Cora, again

Wie soll man das nennen? Magie, oder Flow? Eins ist sicher: Noch nie hat Cora so viel und so schnell gelesen. Am achten Tag ihres Aufenthalts hat sie schon fünf dicke Bücher verschlungen. Sie hat sich einen Zeitplan angewöhnt: Vormittags hat das Café geschlossen; Cora frühstückt in ihrem Apartment auf der Terrasse und hört dem Donnern des Meeres zu, geht danach Brot und Wasser kaufen und macht und einen Spaziergang; zweimal rafft sie sich zu einer längeren Wanderung auf, aber der Höhepunkt des Tages ist der Besuch im Lesecafé. Es ist immer ein Stuhl für sie frei. Das Publikum wechselt; manchmal steht noch ein vierter Tisch da, der (gleichfalls wohl durch Magie) noch in dem winzigen Hof Platz findet; manchmal sitzen bis zu sieben Leute da – irgendwie reicht es immer für alle, das ist geradezu biblisch. Und immer ist noch ein Stuhl frei für Cora. Sie nimmt jeden Tag ein neues Buch. Es kann noch so dick sein, bis zum Abend hat sie es durch. Am zweiten Tag liest sie „Der Schatten des Windes“ von Zafon. Der traurig dreinblickende Keller bringt ihr eine Halbliterflasche Rotwein und ein Holzbrettchen mit knusprigem Brot, Serranoschinken und karamelisierten Zwiebeln, auf Holzspieße gesteckt – köstlich. Am dritten Tag greift sich Cora, die bei der Buchwahl noch immer nicht richtig hinsieht, einen Roman von Jane Austen und bekommt dazu einen Teller Ingwerkekse und eine Kanne mit erlesenem Tee von orangeroter Tönung. Am vierten Tag sucht Cora ihr Buch endlich gezielt aus und tut prompt einen Fehlgriff – der Autor ist ein deutscher Krimischreiber, der Krimi ein unlogisches Gestotter, und zu essen gibt es eine Riesenschüssel Kartoffelchips. Cora lässt beides halb bewältigt stehen und nimmt sich vor, die Auswahl am nächsten Tag wieder dem bewährten Zufall zu überlassen.
Der Zufall schenkt ihr den „Mantel“ von Gogol, und Cora bibbert beim Lesen auf ihrem Stuhl, schlürft die heiße Rassolnik-Suppe vom Löffel und isst Kartoffelbrot dazu. Die Suppe wärmt so angenehm – sie friert tatsächlich, so ohne Mantel! Am Morgen darauf hat sie zum ersten Mal das Gefühl, vielleicht doch nicht ganz das Richtige zu tun. Während sie auf ihrem Balkon frühstückt, kommt ihr das Meer lauter vor als je zuvor, und ein paarmal kommen vereinzelte Gischtspritzer über das Geländer geflogen. Der Kaffee schmeckt unangenehm – irgendwie nach Salz.

Der kleine Bruder

Wenn ich die Haustür öffne oder das Garagentor, ist der Kater da. Er gehört nicht mir, sondern irgendwem in der Nachbarschaft.

Er ist klein; wahrscheinlich irgendwann im späten Frühjahr geboren. Im Sommer wirkte er immer sehr zart und zerbrechlich. Er drückte sich durch den Türspalt und gab krächzende Laute von sich, als müsse er das Maunzen erst noch lernen. Ich gab ihm alles mögliche zu fressen, weil er aussah, als hätte er überhaupt keine Substanz.

Später erfuhr ich, dass er es in der ganzen Nachbarschaft ringsum ebenso trieb. Im Herbst war ich zwei Wochen verreist. Als ich zurückkam, war er doppelt so groß geworden. Noch immer nicht das, was man einen ausgewachsenen Kater nennen könnte, aber kräftig und selbstbewusst. Wenn ich draußen Holz für den Kamin hole oder die Briefe aus dem Briefkasten, kommt er ganz selbstverständlich mit herein. Manchmal habe ich keine Lust auf Kater und schließe die Tür vor seiner Nase. Fünf Minuten später öffne ich sie wieder, weil es mir leid tut, ihn abgewiesen zu haben. Dann kommt er ganz selbstverständlich hereinstolziert. Er hat in aller Ruhe neben der Tür gewartet; er weiß, dass ich sie früher oder später für ihn aufmachen werde.

Er begibt sich in die Küche und bleibt vor dem Kühlschrank stehen.

Manchmal möchte ich ihm lieber nichts geben, weil ich weiß, dass er sich in der ganzen Nachbarschaft durchfrisst. Ich gehe nach nebenan und setze mich vor den Schreibtisch, um zu arbeiten. Er bleibt vor dem Kühlschrank sitzen. Ich vor dem Schreibtisch, er vor dem Kühlschrank. Er weiß, wer zuerst aufgibt. Immer ich.

Wenn er gefressen hat, möchte ich ihn auf den Schoß nehmen und mit ihm kuscheln. Er schnurrt so laut, dass sein ganzer Körper zittert. Ich halte ihn fest und kraule seine Ohren, streichle die vibrierende Kehle. Er reckt den Kopf nach hinten; das grüne Licht in seinen Augen wird schmäler und erlischt beinahe ganz; er streckt die Beine und fährt alle Krallen aus. Dann beginnt er ganz leise zu knurren. Das ist der erste Signal, dass seine Geduld ausgeht. Wenn ich ihn nicht sofort loslasse, schlägt er Krallen und Zähne in meine Hand. Es tut nicht wirklich weh; er meint es nicht ernst. Aber ich muss ihn loslassen. Dann will er auf der Stelle wieder hinaus.

