Ich habe einen Ohrring verloren. Es war kein kostbarer Ohrring, nur ein Bergkristall in einer Silberfassung. Ein ungewöhnliches Stück allerdings. Das Teil, das auf dem Ohrläppchen sitzt, war wie eine silberne Rosenblüte geformt. Die Bergkristallkugel, zu Facetten geschliffen, hing darunter in einem Netz aus feinen Silberdrähten. Ich habe die Ohrringe gern getragen. Und sie stammten aus meinem liebsten Schmuckgeschäft, dem in Tossa, an der katalanischen Küste; einem Geschäft, das ich sechs Jahre lang jeden Sommer besuchte. Inzwischen ist das Schuckgeschäft weg und hat einer Burgertheke Platz gemacht.
Einer der Ohrringe fehlt.
Verloren habe ich ihn auf einem Schäferfest. Sonntag vor zwei Wochen war ich dort, und fast drei Stunden habe ich mich aufgehalten. Das Fest fand in der Reithalle statt und auf dem Gelände rundherum, im Grünen. Als ich ankam, war herrliches Wetter. Die Wiesen rund um die Reithalle waren in kleine Koppeln aufgeteilt. Überall blökten Schafe. Ich habe die dicken großen Heidschnucken bewundert, die man bei uns kaum zu sehen bekommt, mit silbergrauen Rücken, grob wie Teppichwolle, und herrlich starken gewundenen Hörnern. Daneben die Rhönschafe, die hier jeder kennt, zottig und gelb vor Wollfett, mit schwarzem Kopf. Und die kleinen lockigen Skuddenschafe, dunkelbraun und karamellbraun und honigfarben. Und die sanften Scottish Blackface mit den dunklen Gesichtern und dem flaumweichen Fell, die aussehen wie Wollknäuel auf Beinen. Man möchte hineinfassen und kraulen, aber das lassen sie nicht zu. Die meisten Schafe mögen nicht angefasst werden. Wenn man sich allzu aufdringlich nähert, wenden sie sich alle miteinander um und wechseln die Ecke. Sie bewegen sich so kunstvoll synchron wie ein Vogelschwarm oder eine Gruppe Delfine. Auch das ist ein schöner Anblick.
Dann ging ich in die Reithalle, wo ein Stand aufgebaut war, an dem Kinder probieren können, wie man Wolle zu dicken Stoffen filzt. Und dort war ein Spinnrad aufgestellt, an dem niemand saß. Die Inhaberin des Filzstandes hatte eigentlich ein wenig spinnen wollen, kam aber nicht dazu; zu dicht war das Gedränge an dem Stand. Mit kurzem Winken lud sie mich ein, mich ans Spinnrad zu setzen. Ich rückte mir einen Stuhl hinter das kleine Ziegenrad und spann eine ganze Spule voll mit dunkelgrauem, weichem Wollgarn, während Dutzende von Leuten vorbeiliefen, spöttische oder auch anerkennende Bemerkungen machten, kluge oder dämliche Fragen stelltem. Als die Spule voll war, musste ich aufhören - die Spule war viel zu klein.
Dann ging ich noch einmal hinaus hinter die Reithalle, wo die Hütevorführungen stattfanden. Hier war ein Parcours aufgebaut, der wohl eigentlich dazu gedacht war, die Springpferde zu trainieren. Heute durften die herumliegenden Baumstämme und Latten die Schikanen für Hütehunde dienen. Leider war die Hütevorführung schon vorbei; ich war zu spät dran, hatte zu lang gesponnen. Ein paar Schafe standen noch in der Umzäunung. Auch hier wieder die kleinen, lockigen Skuddenschafe. Die Hunde saßen habacht dabei - Hunde mit menschlichen Gesichtern, mit schwarzen Knickohren, einer weißen Maske im Gesicht, aufmerksam und arbeitsfreudig. Ein dampfender Spätsommerregen ging nieder, als ich in den Parcours trat; es regnete warme Spülwasserblasen. Ich habe mich nur noch ein wenig umgesehen und mich dann zum Auto getrollt, um nach Hause zu fahren. Im Gepäckraum einen Plastiksack voll Romanov-Wolle - eben jene, die ich an dem Filzstand gesponnen hatte - und einen Beutel braunes Bergschaf.
