Eines Tages hat sie Eckart von dem Hirschkäfer erzählt. Es war in einem Café in Rennes. Eckart hatte sich die Burg angesehen und fotografiert. Ulla traf ihn danach draußen; sie hatten sich per SMS verabredet. Während sie die kopfsteingepflasterte Gasse stadteinwärts gingen, warf Eckart Blicke nach links und rechts und verkündete schließlich, dies sei eine echte Aufblasgasse. »Bei uns an der Küste in Katalonien«, erklärte er ernsthaft, »gibt es viele Ortschaften, wo man Probleme hat, bloß ein Kotelett fürs Mittagessen einzukaufen. Aber aufgeblasene Krokodile und Delfine kriegt man an jeder Straßenecke angeboten. Das nenne ich einen Aufblasort.«
»Und warum leben Sie da, wenn es so ätzend ist?«, lachte Ulla.
»Warum? Nun ja, man kann dort gut malen. Und Bilder verkaufen. Ich sollte nicht lästern. Die gleichen Leute, die aufgeblasene Schildkröten haben wollen, kaufen meine Bilder.«
Er wollte unbedingt, dass sie sich mit ihm in ein Café setzte und seine Fotos auf dem Display der Kamera anschaute. Währenddessen bestellte er Kaffee mit Calvados und fragte, warum sie selbst keine Bilder mache.
»Ich lebe ja hier, ich brauche das nicht«, sagte sie scherzhaft und betrachtete das Foto eines Burgturms, der – vermutlich riesengroß – in den Himmel ragte, auf dem winzigen Bildschirm absurd verkleinert. »Wissen Sie, die Dinge, die mich interessieren, kriege ich sowieso nie angemessen fotografiert. Vor ein paar Wochen bin ich im Wald bei Paimpont mit ein paar Freunden zum Picknick gewesen. Stellen Sie sich vor, wir gingen einen Waldweg entlang mit unserem ganzen Kram, Körben und Taschen, und plötzlich sagte jemand: ‚Bleibt mal stehen, hier ist ein Hirschkäfer.’ So einen großen Hirschkäfer habe ich noch nie gesehen. Er war bestimmt sieben Zentimeter lang. Wir stellten alle unser Zeug ab und beugten uns hinunter, weil meine Freundin meinte, dass wir ihm wegsetzen sollten, damit er nicht totgetreten wird.« Sie hatte zu dem kleinen runden Cafétisch hingeredet; als sie aufschaute, sah sie Eckarts Augen ernst auf sich ruhen.
»Wir standen zu fünft um ihn herum und beugten uns hinunter, und in diesem Augenblick hob er sein Geweih und …«, sie hob zwei Finger gekrümmt in die Luft, »er machte eine Zangenbewegung damit, als wolle er etwas packen. Diesen Augenblick hätte ich gerne festgehalten. Aber wie soll man so etwas machen? Einfach den Käfer fotografieren drückt es nicht richtig aus. Man müsste sich auf die Ebene des Käfers begeben, ganz nach unten auf den Waldboden gehen, und die riesigen Füße zeigen und die Beine, die bis in den Himmel hinaufragen. Er wollte gegen uns kämpfen. Das muss man sich mal vorstellen.« Lachend schüttelte sie den Kopf.
»Sie sind Malerin«, sagte Eckart unbeholfen, »Sie sollten unbedingt malen, Sie haben das Zeug dazu!«
»Ach was«, winkte Ulla ab, und beinahe hätte sie hinzugefügt, dass sie einen Haufen Möchtegernkünstler kannte, die schmerzhaft langweilig immer dieselben Landschaften malten wie ein Fotokopierer.
schmollfisch - 4. Feb, 00:21
Susan und Diane, zwei (erwachsene) Schwestern, begegnen sich:
Susan schaute auf das Bild eines Elchs, das an der Wand gegenüber dem Bett hing. "Du bist die Kluge in der Familie. Jdermann respektiert das."
