stränden in Südfrankreich. Jetzt bin ich wieder langsamer.
Die Front ist verbeult, aber die Bilder existieren noch, mitternachtsblau, durchbrochen mit einem weißen Kreuz. Nur leicht angeschlagen. Wir biegen das alles wieder gerade.

Et incarnatus est

"Jeder weiß, was in Zimmer 101 ist. Was einen dort erwartet, ist das Schlimmste auf der Welt." (George Orwell, "1984")

Inspector Jefe (Chefinspektor) Falcon hat einen Toten vor sich, der sich gleichsam selbst ermordet hat, ohne es zu wollen. Die Leiche ist an einen Stuhl gefesselt, den Kopf in Richtung auf den Fernseher am Stuhl festgezurrt. Man hat den Mann offensichtlich gezwungen, sich etwas anzusehen, was er nicht wollte: er hat sich mit aller Kraft gegen die Fesseln gestemmt. Vergeblich. Sogar die Augenlider sind weggeschnitten. Gestorben ist er an Anstrengung und Angst.
"Der Blinde von Sevilla" von Robert Wilson ist mein zweiter Krimi, der Sevilla während der Karwoche (mit den Marienprozessionen und anschließender Feria) zum Schauplatz hat; der erste war "Semana Santa" von David Hewson. Beide Autoren sind keine Spanier, sondern Spanien-Journalisten. Für Hewson sind die Sevillaner während der Semana Santa entweder betrunken oder fanatisch oder beides. Für Wilson ist Sevilla, auch und gerade in der Karwoche, die fröhlichste Stadt Spaniens; und Inspector Jefe Javier Falcon, der zuvor in Madrid und Barcelona ermittelt hat, ist irgendwie viel zu ernst für Sevilla.
Es gibt mehr und mehr Tote, ein guter Freund Falcons, ein aufstrebender Torero, wird in der Arena vom Stier aufgespießt; Falcons eigene Familiengeschichte, die irgendwie in die Ermittlung involviert ist, eröffnet immer neue grausige Ausblicke. Falcon strampelt seinen Stress auf dem Heimtrainer weg oder geht nachts joggen. Ich will nicht auf den Krimiplot selbst eingehen; am Ende jedenfalls befindet sich Falcon selbst, wie das erste Opfer, in der Situation, dem - für ihn - Schlimmsten auf der Welt ins Auge sehen zu müssen.
Was ich erzählen will, ist das Ende, denn es ist einfach wunderschön:
Falcon lebt allein - sein Vater, ein Modemaler, hat ihm ein Riesenhaus in Sevilla hinterlassen. Für seine, also Falcons tägliche Bedürfnisse sorgt eine Haushälterin namens Encarnacion (zu deutsch die Inkarnation oder Fleischwerdung, klingt komisch, ist aber ein gängiger spanischer Frauenname). Falcon weiß von Encarnacion nur, dass sie jenseits der Fünfzig ist, sein Haus in Ordnung hält und ihm eine warmgestellte Mahlzeit hinterlässt; er bekommt sie nie zu Gesicht. Gegen Ende des Romans aber, als er völlig niedergeschmettert vom Ergebnis seiner Ermittlung und der Begegnung mit dem Mörder, durch die die Innenstadt wankt, tritt im aus aus einer Bodega plötzlich eben diese Encarnacion gegenüber. Ach, Senor Falcon, wie schön, dass wir uns hier begegnen, tanzen Sie eine Sevillana mit mir! Er folgt ihr, nicht zur Gegenwehr fähig. Und mit den ersten Takten der Sevillana (meine Tochter tanzt Sevillanas, von daher weiß ich, dass die ersten Takte nicht getanzt werden, sondern stehend voll Vorfreude mitgeklatscht) verwandelt sich diese kleine dicke Frau von weit über fünfzig in eine verführerische, stolze spanische Schönheit, und Falcon tanzt mit ihr die Sevillana. Plötzlich ist alles Hier und Jetzt: Endlich ist Falcon nicht mehr zu ernst für Sevilla.
Allein um dieses Ende lohnt sich das ganze Buch.
(Aber Vorsicht: Es ist grausig.)

