Eselsohr

Ich, Jörg von Usedom ...
Von? Oder nur aus? Und welches Usedom? Die ersten schartigen Umrisse waren Bastionen, geschützt von natürlichen Gräben: der See- und den Flußmündungen, mit Birken bewachsen und unverwandelt. Ein Ur-Usedom, reiner Begriff, nicht sein Eiland noch das eines anderen. Die Heiden kamen und bezeugten ihre Anwesenheit mit Hainen für ihre barbarischen Götter und den Trümmern einer großen Stadt: Vineta, von den Grundmauern losgerissen und in die Tiefen des Meeres geschleudert. Heinrich der Löwe erbaute eine Kirche, die darüber wachen, dem Sog und Zerren der langmütig rachsüchtigen Gezeiten trotzen oder seinen unblutigen Sieg bezeugen sollte. Die Insel scherte sich nicht ums Gewissen. Dann die dumpfen schlichten Insulaner mit ihren Pflügen und Zäunen. Aber dies war nicht sein Eiland, er war weder von noch aus. Schließlich das Usedom seiner Wiederkehr, mit den unterschiedlichen Grüntönen der Baum- und Sumpfmoose, den flachen Buckeln der Felder und ihren strohfarbenen Früchten, den Bienenkörben und Schweinekoben, Kuhställen und Scheunen. Im Winter hingen Eiszapfen wie Schwerter von den Traufen. Sieh, eine Kirche erhebt sich an der Meeresküste, der Turm sticht ins Blau des Himmels, beim Klang der Glocken kommen Männer und Frauen über die Felder gerannt, um Gott zu preisen, die uneinnehmbaren Mauern und hohen Fenster gründeten auf Granit; die Wunderkirche einer Wunderinsel. Dies Usedom würde er niemals sehen, obwohl es das seine war.

(Lawrence Norfolk: Ein Nashorn für den Papst, 1996)

Man muss dazu wissen: Jörg von Usedom ist Mönch und hat gefühlte zwanzig Mal versucht, auf Usedom eine Kirche zu bauen. Jedes Mal ist sie, bevor sie auch nur halbwegs fertig gestellt war, beim Sturm im Meer versackt.
Kraftlos und zermürbt schafft Jörg es dennoch mit einigen ebenso frustrierten Mitbrüdern bis nach Rom. Um den Papst zu fragen, was denn nun weiter geschehen soll.
Zu dem Zeitpunkt, als Jörg diese Überlegungen anstellt, nächtigt er in vergeblichem Warten auf eine Audienz in einem armseligen Wirtshaus in Rom. Er versucht seine Gedanken niederzuschreiben, was nicht klappt, denn er ist inzwischen blind. Dass er "sein Usedom" niemals sehen wird, liegt indessen nicht an seiner Blindheit, sondern daran, dass es das in der Welt der engstirnigen Dörfler mit ihrem Hexenglauben, dem Wetter mit ewiger Nässe und Kälte, Dunkelheit und Sturm niemals geben wird. Und während er auf die Audienz beim Papst wartet, vertieft er sich in die Vision seines Usedom. Das könnte glatt von Kafka sein, wenn es nicht so berauschend wortreich wäre.

Es ist verdammt schwer, in diesem Buch, das vor süffigen und worttrunkenen Schilderungen nur so wimmelt, einen bestimmten Absatz als wirklich bedeutend auszumachen. Diesen habe ich mir mit einem Eselsohr markiert.

Ich habe mir das Buch kurz nach Erscheinen gekauft. Wie bei dem im letzten Eintrag genannten Roman von Niebelschütz habe ich mindestens vier Anläufe hinter mir. Beim letzten Anlauf schaffte ich es bis ins letzte Drittel. Das Buch ist weit über 800 eng bedruckte Seiten lang. Sehr eng bedruckte Seiten.

Fest entschlossen, es ggf. den Weg des Niebelschütz gehen zu lassen, habe ich es vor einer Woche neu begonnen. Es ist einfach wunderbar. Ich fresse es nur so in mich hinein. Kurioserweise habe ich die Qualitäten dieses Romans durchaus auch früher schon erkannt, nur waren sie mir irgendwie des Lesens zu viele. Diesmal klappt es. Ich bin sicher.

Zur Zeit lese ich alte, seit zwanzig Jahren ungelesene Bücher, was vermutlich ein Zeichen meines näher rückenden Ablebens ist. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Blubbern als Kunst!

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