Ich weiß, dass er anschließend bei einem meiner Nachbarn das gleiche Spiel spielt. Links, rechts, oben, unten, es ist überall das gleiche.

Manchmal frage ich mich, ob er mich überleben wird.

Die männliche Aufblaspuppe ...

Über den Sprachgebrauch der Krimischreiberin Frau Th. habe ich hier schon einmal gelacht. Da meine Regale von eher durchschnittlichen Krimis inzwischen überquellen, habe ich mir inzwischen ein energisches Krimi-Kaufverbot verordnet, das ich höchstens für ganz außergewöhnliche Krimis zu durchbrechen gewillt bin. Für die durchschnittliche Mord-und-Totschlag-Ware habe ich den Trekstor in Betrieb genommen, der schon seit fast einem Jahr hier herumliegt, ohne bislang etwas anderes speichern zu dürfen als Strickmuster. (Auf Strickmuster komme ich gleich wieder zurück.)

Wider Erwarten habe ich mich inzwischen gut an den Reader gewöhnt. Meine Frühstückskrimis leihe ich per Onleihe aus. Darunter nun auch den dritten Krimi von Frau Th., an der ich ihre Fähigkeit schätze, Häuser und Gärten stimmungsvoll zu schildern. Frau Th. ist Germanistin laut Klappentext. Dann sollte ihr allerdings dieses Haus hier eher nicht unkorrigiert durchrutschen:

Katharina war fünfundsechzig, lebte seit dem Tod ihres Mannes vor zwanzig Jahren völlig allein in einem riesigen Haus mit einer ebenso riesigen Dogge ...

Nun, Riesen sind ohnehin ein Thema. Hier nämlich, um auf Strickmuster zurückzukommen, kreiert Frau Th. ganz nebenher einen solchen.

Magda suchte sich graue Wolle aus, die von dünnen blauen Fäden durchzogen war. Außerdem hatte sie einen Pullover von Johannes dabei und fragte die Verkäuferin, wie viel Wolle dieser Sorte man für eine Jacke dieser Größe brauche.
Die Verkäuferin maß und rechnete und schob dabei immer wieder ihre rutschende Brille zurück bis zur Nasenwurzel.
"Es soll ein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann sein", erklärte Magda, (...)
"Brava" sagte die Verkäuferin und schrieb Zahlenkolonnen auf einen Zettel. (...) "Ich habe nicht genug Wolle da. Ungefähr die Hälfte müsste ich nachbestellen. (...) Nächste Woche Freitag müsste der Rest hier sein."
(...)
Magda schenkte der Verkäuferin ihr strahlendstes Lächeln und verließ mit einem Teil der Wolle in einer riesigen, sackähnlichen Plastikhülle den Laden.


Ich beleuchte diese Episode mal vom Standpunkt einer Strickerin, wobei ich betonen möchte, dass man keine gelernte Handarbeitsfachverkäuferin sein muss, um zu dieser Beurteilung zu kommen, sondern eine zwei- bis dreimalige Erfahrung im Stricken von Oberteilen genügt:

Um den ungefähren Wollbedarf für eine Jacke zu berechnen (Magda legt einen Pullover vor und bittet um Umrechnung in eine Jacke, aber das macht keinen Unterschied) braucht man ein Lineal, um die Größe auszumessen, und einen Blick auf die Banderole der Wolle, auf der Lauflänge, vorgeschlagene Nadelstärke und durchschnittliche Maschenprobe angegeben sind. Der Rest ist Kalkulation über den Daumen gepeilt. Um zu einer genauen Berechnung zu kommen, braucht man eine ausreichend große Maschenprobe in dem Muster, das die Kundin stricken möchte, und zwar von der Kundin gestrickt. Da die Verkäuferin diese nicht zur Verfügung hat, gibt es keine Parameter, auf deren Grundlage sie Zahlenkolonnen schreiben könnte. Der ganze Absatz ist stricktechnisch Unsinn.
Unsinn ist es auch, "die Hälfte der Wolle" mitzunehmen und die andere Hälfte zu bestellen. Keine Verkäuferin, die halbwegs bei Verstand ist, macht so etwas. Wolle für einen Pullover verkauft jedes Geschäft grundsätzlich auf einmal, weil das die einzige Garantie ist, dass die Wolle wirklich durchgehend die gleiche Farbe hat. Ist nicht genug Wolle da, wird nachbestellt, aber dann die komplette Wolle auf einmal, nicht die zweite Hälfte. Wer mir nicht glaubt, kann ruhig mal in einem Handarbeitsladen die Probe aufs Exempel machen. Vielleicht hätte Frau Th. gut daran getan, es auszuprobieren.
Dann wäre ihr nämlich auch der dritte und letzte Schnitzer nicht passiert: Magda verlässt "mit einem Teil der Wolle in einer riesigen, sackähnlichen Plastikhülle den Laden". Eine riesige, sackähnliche Plastikhülle hatte ich zuletzt, als ich auf Inishmore zweieinhalb Kilo Aranwolle in Strängen gekauft habe. Was Magda in der Hand hat, kann nicht mehr sein als 500 bis höchstens 600 Gramm Wolle. Das nimmt ungefähr soviel Raum ein wie vier Tüten Milch. Es sei denn, Johannes sei ein Riese. Es soll ja Männer geben, die veritable Strickzelte benötigen, um sich ausreichend zu bekleiden. Aber nein, Magda hat Johannes kurz zuvor über den Hof geschleift, um ihn im Garten zu begraben, und dabei erschöpft konstatiert, dass er neunzig Kilo wiegt.
Wenn mir jetzt jemand erklärt, wie ein neunzig Kilo schwerer Mann eine derartige Ausdehnung haben kann, dass die Hälfte der Wolle, die er für eine Jacke braucht, eine riesige, sackähnliche Plastikhülle ausfüllt, dann verzeihe ich Frau Th. Eher nicht. Oder sollte am Ende Johannes selbst auch nur eine riesige, sackähnliche Plastikhülle sein? Eine männliche Aufblaspuppe? Die braucht man aber nicht im Garten zu vergraben. Die braucht man nur abzustechen und anschließend klein zusammenzufalten. Vielleicht der ideale Ehemann. Nach Gebrauch leicht in einem kleinen Paket zu entsorgen. Was Gott sei Dank auch für geliehene ebooks gilt. Das Datenpaket braucht nicht mal eine Plastikhülle. Aber wirklich wichtige Bücher bestelle ich nach wie vor beim Buchhändler meines Vertrauens.