Erst spätabends, als ich meine Ohrringe ablegen wollte, merkte ich, dass einer fehlte.
Eine Woche später, wieder am Sonntag, bin ich wieder auf dem Gelände, um ihn zu suchen.
Alles weg, die Schafe, die Koppeln. Ein paar Strohhalme liegen noch umher. Von dem Filzstand in der Reithalle keine Spur mehr; nur noch die übliche Sandaufschüttung, von Hufspuren zerfurcht. Hinter der Reithalle der Parcours wie vordem. Baumstämme, Zaunlatten. Im nahen Wald schreien die Elstern. Ich suche pflichtschuldig den Rasen ab, ohne Hoffnung, meinen Ohrring wiederzufinden.
Hier war - ungefähr - der Hütezaun, hier saß der arbeitsfreudige Hund. Das Rolltor zur Reithalle ist zu; eine Dame in Reitstiefeln versichert mir, der Sandboden sei inzwischen abgezogen und gewässert worden, aber sie werde wegen meines Ohrrings herumfragen. Hier war der Eingang, daneben ein Wurststand, der ist natürlich jetzt auch weg. Hier war das Podest, wo der Schafscherer sich betätigte - es liegen noch Wollflusen herum. Hier die Eindrücke der mobilen Zaunpfähle und dazwischen Strohbüschel, wo sich die schwarzköpfigen Rhönschafe, die grauen Heidschnucken, die sanften Scottish Blackface, die kleinen lockigen Skudden gedrängt haben. Ich schreite alle Wege ab und suche nach meinem Ohrring. Ich finde ihn nicht. Es tut mir nicht leid.
schmollfisch - 5. Okt, 23:54
Auf dem Speicher
Ein Karton voller Hefte und alter Briefe. Schulzeugnisse, die ich nicht ansehen mag – damals gab es noch Noten für Aufmerksamkeit, Fleiß, Betragen und Ordnungsliebe. Halb zerrissene Kinderbücher. Ein Märchenbuch mit dreidimensionalen Bildern, die sich wie durch Zauberhand erheben, wenn man eine Seite umschlägt. Rotkäppchen und der Wolf. Dem Wolf fehlt der Schwanz. Dem Jäger die Flinte.
Die Abizeitung, Notenhefte, Zeichenmappen. Sieben Abzüge eines unbeholfenen Linolschnitts, alle gleich miserabel. Stockfleckige Fotos meiner alten Klasse – mindestens dreißig Jahre alt. Und dazwischen ein abgegriffenes, angeschmuddeltes Tierchen, mit klumpiger Watte ausgestopft.
Es soll wohl ein Pferd darstellen – mit Mähne und Schwanz aus schwarzen Wollfäden. Wahrscheinlich war es als Schlüsselanhänger oder Glücksbringer gedacht. Denn um es zum Kuscheln mit ins Bett zu nehmen, ist es viel zu klein.
Wenn ich die Finger darum schließe, ist es perfekt der Form meiner Hand angepasst. Von vielen, vielen heißen schwitzigen Griffen, Hilfe und Trost suchend. Bei der Fahrprüfung. Bei den Abiklausuren. In der mündlichen Prüfung habe ich es in der hinteren Hosentasche bei mir gehabt. Beim Examen auch. Nein, da habe ich einen Rock getragen, das Pferdchen war in der Jackentasche. Beim Vorstellungsgespräch war es dabei und gab der nervös zupressenden Faust angenehmen Widerstand. Bei meiner Hochzeit steckte es in dem weißen Spitzenbeutel. Irgendwann hat es versagt. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Hochzeit. Nach der Scheidung habe ich es auf den Speicher getragen und in den Karton gestopft.
Wer hat es für mich gemacht? Es ist gehäkelt. Ich kann nicht häkeln. Habe es nie gekonnt.
Die Klassenfotos, die Freundinnen – kein Gesicht ruft „Ich“. Keines verspricht mir ein Pferdchen, das mich um alle Ecken und Kanten des Lebens tragen wird.
Es könnte ein wenig Pflege vertragen. Mähne und Schwanz sind verfilzt, das Fell glanzlos, der Bauch unförmig und verbeult, wo ich zu heftig gespornt habe in meinen Ängsten und Hoffnungen.