Ja, die Kluge ... und Susan ist die Hübsche, dachte Diane. So hatte zumindest Dianes Mutter ihre Kinder immer beschrieben. Diane nahm an, ihre Mutter wollte damit ausdrücken, dass jede von ihnen ihre eigenen Qualitäten habe. Allerdings hatte sie selbst - und sie nahm an, auch Susan -, es immer so aufgefasst, dass Diane die Hässliche und Susan die Dumme sei.
(aus: Beverly Connor, das Gesetz der Knochen)
So gut auf den Punkt gebracht habe ich es selten gelesen. Und habe mir in dem ansonsten wenig bemerkenswerten Buch ein Eselsohr in die entsprechende Seite geknickt. Übrigens habe ich vor vielen, vielen Jahren mal in einem populärpsychologischen Werk von einer jungen Frau gelesen, die sich ihre ganze Kindheit hindurch einbildete, schwach und dumm zu sein. Der Grund: Ein Kinderarzt hatte nach einer der üblichen Vorsorgeuntersuchungen zu ihrer Mutter gesagt: "Ihre Tochter ist zierlich, aber zäh". Das Mädchen kannte das Wort "zäh" nicht, verstand C und dachte, der Arzt sei der Meinung, dass sie gewissermaßen dritte Wahl sei, Klasse C halt. Es klingt derart merkwürdig; ich könnte mir vorstellen, dass es stimmt.
Ich kann auch mit etwas ähnlichem aufwarten: Als ich klein war, stellte mein Vater einmal meinen älteren Bruder und mich einem Urlaubsbekannten vor und verwechselte unser Alter. Ich war damals vielleicht acht und er elf, mein Vater nannte mich elf und ihn acht. Heute, wo ich selbst manchmal die Namen meiner (einander sehr unähnlichen) Töchter durcheinanderschmeiße, verstehe ich das sehr gut. Damals dachte ich allen Ernstes, mein Vater kenne unser Alter nicht. Schlimmer noch, ich hielt ihn für irgendwie blind oder doof, da mein Bruder viel größer war als ich. Dass ich mich so genau an diese Szene erinnere, spricht dafür, dass ich unheilbar traumatisiert bin.
Ruth Rendell kann in einem ihrer Krimis mit einem noch extremeren Fall aufwarten. Mr. X - ich kann mich an den Namen nicht erinnern - hat sechs Kinder. Als er nach Hause kommt, begrüßt ihn im Hausflur ein Kind (es ist ein Schulkamerad eines seiner eigenen). Er antwortet "Guten Tag", Achtung: unsicher darüber, ob dieses Kind jetzt von ihm ist oder ausnahmsweise mal nicht. So steht es da.
Gott mag wissen, mit welcher Psychose der Kleine heimkommt. Wir können nur hoffen, dass er kein Serienmörder wird.
Immerhin heißt es von Vincent van Gogh, er hätte seinen Namen von einem vorverstorbenen Bruder bekommen. Das soll ihn auch psychisch schwer geschädigt haben. Aber er wurde kein Serienmörder, sondern ein Genie. Man kann halt nur das rausholen, was drin ist.
schmollfisch - 30. Jan, 23:20
Das kleine Hotel steht in bester Lage am Rand eines aufgelassenen Friedhofs mitten in der Innenstadt. Ursprünglich war es eine öffentliche Bedürfnisanstalt, und daher rührt die schlichte Bauweise mit zwei Abteilungen links und rechts und einem Durchgangsraum in der Mitte. Ich habe der Stadt das Gebäude abgekauft und renoviert. Früher hatte ich eine rote Leuchtschrift auf dem Dach angebracht, die weithin verkündete, dass hier ein Zimmer frei sei. Inzwischen ist dieses eine Zimmer ständig belegt, so dass ich die Leuchtschrift abgeschaltet und schließlich ganz entfernt habe. Die Gäste folgen einander so dichtauf, dass ich kaum Zeit habe, das eine Bett abzuziehen und neu herzurichten; es ist meistens noch warm von dem letzten Gast, da tritt auch schon der nächste ein, den Rollenkoffer hinter sich herziehend, die gepolsterte Laptop-Tasche über die Schulter gehängt, und verlangt nach dem Zimmer.