ps. Nachtrag vom 14.11.: Frau Th.'s Mangel an Sachkenntnis beschränkt sich übrigens nicht auf handarbeitstechnische Fragen. Auch im Gemüsegarten geht nicht alles mit rechten Dingen zu: der aufblasbare Neunzig-Kilo-Johannes setzt in seinen Garten "Tomaten, Salat, Gurken, Melonen und Kartoffelpflanzen".

Wohnungssuche zweitens und letztens

… Man erzählte sich, dass die alte Eva einen zweiten Frühling erlebte und mit einem der Schnitter hinter den Strohmieten Zusammenkünfte hielt. Ihr Mann konnte sie nicht daran hindern, da er seit dem April mit Reißen in allen Gliedern darniederlag. Im Herbst starb er, und sofort liefen Gerüchte um, die alte Eva hätte ihn so vernachlässigt, dass er elend verhungert sei. Das Gerede kam der Gutsherrin zu Ohren, und sie machte sich auf den Weg zur alten Eva. Groß und herrisch stand sie in ihrem Kutschermantel in der Tür, und der weiße Haarschopf streifte beinahe den Türrahmen. „Was höre ich da, Eva? Du hast deinen Mann verhungern lassen?“
Die alte Eva brach sofort in Tränen aus. „Das erzählen sie, die Leute, ja! Aber es ist nicht wahr! Ich konnte nicht so nach ihm sehen, wie ich sollte, ich musste doch hinaus zur Arbeit. Aber ich habe immer für Essen gesorgt. Er hat alle Tage sein Brot und seinen Kornkaffee gekriegt!“
„Brot und Kaffee? Gute Frau, wie soll denn ein Kranker damit zu Kräften kommen, wie soll er überleben mit nichts als Brot und Kaffee?“
„Ich hatte keine Zeit zu kochen“, schluchzte die alte Eva, „ich musste doch auf den Acker und konnte keine Krankenkost zubereiten. Aber in meiner Jugend hatten wir auch oft wochenlang nur Brot und Kaffee! Keiner ist verhungert! Und wir haben schwer gearbeitet!“
Das machte die Gutsherrin nachdenklich. Ja, es stimmte, in früheren Zeiten hatten die Menschen mit nichts anderem als Brot und Kaffee schwere Arbeitstage überstanden und sich dabei wohl befunden. Wie kam es, dass diese einfache Nahrung heute nicht mehr hinreichte, um Leib und Seele zusammenzuhalten? Und sie fasste den Verdacht, dass es an der modernen Arbeitsweise liegen könne. Man machte fast nichts mehr mit eigenen Händen, es liefen Maschinen über die Äcker, niemand griff in die Krume. Vielleicht hatte das Korn seine Seele verloren und war nicht mehr so nahrhaft wie früher. Die Gutsherrin gab Anweisung, einen Teil ihrer Äcker wieder wie früher zu bewirtschaften, und stellte eigens dafür einige Arbeiter ab, solche vom alten Schlag, die sich nie ganz an die Sä- und Erntemaschinen gewöhnt hatten. Sie sollten die Saat wieder mit bloßen Händen ausstreuen und, wenn das Korn stand, wie früher mit Sense und Sichel mähen. Dann würde man sehen, welche Frucht nahrhafter war für Mensch und Vieh.


Ein Schatten fiel über das Buch – so erschien es mir. Als wäre jemand am Fenster vorbeigegangen. Was ausgeschlossen war in dieser Höhe.
Ich hatte ungefähr zwei Stunden gelesen. Der Roman war aus dem Schwedischen übersetzt und spielte irgendwann um die vorletzte Jahrhundertwende. Schnee und Dunkelheit im Winter, singende Erde im Sommer. Inzwischen war auch in der Wohnung die Sonne weiter gewandert; das Gitter vor dem Schlafzimmerfenster malte dunkle Linien an die weiße Wand. Draußen tönten Vogelschreie; das war sicher die ganze Zeit so gewesen, doch das Geräusch war am Rand meines Bewusstseins entlang gekrochen wie eine ferne Erinnerung. Jetzt klang es schriller denn je. Die alte Frau auf dem Bild musterte mich streng. „Und?“, fragte ich sie. „War das Experiment erfolgreich? Und haben Sie auch daran gedacht, sich bei Vollmond aufs Feld zu stellen und Kräutertee linksherum in die Furchen zu schütten?“ Sie antwortete nicht. Wahrscheinlich hielt sie es für unter ihrer Würde, einem überfütterten Menschen unserer Zeit Rechenschaft abzulegen. Wer das Brot beim Bäcker holte und nie im Leben Kornkaffee getrunken hatte, der hatte vermutlich kein Recht, solche Fragen zu stellen.