Ich nehme es mit nach unten und versuche es mit warmer Seifenlauge zu waschen.
Es geht nicht.
Der Kopf fällt ab und die Füllung quillt heraus.
Nass und klumpig.
schmollfisch - 28. Sep, 01:10
die schranktür sperrt
kleider motten
bücher muffeln im unteren fach
zwischen rostigen kofferbeschlägen
blätter dauerverklebt
mit getrocknetem kakao
und längst
verstorbenen gummibärchen
staubflusen tanzen
stopplig der strohstuhl
das kissen lässt federn
draußen leuchtet der herbst
(für Lisa :-)
schmollfisch - 25. Sep, 18:19
Streich das Rohr grün
Sie soll schon wieder Dame spielen mit dem alten Herrn, obwohl sie weder will noch kann. Ein »Kann ich nicht« lässt er nicht gelten. »Das lernen Sie schnell, kommen Sie schon, das kann jeder lernen.«
Sie verliert ein ums andere Mal. Einmal lässt er sie gewinnen, dann stellt er die Steine neu auf und verkündet: »So, jetzt spielen wir aber richtig.« Dann gewinnt er wieder. Manchmal macht sie einen Zug, der ihm nicht gefällt. Er nimmt ihren Stein und markiert: »Schauen Sie, das hätten Sie so machen müssen, dann hätte ich nämlich schlagen müssen« – er nimmt einen ihrer Steine weg, wirft ihn neben das Spielfeld – »und dann hätten Sie …« Und er legt zwei seiner eigenen Steine an den Rand. »Das hätten Sie machen müssen.« Die Steine bleiben so stehen, wie er sie gesetzt hat; das Spiel geht so weiter, wie er es für sie gestellt hat. Sie verliert trotzdem.
»Ich kann einfach keinen Stein opfern, um den Gegner herauszufordern«, verteidigt sie sich, » meine Steine sind für mich …« – sie sucht nach dem passenden Vergleich – »wie Schäfchen, ich werde nicht freiwillig eines meiner Schäfchen opfern, lieber verliere ich.«
Für Sekunden, während er murmelnd seine Strategie plant, sieht sie statt ihrer letzten drei weißen Steine winzige Schäfchen, kleine weiße Lämmer, die »mäh« schreien. Vergebens.
Nach der fünften Partie steht er auf, um sich mit seinen Malschülern zu unterhalten. Sie nutzt die Gelegenheit, ihr Strickzeug hervorzuholen, strickt eifrig und schaut dabei in ihr aufgeschlagenes Buch. Schon ist er zurück und baut die Steine neu auf.
»Darf ich die Reihe zu Ende stricken?«, fragt sie.
»Wir können schon anfangen«, erwidert er, »wenn Sie beim Stricken lesen können, dann können Sie auch spielen.«
Und schon verliert sie wieder. Sie findet keine Strategie. Wenn sie sich allzu blöd stellt, wird er sauer werden und sie anschnauzen. Wenn sie versucht, gut zu spielen, muss sie sich einen Schlachtplan überlegen. Während sie überlegt, trommelt er mit den Fingern: »Ja nu.« Zu gut darf sie ohnehin nicht werden, sonst denkt er am Ende noch, es macht ihr Spaß.
»Ihnen fehlt bloß die Routine«, bemerkt er und stellt die Steine neu auf, »wenn Sie erst mal Übung haben, dann macht es auch Spaß!«
Das tut es nicht. Aber nicht deshalb, weil sie keine Übung hat. Sondern umgekehrt: Sie hat keine Übung, weil sie überhaupt nicht gerne spielt.
»Sie werden sehen«, bemerkt er und stellt die Steine neu auf, »es macht Spaß, gegen einen Meister zu spielen, und ich bilde mir ein, ein Meister zu sein!«
Warum spielt er dann gegen sie?
Wenn er sich über das Spielbrett beugt, alt, krumm und weißhaarig, sieht er aus wie ihr Vater. Ganz klein saß sie ihm gegenüber, baumelte mit den Beinen, die Zöpfe hingen über die aufgestützten Arme. Während ihr Vater einen Stein zog, schob er einen anderen mit dem Ellbogen ein Feld weiter.