Gleich hinter der Eingangstür wartet die mit rotem Samt und dunklen Eichenmöbeln ausgestattete Lobby, wo ich den Gast empfange, ihm die notwendigen Formulare zum Ausfüllen hinreiche und den einzigen Schlüssel von dem Brett hinter mir nehme, um ihn auf der Theke bereitzulegen. Mehr als dieses eine Zimmer, das rechts von der Lobby liegt (ehemals »Damen«) habe ich nicht; in dem anderen links davon (ehemals »Herren«) schlafe ich selbst, und meinen Schlüssel trage ich ständig bei mir. Hinter der Lobby schließlich liegt der Frühstücksraum, wo ich dem Gast morgens zwischen sieben und zehn ein reichliches Frühstück anbiete, mit drei Sorten Müsli, Marmelade, Käse, Wurst und Schinken; mit frischen Brötchen, in Scheiben geschnittenem Vollkornbrot, Croissants und Rührei; es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Das Frühstück hat mir anfangs oft Kopfzerbrechen verursacht, denn ich muss alles bereitstellen, weil niemand vorher wissen kann, was der Gast verlangt. Zum Beispiel äußert ein französischer Gast, der eigentlich mit Croissants und Butter zufrieden sein sollte, plötzlich Appetit auf ein englisches Frühstück, oder ein Besucher aus Schweden, der Knäckebrot und Bückling essen sollte, möchte Toast und Marmelade haben. Inzwischen habe ich mir aber angewöhnt, einfach alles auf den Tisch zu stellen.Was übrig bleibt, esse ich selbst, und meistens reicht es mir für den Rest des Tages, so dass ich nicht mehr kochen muss.
Eine andere Schwierigkeit ist die mangelnde Auswahl an Zimmern, denn da ich nur ein einziges Zimmer habe, kann ich dem Gast nicht anbieten, in ein anderes zu wechseln, falls ihm das Bett zu hart oder zu weich oder nicht exakt gemäß der Erdstrahlung ausgerichtet sein sollte. Auch dafür habe ich eine Lösung gefunden; ich gebe dem Gast in diesen Fällen einfach mein eigenes Zimmer und ziehe in das Gastzimmer um. Damit das leicht vonstatten gehen kann, sind beide Zimmer gleich eingerichtet. Außerdem achte ich sorgfältig darauf, nicht mehr Besitztümer anzuhäufen, als in einen Koffer passen. Wenn der Gast gegen Mitternacht in der Lobby die Glocke schlägt, springe ich sofort hellwach aus dem Bett, und in Minutenschnelle habe ich alles aus den Schränken geräumt und in den Rollenkoffer geworfen; auch das Bad ist sofort geleert, frische Handtücher an den Heizkörper gehängt, und eingepackte Seifenstücke liegen ohnehin immer bereit. Ich besänftige den aufgebrachten Gast, der eben in dem ihm angewiesenen Zimmer einen Klopfgeist gehört hat oder wegen eines lärmenden Betrunkenen unter seinem Fenster nicht einschlafen kann; ich rolle meinen eigenen Koffer hinüber, bin dem Gast beim Einpacken und Umziehen behilflich, und binnen einer Viertelstunde haben wir die Zimmer getauscht; ich muss nur meinen Zimmerschlüssel, mit einer hölzernen Birne versehen wie der Schlüssel des Gastes, an das Regal in der Lobby hängen.