„Ich hätte nichts gegen einen Kaffee jetzt“, sagte ich, stand auf und ging ein wenig hin und her, weil meine Knie steif geworden waren. „Gucken Sie mich nicht so abfällig an. Ich bin keine Gutsherrin wie Sie. Ich kann nicht mal mein Haus behalten. Deshalb bin ich ja hier.“ Dann fiel mir eine andere Szene aus dem Buch ein – wie die Gutsherrin am Weihnachtsabend in den Stall gegangen war, um den Kühen und Ziegen für ihre Dienste zu danken. „Wäre vielleicht nett gewesen, in Ihrer Zeit zu leben“, sagte ich. „Kein Fernsehen, keine Banken, keine Scheidungen. Aber das kann sich niemand aussuchen. Wenn Sie mir also keinen Rat geben wollen, werde ich Sie aus dem Fenster werfen müssen. Ich weiß jedenfalls nicht, wie ich mich sonst bemerkbar machen könnte. Schließlich will ich hier nicht die Nacht verbringen.“ Wieder wanderte ein Schatten durch das Zimmer, so rasch wie ein Vogelflug. Ich drehte mich rasch zum Fenster um – vielleicht eine Taube? Als meine Augen zu dem Bild zurückkehrten, schien die Alte ihre Haltung verändert zu haben: Sie lehnte sich rückwärts an die Stuhllehne, und ihre Hände lagen ganz entspannt aufeinander. Sogar ihr Blick war weniger kritisch.

„Die Idee scheint Ihren Gefallen zu finden“, sagte ich. „Dann fange ich jetzt mit diesen beiden Rahmen hier an, die sind sowieso kaputt. Ich verspreche jedenfalls, dass Sie die Letzte sind, die an die Reihe kommt.“ Ich trug die Bilderrahmen nach nebenan und nahm auch den Stapel Polsterkissen mit, weil ich etwas zum Draufsteigen brauchte. Es gelang mir, mitsamt den Rahmen aufs Dach hinauszuklettern. Ich wagte mich nicht bis an den Rand vor, sondern blieb in kniender Stellung auf dem Fensterrahmen; aber ich schaffte es wahrhaftig, die beiden Rahmen über den Rand des Dachs hinauszuwerfen. Sie fielen in den Vorgarten und brachen auseinander; ich hörte den Aufprall.
Jedenfalls hatte ich keinen Menschen getroffen und keinen Schaden angerichtet. Aber es geschah auch sonst nichts. Der Mann mit dem Goldhelm schien eine wertlose Kopie zu sein. Ich beförderte ihn ebenfalls aus dem Fenster. Das eingestaubte Bild hinterher zu schicken, wagte ich nicht. Es war vermutlich ein Stilleben, jedenfalls erkannte ich Blumen, Früchte und einen Auerhahn oder Fasan, der auf dem Rücken lag. Vielleicht war es wertvoll.
Als letztes blieb mein Buch. Ich ging kurz mit mir zu Rate – und warf es hinaus. „He!“, schrie unten jemand. Ich beugte mich soweit wie möglich vor. „Bitte! Ich bin hier eingesperrt! Rufen Sie den Makler an!“ Unmöglich konnte das jemand gehört haben. Meine Stimme verlor sich im Wind und verflog über dem Hausdach. Ich sah Buchseiten davonflattern.
„Da haben wir’s“, sagte ich zu meiner Freundin und setzte mich wieder ihr gegenüber auf den Boden. „Nichts mehr zu lesen und nichts zu essen, nicht einmal Brot und Kornkaffee. Keine Unterhaltung mehr als wir beide.“ Sie lächelte breit. Ihre Arme hingen entspannt an ihren Seiten herunter. „Ein falsches Wort, und Sie fliegen auch hinaus“, drohte ich. Es war nicht ernst gemeint. Ich hätte niemals gewagt, sie durchs Fenster zu werfen. Gleichzeitig war ich sicher, dass dann jedenfalls jemand kommen würde. Die leeren Rahmen, der Mann mit dem Helm, das Buch – alles schien sinnlos davongeflattert zu sein. Aber wenn die Alte in den Vorgarten krachte, das bliebe bestimmt nicht unbemerkt.
Ich sparte mir die Gutsherrin als letzte verzweifelte Maßnahme auf, setzte mich wieder ihr gegenüber auf den Boden und wartete. Sie lächelte die ganze Zeit. Ein paarmal noch flog der Schatten am Fenster vorbei, aber ich blieb stur sitzen und schaute auf das Bild, bis mir fast die Augen zufielen.