»Du mogelst ja!«, rief sie empört.
Ihr Vater schob den Stein wieder zurück und sagt: »Einmal mogeln ist erlaubt!«
Der alte Mann sieht aus wie ihr Vater, kurz bevor er das letzte Mal zur Chemo musste und nicht zurückkam.
Sie zieht einen Stein. Der Alte schnalzt unwillig, murmelt: »Und was soll ich armer Mann jetzt machen?« und schiebt einen Stein vor, den sie schlagen muss, worauf er im nächsten Zug bis ans Spielfeldende hüpft und eine Dame gewonnen hat.
Warum kümmert er sich nicht endlich um seine Schüler? Helmut hat sein Bild total blöd aufgeteilt, das sieht sogar ein Laie wie sie. Die Hausfront ist viel zu groß, das Fenster seitlich angeschnitten, der Busch unter dem Fenster kann sich nicht entscheiden, ob er in der Sonne oder im Schatten wächst, das Regenrohr ist platt wie ein Brett. Warum geht er nicht dorthin und kümmert sich, statt sie mit Damespielen zu plagen?
Er stellt die Steine neu auf und ruft:
»He, Helmut! Streich das Rohr grün!«
schmollfisch - 23. Sep, 23:36
... über etwas, was ich selbst geschrieben habe.
Zum Beispiel gerade eben dies:
"Monsieur Aubrière war am Ende seines Lateins. Das war nicht mehr die Frau, der er Treue angelobt hatte, in guten wie in schlechten Tagen, sogar wenn die Auffassungen, was gut oder schlecht sei, entschieden divergierten und am Ende jedenfalls ein dezidiertes Suboptimum herauskam."
Hach, die alten Lateiner. Monsieur Aubriére soll leben. (Ich weiß noch genau, wie er mich vor zwei Jahren aus einem auktorialen Tief zurrte.)
Schallend gelacht habe ich auch über die HP von
Johannes Kreidler. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin; es ging wohl um die Etymologie des Ausdrucks "wie ein Schlosshund heulen". Ja, wie heult eigentlich ein Schlosshund? Heult der schlimmer als ein Reihenhaushund? Johannes Kreidler, ein erfolgreicher Komponist und Tonkünstler, fragt nach und weiß Bescheid. Zum Beispiel, wie sich eigentlich Karnickel vermehren (wie dingens! - man kann ja schlecht pauschal behaupten "wie Karnickel"), wie Schlosshunde heulen und wie der gestern gefallene Schnee tatsächlich aussieht (jetzt bitte nicht antworten: "Wie Schnee von gestern!"). Überhaupt geht Herr Kreidler den Dingen auf den Grund. Und findet beiläufig mancherlei Variationen des bekannten Satzes: "Wenn Fliegen hinter Fliegen fliegen ..." - "Wenn hinter Griechen Griechen kriechen" kommt schon ulkig, bei "Wenn hinter Rochen Rochen Rochen rochen rochen Rochen Rochen" lag ich vollends unterm Tisch. Ich hab auch noch was beizusteuern: "Wenn hinter Iren Iren irren, irren Iren Iren hinterher." Irrtümer pflanzen sich bekanntlich fort. Wie eine ew'ge Krankheit. Und wer ertrug der Zeiten Spott und Geißel, des Rechtes Aufschub, den Übermut der Ämter, und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist, wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte ...
Da muss ich an meine Steuererklärung denken. Auch so ein poetisches Werk, das noch geschrieben sein will. Mein Seel, ich weiß nicht zu räsonieren. Aber schallend drüber lachen tut gut.
Edwin Booth als Hamlet, Quelle: Wikipedia
schmollfisch - 15. Sep, 00:06
... mit einem VHS-Videotape
die tonspur dahin
die vampirin krächzt
hinter ihrer brille hervor
viggo mortensen ein
schatten strahlenkrank
taubengurren mit
schnäbeln voll erde
akzentuiert: der schock
der schock über die
geplatzte kröte
und die blutspur im gesicht
es klingt wie akopads
im ohr
und schließt mit einem
marienlied
schmollfisch - 12. Sep, 17:46
Bei uns im Hausflur hängt eine Landkarte. (Sie zeigt nur Europa, aber möglicherweise müssen wir demnächst auf Globusformat vergrößern). In der Landkarte stecken unzählige kleine gelbe Fähnchen. Nicht so wie bei der Polizei, wo man markiert, wo der Serienmörder seine sieben Leichen verteilt hat - die Rede ist von mindestens
siebenhundert Fähnchen.