Nizza, im Winter gedacht

Wieder in der russischen Kathedrale. Wir suchen eine Ansichtskarte aus mit drei Popen, die in der Eingangstür stehen. Alles, Popen, Sträucher, Bäume, Zwiebeltürme mit Schnee bedeckt, dicke Schneeflocken in der Luft: Das ist die Kathedrale St. Nicolas in Nizza.
Der Schnee sieht gefaked aus; ich bitte meine frankophile Tochter, den Torwärter zu fragen, ob es hier tatsächlich je geschneit habe. Die Antwort, in beleidigtem Ton: "Hier schneit es jedes Jahr!"
Seit meiner Rückkehr sitze ich hier und google mit den Suchwörtern Nizza und Schnee. Nichts. Es könnte immerhin sein, dass es nur auf diese ganz bestimmte Kathedrale schneit. Die Vorstellung gefällt mir. Jeden Winter bekomme die Kathedrale St. Nicolas einen weißen Schopf auf ihren Zwiebelturm. Auf die Rasenflächen ringsum, die Kapelle linkerhand, wo der Thronfolger Nicolaj Alexandrowitsch begraben liegt. Auf seine Ikone, die in der Kirche zu besichtigen ist, mit roten Tropfen übersät: Alles, alles bedeckt jeden Winter eine sanfte Schicht von watteweißem Schnee, während der Rest der Stadt, die Touristen je nach Portemonnaie vornehm gestylt oder rucksackbepackt, allenfalls eine schwachbrüstige Dezemberkühle genießt. Das Bild einer nachsommerlich ausgelaugten Stadt mit einer einzigen verschneiten Kathedrale bleibt hängen, während ich hineingehe, mir eine Grundrisskarte in Deutsch nehme, einen Überblick verschaffe, die Fluchtlinien suche. Aus den Achselhöhlen, an den Rippen herab rieselt der Schweiß, die Schenkel kleben aneinander unter dem dünnen Rock. Ach, Nizza.

Ein herzliches Hallo an alle, die trotz der abrupten Pause noch hier vorbeischauen.

Geworfen IV

Der Mond bist du

Sie gehen untergehakt, zwei sehr Dicke; ich hinter ihnen. Der Mann wirkt von hinten kompakt und eckig, erst als er sich kurz zur Seite dreht, sehe ich den enormen Bauch und frage mich, wie er das Gleichgewicht halten kann. Die Frau schwappt gleichsam über in ihrem geblümten Hängekleid, ihre Knöchel sind geschwollen, die Sandalen schief getreten. Beide essen Eis.
Sie schauen in jedes Gehege, stellen fest: nichts drin, und lesen gewissenhaft die an den Gittern hängenden Schilder, auf denen etwa steht: Wollmilchhyäne, Ostsüdostzimbabwe, nachtaktiv, oder: Baratzenkatze, Igruan, nachtaktiv, oder: Brandfleckenkataster, Nordlaputa, nachtaktiv. Wenn ich Geld hätte, sagt sie plötzlich, dann würde ich mir so ein Gelände kaufen und Parzellen anlegen, alles mit Zaun drumrum und nichts drin. Überall Schilder hinhängen: nachtaktiv, und einen Haufen Eintrittsgeld verlangen.
Und am Eingang noch einen Streichelzoo anbieten mit ein paar Ziegen, steuert er bei, und überteuerte Karotten verkaufen zur Fütterung der Ziegen.
Sie bückt sich und kratzt sich an Knöchel, wo sich eine rote Quaddel breit macht, vermutlich ein Bremsenstich. Wieder in die Senkrechte zurückzukommen, fällt ihr schwer. Sie muss mit den Händen an ihren Beinen hochklettern und schnauft.
Wir können ja bis zum Abend bleiben, meint er, heute gucken eh alle Fußball, wir hätten den ganzen Zoo für uns. Wir bleiben einfach hier, bis es dunkel wird, dann kommen die Hyänen raus. Er zeigt dabei auf ein Gehege, in dem angeblich zwei Hyänen wohnen; die eine heißt Bombaataa, die andere Paul-Günther.
Wenn die rauskommen und uns beide sehen, dann lachen sie bestimmt. Hyänen lachen gern.
Aber heute wird es gar nicht dunkel, wendet sie ein. Wir haben Vollmond.
Der Mond bist du, sagt er und küsst sie.