Es kann nicht sehr lange gedauert haben, vielleicht eine halbe Stunde. Dann hörte ich die Bodentür klicken und schreckte hoch. Meine Füße waren eingeschlafen. Bis ich mich aufgerappelt hatte, stand der Makler schon in der Tür zum Schlafzimmer und blinzelte mich an.
„O Gott, habe ich Sie eingesperrt? Das tut mir sehr leid … ich bin angerufen worden, jemand sei hier in der Wohnung …“ Unsicher trat er von einem Fuß auf den anderen. Er hatte jetzt Jeans an, und sein Haar war struppig. An einer Schläfe klebte ein Streifen Mehl.
„Ich habe Sie wohl beim Backen gestört“, sagte ich.
„Ja, Kirschkuchen …“ Er lachte verlegen. „Wie ich sehe, haben Sie Gesellschaft …“ Er nickte zu dem Bild hin. „Das ist nur Trödel, sollte längst zum Sperrmüll. Wollen Sie die Wohnung haben?“
„O ja“, sagte ich, ohne zu überlegen. „Ja, ich nehme sie. Ich muss mir wohl ein paar neue Möbel kaufen, die ich diese Treppe hinauftragen kann, aber die Wohnung gefällt mir.“ Vielleicht tat es ja auch einfach eine Matratze auf dem Fußboden. Ein Klapptisch, Klappstühle … Im Geist begann ich die Wohnung einzurichten. Die Alte auf dem Bild hatte wieder die Hände ineinandergelegt und ihre strenge Miene angenommen.

Der Makler wurde geschäftsmäßig und fing an, mir den Mietvertrag zu erklären. Ich durfte nicht untervermieten und musste zweimal jährlich dem Schornsteinfeger die Tür öffnen, weil der einzige Zugang zum Dach durch die Wohnung führte. Hunde waren unerwünscht, aber eine Katze erlaubt. Während er sprach, wischte er sich das Mehl aus dem Gesicht und brachte seine Haare in Fasson, bis er fast wieder so edel aussah wie am Vormittag. Die Verwandlung war erstaunlich. Und, setzte er mit höflichem Lachen hinzu – vermutlich hielt er mich für hoffnungslos schrullig –, das Porträt durfte ich gern behalten, wenn ich wollte.
„Und Kaffee möchte ich“, sagte ich. „Trinken Sie einen Kaffee mit mir?“, ohne zu wissen, ob ich den Makler meinte oder die alte Frau. Er nahm an, immer noch lachend. Wahrscheinlich zweifelte er an meinem Verstand, aber das war ein guter Anfang.

Wohnungssuche

Es war kurz nach halb zehn, und ich sollte den Makler um zehn Uhr vor dem Haus treffen. Ich war mit dem Zug angekommen, vom Bahnhof aus eine halbe Stunde mit dem Bus weitergefahren und hastete die Fußgängerzone hinauf, den Stadtplan in der Hand. Bis hierher war der Tag ein Reinfall. Um acht Uhr die erste Wohnungsbesichtigung, vorgeblich ein Souterrain, in Wirklichkeit ein niedriger Keller mit offen liegenden Wasserleitungen, die beständig rauschten. Um halb neun ein möbliertes Zimmer mit Familienanschluss; die Hausfrau öffnete mir die Tür, während der Ehemann im Unterhemd, Zigarettenstummel im Mundwinkel, an der Spüle stand und etwas schrubbte. Für die dritte Besichtigung musste ich noch einmal quer durch die Stadt. Ich war verschwitzt und mutlos.
In der Fußgängerzone fing der Vormittagsbetrieb an: Sonnenschirme wurden aufgespannt und Sitzkissen auf Klappstühle verteilt. Meine eigenen Gartenmöbel zu Hause musste ich auch noch verkaufen, fiel mir ein. Verdammter Umzug. Am liebsten hätte ich mich irgendwo hingesetzt und einen Kaffee bestellt. Statt dessen sollte ich dem Makler gegenübertreten, sicher ein geschniegeltes Ekelpaket, und einen möglichst guten Eindruck machen.
An der Straßenkreuzung, wo ich laut Stadtplan links abbiegen musste, war ein Bücherstand aufgebaut. Die Bücher waren genau von der Art, wie ich sie am liebsten mag: Leinenrücken, denen der Schutzumschlag abhanden gekommen war, mit schwer leserlicher Goldprägung; das Papier am Schnitt vergilbt. Ich ging langsamer und schaute in die Seitenstraße links. Lauf weiter, sagte ich mir, die Wohnung ist wichtiger, du kannst die Bücher nachher noch ansehen; und dann: was solls, du bist so gut wie am Ziel, die paar Minuten hast du noch, und mit der Wohnung wird es sowieso nichts. Ich setzte meine Tasche ab und begann zu blättern. Romane von vergessenen Autoren, manche sogar in Fraktur gedruckt und mit verblichenen Widmungen auf dem Vorsatzblatt. Ich nahm ein Buch nach dem anderen in die Hand, schaute nach den Preisen (zwei bis fünf Euro) und las hier und da eine Zeile. Nach wenigen Minuten wurden meine Knie weich und meine Kehle eng: Die Zeit rückte unerbittlich vor; ich musste zum Haus und den Makler treffen; ein interessantes Buch hatte ich nicht gefunden, aber so viele Bücher in der Hand gehabt und wieder hingelegt, dass ich es nicht über mich brachte, einfach wegzugehen.
Es war unsinnig, jetzt ein Buch zu kaufen, wo ich demnächst umziehen musste und ohnehin viel zuviel Kram besaß, der mir im Weg sein würde. Zwei Minuten vor zehn, der Makler wartete sicher schon, und ich sollte seriös und zuverlässig erscheinen. Der Besitzer des Bücherstands sah mich grimmig an. Hastig legte ich ihm einen Zehner hin, nahm meine Tasche und lief mit dem Buch, das ich gerade in der Hand hatte, davon, ohne auf Wechselgeld zu warten.
Das würde mir kein Glück bringen.