Jedes Jahr kommen mindestens dreißig dazu.
Manchmal fragen mich Besucher, was diese Fähnchen bedeuten.
Dann antworte ich: "Das sind die Plätze, an denen wir uns unmöglich gemacht haben."
Bisher haben wir immerhin darauf geachtet, das Umfeld unseres Heimatortes einigermaßen frei von gelben Fähnchen zu halten. In San Gimignano, Ajaccio, Perpignan und Girona kennt uns ja eh keiner, da heißt es höchstens: "Wieder mal Deutsche."
Bis letzte Woche! Da habe ich mitten durch meinen Wohnort ein Fähnchen bohren müssen!
Es fing damit an, dass der Klorollenhalter in unserem Badezimmer kaputt ging. Ich richtete meine Schritte also flugs in Richtung der Firma Blupp & Schwall, Badezimmerausstattungen, da eben jene den bewussten Klorollenhalter eingebaut hatte.
Bei Blupps musste ich ein paar Minuten warten und nahm mir zum Zeitvertreib einen Flugzettel vom Verkaufstresen. Ein ganzer Stapel solcher Zettel lag bereit. Es ging um die Qualität unseres Trinkwassers. Der Flugzettel bestand aus drei aneinander gehefteten Blättern, bedruckt in Times New Roman 18 Punkt, zweifarbig.
Nach dem Lesen einer halben Seite legte ich das Blatt zurück und sagte zu der Empfangsdame am Tresen: "Wer das geschrieben hat, steht wohl mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß!"
Sie lächelte ein wenig schief, sagte aber nichts. Hinterher machte ich mir Gedanken, ob sie dieses Memorandum vielleicht selbst geschrieben hatte - man weiß ja nie. Dann war ich taktlos gewesen. Aber warum eigentlich? Soll sie doch zum Duden greifen und den Zettel noch mal durchgehen, es kann nur besser werden!
Zwei Tage später war ich wieder bei Blupp & Schwall. Diesmal in einer anderen Angelegenheit, aber egal. Jedenfalls habe ich diesmal ein Exemplar des Memos mit nach Hause genommen.
Von Anfang bis Ende durchgelesen.
Und darunter stand: "Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe, rufen Sie uns an 1234/56789 Mit besten Grüßen Günther Blupp."
O weia!
Der Rechtschreibhirni war keineswegs die Dame am Tresen. Es war der Chef persönlich!
Seitdem habe ich mich nicht mehr zu Blupp & Schwall getraut. Statt dessen habe ich ein Fähnchen gesteckt. Dorthin, wo das Firmengelände liegt. Praktisch bei mir um die Ecke.
Ein wenig habe ich aber dann über die Sache nachgedacht. Nur ein klein wenig. Ungefähr pausenlos bis heute. So etwa: Muss ich mich jetzt etwa schämen, weil ich darauf hingewiesen habe, dass das Memo voller Fehler steckt? Will Herr Günther Blupp denn nun Kunden oder will er keine? Den Lesern wird ja angst und bange, wenn sie solches Zeug lesen müssen. Wie komm ich denn dazu, mich zu schämen, weil ich die Fehler sehe? Es ist keine Schande, die Rechtschreibung nicht zu beherrschen. Aber wenn man keine Ahnung davon hat, dann schreibt man so ein Memo nicht selbst, sondern nimmt sich jemanden, der wenigstens ungefähr weiß, wie es geht. Schließlich klebe ich meine Klopapierrolle auch nicht mit Spucke an die Wand, sondern lasse mir vom Fachmann einen Halter anbringen, zum Beispiel von Blupp & Schwall. Und so weiter und so weiter. (Ich verwandelte mich schrittweise in eine Figur bei Paul Watzlawick.)
Bis heute.
Da kam ich nämlich auf die Idee, mit dem charakteristischen Satz "Mir viel folgende Aussage auf" auf Googlereise zu gehen. Weit ging die Reise nicht. Es gab nur einen Treffer.