In den schlaflosen Morgenstunden kommt mich manchmal die Lust an, darauf zu bestehen, dass nun ich der Gast sei, da ich das Gästezimmer habe. Ich werde mich in das Frühstückszimmer hinter der Lobby hineingähnen, mich mit Müsli und frischem Obst, Vollkornbrot und Rührei, ausgebratenem Speck, Käse und Schinken bedienen; am besten so reichlich, dass für den anderen, der nunmehr der Gastgeber ist und sich an die Reste halten muss, kaum etwas übrig bleibt. Nach dem Frühstück werde ich meinen Rollenkoffer packen, in die Lobby treten und die Rechnung verlangen, und hinter mir wird das zerwühlte Bett bleiben, die nassen Handtücher auf dem Boden, die leere Klopapierrolle am Halter, die verschmierten Zahnputzgläser, die leeren Weinflaschen im Papierkorb. Vielleicht werde ich einen nett formulierten Eintrag im Gästebuch hinterlassen. Wahrscheinlicher aber ist, dass ich mich beim Auschecken, noch immer gähnend und die Laptoptasche über der Hüfte zurechtrückend, beschweren werde; über den Klopfgeist, das schlechte Wetter, den lückenhaften Internetempfang, den Zimmerservice und die klemmenden Fensterflügel, die einfach nicht aufgehen wollen, um mich wie eine Luftblase endgültig zu entlassen.
schmollfisch - 21. Jan, 11:33
Aus "Germinal" von Emile Zola, ein DSDS für Finken:
"Fünfzehn Nagelschmiede aus den Werkstätten in Marchiennes hatten der Aufforderung entsprochen und waren, jeder mit einem Dutzend Vogelbauer, eingetroffen. Die kleinen verhangenen Käfige mit ihren unbeweglich dahockenden, geblendeten Finken hingen bereits im Hof der Schenke an einem Bretterzaun. Es handelte sich darum, festzustellen, welcher von den Finken im Verlauf einer Stunde seinen Triller am häufigsten wiederholen würde. (...) Die Finken hatten angefangen, die einen tiefer, die anderen höher, zunächst noch schüchtern und selten einen Triller wagend. Doch dann feuerten sie einander an, sangen schneller und wurden schließlich von einem so wütenden Wetteifer fortgerissen, daß man einige von ihnen tot umfallen sah. Die Nagelschmiede trieben sie heftig an, schrien ihnen auf wallonisch zu, sie sollten weitersingen und immer und immer noch ein Stückchen, während die Zuschauer, etwa hundert an der Zahl, inmitten dieser Höllenmusik von hundertachtzig Finken, die alle durcheinander immer dasselbe wiederholten, in stummer Leidenschaft dastanden. Einer von den höher singenden Finken gewann den ersten Preis, eine Kaffeekanne aus Blech."
Ja.
Die Übersetzung stammt von Johannes Schlaf; die Suhrkamp-Übersetzung von Armin Schwarz, die mir auch vorliegt, berichtet von einer blechernen Kaffeemaschine, was natürlich längst nicht so gut kommt. Das Original kenne ich leider nicht.
Wie eigenartig groß der Spielraum bei Übersetzungen ist, belegt übrigens der zweite Satz dieses Abschnittes: Armin Schwarz verschweigt, dass die Finken geblendet waren; nach seiner Interpretation sitzen sie nur unbeweglich da. Welche Übersetzung korrekt ist, weiß ich leider nicht. Irgendwo im Keller liegt das Original. Irgendwann schaue ich nach. Aber ist dieser Absatz nicht ein Hammer? Blech!
Die Verfilmung von Germinal war übrigens kürzlich im Fernsehen, ich habe es mir kopiert: Gérard Depardieu als hungernder Bergmann kommt etwas komisch, wenn er mit zehn Kilo Übergewicht nach Brot schreit; aber Depardieu kann irgendwie alles; man kauft es ihm ab. Ich habe den Film vor zehn Jahren im Kino gesehen und mich wahnsinnig aufgeregt, weil in der Sitzreihe vor mir ein Idiot von der ersten bis zur letzten Minute dieses sehr tragischen Films wie blöd lachte. Vielleicht war es damals, dass ich beschloss, dass Kino nichts für mich ist. Seitdem gehe ich höchstens einmal im Jahr ins Kino. Drei Jahre waren belegt mit dem Herrn der Ringe, vorletztes Jahr war ich in "Le Veuve de St.Pierre" und, ach ja, in der Neuverfilmung der "Stepford Wives" im Originalton (Englischkursempfehlung für meine Tochter - trotzdem doofer Film), letztes Jahr war ich möglicherweise in garnix und dieses Jahr muss es auch nicht unbedingt sein.