Geworfen III

Ein Plus bei Zerbe

Sie kann nur bei Plus einkaufen, es gibt keinen anderen Laden hier. Aber wenigstens soll Zerbe nicht an der Kasse sitzen, wenn sie kommt.
Zerbe hat einen Sticker an seinem weißen Kittel, ungefähr in Höhe der linken Brustwarze: Hakan Zerbe. Automatisch fragt sie sich immer, wenn sie dieses Schild sieht, ob er überhaupt in Euro denkt, ob er nicht lieber etwas anderes abkassieren würde, was sie nicht kennt. Sie kennt die türkische Währung nicht und wenn sie weiter denkt, kommen ihr nur Ziegenherden in den Sinn. Politisch unkorrekt. Sie verbannt die Ziegenherden aus ihrem Kopf.
Dabei spricht Zerbe genauso gut Deutsch wie sie. Guten Tag. War's das? Die Rabattkarte bitte noch, wenn Sie eine haben. Mehr spricht er nicht. (Sie noch weniger.)
Er zieht einen Gegenstand nach dem anderen über den Scanner, hält inne bei der Schokolade, mustert prüfend die Tafel und sie, die Kundin, die Schokolade kauft; taxiert ihre Körperform ab. Sein Blick fragt: Sind Sie sicher? Er schaut zurück auf die vorbeigelaufene saure Sahne, den Bienenstich in Folie, die Tütensuppe; schaut vorwärts auf das, was noch kommt: Gummibärchen, eine Flasche Ramazotti, Salat, drei Bananen, ein Viertel Rinderhack. (Man erkennt die Alleinstehenden an ihren Einkäufen.)
Er zieht die Schokolade über den Scanner. Piep. Die Rabattkarte dann bitte noch. Wenn Sie eine haben.
Im Hinausgehen denkt sie: ICH HASSE HAKAN ZERBE. Sieht den Satz vor sich wie mit fettem schwarzem Edding an ein Flipchart geschrieben.
Sie muss herausfinden, wann er keine Schicht hat, sie lässt sich sowieso viel lieber von Frauen abkassieren. Hakan Zerbe hat einen zurückgekämmten Irokesenzopf und einen pharaonenhaften Augenschnitt, der nichts verrät von seinen Gefühlen. Die Aura von Verachtung, die er in alle Richtungen abstrahlt, kann man nicht als Gefühl bezeichnen; sie umgibt ihn beständig und unabhängig von seiner momentanen seelischen Befindlichkeit. Vermutlich kennt Hakan Zerbe gar keine seelische Befindlichkeit. Wenn sie die aus ihm herausfragen würde, käme nur ein »Hä?« Die seelische Befindlichkeit bitte noch. Wenn Sie eine haben. - Hä?
Das nächste Mal wird sie nur gesunde Sachen einkaufen. Wieder Salat, aber keine Schokolade, sondern Pumpernickel, rechtsdrehende Margarine, Gurke, Dinkelkeks. Ziegenkäse von der Rolle.
Das Zellophan um den Ziegenkäse ist irgendwie verdreht, der Strichcode nach innen umgeknickt. Sie hat es nicht gleich gemerkt, sonst hätte sie eine andere Rolle genommen. Hakan Zerbe kniebelt am Zellophan herum, sucht es in die richtige Stellung zu bringen, werkt verkniffen wie ein Fotograf, der Arme und Beine seiner Models sortiert, gibt schließlich auf. Pfriemelt die Verpackung auf, gibt den Strichcode per Hand ein, beißt ein Stück vom Ziegenkäse ab und faltet wieder zu.
Die Rabattkarte bitte noch.
Ihr fällt dazu nichts ein, sie packt den Käse in ihren Korb, zahlt, rollt den Einkaufswagen zu ihrem Auto. Fährt nach Hause. Räumt die Einkäufe in ihren Kühlschrank. Zerbes Zahnabdrücke im Ziegenkäse. Von der Rolle. Starke Zähne, weiß; der undeutbare Mandelaugenblick, der dicke schwarze Irokesenzopf. Er hat durchgebissen. Sie sagt besser nichts. Sie denkt besser nichts. Sie fühlt sich erlöst.