Ich musste nicht lange nach dem richtigen Haus suchen: Es standen bereits vier Leute davor, und als ich etwas außer Atem herankam, näherten sich noch zwei andere aus der Gegenrichtung. Misstrauisch beäugten wir einander, Konkurrenten um eine begehrte Beute: bezahlbarer Wohnraum im Zentrum einer Großstadt. Ich schaffte es gerade noch, das Buch in meine Tasche zu packen und meine Frisur etwas zurechtzustreichen, da tauchte hinter meinem Rücken der Makler auf und schüttelte jedem die Hand. Er war sehr jung, sah aus wie ein Pennäler in Nadelstreifen, hatte schwarze, perfekt geschnittene Haare und das Auftreten eines Menschen, der selbstbewusst wirken möchte, sich in seinen Erfolgen aber noch nicht ganz zu Hause fühlt.
Das Haus wurde aufgeschlossen, und wir kletterten fünf Treppen hinauf. Die Wohnung lag im Dachgeschoss. Auf dem obersten Flur führte eine schmale Bodentür zu einer sehr engen Spindeltreppe, über die man direkt in das leuchtend weiß gestrichene Wohnzimmer gelangte. In den USA hätte man es vielleicht ein Penthouse genannt, hier war es einfach ein ausgebauter Speicher. Ich wusste sofort, dass auch diese Wohnung für mich nicht in Frage kam; meine schweren Möbel konnte ich nicht über diese Spindeltreppe hinaufschaffen. Es war völlig sinnlos gewesen, herzukommen. Ein bohrender Missmut über die lange Zugfahrt und den vergeudeten Tag machte sich in mir breit, und während die anderen Interessenten sich im Wohnzimmer verteilten und die beiden Dachfenster bestaunten, bemerkte ich laut, ohne jemand Bestimmten anzusprechen: »Hier wird wohl alles vermietet, was vier Wände hat?« Der Makler warf mir einen verstörten Blick zu, so dass ich mich sofort schämte; es war ja nicht seine Schuld. Um meiner Bemerkung etwas die Schärfe zu nehmen, begann ich Interesse zu heucheln und betrachtete meinerseits die Dachfenster, die groß genug waren, dass man über eine kurze Leiter aufs Dach hätte hinaussteigen können. Die Gruppe wanderte inzwischen weiter durch das Bad ins Schlafzimmer und kam gleich darauf wieder zurück.
Der Makler führte die Küchenzeile vor, die edle weiße Kunststoff-Fronten hatte. Ich ging weiter in den Schlafraum. An zwei Seiten waren niedrige Einbauschränke; man hatte dazu einfach Schranktüren in die Dachschrägen gesetzt. Ich öffnete eine davon. Der Dachwinkel dahinter zog sich in dunkle Tiefen hinab, es schien Gerümpel darin zu liegen. Ich konnte nicht anders, ich musste hineinkriechen und untersuchen, was es dort gab. So bin ich schon immer gewesen. Ich durchsuche Flohmärkte und die Dachböden meiner Bekannten und rette altes Zeug, ehe es zum Müll wandert; ich betreibe so etwas wie einen Gnadenhof für Krempel. Wieder wurde meine Kehle eng: Verdammter Umzug.
Ich fand einen Stapel zerfledderte Polsterkissen; die Art Kissen, die man auf Liegestühle legt. Dahinter steckte ein ganzer Stoß gerahmter Bilder – er sah vielversprechend aus, aber das Licht war zu schlecht. Ich kroch rückwärts, zerrte den Stapel mit, und plötzlich wurde mir bewusst, dass es in der Wohnung ganz still geworden war. Ich krabbelte aus dem Schrank, richtete mich auf und klopfte die staubigen Knie ab. Unter mir, irgendwo im Treppenhaus, knallte eine Tür. Die anderen waren gegangen, mitsamt dem Makler. Ich war allein in der Wohnung. Ich rannte ins Wohnzimmer und die Spindeltreppe hinunter. Die Bodentür zum Treppenabsatz war abgeschlossen.
Wieder hinauf. Die Dachfenster hatte der Makler natürlich zugemacht. Ich klappte eines auf und versuchte einen Klimmzug am Fensterrahmen, um aufs Dach hinauszugelangen. Wenn ich schnell war, konnte ich mich noch zur Straße hinunter bemerkbar machen, ehe der Makler außer Hörweite war. Meine Zuversicht war ungebrochen; es würde alles klappen, gleich würde er wieder hinaufkommen, mich hinauslassen, wir würden lachen über das Missgeschick, und er hatte ganz bestimmt ein nettes Lachen über dem schicken Anzug und unter dem schön geschnittenen schwarzen Haar. Vielleicht hatte er Zeit für einen Kaffee; ich würde ihn einladen, ihm das neu gekaufte Buch zeigen und ihm erzählen, was für ein Schwachkopf ich war. Die Wohnung kam zwar nicht für mich in Frage, aber ein Kaffee wäre nett. Ich schaffte es, mich soweit aus dem Fenster zu stemmen, dass ich bäuchlings auf dem Dach zu liegen kam. Es war unverschämt hoch, geradezu unglaublich hoch. Die Straße war ein winziger heller Streifen in der Tiefe einer Schlucht. Ich piepste »hallo«, aber nur der Form halber. Der Makler und der Schwarm von Wohnungsinteressenten waren längst über alle Berge. Die Straßenschlucht lag verlassen.
Mein Handy – ich rutschte ins Wohnzimmer zurück und durchsuchte meine Tasche. Das Handy steckte in einem Seitenfach. Das Display war schwarz. Akku entladen. Das war nichts Neues. Da ich das Handy nur selten benutze, achte ich meistens nicht darauf, es rechtzeitig aufzuladen. Im Wohnzimmer gab es einen Telefonanschluss, aber natürlich kein Telefon.
Ich kletterte wieder die Spindeltreppe hinunter – diese verdammte Treppe, man bekam einen Drehwurm dabei – und wummerte mit den Fäusten gegen die Tür. »Hallo! Hallo!« Nichts rührte sich. Das Obergeschoss stand leer, oder es war niemand zu Hause.