schmollfisch - 16. Jan, 00:00
Meine Tochter hat den Eindruck, dass in Prag besonders viele Leute aus dem Fenster fallen oder gefallen werden. Wikipedia verzeichnet immerhin
drei Prager Fensterstürze und bemerkt dazu:
"Fensterstürze, auch Defenestration genannt, kamen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit mehrmals vor. Sie stellten eine Form der Gewalt dar, die zwischen Feme (oft mit vorangehender formeller „Verurteilung“ durch die Ausführenden), Gottesurteil und gemeinschaftlich begangenem Mord steht."
Einen nichtoffiziellen weiteren Fenstersturz vermerkt
Radio Tschechien. Schon 1483 warfen Prager Bürger den Bürgermeister Klobouk aus dem Fenster des Rathauses, "nach böhmischen Brauch", wie es heißt. Es muss also was dran sein an der Prager Gefahr. Dieser Fenstersturz ist zeitlich gesehen der eineinhalbte, da er zwischen dem ersten und dem zweiten offiziellen stattgefunden hat.
An anderer Stelle bemerkt Wikipedia zu
Bohumil Hrabal, einem der wichtigsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts, sein Ableben stelle so etwas wie den vierten Prager Fenstersturz dar (nach unserer Rechnung also den fünften). Hrabal soll beim Taubenfüttern aus einem Fenster im fünften Stock gefallen sein. Der Nächste, der rausfällt, wird also nach dem Gesetz der Serie möglicherweise aus dem sechsten Stock fallen. Oder auch nicht.
Meine Recherche hat übrigens das Randergebnis gezeitigt, dass in Prag unverhältnismäßig viele britische Touristen wegen Verlust ihrer Pässe das Konsulat belästigen. Ich würde vorschlagen, guckt doch erst mal unter eurem Fenster nach.
Krönung meiner Nachforschung: Die Häufung von Fensterstürzen hat in Prag zu dem Sprichwort geführt, dass man Politik am besten im Souterrain mache. Aus dem Kellerfenster fallen hat bekanntlich meistens sowenig tödliche Folgen, wie sich hinter den Zug zu schmeißen.
Die weiterführende Überlegung meiner Tochter, dass das berühmte böhmische Gulasch irgendwie Folge der Fensterstürze sein könnte, will ich an dieser Stelle nicht vertiefen, aber sie bekommt einen Platz in der Vitrine für gewagte Thesen.
schmollfisch - 6. Jan, 19:14
Das Jahr kann nur gut werden, weil Schafe uns jeden Monat begleiten.
Dies ist der aktuelle Schafkalender vom Bröselbäumchen, frisch ausgepackt und aufgehängt. Jeden Monat ein frisches, witziges, wolliges Schafbild.
Allen einen guten Start ins neue Jahr, Gesundheit, Erfolg und Frohsinn!
Gruß vom schmollfisch!
schmollfisch - 31. Dez, 18:06
»Felix? Kommst du?«
»Sofort.« Er blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Rückte die Krawatte zurecht. Suchte in den Jackentaschen nach einem Kamm. Blass leuchtete sein Spiegelbild vor dem weißen Hintergrund des Waschraums. An der Tür stand Walter, die Klinke in der Hand. »Geh nur schon vor«, sagte Felix, aber Walter dachte gar nicht daran, sondern kam sogar noch einmal zurück und klopfte ihn auf die Schulter. »Nervös?«
»Nein ... Ein bisschen vielleicht.«
»Das wird schon, wir sind gut«, sagte Walter, musterte sich nun auch im Spiegel, rückte eine graue Locke zurecht und nickte selbstzufrieden. Mein Gott, nun hau schon ab … Felix drehte den Hahn auf und strich sich Wasser ins Haar.