Geworfen II

Knoten im Brötchen
(Kabale und Liebe, 1. Akt, 7. Szene)

FERDINAND. Der PRÄSIDENT. WURM, welcher gleich abgeht.
Jaaa, gut dass der Wurm abgeht!!
Wir sind beim Frühstück:

PRÄSIDENT: Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht - Du fliehst mich - Du fliehst deine Zirkel ... (sehr begreiflich) ... Wem hab ich durch die Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht - eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das Messer der Welt verberge. (igitt!)
FERDINAND: Es ist besser, gar nicht geboren sein, als dieser Missetat zur Ausrede dienen.
PRÄSIDENT: Auf mich fällt die Last der Verantwortung - auf mich der Fluch, der Donner des Richters - Du empfängst dein Glück von der zweiten Hand - das Verbrechen klebt nicht am Erbe.
FERDINAND (streckt die rechte Hand gen Himmel). Feierlich entsag ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater erinnert. (der Wendepunkt)
PRÄSIDENT: Feierlich? (stockt) Was, feierlich? Weißt du überhaupt, was das ist, feierlich? Also, ich nenne dir mal ein Beispiel: Als wir den Planetenwanderweg Neuhof-Kalbach 1998 eröffnet haben, das war feierlich. Da gab es Bratwurst und Bier, das Blasorchester spielte "Weißt du wieviel Sternlein stehen", der Bürgermeister hielt die Eröffnungsrede, die Zeitung machte Bilder und der Wahlkreisabgeordnete schnitt ein Band mit der Schere durch. Das ist feierlich. Was du hier veranstaltest, ist bestenfalls schlecht improvisiert, da fehlt's noch weit.
FERDINAND: Was? (verwirrt)
PRÄSIDENT: Wenn du wirklich feierlich deines Erbes entsagen willst - nebenbei gesagt, auf entsagen folgt doch eigentlich Genitiv, oder? (verwirrt) Ich sollte bei canoo.de nachsehen (macht sich einen Knoten ins Brötchen). Also wenn du wirklich entsagen willst, sollten wir einen Termin festlegen, irgendwann im August, eher werden wir doch nicht fertig und bis dahin sind die Leute auch wieder aus dem Urlaub zurück. Da haben wir genügend Zeit, Plakate zu drucken und Flyer auszulegen. Das Blasorchester ist inzwischen aufgelöst, die studieren jetzt alle, aber ich könnte nachfragen, ob die Schola singen würde, das passt sowieso viel besser zum Anlass. Bratwurst ist auch nicht so angesagt, wir sollten überlegen, ob wir irgendwas aus dem Wok machen könnten ...
FERDINAND (stottert): Wie jetzt?
PRÄSIDENT: Dann kannst du feierlich entsagen. Ich darf nicht vergessen, den Rundfunk anzuschreiben, bei der Eröffnung des Planetenwanderwegs waren die nicht dabei, zu kurzfristig, hinterher hat mir der Bürgermeister Vorwürfe gemacht --- warum ziehst du so ein Gesicht?
FERDINAND: Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz die Ihrigen sind - Ihre Glückseligkeit macht sich nur selten anders als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt. - Tränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran diese gepriesenen Glücklichen schwelgen ...
PRÄSIDENT: Ich hab doch gesagt, diesmal nehmen wir den Wok, nicht Bratwurst, ich weiß, die bekommt dir nicht. Mir übrigens auch nicht.
FERDINAND. Sie werden mir zum Rätsel, mein Vater.
PRÄSIDENT (schlägt ein Gelächter auf).
FERDINAND (schlägt das Buch zu).

Der Hahn lebt noch ...



Hier schon angesprochen ...