Ein paar Minuten lang suchte ich nach einem Ausweg. Das Badezimmer hatte ein winziges Milchglasfenster in einer Gaube. Das Fenster im Schlafzimmer war größer, aber vergittert. Ich saß fest in dieser Wohnung, die etwas von einem Mastkorb hatte. Leere weiße Wände strahlten mich an. Selbst bei geschlossenen Fenstern hörte ich die Schreie der Mauersegler. Wenn ich ganz still stand, meinte ich die ganze Behausung im Wind schwanken zu fühlen.
Mein Blick fiel auf die offene Schranktür. Da lagen die Bilder.
Ich zog den Stapel aus dem Schrank. Das oberste Bild war so eingestaubt, dass ich es mit spitzen Fingern weglegte. Darunter lag eine sehr dunkle Reproduktion von Rembrandts Mann mit dem Goldhelm. Zwei leere Rahmen folgten, beide etwas aus dem Leim gegangen. Ganz unten im Stapel lag ein großes Porträt. Es reichte mir fast bis zur Hüfte. Ich lehnte es an die Wand, um es mit Abstand betrachten zu können. Die dargestellte alte Frau füllte den Rahmen fast ganz aus. Sie saß sehr aufrecht auf einem einfachen Stuhl und blickte mich streng an. Das Bild hatte einen breiten Goldrahmen und nahm sich vor der weißen Wand gut aus.
Ich überlegte ein paar Minuten, ob die Alte und ich Freundinnen werden könnten; ich setzte mich sogar ihr gegenüber auf den Boden und fragte: »Was meinen Sie? Was soll ich tun?« Aber ihre Miene wurde nur noch abweisender. Wahrscheinlich war sie der Meinung, ich hätte mich gar nicht erst in diese Lage bringen dürfen. »Es ist nun mal passiert!«, rechtfertigte ich mich. »Es tut mir ja leid, aber das hilft doch jetzt nichts mehr! Was soll ich machen?« Sie hielt die Hände ineinandergelegt. Die Hände waren recht groß, gerötet und verkrümmt, als seien sie ans Zugreifen gewöhnt. Jetzt umfassten sie einander und hielten still.

(Teil II folgt)

Krimilesen

Ich glaube, ich habe noch nie in derartigem Tempo Krimis verschlungen wie jetzt gerade. Der Grund dafür ist, dass ich sie mir umsonst per Onleihe auf den Reader lade. Das ist die Gelegenheit, ein paar Krimis zu lesen, die mich an sich schon ein wenig interessieren, die ich mir aber aus unterschiedlichen Gründen nicht kaufen wollte. Unterschiedliche Gründe bedeutet in der Regel: Es handelt sich um einen Autoren / eine Autorin, den oder die ich mal gemocht habe, von dem oder der ich aber das Gefühl habe, dass er oder sie eindeutig abfällt.

Kandidaten für diese Rolle sind Sabine Thiesler und Mo Hayder, an denen (beiden) mich mal ihre Fähigkeit, Hexenhäuser und verwunschene Schauplätze zu schildern, gefesselt hat - ganz unabhängig von ihren Plots, die bei beiden von jeher recht durchwachsen sind. Über Sabine Thiesler habe ich ja irgendwo schon mal geschrieben. Mo Hayders letztes von mir gelesenes Verbrechen besteht aus dem folgenden Absatz. (Dazu sei erwähnt, dass er das Finale des Romans einleitet; es geht um die Verfolgung eines Entführers mehrerer kleiner Kinder, und man weiß nicht, wo er sie hingebracht hat und ob sie noch leben.)