»Du fummelst an dir herum wie eine Diva!«, grinste Walter.
»Mach endlich, dass du rauskommst. Ich komme sofort nach!«
Walter zwinkerte im Spiegel. »Bitte, ich will nicht länger stören, zieh dir in Ruhe die Lippen nach oder föne die Augenbrauen. Aber beeil dich!«
Hinter ihm fiel die Tür zu.
Blöder Kerl. Das Päckchen in der Jackentasche. Felix tastete danach und ging zur Tür, um einen Blick in den Probenraum zu werfen. Durcheinander: Mäntel, Schals und Taschen waren kreuz und quer über Tische und Stühle geworfen, Wasserflaschen und Thermoskannen standen herum, wo noch jemand schnell einen belebenden Schluck genommen hatte. Die Luft war stickig. Kein Mensch zu sehen.
Ungemütlich sah es nicht aus. Nur nach intensiver Vorbereitung, Probenstress und Lampenfieber – wie immer.
Schnell das Päckchen loswerden. Felix ging hastig die Tische ab, durchwühlte die Kleidungsstücke und suchte nach Claras dunklem Wollmantel. Eine gefleckte Plüschjacke kam ihn in die Finger. Fetziges Ozelotmuster – die gehörte Bettina. Das Innenfutter roch nach Moschus. Ein wilder Duft. Wenn er für Bettina ein Päckchen hätte packen dürfen, dann mit einer Flasche dieses wilden Parfüms. Er hatte keine Ahnung, wie es hieß, aber den Duft würde er unter Hunderten herauskennen. Er stellte sich vor, wie er durch die Parfümerieabteilungen der Kaufhäuser lief und sich Duftproben an alle zehn Finger sprühen ließ, bis er das richtige gefunden hatte. Für Bettina hätte er das gern getan.
Bettina würde das Fläschchen bei ihren Freundinnen herumzeigen, aufgeregt mit ihnen tuscheln und erörtern, von wem das wohl stammte. Für ihn kam es dann darauf an, den richtigen Moment abzupassen und sich richtig zu geben, locker und souverän …Er würde nach einem Auftritt im Gedränge des Probenraums, wenn alle ihre Mäntel wieder anzogen, Bettinas Hand ergreifen, an ihrem Puls schnuppern – und eine Bemerkung über diesen Duft machen: Ah, riecht das wild. Dann hätte sie Stoff zum Nachdenken!
Aber hat sich was! Er hatte nicht Bettina zu beschenken, sondern Clara. Clara war über sechzig und hatte eine strenge, gut geführte Altstimme. Er hatte ein Paket Kräuterbonbons eingepackt und eine kleine Clownspuppe für die Sofaecke – etwas Besseres war ihm nicht eingefallen.
Seine eigene Fliegerjacke lag neben Bettinas Ozelotplüsch. Eine Tasche war ausgebeult. Diese blöde Wichtelsitte! Nun hatte ihm da auch jemand was hineingestopft, während er im Waschraum war vermutlich. Felix zog das Päckchen heraus – da konnte nicht viel drin sein, es war kaum größer als ein Seifenstück.
Ein Klopfen an der Tür. Er machte einen Satz vor Schreck. »Was ist?« Kraftlos brach sich seine Stimme an der niedrigen Decke. Wie, zum Teufel, sollte er mit dieser Stimme singen?
Von draußen erwiderte ein Bass: »Du sollst machen, dass du hoch kommst! Wir sind gleich dran.«
»Sofort, ich muss noch mein Wichtelpaket unterbringen«, rief er zurück und schob sich das Seifenstückpäckchen in die Hosentasche. Neben der Tür lag Claras Wollmantel auf einer Stuhllehne, jetzt sah er ihn – er stürzte hin und stopfte Kräuterbonbons und Clownpuppe blindlings hinein.
schmollfisch - 21. Dez, 01:48
Cora fuhr aus dem Halbschlaf hoch, als jemand auf der Straße einen verfrühten Kracher zündete. Gerade vor ihrem Schlafzimmerbalkon leuchtete eine Straßenlampe. Der frische Schnee auf den Dächern verstärkte ihren weißlichen Schein. Im Zimmer war es beinahe taghell.