Günther Blupp ist entlastet. Oder sagen wir mal: Er ist bloß Nachfolgetäter und hat das fragliche Memo Wort für Wort von der Website des Haupttäters abkopiert.
Warum allerdings jemand, der ein echtes Anliegen hat, und sei es auch bloß das, dass er Wasserreinigungssysteme verkaufen will - warum so jemand sich nicht die Mühe macht, eine der deutschen Rechtschreibung halbwegs mächtige Person für eine Stunde Arbeit zu bezahlen (länger würde es nicht dauern, dieses mühsame Neusprech in eine lesbare Sprache zu übersetzen), das mag Paul Watzlawick wissen.

schmollfisch - 4. Sep, 15:32
Paul liebt seine Mutter über alles. Keiner seiner Schulfreunde kann sich rühmen, eine Mutter zu haben, die ein heruntergekommenes Holzhaus gekauft und ganz allein frisch gestrichen, renoviert und möbliert hat, dazu rundherum einen Garten angelegt, der seinesgleichen sucht ... (und dabei verdient sie auch noch ihren Lebensunterhalt selbst, hat sogar ein eigenes Geschäft). Voll Stolz zeigt sie ihm eines Abends, kurz vor den Schulferien, eine Gartenecke, wo sie eine seltene Orchideenart angesät hat, die Gymnadenia. Über die Ferien geht Paul allein auf Wanderschaft, gemeinsam mit einem Freund ist er drei Wochen unterwegs. Die Gymnadenia wird unterdessen in seiner Phantasie zu einer Wunderblume; er erwartet, die Gartenecke zu exotischer Pracht verwandelt zu sehen. Bei seiner Rückkehr findet er die Blütenzweige der Gymnadenia in seinem Zimmer, von der Mutter in eine Vase gestellt. Es sind winzige weiße Blümchen, die kaum mehr hermachen als Maßliebchen ...
Nichts ist so groß, wie es scheint. Auch seine Mutter nicht, wird ihm später klar.
Als Erwachsener beurteilt Paul seine Familienverhältnisse (die Eltern wurden geschieden, als er noch ganz klein war) gelassener, sieht auch die neue Stiefmutter etwas weniger streng an, wie er sich überhaupt selten herbeilässt, über Mitmenschen Urteile zu fällen. Gesellschaftliche Dummheiten quittiert er mit Ironie, irgendwelche guten Ratschläge nimmt er sowieso nicht an, es sei denn von seiner Mutter, und auch die sieht er mit der Zeit mit etwas mehr Distanz an. Dann nämlich, als er beginnt, sich zum Entsetzen seiner Familie dem katholischen Glauben zuzuwenden: Niemand, dessen ist er sicher, weiß irgendetwas über ihn; niemand kann ihm sagen, was er tun soll, was er anfangen soll mit seinem Leben. Schon gar nicht jemand, der ihm nicht mehr voraushat als ein paar Semester Theologiestudium. Von einem evangelischen Priester nimmt er folglich keine Ratschläge an. Auf wen soll er hören? Nur auf Weisheit, die von direkt von Gott kommt. Sein Weg führt unaufhaltsam und logisch in die katholische Kirche zu den geweihten Priestern.
Doch der Weg bis dahin ist lang. Pauls erste Freundin lässt ihn sitzen, als er dienstreisehalber ein paar Monate weg muss. Bei seiner Rückkehr ist auch sie weg - nicht mal eine verständliche Erklärung findet er. Ein paar Jahre später findet er sich verlobt mit einer Achtzehnjährigen mit Spatzenhirn. Vermutlich ist einer ein geborener Fisch; er wehrt sich nicht, kommt sich vor wie in einem Theaterstück, spielt seine Rolle in dem festen Glauben, es werde sich schon irgendwie einrenken. Nichts renkt sich ein und im Nu ist Paul mit einer Frau verheiratet, die das geistige Niveau einer Nachmittagstalkshow mitbringt. Er arrangiert sich, macht Dienstreisen (inzwischen ist er selbständiger Unternehmer), fühlt sich am wohlsten, wenn er von zu Hause weg ist, lässt im übrigen seiner Frau ihren Willen. Bezeichnend, wie sie beide Paris besuchen: Sie mag nirgends hingehen, wo keine Läden sind; die beiden kommen nicht mal in Notre-Dame. Bezeichnend aber auch, wie Paul alles um sich herum - die platterdings unerträgliche Ehefrau, mit der er immerhin zwei wohlgeratene Kinder hat, die nicht weniger unerträgliche Schwester, die angepinselte Stiefmutter, die entsetzlich bornierte Frau seines Geschäftspartners, den jüngeren Bruder, der Pianist werden will, und überhaupt all das erträgt. Keiner ist darunter, der ihm irgendetwas sagen kann, was sein Leben verbessern könnte; mit keinem kann er auch nur reden. Es gibt überhaupt keine Autorität, kein Besserwissen. Das gibt es nur bei Gott, damit muss er sich abfinden. Und so wird Paul Katholik. Nach und nach, und irgendwann konvertiert er.