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Ein Hubschrauber der Luftüberwachung knatterte über ihnen. Turner zog die Handbremse an und drehte sich mit ernstem Gesicht zu Caffery. „Boss. Am Ende eines Tages macht meine Frau immer das Abendessen für mich. Wir setzen und hin, öffnen eine Flasche Wein, und dann fragt sie mich, was in der Arbeit so passiert ist. Was ich jetzt wissen möchte, ist: Werde ich es ihr erzählen können?“
Caffery spähte durch die Frontscheibe in den Nachmittagshimmel, der an die Wipfel des Waldes stieß, und beobachtete den Heckmotor des Hubschraubers. Die Entfernung zwischen dem Parkplatz und den Bäumen betrug ungefähr fünfzig Meter. Man sah die verschwommene weiße Linie des inneren Absperrbandes, das sich träge im Wind hob. „Ich glaube nicht, Kollege“, sagte er leise, „dass sie hiervon etwas wissen will.“
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Mo Hayder, Verderbnis

Schlimmer gehts nimmer. Eine der Kritikerinnen bei Amazon verriss eine Szene, in der - kurz hinter dem hier zitierten Absatz - eine bewusstlose Polizistin Mr. Caffery per Telepathie mitteilt, wo er die vermissten Kinder suchen muss. Ich fand die Szene schlimm, aber nicht so schlimm wie die oben zitierte. Würde es nicht regnen, wäre garantiert noch erwähnt, dass Turner, bevor er sich mit dem einleitenden "Boss" seinem Boss zuwendet, die Sonnenbrille vom bärtig-zerfurchten Gesicht nimmt, um direkt in Cafferys stahlblaue, von dunklen Ringen der Erschöpfung umgebene Augen blicken zu können. Oder so.

Aus einem Krimi einer mir bislang völlig unbekannten Autorin habe ich die folgende Szene entnommen, die m.E. illustriert, wie mit den Mitteln des Krimis der Phantasie des Lesers Räume geöffnet werden können. Das gilt hier auch ganz buchstäblich, weil es um einen speziellen Raum geht. Eine in einem Vergnügungspark malochende Putzfrau findet im Spiegelkabinett bei der nächtlichen Putzrunde eine Leiche.

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Gott sei Dank habe ich Gummihandschuhe an, denkt sie unsinnigerweise. Sie hat hier seit drei Jahren jeden Abend sauber gemacht, aber so vorsichtig sie auch ist, ihre Fingerabdrücke werden überall sein. Ganz zu schweigen von den Abdrücken, die die Hälfte der Besucher, die seit gestern Nacht hier gewesen sind, hinterlassen haben. Man versucht zwar, die Schmierspuren einzudämmen, indem am Eingang Einmalhandschuhe verteilt werden, aber man kann die Leute natürlich nicht zwingen, sie auch zu tragen (…).
Der Ort bereitet jedem Unbehagen: Jeder befürchtet, sich zu verirren und nie wieder hinauszufinden, oder dass Geister in den Spiegeln wohnen. Allzu häufig wurde die Arbeit, die eine fast autistische Akribie abverlangt, nur hastig oder schlampig erledigt, so dass Abdrücke zurückblieben; doch an einem Ort wie diesem wird ein einziger Schmutzfleck unendliche Male vervielfältigt, und der ursprüngliche ist nur schwer aufzuspüren, wenn man sich nicht Fingerabdruck für Fingerabdruck, Glas für Glas vorarbeitet.
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Alex Marwood, Im Schatten der Lüge

Ich habe das Buch noch nicht ausgelesen; es ist wohl nichts Besonderes, eben ein Krimi und auf die konventionellen Mittel des Krimis beschränkt. Aber es nutzt eben diese konventionellen Mittel, dem Leser neue Räume zu öffnen, den Blick zu weiten, ohne Hochliteratur sein zu wollen.

Da ich ohnehin viel zu viele Bücher habe, die sich sturzbachartig über das ganze Haus verteilen, bin ich dankbar um den Reader. Der neue Zafon, den ich nichtsdestotrotz unbedingt in Papierform in der Hand halten möchte, ist heute eingetroffen.

Aufnahme

Ich saß in der ersten Reihe, vor mir nur noch der Prüfer. Schreiben Sie einen Aufsatz über falsche Freunde, wies er uns an und nannte Beispiele: David (meinte er den biblischen? Ich traute mich nicht zu fragen), einen berühmten Tennisspieler, Michael Jackson.
Es ist nicht entscheidend. Aber Sie können Ihre Situation verbessern.
Ich wollte anfangen, hatte aber kein Schreibpapier. In meiner Mappe nur Haftzettel, winzige Abrisse wie für Einkaufslisten, herausgerissene Buchseiten, Lochkarten mit merkwürdigen Schlitzen wie Messerschnitte.
Können Sie mir etwas Papier geben?, fragte ich. Er schaute mit einem Auge von seiner Zeitung auf: Warum sollte ich das tun?
Ich suchte weiter in meiner Mappe, probierte ein paar trockene Schluchzer, in der Hoffnung, ihn zu erweichen. Hinter mir standen einige andere Kandidaten auf, kamen nach vorne und gaben ihre Aufsätze ab. Ich nahm ein Blatt Karopapier, mit Rechnungen und Diagrammen bekritzelt. Oben war noch etwas Platz. Ich schrieb drei Zeilen, dann war die Zeit um.

Der Samariter

Aus gegebenem Anlass - der Forentext eines alten Bekannten, in dem mehrmals auf den "barmherzigen Samariter" angespielt wird - habe ich mir die Zeit genommen, bei Wiki nachzulesen, was genau mit dem Schlagwort "Samariter" eigentlich gemeint ist.

Der Wiki-Artikel ist aus mehreren Gründen hochinteressant. Ein Nebenaspekt wird in diesem Bild deutlich:



Preisfrage: Wo genau befindet sich der barmherzige Samariter auf diesem Bild? Richtig: Es ist der ganz unten. Der mit den langen Ohren.

Blubbern als Kunst!

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