Ich wollte, ich hätte dieses Buch in einer Leserunde gelesen. Jetzt ist es leider zu spät, eine anzuregen, sonst hätte ich es bei den Büchereulen versucht.
Vor Jahren hat mir der Autor mal einen Abschnitt zum Lesen gegeben. Den habe ich ihm damals zurückgereicht mit der Bemerkung, der Protagonist sei mir unerträglich. Mehr oder weniger stimmt das auch heute noch, aber im Gegensatz zu früher lief ich diesmal nicht Gefahr, das Buch nach zwanzig Seiten entnervt wegzulegen. Das kann natürlich daran liegen, dass ich die Exposition kannte und daher wusste, wohin der Plot letztlich steuern wird. Aber es kommt noch etwas dazu: Die Unerträglichkeit des Protagonisten beginnt schleichend. Im ersten Kapitel liegt er samstagmorgens im Bett und sinniert vor sich hin, dann (im zweiten) geht er ins Bad und rasiert sich. Es fängt also ganz gemütlich an. Er denkt so vor sich hin und vieles, was er sich denkt, ist vermutlich genau das, was die Leser auch beim Rasieren denken. (Gut, ich als Frau vielleicht nicht, aber ich kann's mir vorstellen.) Ein wenig Tom steckt in uns allen.

Unerträglich wird Herr Trabandt, wenn es um Frauen geht; dann steigert er sich allerdings enorm. Wir distanzieren uns zusehends und beobachten, wie sich Herr T. immer tiefer in seine Hybris aus Selbstbetrug und wahnhafter Siegesgewissheit verstrickt. Man kommt zuweilen auch nicht um widerwillige Bewunderung herum, etwa bei den Szenen, die er seiner Frau macht (oder sie ihm) - ein Wort gibt das andere, jedes zielgenau und treffend. Wenn das bei mir zu Hause auch so funktionierte, dann würde ich viel öfter mit meinem Mann streiten, so macht es einfach Spaß! Übrigens hatte ich, obwohl ich Beischlafszenen i.d.R. verabscheue - sie kommen mir immer vor wie etwas, was gleichsam abgearbeitet werden muss, ebenso wie der Folterkeller in einem mittelalterlichen Roman - auch bei Herrn T.s Treffen mit seiner Geliebten meinen Spaß. Ich sage nur: Leute, esst mal wieder Katzenzungen! (Wer kennt die nicht aus seiner Kindheit? Und wer käme darauf, die als Erwachsener essen zu wollen ... wenn nicht so??)

Wenn ich einen Vergleich ziehen sollte, würde ich bei diesem Buch am ehesten an Ingrid Noll denken: "Der Hahn ist tot". Tom Trabandt ist eben jener Hahn. Geschwätzig, selbstgerecht, halbintellektuell; obendrein ein Schreibender, schlimmer geht's kaum noch, ich als Schreibende weiß das. Doch wenn es um seine Interessen geht, besitzt er plötzlich die gleiche skrupellose Durchschlagskraft wie Ingrid Nolls Rosemarie Hirte. (Natürlich weitaus beredter, da Her T. ein Bildungsbürger ist und folglich mehr quatscht, auch mit sich selbst - "Adieu Irene" ist zum Großteil in erlebter Rede geschrieben; ein amüsanter Blick ins männliche Stammhirn.) Ingrid Noll lässt ihre Antiheldin am Ende im Klinikbett für ihre Untaten büßen. Das kam mir immer wie ein Kunstgriff vor, um den Leser zu versöhnen, der meint, dass die Frau nicht so davonkommen dürfe. Holger Bischoff baut seinen Plot in dieser Hinsicht geschickter: Was Tom Trabandt widerfährt, erinnert an die alte Judoregel, dass man die Energie des Angreifers auf ihn zurücklenken soll. In "Adieu Irene" ist der Hahn am Ende nicht tot. Aber sein Misthaufen, auf dem er krähte, ist ihm genommen. Hinterrücks. Und es bleiben ihm nur ein paar Kötel. (Die allerdings lässt er sich nicht nehmen. Nicht Tom!)

"Adieu Irene" gibt es hier bei Amazon oder im Elf Uhr Verlag Lauterbach. Ich fand's gut und wünsche mir nach wie vor, Herrn T.s Bücher würden gedruckt. Das eine mit der Titanic war wohl nicht so der Knaller, aber das andere, das mit dem Lektor, das würd' ich kaufen.

Blubbern als Kunst!

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"Es gibt in der geistigen Welt weitaus mehr Gnade, als sich der Mensch vorstellen kann."
(Meridian 2/2012)

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