Was Pauls Geschichte außergewöhnlich macht, so außergewöhnlich, dass ich eine Woche lang nur Paul war, Paul lebte und Paul atmete - das ist die Distanz, in die mich jene unsichtbare Person zwingt, die mir seine Geschichte erzählt. Letztlich scheint ihn nichts, was um ihn herum oder ihm selbst passiert, etwas anzugehen. Selbst als seine Frau, von er er sich wegen seines Glaubens nicht scheiden lassen kann, ihm tränenreich das Kind eines anderen Mannes unterschiebt - zu allem Übel ein geistesschwaches und körperbehindertes Kind -, nimmt er alles entgegen, wie es kommt. Er duldet keine Einmischung und verurteilt niemanden. Ein wahrer Christ. (Seine entsetzlichsten Momente sind die, als ihm seine reuemütige Frau auf den Knien versichert, er sei ein wahrer Christ!)
Doch!! - da ist ein Leitmotiv, das immer wieder auftaucht - die Randbemerkung "Die Ärmste". Seine erste Braut, die es nie verstanden hat, sich richtig anzuziehen - Jahre später begegnet er ihr wieder und vermerkt als erstes, dass sie noch immer weiße Schuhe trägt, die die Größe ihrer Füße unvorteilhaft betonen. Die Ärmste, noch immer kann sie sich nicht anziehen. Seine Schwägerin, die einst eine gefeierte Sängerin war (oder sich einbildete, eine solche zu sein) und immerfort erzählt, welche Karriere sie ihrer Ehe opferte - die Ärmste. Die Schwester, die den falschen Mann geheiratet hat, die Stiefmutter, die immer die gleichen weißen Perlstecker in ihren dicken Ohrläppchen trägt (sogar das bemerkt er!) - die Ärmste!
Paul ist durch und durch durchsetzt mit der schlimmsten aller Todsünden, dem Hochmut. Kniend unterwirft er sich der göttlichen Allmacht; er schluckt alles, wie es kommt - aber das Stichwort "die Ärmste" durchzieht seine sämtlichen Kontakte zur Außenwelt. Die Erzählerin, die ihn schildert, war ihr das bewusst? Hat sie die Litanei seiner Ärmsten absichtlich so eingesetzt? Oder ist dieses Stichwort ein Bug, mit dem sie nicht nur ihren Helden, sondern auch sich selbst bloßstellt ...?
Und ich mustere besorgt meine eigenen schriftstellerischen Ergüsse. Was verraten sie über mich?
Wikipedia behauptet, die norwegische Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset würde heute in Deutschland kaum noch gelesen. Ich halte dagegen und empfehle nicht nur ihren Mittelalter-Roman "Kristin Lavranstochter" (kenne ich seit meiner Studentenzeit, einer der ganz wenigen historischen Romane die mir wirklich gefallen haben), sondern auch und vor allem "Gymnadenia" und "Der brennende Busch", die Romane um Paul. Gymnadenia beginnt kurz vor der Jahrhundertwende - der vorletzten, nicht der letzten -; der zweite Band endet zwischen den beiden Kriegen. Vermutlich bekommt man die Bücher nur noch antiquarisch. Ich habe sie, in schöner Lederbindung, vom Speicher meiner Eltern gerettet, ehe das Haus verkauft wurde, und war eine Woche lang nur Paul.
schmollfisch - 27. Aug, 23:43