Wenn Weihnachten endlich vorbei wäre! Cora warf sich auf die andere Seite und zog eine Ecke des Kopfkissens über das freiliegende Ohr. Ein weiterer Knallfrosch krachte, und in Gedanken fügte sie hinzu: »... und Silvester gleich mit!«
Es war gerade erst zweiter Advent, und Cora konnte bereits kein Tannengrün mehr sehen. Zimtsterne und Pfeffernüsse waren ihr seit Oktober verleidet, von Marzipan wurde ihr übel und bei jedem Gang durch die Innenstadt drehte ihr der Glühweinduft den Magen um. Beim Einkaufen dudelten ihr »Jingle Bells« und »Rudolph Raindeer« in die Ohren, bis sie der Drang überfiel, mit einer Axt zwischen die flittergeschmückten Regale zu fahren. Und selbst wenn sie zu Hause blieb und nur einen Blick aus dem Fenster warf, funkelten ihr aus allen Häusern Lichterketten und bunt blinkende Bäumchen entgegen.
Silvesterkracher am zweiten Advent waren dagegen erfrischend. Aber musste das mitten in der Nacht sein? Wie spät war es jetzt schon wieder? Cora tastete nach ihrem Wecker, fand ihn nicht und ließ die Hand schlaff herabsinken. Die Augen fielen ihr zu.
Peng! Kawumm! Mit einem Ruck fuhr sie empor und warf die Bettdecke weg. Vor der Balkontür wirbelte Schnee. Und – da hing ein Mensch. Coras Magen machte einen Satz, die Augen traten ihr fast aus dem Kopf: Über ihrem Balkongeländer hob sich deutlich der Kopf eines Mannes ab. Er hatte eine spitze Mütze auf, seine Hände in dicken Handschuhen lagen links und rechts des Kopfes auf der Brüstung.
Dem brate ich eins über! Cora sprang aus dem Bett und riss ihr Buch vom Nachttisch – eine gebundene Ausgabe von »Krieg und Frieden«. Sie stürzte durch die Balkontür. Oh nein! Über das Geländer schaute eine lebensgroße Weihnachtsmannpuppe, mit einer Strickleiter angebunden. Sein Gesicht grinste dümmlich zu ihr empor. Zwischen den gesträubten Brauen und dem Rauschebart leuchtete die rote Knollennase.
Wütend versetzte Cora ihm einen Schmiss gegen die Stirn. Natürlich – alles Vollplastik mit drei Weichmachern!
»Mistweihnachtsmann!«, schimpfte sie. Auch am Haus gegenüber baumelte ein ähnlicher Dummie vor dem Dachfenster. Und an dem Mietshaus daneben setzten zwei weitere zum Sprung über die Balkongitter an.
Cora schlurfte in ihr Schlafzimmer zurück und stolperte über einen Pantoffel. Müde kroch sie wieder ins Bett.
Wer hatte ihr dieses Ding an den Balkon gehängt? Wahrscheinlich ihr Nachbar Ewald. Der Drecksack! Coras Haus war das einzige undekorierte in der ganzen Straße. Das war Ewald ein Dorn im Auge. Er selbst hatte nicht gespart und schon Anfang November ein Arrangement vor sein Haus gebaut, das – wenn es leuchtete – einen sechsspännigen Rentierschlitten mit Weihnachtsmann darstellte. Tagsüber, wenn es nicht leuchtete, glich es einem postmodernen Kunstwerk aus spinnwebartig verknäulten Drähten.
»Geschmacksverirrung!«, schnaubte Cora und rieb ihre eiskalten Füße. Ein heißer Tee täte jetzt gut, doch sie hatte keine Lust, noch einmal aufzustehen. Langsam duselte sie ein.
Aufgehängte Weihnachtsmänner. Mit einem Ruck saß Cora aufrecht und hellwach im Bett. Irgendetwas stimmte nicht. Sie musste noch einmal nachschauen.
Wieder schlich sie zur Balkontür. Die Gestalt an ihrem Balkon hing still, auf der roten Mütze sammelten sich weiße Flocken. Doch an dem Mietshaus gegenüber, wo eben noch zwei Weihnachtsmänner gehangen hatten – da seilte sich ein dritter hoch! Er bewegte sich! Fassungslos beobachtete Cora, wie eine große rote Gestalt über das Balkongitter stieg und an der Tür rüttelte. Sie öffnete sich ohne weiteres.
Kam der fensterln? Aber da wohnte doch nur eine alte Dame mit weißen Löckchen. Jetzt kam er wieder heraus – mit einem vollen Sack. Klar, der stieg als Weihnachtsmann verkleidet in fremde Häuser ein und bediente sich!
Die Polizei anrufen? Ach was. Recht geschah es den Leuten. Wieso hängten sie sich auch alle diese roten Riesenpuppen vor die Häuser. Das war ja eine Einladung an Diebe! Cora überprüfte ihre eigene Balkontür – ja, gut verriegelt – und kehrte zurück ins Bett.
Vielleicht war ihr Nachbar Ewald mit den tausend Lämpchen das nächste Opfer, und wenn sie richtig Glück hatte, dann machte der Dieb die Illumination kaputt. Cora glitt in einen Traum, in dem Ewald als schwarz gekleideter Illuminat die Nachbarschaft unsicher machte.
Etwas bewegte sich dicht neben ihr; halb im Schlaf hörte sie Scharren und Rascheln. Ein eisiger Hauch fuhr durch die halboffene Tür. Flocken wehten herein. »Schöne Grüße vom Weihnachtsmann«, dachte Cora. Zu müde, um noch einmal richtig zu erschrecken, linste sie unter der Bettdecke hervor. Da – jetzt stand er bei ihr im Schlafzimmer. Der Weihnachtsmann! Rotleuchtend und riesig ragte er vor ihr auf. Eine Hand in rotem Fäustling hielt ihren Plüschpantoffel empor. Von der anderen Hand hing der Sack.
Wie war der hereingekommen? Helle Wut packte Cora. Ihre Hand tastete unter der Decke heraus. »Krieg und Frieden«. Sie bekam den Wälzer zu fassen und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen den Besucher. Und traf ihn mitten ins Gesicht. »Umpf!«, machte der Weihnachtsmann und griff sich an die Nase. Der Pantoffel fiel zu Boden und ein Hagelschauer von Nüssen prasselte herunter. Mandarinen kullerten in alle Richtungen. Die rote Gestalt wankte durch die Balkontür hinaus, den Sack hinter sich herschleifend, und hangelte unbeholfen über die Brüstung. Mit einem Plumps fiel die ganze Bescherung unter dem Balkon in den Schnee.
»Verdammt noch mal«, sagte Cora laut, aufrecht im Bett sitzend, »der war ja echt!«
Aus dem Pantoffel ragte eine Tafel Schokolade. Die Walnüsse und Haselnüsse waren bis in die hinterste Zimmerecke gerollt. Lebkuchen lagen auf dem Parkett herum.
»Dem hab ich’s aber gründlich gegeben!«, sagte Cora begeistert.
Jetzt musste sie wieder aufstehen und die Balkontür schließen. Aber das machte ihr gar nichts aus, so zufrieden war sie mit sich. Draußen fielen dicke Flocken. Das Zimmer duftete nach Mandarinen; die nasse Spur auf dem Fußboden trocknete bereits. Cora hob ihr Buch auf und ging in die Küche. Jetzt war ihr nach Lebkuchen und Rotwein zumute. Endlich.
schmollfisch - 10. Dez, 13:01